Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Oktober 2006
Erwachen
von Nifl Heim

Ich saß in einer Bar und trank das fünfte oder sechste Glas Rotwein. Links und rechts von mir soffen sie Bier oder Schnäpse jeder Couleur. Seit ich damals Ellena liebte, hatte ich kein Bier mehr getrunken. Nur noch Rotwein, als könnte ich sie dadurch schluckweise zurückgewinnen, oder wenigstens eine kleine Gemeinsamkeit am Leben halten. Wir hatten uns im Streit getrennt, sie wollte in Berlin studieren, ich in Heidelberg. Danach folgte eine jahrelange, trotzige Funkstille.

Meine Nase wurde langsam taub vom Alkohol, ein sicheres Zeichen für mich, dass ich bald würde gehen müssen. Und schon hätte ich ihn wieder geschafft, den Schwarzen Freitag jeder Woche, die Leere sorgsam abgefüllt. Gerade wollte ich zum Barmann rufen:
"Peter, du Sonnenkind, du Glücksstern, lass mich dich noch reicher machen", was für gewöhnlich einen trockenen Lacher und etwas wie:
"Wenn du wüsstest" zur Folge hatte.
"Auch geschäftlich in Heidelberg?", fragte stattdessen eine Frauenstimme von meinem Nachbarhocker aus. Ich hatte gar nicht bemerkt, wann die Frau den Platz des dicken Korntrinkers Jupp übernommen hatte.
"Ne ne, ich verlebe hier" antwortete ich grinsend. So blieb ich doch noch zwei-Glas-Wein-lang und unterhielt mich mit ihr über Wetter und Wirtschaft. Besser gesagt, ich hörte eigentlich nur zu, nickte gelegentlich und lallte Bildzeitungshohlsprüche wie "die Zukunft liegt in Asien, unsere erste Fremdsprache sollte Chinesisch werden", was sie nicht zu stören schien, im Gegenteil, sie lachte, wenn ich sie in ihrem Außenhandelswirtschaftsbericht unterbrach und Einwürfe wie "Isst du auch nur noch mit Stäbchen und glaubst jetzt an Wu?" brachte. Zu mehr war ich einfach nicht mehr fähig.

Wir hatten ein Stück weit den gleichen Weg. Ich war fertig, wollte nur noch mit meiner melancholischen Freitagsstimmung ins Bett und den Rausch bis in alle Ewigkeit verschlafen. Vor meiner Wohnung fragte ich mehr aus Höflichkeit, ob sie noch mit raufkommen wolle und einen Kaffee trinken, denn aus irgendwelchen Hintergedanken. Erstaunt nahm ich ihr heiteres "Ja gerne" entgegen. Ich wäre einem Typen wie mir sicher nicht in seine Altstadtwohnung gefolgt. Scheiße. Sie schlängelte sich vor mir die knarrende Holztreppe hoch und ich registrierte das erste Mal, dass sie äußerst attraktiv war, das Abziehbild einer toughen Geschäftsfrau, bei der von der farblichen Abstimmung ihres Kostüms, bis zur Körbchengröße, alles perfekt zu passen schien. In der Kneipe war mir nur ihre Stimme aufgefallen. Sie klang beinahe wie Ellenas. Verrückt, nach all den Jahren verglich ich sie immer noch mit jeder Frauenstimme.

Die Jura jaulte einen Kaffee nach dem anderen heraus. Die Frau schien sich wohl zu fühlen, schilderte bis in jede Einzelheit die Finessen des leistungsorientierten Provisionssystems ihrer Firma. Sie mache einen guten Schnitt.
"Und du? Wie verdienst du deine Brötchen?", fragte sie irgendwann wie aus heiterem Himmel, oder vielleicht kam es mir auch nur so vor, weil ich weit weg war, irgendwo auf der Mondin bei verrauschten Träumen von einer besseren Welt, wie ich sie nächtelang mit Ellena diskutiert hatte. Ellena!
"Sagst du eigentlich auch Mondin?"erwiderte ich, mit noch einem Bein auf sandigem Boden.
Sie wirkte irritiert.
"Wie?"
"Bin Entwickler ophtalmologischer Geräte".
Ich sage immer Entwickler, weil sich Entwickler nicht so "Jesusverschroben", so "Nicht von dieser Welt" anhört, wie Physiker. Sie tat interessiert. Wie wurde ich diese Frau nur los?

