Ganz schön bissig ...
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November 2006
Filitosa
von Susanne Ruitenberg

Tombu ließ die Arme sinken, sie waren schwer, wie mit Sandsäcken behangen. Seine steifen Finger schmerzten und hielten das Werkzeug so fest umklammert, dass er sie kaum lösen konnte. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete die Reihe der Statuen. Hatte er die Weisheit, die Kraft von Membe, eingefangen? Membe war der stärkste Anführer gewesen, den das Dorf je gekannt hatte. Alle trauerten um ihn, obwohl er schon seit zwölf Monden nicht mehr da war.
Tombu schüttelte die Erinnerungen ab. Er musste sich beeilen, in drei Tagen war das Fest der langen Sonne, und er war nicht fertig. Verzweifelt fuhr er sich durch das Haar. Es war heiß auf dem Platz der vergangenen Seelen. Langsam schritt er um den großen Stein herum. Die Augen waren nicht richtig. Vorsichtig setzte er seinen Meißel an.

„Tombu!“
Vor Schreck hätte er beinahe zuviel Granit aus dem rechten Auge geschlagen. Langsam drehte der Angesprochene sich um.
„Ja, Heilerin?“ Einer Schlange gleich schlich sie sich immer an.
„Du hast noch drei Tage.“
„Ich weiß, Heilerin, ich vollbringe, was ich kann. Wenn Gongo mir helfen dürfte ...“
„Erst muss er meine Ketten vollenden. Ohne meine Ketten kann ich nicht die Kraft von Membe und seinen Kriegern in die Steine bannen. Wenn die Steine die Seelenkräfte nicht besitzen, können sie uns nicht vor den Anderen, die über das große Wasser kamen, schützen. Oder willst du, dass sie uns immer wieder überfallen?“
„Natürlich nicht.“
„Dann sieh zu, dass du fertig wirst. Gongo hat ganz alleine den Tempel errichtet.“
Tombu betrachtete das Bauwerk hinter den Statuen. Majestätisch, wuchtig aus groben Granitblöcken zusammengesetzt, türmte sich der Tempel des Membe auf dem kleinen Hügel.
„Warum machst du nicht Gongo zum ersten Steinhauer. Er ist schon lange nicht mehr mein Lehrling, sondern mir ebenbürtig.“
„Du weißt, dass er erst ans Weib gebunden sein muss, damit nicht die Erdgeistin ihn verführen kann. Und jetzt beende die Statue.“
Sie drehte sich um und ging.
Resigniert wandte Tombu sich wieder seinem Werk zu. Heilerin hasste ihn, er wusste nicht, warum. Sie hatte Tombus Weib nicht helfen wollen, als diese im Fieber lag und er war sicher, dass sie auch an dem Verschwinden seines besten Meißels Schuld war. Er hob seine Arme, die zu zerspringen drohten, und bearbeitete vorsichtig Membes Nase.
„Vater, du solltest nicht in der Mittagshitze arbeiten!“
Labbia näherte sich mit einem Holzgefäß in der Hand. Ihre Brüste wippten bei jedem Schritt. Ein Stück Fell, mit Lederriemen gehalten, bedeckte nur unvollständig ihre Hüften und die strammen Schenkel.
„Trink!“
„Danke, mein Kind.“ Voller Zärtlichkeit sah Tombu auf seine Tochter. Wie groß sie war, dreizehn Sonnenfeste. Er war froh, dass Gongo und sie beschlossen hatten, eine Hütte zu bauen. Dann könnte Heilerin endlich Gongo zum ersten Steinhauer erheben und er, Tombu, würde sich zur Ruhe setzten, bevor er eines Tages tot umfiel.
„Ist Gongo noch bei diesem Weib? Geh, bring auch ihm zu trinken.“
„Ja, Vater.“
Tombu sah ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war. Er ging zur Rückseite der Statue. Kräftige Schultermuskeln hatte er mit wenigen Strichen angedeutet, um die Kraft Membes in den Stein zu leiten. Ja, so war es richtig.

In drei Tagen, beim Fest der langen Sonne, würden die Seelen der gefallenen Krieger in die Steine gebannt. Zur Besiegelung und für die Gunst der Götter bekäme die Muttergöttin eine Jungfrau geschenkt, das hatte Heilerin angeordnet. Diese große Ehre kam der Familie Membes zu. Dzina, die älteste Tochter des Bruders von Membe, war die Auserwählte. Alle Mädchen behandelten sie wie eine Königin, und Dzina stolzierte durch die Ansiedlung, sich ihrer Rolle bewusst. Keiner konnte ihr einen Wunsch abschlagen.
Tombu legte seinen Meißel weg und nahm den Polierstein zur Hand, um die letzten Ecken aus Membes Gesicht zu glätten.

