Das alte Buch Mamsell
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Oktober 2006
Mit wem rede ich denn?
von Alexander Bahrt


Das Tier in mir. Oder bin ich ein Tier? Das zweite Gesicht war unter meinem ersten und es glaubte, das einzige zu sein. Das zweite Gesicht ist das neue Gesicht und glaubt nun ebenfalls, das einzige zu sein. Die Dinge von der anderen Seite betrachten: durch das neue Gesicht des Wahnsinns ermöglicht? Sicher für euch! Ich bin kein Wesen mit einem vernünftigen Verhalten! Wie auch immer die Gesellschaft „vernünftig“ definiert. Die Gesellschaft mit all ihren Gästen, die für ein Leben lang Mitglieder sind. Oder eben ausgespuckt werden! Trotzdem bleibe ich und bin ein Gast. Auch ihr seid Gäste! Aber mit wem rede ich denn?

Ein normales Leben? Nun ist keine Rede mehr davon. Ich bin abgestürzt. Bin ich es wirklich?
„Du Tier!“ sagte einmal einer zu mir im Vorbeigehen. In ehemals gängigen Linien bahnt sich mein verändertes Wesen nun Gänge durch die Finsternis. Wenig Licht ist erforderlich, um meinen Appetit zu stillen. Die Nacht ist wohltätig. Die Straßenlaternen spenden genug Wärme, um mich streunen zu lassen. Diese milden Herbsttage! Sie seien gesegnet!
Kaum eine Menschenseele. Das tut gut! Kein Krach. So kann ich auch meine Gedanken streunen lassen und mir selbst etwas erzählen. In meinem jetzigen Zustand hört mir sonst sowieso niemand mehr zu. Aber damals, als es bergab mit allem ging, war es auch nicht besser. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Gebettelt habe ich um ein offenes Ohr, mich meine Verfehlungen erklären zu lassen.
Nein! Es stand fest! Ich war schuldig und Schulden hatte ich. Reichlich! Konnte ich niemandem zurückzahlen. Blieb mir nur ein neues Leben.
Hier ist es! Geschärft sind meine Instinkte. Gesegnet seien sie! Jetzt erkennt ihr mich nicht mehr und ich habe meine Ruhe vor euch Vampiren. Naja. War ja selbst mal einer. Mit wem rede ich denn eigentlich?

Vielleicht soll ich lieber zurück zu meiner Behausung. Nein. Ich muss meine Gedanken sortieren! Ein Tier bin ich, aber denken kann ich! Tiere müssen denken! Wie komme ich an Nahrung heran? Wo finde ich Unterschlupf? Der Winter ist nicht mehr weit. Oh, mein Verstand darf jetzt nicht faul und träge werden! Ich muss mir die Erinnerung an den letzten Winter wieder an die Oberfläche dieser milden Zeit herauf holen, die es allzu gut mit mir zu meinen scheint.
Eine Katastrophe war er, der letzte Winter. Soll ich in den Süden gehen? Na vielleicht irgendwann einmal. Oh, der Winter! Schmerzliche Erinnerung! Üble Wunden! Festgefroren! Festgefahren bin ich. Aber schon viel länger. Schon vorher! Und anders. Ja, auch ihr habt euch festgefahren. Glaubt mir! Macht euch nichts vor! Alles an euch und in euch ist gefesselt. Ihr seid gefesselt! Habt euch fesseln lassen! Aber nun rede ich ja schon wieder so seltsam. Mit wem denn nur?

Drehe ich jetzt durch? Da der Winter in Reichweite ist und mir schon seine Vorboten als Erinnerungen schickt? Aber die wollte ich ja. Habe doch darum gebeten.
Als es damals bergab gegangen ist mit mir, wollte ich immer noch wissen, wie es mit der Welt so weitergeht. Nachts und manchmal auch am Tage holte ich Zeitungen aus den Containern und las darin in meiner neuen Behausung. Gleich beim Wal-Mart ist sie. Oder sollte man besser sagen: ist es? Dieses Riesen-Loch. Aber das Loch hat ein Dach und das ist ein wahrer Segen. Gesegnet sei das Dach! Gesegnet mein Loch! Ich weiß nicht, was dieses Gebäude vorher einmal gewesen sein könnte, als es noch nicht eine solch dunkle Herberge war. Das Dach wird gestützt durch eine Menge Säulen. Na ich mache mir jedenfalls keine Gedanken, dass es einstürzen könnte. Aber wie ist es nur möglich, dass eine solche Ruine, angehäuft mit Dreck und Müll, nur ein paar Meter von einem Einkaufskomplex entfernt stehen darf. So unbeachtet von vielen.
Ja freilich, so manch einen von euch sehe ich durch das klaffende Loch in der Wand zu mir reinschauen. Mit einer Mischung aus fragendem Unverständnis und blankem Ekel schaut ihr herein! Und so schnell vergesst ihr auch wieder, was ihr gesehen habt. Wie im Traum. Wie ein kurzer Blitz. So heftig es auch in einem Moment zuckt. Bald seid ihr wieder abgelenkt und bei euch selbst. Wie ein Film, den ihr euch am Abend reinzieht. Ha! Wieder dieses „ihr“ und „euch“.

