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Oktober 2006
Ein Leben ist nicht genug
von Ferenc Stefaniak

23:38 Uhr
Ich weiß nur noch das Ende.
Ich erinnere mich nicht genau, wann es begann: das dumpfe Grollen, wie der erste Vorbote eines Erdbebens, ein Kribbeln an meinen Fußsohlen, ein nicht zu beschreibendes Geräusch.
Ich liege in meinem Bett in dem abgedunkelten Krankenhauszimmer, ganz weit weg von dort, wo das Ende jetzt zu Hause ist, und lausche diesem Klang der Nacht.
Ich bemerke, wie etwas näher und dann wieder weg rollt, ganz so wie ein Donner oder die Dinge, die unser Leben verändern können.
Hier in meinem Zimmer und auf dem Gang ist es ruhig.
Dann dringt das Grollen durch die Wand an meinen Kopf, und ich liege ganz still unter meiner Decke. Ich denke: wenn es zu nahe kommt, dann weckt es Tina und John, die in den Zimmern neben mir schlafen, auf der anderen Seite der Wände.
Doch das Beben zieht sich zurück wie die Flut. Auch meine Angst lässt nach und ich schlafe endlich ein.

Ich bin 38 Jahre und mein Name ist Mike. Wie immer machte ich mich auch an diesem Dienstag auf den Weg ins Büro.
Man denkt nicht jeden Morgen auf dem Arbeitsweg daran, dass dieser Tag etwas noch nie da Gewesenes bereithalten könnte. Doch ich spürte es einfach. Es lag nicht unbedingt daran, dass ein azurblauer Himmel einen wunderbaren Spätsommertag versprach. Vielmehr wusste ich schon lange, dass das gewisse Etwas in meinem Leben überfällig war.
An diesem Morgen sah mich meine Frau losfahren, und ihr Blick folgte mir bis ich um die Ecke unserer Straße bog.
Ich habe ihr noch gewinkt, dann bin ich abgebogen, und sie ist ihren Weg gegangen.
Ich dachte nicht unbedingt über all das nach an diesem Dienstagmorgen. Ich weiß nicht einmal, ob ich an irgendetwas gedacht habe. Ich fuhr einfach dahin.
Normalerweise brauche ich fünfundvierzig bis fünfzig Minuten ins Büro. Warum es heute nur fünfunddreißig waren, kann ich nicht sagen.
Irgendwann zwischen 08:40 Uhr und 08:43 Uhr betrat ich mein Büro, das sich in der 68. Etage dieses wunderbaren Gebäudes befand.
„Hey, Mike, was liegt heute an?“
Noch während ich mein Jackett auszog und es über die Lehne meines Bürostuhles hing, begrüßte mich John.
„Nichts Besonderes. Wir müssen nur aufpassen, dass die Finanzanalyse für Goldberg pünktlich rausgeht.“
John nickte.
„Guten Morgen, Mike.“
Durch die Glaswand meines Büros strahlte mich das Lächeln von Tina Hanson an.
Tina. Woher sie ihre positive Einstellung zum Leben nahm, war mir oft ein Rätsel. Vor fast zwei Jahren hatte sie einen Autounfall. Als sie aus dem Koma erwachte, hatte sie nicht nur ihren Mann und ihren zweijährigen Sohn, sondern auch ihr rechtes Bein verloren. Seitdem saß sie im Rollstuhl.
„Habt Ihr übrigens gewusst, dass Tiere intuitiv die Empfindungen ihres Gegenübers aus seinem Gesicht ablesen können?“
John schaute erst zu Tina und dann zu mir.
„Schade, dass du ein Mensch bist“, murmelte ich in seine Richtung und nahm den ersten Schluck Kaffee aus meiner Tasse, „sonst würdest du bemerken, dass ich meine Ruhe haben will.“
Noch während John sich an seinen Schreibtisch entfernte, grinste Tina ihm hinterher und zeigte ihren nach oben gerichteten Daumen in meine Richtung.
Ich lächelte zurück und drehte mich der Fensterfront zu.
Und genau in diesem Moment war ein unaufhaltsames Monster auf dem Weg. Es verdunkelte für den Bruchteil einer Sekunde die Sonne, um sich einen Augenblick später für immer in mein Gedächtnis einzubrennen.
Das Geräusch, von den oberen Stockwerken kommend, war so unwirklich, dass keiner von uns bereit war es in sich aufzunehmen.
„Mist“, fluchte ich, als der Boden unter meinen Füßen zu schwanken begann und sich danach ein Schwall heißer Kaffee über meine Anzughose von Armani ergoss.
„Schitt, was war das?“ rief ich in Richtung von Tinas Schreibtisch.
„Womöglich ist es ein Erdbeben“, meinte sie, “vielleicht sollten wir uns unter einen Türrahmen stellen oder so etwas...“
Was dann geschah, würde ich ganz einfach als die Hölle schlechthin bezeichnen.
Mit weit aufgerissenen Augen sah ich, wie ein Regen von Papier, Staub, Glas und Teilen von Menschen an der Gebäudeaußenfront nach unten fielen.
Der Instinkt bei Tieren, von dem John vor weniger als einer Minute noch gesprochen hatte, brach in meinem tiefsten menschlichen Inneren aus und sagte mir, dass aus all den anderen Gesichtern um mich herum nur eine Empfindung zu lesen war: Flucht.