Es war der Morgen des Sonnenfestes. Hell schien das Gestirn in seine Hütte. Mühsam, sich auf einen Stock stützend, erhob sich Tombu vom Felllager.
Draußen erklang Geschrei, aufgeregte Stimmen riefen durcheinander. Er ging nachsehen. Weinende Weiber standen zwischen den Hütten, Männer brüllten.
Gongo kam auf ihn zu gerannt. „Es ist schrecklich!“
„Was ist, junger Freund?“
„Dzina. Beim Bad der Reinwaschung für das Sonnenfest ist sie im Fluss ausgerutscht und mit dem Kopf auf einen Stein aufgeschlagen. Sie ist tot!“
Tombu musste sich an seiner Hütte festhalten, der Boden schwankte unter ihm. Fände das Fest nicht statt, müsste er womöglich noch länger auf seinen Ruhestand warten. Er konnte nicht weiter arbeiten, er hatte keine Kraft mehr.
Gongo stützte ihn. „Mentor?“
„Danke, es geht wieder.“
„Mentor, was passiert jetzt mit dem Fest?“
„Ich weiß es nicht.“
Ein kleiner Junge kam angerannt.
„Heilerin ruft. Alle sollen sich vor ihrer Hütte versammeln.“

Die Hütte war fast so groß wie die des Anführers. Allerlei Federn und Tierhäute hingen an den Wänden aus Astwerk, dazu Gefäße aus Holz, Stein und Ton. Zwischen den Zweigen waberte stark riechender Rauch hervor.
Heilerin stand in der Türöffnung, die Arme verschränkt, und blickte grimmig.

„Volk! Die Auserwählte ist von uns genommen. Die Götter wollen ein Zeichen setzen. Es ist nicht gut, die Jungfrau vorher zu bestimmen, sie wird davon zu stolz. Die Muttergöttin will selbst festlegen, wen sie zu sich holt. Das Fest wird stattfinden. Alle in Frage kommenden Töchter haben sich um das zentrale Feuer zu setzen. Dort wird die Muttergöttin durch meinen Körper ihre Wahl treffen.“ Sie verschwand in ihrer Hütte.

Es war Abend. Der Himmel hatte noch nicht die Schwärze der Nacht erreicht, an diesem Fest der langen Sonne. Gleichwohl brannten die Feuer, mehrere kleine um den Tempel des Membe, ein großes auf dem Platz vor den Statuen. Im flackernden Licht schienen ihre Gesichter sich zu bewegen, die Augen zu zwinkern, ihre Münder, nur angedeutet im Granit, der Sprache mächtig geworden zu sein. Die Feuer hinter ihnen ließen sie größer aussehen als sie waren, jetzt glichen sie einer schützenden Armee.

Die Mädchen hatten sich in einem großen Kreis um das Feuer versammelt, wie befohlen. Außen saßen alle Dorfbewohner, sangen das Lied der Muttergöttin, das Lied der vergangenen Krieger, das Lied für den Regen der Nacht.
Die kleinsten Kinder waren vor Erschöpfung eingeschlafen. Die zahnlosen Greise nickten immer wieder ein, bis jemand sie anstieß.
Tombu spürte, dass seine Beine taub geworden waren. Er hatte in letzter Zeit ständig Probleme. Heimlich rieb er sein rechtes Knie. Er wolle nicht unehrerbietig aussehen.
Jetzt war es fast dunkel. Heilerin schritt zwischen den Kreisen der Jungfrauen und der Bewohner herum und stimmte das Lied der Muttergöttin an. Die Augen geschlossen, in Trance, ging sie eine Runde nach der anderen und sang. Das Lied war lang. Die Anspannung der Dorfbewohner stieg. Wer würde die Auserwählte sein? Die Mädchen, die sonst bei jeder Gelegenheit lachten und scherzten, waren still, mit großen Augen starrten sie Heilerin an, wenn sie an ihnen vorbei kam. Wen würde es treffen? Wessen Blut würde noch diese Nacht vom Opferstein rinnen?

Mit der dritten Strophe beendete Heilerin die dritte Runde. Jetzt variierte sie ihren Gang, damit sie nicht stets bei derselben die neue Strophe begann. Strophe vier und fünf. Anve, die Tochter des ersten Jägers, hielt die Anspannung nicht mehr aus und begann zu weinen. Ihre Nachbarin legte einen Arm um sie. Runde sechs und sieben. Tombu wurde unruhig. Er fühlte sich wie vor einem Unwetter, wenn die Götter das Licht und das Rumpeln schicken. Die Härchen auf seinen Armen richteten sich auf, eins nach dem anderen, wie Grashalme am Wegesrand. Warum fühlte er sich, als würde er gleich einen Abgrund hinabgestürzt werden?
Runde acht und neun. Wie viele Strophen hatte das Lied der Muttergöttin? War es immer so lang gewesen? Tombu lauschte angestrengt. Nein, das Ende näherte sich, eben sang Heilerin von der Jungfrau, die für die Göttin geopfert werde, jetzt, sofort. Heilerin verlangsamte ihre Schritte und hob die Hände.

Alle Dorfbewohner reckten die Hälse, begierig, zu erfahren, wer die Erwählte sei. Heilerin ging noch ein, zwei Schritte weiter.
„Erfahret, oh Volk, die Wahl der Muttergöttin“, sang sie.
Dann senkte sie ihre Hände, langsam, unendlich langsam.
Tombu rutschte unruhig hin und her.
Heilerin legte die Handflächen aufeinander, so dass ihre Arme einen Pfeil bildeten und schwenkte zur Seite.
Tombu spürte, dass er keine Luft mehr bekam. Er griff nach Gongos Hand, erfüllt von einer unerträglichen Angst starrte er in das Gesicht der Heilerin. Durch die Maske konnte er die Bosheit in ihren Augen funkeln sehen, die Fältchen in den Augenwinkeln zeigten, dass sie hämisch lächelte.

Tombu sank ohnmächtig zusammen.
Das Bild, wie Heilerin auf seine Tochter zeigte, würde er nie vergessen.

Letzte Aktualisierung: 27.11.2006 - 22.20 Uhr
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