Nein. Zeitungen werde ich nicht mehr anrühren. Sie interessieren mich nicht. Es ändert sich nicht wirklich etwas! Wozu also immer wieder darüber lesen? Tiere lesen auch keine Zeitungen. Nun. Sie können es nicht. Das ist selbstverständlich ein Unterschied zu mir. Will ich genauso unabhängig sein wie sie, dann muss ich jedoch viel von dem vergessen, was ich einmal gewusst habe und was mich einmal interessiert hat.
Wo ich beim Vergessen bin. Das ist leichter gesagt als getan. Keine Zeitungen mehr zu lesen, ja, lesen zu müssen, ist einfach. Es tut sogar gut! Aber die Erinnerungen auslöschen? Gerade jetzt, wo ich soviel Zeit zum Nachdenken habe. Hmmm. Das ist ein Widerspruch, könnte man meinen. Ist es aber nicht. Ich muss die Zeit zum Nachdenken darauf verwenden, weiter zu leben. Konzentriere ich all meine Kraft darauf, so werde ich nichts Schlimmes zu befürchten haben. Auch den Winter nicht!
Gut. Ich schäme mich etwas dafür, all die Dosen mit Fleisch und Gemüse zusammengesammelt zu haben. Die aus den Containern hinterm Wal-Mart. Es sind die Reste der Gesellschaft. Abfall. So wie ich selbst, wie ihr sagen würdet! Aber ich kann mich nicht die ganze Zeit von Nüssen und Äpfeln ernähren. Man denke an den Winter! Ein schönes, kleines Lager habe ich mir da angelegt. In einem Winkel meines Loches sind sie gut versteckt. Tiere essen nicht aus Dosen. Und trotzdem: Gesegnet seien sie, die ihr nicht mehr wolltet! Ja. „Ihr“!

Oft habe ich gedacht, dass mein Leben traurig ist. Dann stellte ich mir die Frage noch einmal richtig: Bin ich traurig? Nein. Im Großen und Ganzen kann ich es nicht behaupten. Sicher habe ich hin und wieder ein trübes Gefühl. Aber hat das nicht jeder?
Neulich waren wieder Säufer da, die sich an der Wand meiner Behausung aufhielten, in der das Riesen-Loch klafft. Also am Eingang. Eine blöde Situation, da ich gerade müde von einem Spaziergang kam. Denn eigentlich möchte ich immer möglichst unbemerkt bei mir einsteigen. Einfach aus Gründen des Schutzes meiner selbst und meiner Dosen. Muss ja nicht jeder wissen, dass da etwas umsonst zu holen ist. Man denke dabei an den Winter!
Ich ging trotzdem auf den Eingang zu und blieb bei ihnen stehen. Es herrschte bereits dieser Mix aus nervösem Gelächter und entnervtem Trübsinn in der Runde. Aber sie waren recht freundlich mir gegenüber. Vermutlich dachten sie, dass ich einer der ihren wäre. Sie drückten mir eine Flasche Bier in die Hand: „Hier, hast du auch eins, Kumpel!“ Sie waren recht erstaunt, als ich verneinte und die Flasche zurückgab. Nein. Ich wollte keinen Tropfen anrühren. Gesegnet sei meine Abstinenz! Es gab weder etwas zu feiern noch hatte ich großen Kummer.
In dem Moment erinnerte ich mich wieder an die Frage: Bin ich traurig? Ich hätte sie in die Runde werfen können. Nur, was hätte das gebracht? Sie hätten mich verärgert zurück gewiesen oder zwei, drei von ihnen hätten angefangen zu heulen und ihre, ja, traurige Lebensgeschichte stoßweise von sich gegeben. Geholfen wäre keinem gewesen. Ich hätte ihnen ganz sicher nicht deutlich weiterhelfen können.
Nachdem ich eine Weile bei ihnen gestanden hatte, um ein wenig zuzuhören, ging ich noch einmal meiner Wege, um nicht auf meine Behausung aufmerksam zu machen. Um ehrlich zu sein, war ich zu diesem Zeitpunkt wirklich etwas traurig geworden wegen dieser armen Kreaturen. Meine Frage brauchte ich mir nicht zu stellen. Nur eine andere: Können Tiere traurig sein? Ich hoffe nicht, denn ich möchte nicht mehr traurig sein. Jedenfalls nicht für lange Zeit. Eines Tages möchte auch ich durch die Wälder springen, Beeren kauen und an Ästen knabbern. Keine Zeit zum Traurigsein!
Aber ich weiß, dass ihr es seid! Ihr Menschen! Könnt euch nicht losreißen von der Traurigkeit, wenn sie euch einmal richtig überfallen hat. Vielleicht werde ich auch aus diesem Grunde nicht mehr zu euch zurückkehren. Aber mit wem rede ich denn da schon wieder?

Letzte Aktualisierung: 26.10.2006 - 13.59 Uhr
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