Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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November 2006
Das Experiment
von Sabine Poethke


Er saß am Schreibtisch, starrte auf den Bildschirm seines Monitors und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Fantastisch, wie die Zahlen rannten.
Seit ewigen Zeiten, schien es ihm, bastelte er an diesem Projekt. Wenn der Plan klappte, würde sein Ruf die Jahrhunderte überdauern.
Die ersten Versuche waren kläglich gescheitert, er ahnte nicht warum, und er hatte sie schnell vernichtet. Restlos! Vorsichtshalber.
Lordy erhob sich.
Er wohnte bei den Eltern. Im Keller hatte er eine Werkstatt eingerichtet, mit dem Geld aus dem Hochbegabten-Fond. Die Technik war vom Feinsten und er verbrachte viel Freizeit in seinem Labor.
Wie immer ließ er den PC an und ging hinüber in sein Labor um nach seinem Experiment zu sehen. Zehn neue Grundgerüste hatte Lordy angesetzt und eins, wenigstens ein einziges, musste doch gelingen! Wie würde er sonst vor der Seminargruppe dastehen, wenn alle ihre Projekte vorstellten?
Schon auf den ersten Blick sah er, dass drei der Probengläser schwarz geblieben waren. Die konnte er in die Kastortonne werfen. Von den übrigen sieben stach ihm das EINE sofort in die Augen. Er prüfte die anderen Proben gründlich, doch keine war so gut, nicht einmal ansatzweise, dass er sie verwenden wollte.
Eben nur diese eine hatte viele helle Stellen in der tiefen Dunkelheit und zeigte das bisher beste Ergebnis. Erleichtert stellte er sie zur Seite.
‚Nicht übel!’
Endlich konnte er einen Schritt weitergehen. Seit die Aufgabe vergeben worden war, arbeitete er an nichts anderem. Lordy lachte vor Freude und Stolz.
Zur Feier des Tages gönnte er sich eine Einheit probiotischen Kristalläthanols. Es schmeckte vorzüglich und förderte zusätzlich die Leistungsfähigkeit.
Zufrieden betrachtete er das Funkeln und Glitzern in dem verschlossenen Reagenzglas.
Lordy konnte nicht widerstehen. Er öffnete den Deckel und berührte vorsichtig mit seinem Zeigefinger das Innere des Glases.
„Au!“
Schnell zog er den Finger wieder heraus. Das größte der Lichter war verdammt heiß.
Während er den Finger kühlte, begann das Experiment sich unerwartet zu entwickeln.
Die kleineren Lichtpunkte ordneten sich und schwebten wie an unsichtbaren Fäden um den Größten.
Lordy schaute begeistert zu. Was hatte er in Bewegung gesetzt? Faszinierend!
Es beeindruckte ihn sehr und er musste versuchen was geschah, wenn er kräftig umrühren würde.
Er nahm dazu dieses Mal einen dünnen Stab. Die Masse puffte heftig.
Was hatte er getan?
Die Lichtpunkte fielen auseinander, nur der Große verharrte stationär. Mit offenem Mund und ein wenig ängstlich wartete er ab, was nun weiter geschah.
Die Aufregung der Lichtpunkte in dem Experiment legte sich nur langsam. Nach irgendeinem Schema bewegte es sich. Es schien sich neu zu sortieren. Und zu wachsen. Er füllte es um in ein Maius-Glas, das ungefähr doppelt so groß war, wie das vorherige.
Lordy notierte die Veränderungen, die Ergebnisse, schätzte sogar die Stärke des Rührens ab.
Für den Begleitbogen wurden Extrapunkte vergeben und die konnte er gut gebrauchen. Er hatte wirklich keine Lust wegen mangelnden Fleißes das Jahr zu wiederholen! Und es konnte nicht schaden alles aufzuschreiben, vielleicht wollte jemand das Experiment wiederholen.
Doch die Hauptsache aber war ihm der Ruhm, den er für diese Idee ernten würde. Dem Professor würden die Augen vor Bewunderung aus dem Kopf treten.
