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Oktober 2006
Platzhirsch
von Chadé Montauciel

Nehmen Sie bitte reichlich Platz, Herr Hirsch. Diese Begrüssungsformel hatte er schon so oft gehört, dass er sie nicht mehr bewusst wahrnahm. Herr Hirsch hatte anderes im Sinn. Auch heute, nach diesen langen Verhandlungen, beherrschte ihn ein gutes Gefühl von sich und der Welt.
In so einer Situation durften alle Kellner dieser Erde sagen, was sie wollten. Herr Hirsch kann Spass verstehen, Wortwitz ebenso. Eine seltsame Melange aus kontemplativer Zufriedenheit und generöser
Grosszügigkeit seiner Umwelt gegenüber, prägen ihn. Lass sie reden, was sie wollen, Solange es mir gutgeht, dachte Herr Hirsch, habe ich keinen
Grund, böse zu sein. Wie immer servierte der Kellner mit übertrieben auf die Schulter zurückgedrehtem linken Arm und einem devoten Diener seinen
Lieblingswein: Cröver Nacktarsch, ein süffiges Tröpfchen, vielleicht etwas zu süss. Doch für Herrn Hirsch zählt nicht der Mainstreamgeschmack, er hat seine Vorlieben, er weiss, was er will
und das sieht man ihm an. Korrekte Kleidung vom Scheitel bis zur Sohle und, auch das ist tradierte Gewohnheit, abends im Weinbistro die gelockerte Krawatte als Zeichen für den erfolgreichen Tagesverlauf und die befreite Feierabendstimmung. Herr Hirsch entzauberte, wie jeden Abend, seiner Weste ein Zigarillo. Sekundenspäter bekam er Feuer von dem eingefuchsten Kellner. Es sah aus wie eine perfekte Theaterinszenierung, ein einstudiertes Kammerspiel. Jeder spielte seine Rolle mit eleganter Gestik und augenzwinkernder Mimik. Eine Never-ending-Story, vergleichbar dem unvergleichlichen Dinner-for-one. Herr Hirsch hatte sich in diesem verschlafenen Städtchen sehr schnell
einen Namen gemacht.Vor fünf Jahren kam er nach Bad Homburg vor der Höhe, dorthin, wo bekanntermassen sehr viele Privatiers und multi
Millionäre residieren. Sehr schnell waren die sonst so zurückhaltenden und introvertierten Reichen und Neureichen wachgerüttelt.
Herr Hirsch, das hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, war Bankdirektor und wurde täglich ins benachbarte Mainhattan, wie sie Frankfurt mit Achtung und Stolz in der Stimme nannten, chauffiert.
Viel mehr war zunächst nicht bekannt, bis dann Herr Hirsch durch diverse Aktivitäten in seiner eher knapp bemessenen Freizeit auffiel; nicht nur den Lokalredakteuren, besonders den Honoratioren der Stadt und allen, die sich für Sport und Kultur interessierten. Es dauerte nicht lange und Herr Hirsch war Vorstandsvorsitzender zahlreicher Clubs:
Golf,Tennis selbstverständlich Lions und es war für keinen verwunderlich, dass er Bürgermeisterkandidat wurde und schon beim ersten Wahlgang souverän gewann. Was war das für ein Mensch, der für diese
Stadt und die Region Phönix aus der Asche gleich, auftauchte und alle in seinen unwiderstehlichen Bann der Sypmathie zog. Alle mochten ihn, alle vertrauten ihm und sie hingen an seinen Lippen, wenn er ein neues Denkmal einweihte oder eine Kinderkrippe. Ein Fremder zwar, in der Lokalpresse waren mal Duisburg, mal Cuxhaven, mal Fallingbostel als
Herkunftsort des Herrn Hirsch aufgeführt, doch sie liebten ihn wie einen Messias, einen, auf den sie schon ewig gewartet hatten. Ja, Herr Hirsch
war angekommen in diesem Provinznest. Er schlürfte laut an seinem Weinglas, wie er es immer tat, sog an seinem Zigarillo und blies mit spitzen Lippen unterschiedlich grosse Rauchringe in die Luft - denn
weiterhin, und dafür hatte sich Herr Hirsch starkgemacht, wird es kein Rauchverbot in seinem Lieblingsbistro geben.
Von den Nachbartischen aus wurde Herr Hirsch aufmerksam beobachtet,obwohl das Szenario alltäglichen Charakter hatte. Längst sprachen sie,wenn sie unter sich waren, frei von der Leber von ihrem Platzhirsch. Nicht ohne Respekt und immer seltener hinter vorgehaltener Hand, denn sie hatten gemerkt, dass es Herrn Hirsch überhaupt nicht missfiel, so bezeichnet zu werden. Im Gegenteil, er
fühlte sich geschmeichelt und goutierte diese Namensverwandtschaft aus dem Tierreich als Auszeichnung seines herausragenden Talentes als
Impressario und Leitfigur.Herr Hirsch verliess sein Bistro, lächelte den Gästen zu und - wie jeden Tag - drehte er sich kurz vor der Ausgangstür nochmals um, kam zurück, dahin, wo ihn der Kellner bereits mit ausgestreckter Hand erwartete: Zehn Euro Trinkgeld! Danke Herr Hirsch, wünsche einen wunderschönen Abend und beste Grüsse an die liebenswerte Frau Gemahlin, sagte der Kellner und dekorierte den Platz des Herrn Hirsch mit einem Reservierungsschild für den nächsten Tag.

Letzte Aktualisierung: 22.10.2006 - 09.34 Uhr
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