Ganz schön bissig ...
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November 2006
Der Felsblock
von Marcus Watolla

Die Straße verlief in Serpentinen durch die schneebedeckten Berge und endete in einer großen Baustelle am Fuße einer steilen Anhöhe. Schwere Bagger schaufelten große Mengen Erdreich zur Seite und gruben sich so durch die isländische, eisverkrustete Erde.
Die Straße sollte zwei Ortschaften, hoch im Norden der Insel miteinander verbinden. In den Berg des Massivs sollte ein Tunnel geschlagen werden, da die Hänge entschieden zu steil für eine Straße waren.
Es roch nach Schnee und die Kälte war schneidend.
Die Bagger setzten an, um einen riesigen Fündling, nahezu sieben Meter hoch und breit, der unmittelbar den Bau der Straße blockierte, mit Presslufthämmern zu zerschmettern. Gerade in der Sekunde, als der erste Bagger zum entscheidenden Stoß ansetzte, bollerte plötzlich sein Motor und das Fahrzeug blieb mit einem Ruck stehen. Verwirrt betrachtete der Fahrer die Anzeigen in seinem Cockpit, fand aber nichts außergewöhnliches. Als er versuchte, den Bagger wieder anzulassen, verlief dieses jedoch im Sande. Der Motor heulte und orgelte, aber sprang nicht mehr an.
Mechaniker standen vor einem Rätsel. Motor und Getriebe waren völlig in Ordnung. Auch die Schläuche des Baggers waren intakt.
Ein weiterer Bagger versuchte nun an diesen Stein heranzukommen, umrundete das liegengebliebene Baufahrzeug und setzte seinen Presslufthammer an. Doch in der selben Sekunde versagte auch sein Motor und ließ sich trotz aller Versuche nicht mehr starten.
Der Bauleiter kratzte sich verwirrt den Kopf.
Man schleppte die defekten Fahrzeuge einfach ab und wollte am nächsten Tag mit der Arbeit fortfahren. Erstaunlicherweise funktionierten die Bagger am darauffolgenden Tage wieder. Erst, als sie sich an den Stein heran wagten, fielen sie wieder aus.
Ein LKW, der den Schutt abtransportieren sollte, kam an diesem Tage in unmittelbarer Nähe von der Baustelle von der Straße ab. Er schleuderte einige Meter tief in eine Böschung hinab und blieb mit gebrochener Achse liegen. Der Fahrer wurde wie durch ein Wunder nicht verletzt, entkam mit dem Schrecken. Ob es der Schock gewesen war, konnte niemand im Nachhinein mehr sagen, aber er schwor, dass an seinem LKW irgendwelche Dinger gewesen waren, die die Achse zertrümmerten. Er sprach dabei stockend von Wesen mit spitzen Ohren und ebensolch spitzen Gesichtern, mit kleinen Flügeln und extrem schmalen Körpern.
Nach Feierabend wurde die Baustelle von einer Sicherheitsfirma bewacht, damit sich niemand an den Baugerätschaften zu schaffen machte. In der darauffolgenden Nacht geschah etwas sehr merkwürdiges. Einer der Wachmänner kam völlig verwirrt und verstört in die Baracke seiner Kollegen gelaufen und stammelte etwas von „leuchtenden Wesen, die sich an den Baugerätschaften zu schaffen machten“. Nähere Untersuchungen ergaben jedoch keine näheren Erkenntnisse über diese Geschichte. Fakt ist aber, dass am nächsten Morgen alle Baugeräte nicht mehr funktionierten und dass so ein weiterer Tag verloren wurde.
Die Bauleitung stand vor einem Rätsel.
Aber ebenso unter Zeitdruck.
Der Stein sollte mit Dynamit entfernt werden und so kamen aus Reykjavik entsprechende Spezialisten angereist. Man verlegte die Kabel, stellte die Zünder ein und drückte den Knopf.
Doch – es geschah nichts.
Nach vier ergebnislosen Versuchen, in denen durch Messungen festgestellt wurde, dass alle Kabel einwandfrei funktionierten, war man am Ende der Weisheit angelangt. Sogar die Zünder wurden mehrfach ersetzt, abgesehen davon tauschte man bestimmt drei Mal den Zündkasten aus. Doch das Ergebnis war immer das gleiche.
Eine Sprengung war völlig unmöglich.
Kopfkratzend machten die Sprengspezialisten einen Test an einem anderen Stein – und es funktionierte. Doch als man sich wieder diesem einen Stein zuwandte, verliefen alle Versuche wieder in Pannen. Entweder waren die Zünder beschädigt oder aber eine höhere Macht, so einer der Sprengspezialisten, wolle nicht, dass dieser Stein bewegt würde.
Auch ließen die merkwürdigen Ereignisse nicht nach. Da fing plötzlich ein Baufahrzeug aus unerfindlichen Gründen Feuer, oder ein Bagger kippte plötzlich auf völlig ebenem Grund um. Ein Ingenieur wurde von einem herumfliegenden Stein am Kopf getroffen und musste ins Krankenhaus. Einem Bauarbeiter explodierte förmlich der Betonmischer und zerplatzte in hundert Stücke.
Der große Stein konnte nicht angerührt werden, ohne dass scheinbar irgend etwas Schreckliches passierte.
Unter den Männern verbreitete sich langsam die Angst. Keiner traute sich mehr an den Fündling heran. Alle befürchteten sie, dass in oder um ihn irgend eine Macht wohnte, die es zu verhindern wusste, dass man den Brocken bewegte. Die Arbeiter weigerten sich schließlich schlichtweg in die Nähe des Steines zu gehen.
Solch eine Angst hatten sie vor ihm.
Man trug den Fall der isländischen Regierung zu.
Diese entsandte eine Beauftragte, die sich den Fall einmal näher betrachten sollte. Als sie auf der Baustelle erschien, waren die Männer erst etwas erstaunt. Sie war keine der üblichen Schlipsträger oder in Anzüge gekleidete Bürokratin. Sie trug ein langes, weißes Gewand, stellte sich den Ingenieuren als „Elfenbeauftragte“ der Regierung vor.
Sie bestand darauf, den Stein alleine zu begutachten. Als sie den Stein zwei Stunden lang besichtigte, vermeinten einige der Bauarbeiter merkwürdige Geräusche zu hören. Fast klang es wie leise Flötenmusik oder das Summen vieler Stimmen. Einige meinten sogar leises Kichern gehört zu haben.
Als die Elfenbeauftragte schließlich wieder zurückkehrte, überraschte sie die Ingenieure mit einer eigentlich völlig absurden Erklärung.
„Der Stein wird von Elfen bewohnt“, sagte sie im Tonfall tiefster Überzeugung, „Es sind die Ureinwohner von Island. Wenn sie auch nur versuchen, ihn zu bewegen, wird wieder etwas Schreckliches geschehen. Ich schlage vor, sie lassen sich etwas anderes einfallen.“
Was soll ich Ihnen erzählen? Tatsächlich wurde der Stein nicht mehr angerührt. Man plante einfach eine Umgehungsstraße um den Brocken und baute sie dann auch. Im weiten Bogen um den Fündling herum. Die merkwürdigen Ereignisse ließen von dem Tag an nach. Es gab keine Unfälle oder erschreckenden Geschehnisse mehr.

Anmerkung des Autors: Diese Geschichte wird sich im übrigen noch immer in Island erzählt. Es soll diesen Elfenstein wirklich gegeben haben. Nur die eine oder andere Kleinigkeit habe ich etwas ausgeschmückt.

Letzte Aktualisierung: 31.10.2006 - 17.53 Uhr
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