In den folgenden Tagen arbeitete Lordy wie ein Besessener. Erst nachdem er alles erledigt hatte, gönnte er sich eine Pause. Er hatte gar nicht bemerkt wie schnell die letzten sechs Tage vergangen waren!
Fertig!
Übermorgen war die Präsentation. Einen Tag würde er sich ausruhen können.
Dann - endlich - war es endlich soweit!
Sein Experiment passte nicht mehr in das Maius. Er füllte es erneut um und mühte sich ab, es in dem unhandlichen Formidabel-Behälter zur Vorlesung zu schleppen. In ein Laken gehüllt stand es auf dem Tisch. Verstohlen sah Lordy sich um und auch die anderen taten ob ihrer Experimente geheimnisvoll.
Die Stimmung knisterte. Das Wispern und Tuscheln steigerte sich, bis es wie die Brandung des Meeres an einem Sturmtag rauschte, wenn sie an die Felsen schlug.
Es würde nur einen Sieger der Semesteraufgabe geben, nur ein Stipendium würde vergeben werden. In den Gesichtern der anderen las Lordy Hoffnung, aber auch Zweifel.
„Still! Und setzten Sie sich!“ Der Professor betrat den Hörsaal. „So, meine Herrschaften, ich hoffe, Sie haben sich mit dem nötigen Ernst der Aufgabe gewidmet …“
Er räusperte sich, sah in die Runde und verlas noch einmal die Regeln.
„Sie sollten eine Lichtquelle mit Eigenenergiehaushalt entwickeln. Stabilität vorausgesetzt. Weiterhin sollten Sie mit wissenschaftlicher Kreativität aufwarten und ein in sich geschlossenes, perfektes System integrieren, egal welcher Art. Na, dann lassen Sie einmal sehen.“
Nacheinander legte jeder sein Ergebnis offen. Lordy staunte, einige der Experimente konnten sich durchaus sehen lassen. Aber eines, das mit seinem vergleichbar war, sah er nicht.
Je näher der Professor an Lordys Tisch kam umso mehr wuchs die Aufregung in dem ehrgeizigen Studenten.
Schweigend betrachtete der Lehrer das Formidabel von der Größe eines mittleren Terrariums, das aus den Nähten zu platzen schien.
Stille.
Und je länger diese Ruhe anhielt, desto nervöser wurde Lordy.
„Was ist das? Es sieht faszinierend aus!“ Das Gesicht des Professors näherte sich der durchsichtigen Wand des Behälters.
„Ich nenne es Galaxis universale - erste Stufe. Es hat sechs Tage gedauert, bis es so war, wie es jetzt ist.“ Lordy genoss die Aufmerksamkeit. Die anderen Studenten drängelten sich um den Tisch. In einigen Gesichtern triefte der Neid aus allen Poren.
„Interessant. Erklären Sie es!“
„Ich habe es aus Nichts entstehen lassen, nur mit Materie gefüttert. Das Gerüst musste sich selbst aufbauen. Einige Versuche gingen fehl. Aber das hier, das konnte ich benutzen. Das Lenken der Zusammensetzung der Moleküle war nicht leicht.“
Wohlweislich verschwieg er sein Rühren.
„Den größten Lichtpunkt nannte ich Sonne, einer Eingebung folgend. Die kleineren Lichter, die sich in verschiedenen Geschwindigkeiten um diese Sonne bewegen, das sind Planeten. Ich gab ihnen den Namen, weil sie einem bestimmten Plan zu folgen scheinen, während sie sich bewegen und dabei wie abstoßende Magneten einen Abstand zueinander halten.“
Peng!
Mit einem Knall und einem entsetzlich lautem Fiepen platzte das Terrarium.
Lordy sah die entsetzten Blicke und fuhr schnell mit seiner Erklärung fort.
„Danach habe ich mir die Planeten vorgenommen und damit ich sie unterscheiden kann mit verschiedenen Merkmalen belegt. Ringe, Elemente um die Farben zu verändern und als mir nichts mehr einfiel, habe ich sie an der unterschiedlichen Anzahl kleiner Lichtpunkte gekennzeichnet. Ich …!“
„Du lieber Gott! Lordy, sagen Sie, wie groß wird Ihr Experiment werden? Es kann doch nicht normal sein, dass es aus dem Terrarium quillt?“ Der Professor wirkte besorgt. Er trat einen Schritt zurück.
