Sexlibris
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Oktober 2006
Das Tier
von Christian Heinke

- 1 -
Die Limousine mit dem Präsidenten biegt um die Ecke. Ich lass den Tropf das Gewehr durchladen und anlegen. Dann lass ich ihn zappeln.
Wann? fragt er. Jetzt? Ich sage nichts.
... Aber jetzt?!
Ah, ich genieße es wenn sie zappeln.
Jetzt, flüstere ich schließlich. Jetzt darfst du.
Die Schüsse eilen über den Platz. Einer zerfetzt den Kopf des Präsidenten. Seine schöne Frau schreit. Ihr Gellen hallt bis hier hinauf.
Der sterbende Präsident zuckt in ihren Armen.
Ah, ich liebe es, wenn sie zucken.
Dann wird es Zeit. Nun löse ich meine eigene Umklammerung und trete zurück ins Dunkel.
Der Tropf steht blinzelnd da, die Waffe in den Händen. Langsam erwacht er, wie aus einem Traum.
Was habe ich getan? fragt er sich jetzt.
Ich lasse ihn mit seinen Fragen und seiner Schuld allein.
Ich habe, was ich wollte.
- 2 -
Der Tropf reibt fröstelnd die Beine aneinander. Er friert vom stundenlangen warten. Doch er wird weiter warten. Weil ich es so will.
Er steht mit einigen Anderen vor dem Haus. Sie alle warten auf den Sänger.
Endlich kommt er, zusammen mit seiner kleinen, hässlichen Frau.
Der Tropf fragt den Sänger etwas. Der Sänger dreht sich um und die Kugeln schlagen in seinen Körper. Der Sänger sackt zusammen und bedenkt den Tropf mit einem verständnislosen Blick.
Ah, wie ich diesen Blick genieße.
Dann bin ich auch schon wieder zurück im Dunkel.
Jemand schreit den armen Tropf an.
»Weißt du, was du getan hast, Mann?«
»Ja.« entgegnet er. Der Tropf scheint darüber genauso erstaunt zu sein, wie der Mann.
Der Tropf kann nichts dafür. Er weiß nicht, wie ihm geschehen. Niemand von ihnen weiß es.
Obwohl einmal ... Ja ... einmal war jemand ganz dicht dran ...
- 3 -
Im Wald ist es kalt und feucht.
Nur das kleine Mädchen unter mir ist warm.
Der Tropf atmet heftig. Kleine Wolken stieben aus seinem stinkenden Mund. Seine Hände, groß wie Schaufeln, liegen um den Hals der Kleinen und zerdrücken ihn.
Ganz langsam, wie eine dünnwandige Dose.
Ah. Wie ich es liebe, wenn sie es langsam tun.
Die Augen des Mädchens sind weit aufgerissen und starren in das Gesicht vom Tropf.
Doch ... wie seltsam ... Fast scheint es, als würde das Mädchen durch die Augen des Tropfs hindurch ... direkt mich anstarren.
Unmöglich.
»Du ... Tier.« ächzt sie hervor.
Dann bricht ihr Blick.
Und es ist vorbei.
Verwirrt vergesse ich fast, mich vom Tropf lösen. Das wäre nicht gut.
Dann lasse ich ihn zurück, kehre zurück ins Dunkel. Er sieht an sich herab, sieht was er getan ... erschrickt und bricht weinend zusammen.
Armer Tropf.
Fast fühle ich mit ihm.
- 4 -
Es ist Herbst. Ein klarer Morgen. Der Tropf geht durch die geschäftigen Straßen. Unter ihrem Gewand drückt der Gürtel mit Sprengstoff unbequem gegen ihren Leib.
Es wird gut werden. Dutzende werden sterben. Hunderte werden leiden.
Ah, wie ich es liebe, wenn sie leiden.
Kurz vor der U-Bahn biegt der Tropf in eine ruhige Seitenstraße. Ich lasse sie gewähren. Soll sie diesen Moment der Einkehr noch haben.
Sie blickt in das Schaufenster eines noch geschlossenen Ladens. Die Straße ist menschenleer.
»Du ..., Tier.« ruft der Tropf.
Ich blicke durch ihre Augen in das gespiegelte Abbild ihres Gesichts ... und erkenne.
Es ist das Mädchen von damals, aus dem Wald.
Ich muss zurück! Zurück ins Dunkel!
Das Mädchen lächelt.
Oh ja. Das musst du.
Sie hebt die Hand und betätigt den Zünder.


Letzte Aktualisierung: 17.10.2006 - 19.03 Uhr
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