„Raus, alle raus hier“, schrie ich, während aus den Stockwerken über uns ein Geräusch zu vernehmen war, das dem Kreischen eines einstürzenden Baukranes sehr nahe kam.
Wie eine Herde Tiere, die vor der unaufhaltsam näher kommenden Gefahr flüchtete, rannten alle in Richtung des Ausganges. Hier konnte niemand von geordnet reden, es ging ganz einfach darum, sein Leben zu retten um somit den Fortbestand seiner eigenen Sippe zu ermöglichen.
„Bist du verrückt, weg vom Fahrstuhl.“
Irgendwie gelang es meiner Stimme durch die schallenden Schreie und Geräusche der Angst, John zu erreichen.
Ich schob ihn ins Treppenhaus. Beißender Rauch, Hitze und Angstschweiß schlugen mir aus der Dunkelheit entgegen.
„Scheiße, Mike, was ist hier los?“
Johns Stimme klang angsterfüllt.
Einzelne aufgefangene Wortfetzen im Treppenhaus deuteten darauf hin, dass in den obersten Stockwerken etwa Schreckliches geschehen sein musste.
„Wir schaffen das, John. Wichtig ist, dass wir zusammen bleiben. Und jetzt los.“
Sofort wurden wir von den anderen Menschenmassen, die bereits von oben nach unten strömten, mitgerissen. Der tierische Instinkt, einfach zu überleben, hatte von uns Besitz ergriffen.
„Mike, was ist mit Tina?“ keuchte John und versetzte mir mit seinen Worten einen Schlag ins Gesicht.
Natürlich, Tina, keiner hatte an sie gedacht. Wie so oft im Tierreich war es auch bei uns zugegangen. Der Schwächere wurde zurückgelassen.
John und ich trafen die Entscheidung unseres Lebens.
„Wir müssen zurück“, schrie ich und begann Johns Handgelenk zu umklammern, um mit ihm sofort in der Dunkelheit der Angst gegen den Strom zu laufen.
Johns Vermutung war richtig.
Wenige Minuten später trugen wir Tina in ihrem Rollstuhl durch das Treppenhaus des Chaos`.
68 Etagen lagen vor uns.
Während John und ich Tina Etage für Etage nach unten schleppten, konnten wir nicht einmal den Ansatz einer Stufe in diesem gottverdammten dunklen Treppenhaus ausmachen.
„Lasst mich einfach zurück, Jungs, und versucht, euch zu retten.“
Tinas Worte klangen wie das Dröhnen einer Glocke mitten im Geschrei von vor Angst rasenden Menschen.
„Hast du sie...noch alle. Ich ...“, während John nach Luft rang, gingen seine letzten Worte im Treppenhaus verloren.
Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie John, Tina und ich es gemeinsam geschafft hatten dieser Apokalypse zu entkommen. Ich fühlte mich wie ein Tier, das in die Ecke gedrängt wurde und einen Weg zum Entrinnen aus der Gefahr sucht.
Keine Sekunde haben wir Tinas Rollstuhl auch nur abgesetzt. Wir wollten überleben.
Als das Tageslicht mich wieder in Empfang nahm, bemerkten weder John noch ich, dass wir Tina weiter trugen. Wir trugen sie einfach. Einfach so. Ich hatte das Gefühl, als ob meine Hände mit diesem Rollstuhl verschweißt wären. Erst ein Tösen, Dröhnen und Erzittern des Bodens ließ uns anhalten.
Das also war das Ende. Das Ende unseres Bürogebäudes, das in diesem Moment von oben nach unten in sich zusammenfiel.
Jetzt erst bemerkte ich, dass an meinen Armen noch ein Körper war. Als die erste dunkle Woge des Schmerzes nachließ, sah ich wie Tina mich anschaute und weinte.
Ich versuchte zu sprechen, sie zu beruhigen, aber ich konnte es nicht.
„Unsere Freunde, sie sind da drin. Sie sterben gerade“, sagte John, während er auf das zusammenstürzende Gebäude zeigte.
„Und ich? Ich bin hier draußen und...“, John schluchzte auf, „und habe das Gefühl, als ob ich mit ihnen sterbe.“
Irgendjemand legte eine Decke um meine Schultern. Ich schaute in ein vor Angst gezeichnetes Gesicht, das mit mir redete. Man erwartete Antworten von mir. Nur, ich verstand nichts von dem, was man mich fragte.
„Ein Monster, es war ein Monster“, hörte ich meine Stimme, während ich in Richtung eines Ambulanzwagen gebracht wurde. Ich hatte nichts weiter zu sagen. Ich hatte keine Worte dafür, nicht in der Sprache des Monsters und nicht in meiner.
Vor diesem düstergrauen Hintergrund erregte in diesem Augenblick eine einzelne rosa Blume meine Aufmerksamkeit. Sie glühte regelrecht. Die Pflanze selbst fiel kaum auf: ein blattloser, schlanker Stängel, der sich aus einer Einbuchtung im Stein erhob. Aber oben am Stiel wölbten sich zwei dicke fleischige Blütenblätter ineinander, formten eine Blüte, die straff und rund wie eine kleine saftige Pflaume herabhing. Seit den letzten Minuten hatte ich nichts anderes gesehen als Angst, Staub und Dunkelheit. Jetzt tauchte plötzlich diese prachtvolle Blüte auf. Während man mich wegfuhr, versuchte ich sie so lange es ging im Auge zu behalten.