„Ich … Keine Sorge! Das ist ja das Geniale. Es breitet sich aus. Und wenn einmal eine der Sonnen vergangen ist, wurden irgendwo schon einige neue geboren. Eine ewig bleibende Energie, das war doch die Aufgabe! Oder?“
„Ja, ja, reden Sie schon weiter!“
„Die unterschiedlichen Mengen an Lichtpunkten um die Planeten, das sind Monde. Die umkreisen die Planeten genauso wie diese die Sonne. Ich suchte mir den blauen Planeten heraus, weil blau meine Lieblingsfarbe ist. Dann begann ich, das abgeschlossene System zu entwickeln und zu integrieren. Nun, schauen Sie!“
Lordy bat die interessierten Studenten und den Professor ihre Mikroanalysisbrillen aufzusetzen und an sein Universum heran zu treten. Es hatte das Terrarium in der Mitte auseinandergedrückt und wie eine alte Haut abgestreift.
Frei schwebte es über dem Tisch und schon das wirkte wie ein kleines Wunder.
„Bitte nacheinander! Sie, Herr Professor, bitte als Letzter. Ich möchte erst den Mitstudenten Raum geben, sich eine eigene Meinung zu bilden.“
Ein „Oh“ und „Ah“ nach dem anderen erfüllte den Saal. Lordy sah voller Stolz, dass selbst der eifrigste Student seinem Experiment Respekt zollte. Die Kommilitonen nickten sich zu, verzogen in Annerkennung den Mund.
„Faszinierend! Welch ungewöhnliche Gebilde! Wirklich unglaublich!“, lobten die Studenten.
Mit Spannung beobachtete Lordy wie der Professor endlich an das Universum heran trat und auf den blauen Planeten starrte.
Der Gelehrte schien beeindruckt zu sein. Er legte den Kopf leicht zur Seite. „Das ist wirklich faszinierend …“
Dann stockte der Professor.
„Also junger Mann“, begann er seine Rede, „ Sie bekommen für die Lichtquelle eine zwei, da noch nicht geklärt ist, warum und wie es sich ausbreiten muss um unendlich zu existieren. Aber mit Ihrem Ehrgeiz und wie ich Sie kenne werden Sie das herausfinden, denke ich. Für die Kreativität des wissenschaftlichen Teils, lieber Lordy, bekommen Sie eine glatte eins! Ich gratuliere!“ Lange schüttelte der Professor Lordys Hand.
„Aber perfekt, junger Mann, perfekt ist Ihr Projekt lange nicht … Eine drei ist das Beste, was ich Ihnen dafür geben kann!“
Ein Raunen ging durch den Hörsaal.
„… Und das werden Sie wohl auch kaum ändern können. Schauen Sie selbst …“ Der Professor nahm seine Mikroanalysisbrille ab und reichte sie Lordy.
Der setzte sie auf und trat dicht an die Galaxis heran. Seine Nase verschwand beinahe in der Schwärze. Gebannt nahm er den blauen Planeten unter die Lupe. Entsetzt beobachtete er, wie eine junge Frau auf einen hübschen Burschen einredete. Dieser pflückte ihr einen Apfel und beide aßen ihn genussvoll auf.
„Sie haben vergessen, mein junger Freund, dass Sie das Denken nicht berechnen können! Sie haben ein tolles Experiment abgeliefert … Aber perfekt, perfekt ist es nicht und wird es auch niemals sein! Sie sollten es wiederholen. Sicher können Sie das besser. Ende der Stunde, packen Sie zusammen. Wir sehen uns morgen. Guten Tag noch, die Herrschaften!“
Zurück blieb ein fassungsloser Student, den die Kommilitonen scherzeshalber seither ab und an „lieber Gott“ nannten.

© Sabine Poethke

Letzte Aktualisierung: 27.11.2006 - 14.33 Uhr
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