Ich begann detailliert das Prinzip von Peristaltikpumpen zu schildern, wie damit die trüben Linsenreste aus den Augen gesaugt werden könnten und die Funktionsweise aus der Natur übernommen worden war, beispielsweise vom Darm oder beim Melken. Zu meiner Überraschung hörte sie aufmerksam zu und fragte sogar nach, welches Vakuum zum Absaugen der Linsentrümmer nötig sei. Diese Frau schaffte mich.

"Darf ich mich etwas frisch machen?"
"Frisch machen? Ich,äh, wollte eigentlich langsam ... " schlafen gehen, hätte ich enden müssen, wollte dann aber nicht spießig wirken und sagte:
"Klar, das Bad findest du am Ende des Flures hinter der ersten Tür rechts". Sie würde ja wohl nicht ... , nein, unmöglich! Wie zur eigenen Beruhigung gähnte ich langgedehnt und tat, als würde ich nur beiläufig zur Uhr sehen.
"Mein Gott, schon halb vier, die Zeit vergeht! ", aber sie hatte es wohl nicht mehr gehört und verschwand im Bad.

Ich schwor mir, mich auf keine weiteren Spielchen einzulassen, würde notfalls prosaisch werden und sie vor die Tür setzen, wenn sie weiterhin meine Andeutungen ignorierte.
"Wo hast du denn deine Handtücher ?", rief sie nach einer Weile.
Ach je, Handtücher. Ich konnte ihr ja nicht sagen: "Mach's wie ich und trockne dich am Bademantel ab". So schlurfte ich in den Flur und zerrte ein Handtuch aus der Kommode. Gerade, als ich mich wieder aufrichtete, sah ich aus den Augenwinkeln, wie sie aus dem Bad kam. Mir stockte der Atem. Sie trug nur noch zwei schwarze Nylonstrümpfe, die mit einer Spitzenborde an ihren langen Oberschenkeln endeten, sowie ein Seidenhöschen. Die Strümpfe erinnerten mich daran, wie Ellena und ich nach einem schönen Musicalabend auf der Treppe vögelten, weil wir es nicht mehr ins Bett schafften. Bei diesem Gedanken bezog mein Penis sofort Stellung.

Ich sah zur Seite und reichte ihr das Handtuch, doch sie dachte gar nicht an Handtücher, zog mich zu sich und umschlang mich wie einen Erfrierenden, den man in eine Wolldecke hüllt. Dann schob sie mich ins Schlafzimmer und schubste mich rücklings aufs Bett. Sie musste vorher schon alles ausgekundschaftet haben. Ich war zu überrascht, müde und betrunken diesem Ansturm irgendetwas entgegenzusetzen. Schon war mein Phallus, der noch an Ellena dachte, freigelegt. Sie schob ihr Seidenhöschen beiseite und setze sich schwungvoll mit einem Ruck darauf.
"Ahhhh", stöhnte ich. Allerdings vor Schmerzen, weil durch den plötzlichen Ruck mein Vorhautbändchen wieder angerissen war. Ich wollte das eigentlich schon lange behandeln lassen, fand aber immer wieder Gründe, den peinlichen Arzttermin zu verschieben. Sie schien mein Gestöhne fehl zu interpretieren und ging direkt in wilden Jagdgalopp über. Eine rossige Stute und Reiterin in einem, dachte ich schmerzvernebelt.
Meine Gedanken wirbelten durcheinander, wegstoßen wollte ich sie nun auch nicht mehr, wer ahhhh stöhnt, muss auch bhhhh stöhnen und mit der Rolle des Schwächlings hatte ich immer meine Probleme. Aber bei dem kleinsten Anzeichen eines Orgasmus von ihr würde ich einen vortäuschen. Mir kam es vor, als ritte sie endlos, mal schleuderte sie mir dabei ihren Designerbusen ins Gesicht, dass ich zu ersticken drohte, mal drückte sie ihren Rücken durch und ließ sie wie überreife Pflaumen im Wind wippen. Ich fühlte mich unbeteiligt, wie ein bloßer Beobachter der Szene und wunderte mich, warum er nicht abschlaffte. Mir kam absurder Weise wieder der Peristaltikeffekt in den Sinn, aber dann schrie sie endlich gipfelnd.

Ihr erlösender Schrei hatte mich geweckt. Ich wusste nach Jahren der Dämmerung endlich, was zu tun war. Dann küsste ich sie auf die Stirn und sagte: "Danke."

Letzte Aktualisierung: 01.10.2006 - 15.10 Uhr
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