06:40 Uhr am folgenden Tag
Ich wache immer früh auf. In dieser stillen, goldenen Morgendämmerung öffnet sich meine Zimmertür.
„Komm rein, Tina.“
„Ich kann nicht mehr schlafen. Wie geht es dir?“
Fast lautlos rollt sie auf mich zu.
Beide schauen wir minutenlang schweigend dem Sonnenaufgang zu.
Langsam stemmt sie sich aus ihrem Rollstuhl etwas nach oben und küsst meine Wange.
„Ein Leben ist nicht genug, Mike, um dir dafür zu danken, dass du auf deinen Instinkt gehört hast.“
Ich nicke und erinnere mich wieder an das, was John am Tag zuvor gesagt hatte über die Empfindungen und Instinkte der Tiere. Auch wir tragen sie seit eh und je in uns, aber der Mensch ist mehr als die Summe seiner übrig gebliebenen tierischen Instinkte: Mensch zu sein heißt, dass wir sprechen, begründen und entscheiden können.

Nachtrag:
Nach dem furchtbaren Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurden zwei Männer zu Helden. Sie trugen ihre Kollegin mitsamt ihrem Rollstuhl 68 Stockwerke tief in die Freiheit, kurz bevor der Nordturm einstürzte. Mitten im Chaos, an einem Tag an dem sich Unmenschliches ereignete, setzte bei beiden ein Instinkt ein: der Instinkt anderen zu helfen. So könnte ihre Geschichte verlaufen sein.

Letzte Aktualisierung: 03.10.2006 - 19.55 Uhr
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