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Oktober 2006
Wolfsmensch
von Manuela Gantzer

Tier oder Mensch? Wie oft habe ich mir diese Frage bereits gestellt?
Ich wünschte, es gäbe eine eindeutige Zuordnung, wie auch immer sie aussehen mag.
Natürlich bin ich medizinisch gesehen ein Mensch. Doch was nützt mir das, wenn mich meine Mitmenschen nie als einen von ihnen akzeptieren können? Ich werde immer der Wolfsmensch bleiben. Das ist aber die harmloseste Bezeichnung für mich. Die Kinder in der Schule waren da viel erfinderischer.
‚Seht mal! Wir haben Besuch vom Planet der Affen!’
‚Wo ist denn das Hundchen? Komm und hol das Stöckchen!’
Je älter ich wurde desto schmerzhafter waren die Beschimpfungen.

Ich kann nicht auf die Straße gehen ohne ständig angestarrt zu werden. An das Glotzen der Leute habe ich mich gewöhnt, aber nie an die Angst in ihren Augen. Die Furcht vor mir!
Es gibt nur eins was noch schlimmer ist - der Ausdruck von Ekel in ihrem Blick, bevor sie sich von mir abwenden.
Ob es auf dieser Welt jemanden gibt, der mich trotz meines Aussehens, meiner Krankheit liebt? Ich kann es mir kaum vorstellen.
Welches Mädchen verliebt sich schon in einen Jungen, der von Kopf bis Fuß mit Haaren bedeckt ist? Nur die Handflächen, Fußsohlen und meine Lippen sind nicht davon betroffen.
Hypertrichose nennen es die Ärzte. Ein genetischer Fehler. Unheilbar.
Seit dem Mittelalter gibt es fünfzig dokumentierte Fälle dieser Krankheit und ausgerechnet ICH bin einer davon.

Meine einzigen Spielkameraden waren und sind meine Cousinen und Cousins. Sie haben sich wohl an meinen Anblick gewöhnt.
Vielleicht wurde ihnen aber auch eingebläut sich nie zu meinem Aussehen zu äußern. Ich weiß es nicht. Will es auch gar nicht wissen.
Meine Eltern, mein Onkel, meine Tante, alle fragen mich ständig, was ich werden möchte, welchen Beruf ich erlernen will. Wie denken sie sich das?
Wer stellt so jemanden wie mich überhaupt ein?
Ein Zirkus vielleicht. Ich könnte in einer Freakshow auftreten. Aber einen normalen Beruf kann ich den ausüben?

Ich dachte gerade über das letzte Gespräch mit meinen Eltern nach, während ich beim Zahnarzt wartete. Vorsorglich war ich mit einem Kapuzensweater getarnt, der tief in mein Gesicht reichte. Mein Arzt achtet aber immer mehr darauf mir die Qual unter vielen Menschen zu sitzen zu ersparen. So war außer mir nur ein Mädchen im Wartezimmer. Sie saß schräg gegenüber und starrte gedankenverloren auf den Boden.
Bei dem Gedanken an die aufmunternden Worte meines Vaters, ich würde schon meinen Weg finden, stampfte ich ärgerlich auf.
Das Mädchen hob erschrocken den Kopf.
‚Na super! Jetzt ziehe ich auch noch zusätzlich die Aufmerksamkeit auf mich.’ Schnell vergrub ich mich noch tiefer in meine Kapuze.

„Hast du mich erschreckt. Bist du vom Stuhl gefallen?“
„Sehe ich so aus, als wenn ich umgefallen wäre?“, antwortete ich genervt.
„Das weiß ich nicht, ich bin blind.“
„Wirklich! Entschuldige bitte, das wusste ich nicht.“
Deshalb sprichst du also mit mir, murmelte ich vor mich hin.
„Ich bin zwar blind aber nicht taub. Wieso sollte ich nicht mit dir sprechen?“
„Nun ja, ich bin kein normaler Mensch. Ich sehe anders aus als alle anderen.“
„Hm, bin ich dann auch kein ‚normaler Mensch’ wie du es ausdrückst?“
„Doch natürlich bist du das. ICH bin nicht normal.“
„Nachdem ich dich nicht sehen kann, musst du mir das schon genauer erklären. Wie heißt du überhaupt? Ich bin Lisa.“
„Sebastian.“
Ich erzählte ihr von meiner Krankheit. Zu meiner Verwunderung wich sie nicht erschrocken zurück oder wirkte angeekelt.
Sie schien ehrlich interessiert zu sein.

„Darf ich dein Gesicht berühren? Ich möchte wissen, wie du aussiehst.“
Ich zögerte, aber schließlich setzte ich mich neben sie. Sie war anders und zeigte Interesse an mir. Vorsichtig nahm ich ihre Hand in meine und führte sie zu meinem Gesicht. Als Lisa meine Haare im Gesicht spürte, lachte sie auf.
„He! Das kitzelt ja.“
Mit der linken Hand tastete sich Lisa behutsam zu meiner Stirn hoch.
Ich schloss die Augen. Nun spürte ich die Finger beider Hände, wie sie sich langsam von der Stirn über Augen und Nase in Richtung Kinn bewegten. Sie ließ sich Zeit, erforschte alles gründlich.
„Sebastian du bist sehr hübsch. Deine Haare fühlen sich so glatt und weich an. Ein schönes Gefühl.“
Ihre Berührungen ließen mich erzittern und wirbelten meine Gefühle durcheinander. Zärtlich streichelte Lisa mein Gesicht. Als eine Träne ihre Hand berührte zuckte sie kurz zurück.
„Sebastian, ich wollte dir nicht wehtun. Entschuldige.“
„Du hast mich nicht verletzt. Es ist nur …“
„Was?“
„Es hat noch nie jemand so etwas Nettes zu mir gesagt.“
Lisa setzte die Streicheleinheiten fort und während weitere Tränen flossen, spürte sie das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete.

Letzte Aktualisierung: 27.10.2006 - 14.37 Uhr
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