Honigfalter
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November 2006
Das Geständnis
von Christine Hettich


Heute wurde mein Vater beerdigt.
Seine Augen starben als erstes. Zuerst verloren sie ihren Glanz, dann die Farbe, diesen undefinierbaren Ton, zwischen Smaragdgrün und Bernsteingold.
Wann ist ein Mensch wirklich tot? Wenn sich sein Blick nach innen kehrt?
Ich habe seinen dunklen Anzug getragen, den für die besonderen Anlässe. Er braucht ihn ja nun nicht mehr. Während ich die Jacke auf den Bügel hängte, stiegen Erinnerungen in mir hoch. Papa, der Held meiner Kindheit, mein Vorbild. Ein Mensch voller Widersprüche, dessen fröhliches Naturell urplötzlich in die tiefste Betrübnis gleiten konnte.
Seit kurzem wusste ich auch warum. Ich dachte über unser letztes Gespräch nach. Es war vor drei Wochen, danach fiel er in einen Dämmerschlaf, aus dem er nicht mehr erwachte.

„Ich werde bald sterben Martin, ich habe fürchterliche Schmerzen, aber ich habe sie verdient.“
„Was redest du da, Papa?“
„Ihr denkt alle, es ist der Krebs, der mich zerfrisst. Wenn es so wäre, ich würde es als Schicksal betrachten. Aber, es ist etwas anderes, das meine Seele zuschnürt. Es ist die Angst.“
„Wir haben alle Angst vor dem Tod Papa, das ist normal.“
„Nein, das wovor ich mich fürchte ist die Schuld, die ich trage. Mein Leben lang habe ich sie verdrängt, doch nun hat sie mich eingeholt. Sie ist es, die mich leiden lässt und meinen Körper vergiftet.“
Ich schaute meinen Vater an. Da fiel es mir auf: Seine Augen waren tot.
„Es war Krieg, weißt du. Wir waren noch so jung, nicht darauf vorbereitet. Die Wenigsten von uns waren Berufssoldaten.“

Der Algerienkrieg! Papa hatte sich stets geweigert darüber zu sprechen. Er gehörte zu den Wehrdienstleistenden, die an die Front geschickt wurden. Aus eigenen Recherchen weiß ich, dass es sich eher um einen Guerillakrieg, als um eine „geordnete“ militärische Auseinandersetzung handelte. Terrorakte, Folter, Massaker auf beiden Seiten und auch gegen die Zivilbevölkerung waren an der Tagesordnung. Die Algerier versuchten mit allen Mitteln ihre Unabhängigkeit wieder zu erlangen. Die französischen Kolonisten aber dachten nicht daran, auf ihre Privilegien zu verzichten. Sie betrachteten die Einheimischen als eine minderwertige Rasse. Diese lebten größtenteils in bitterer Armut. Kultur und Bildung wurden ihnen verwehrt. Die Armee stand den Siedlern zur Seite, sie soll sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, damals.

„Ich gehörte einer Patrouille an, die einige abgelegene Plantagen beschützen musste. Besitztümer der „Pieds-Noirs“, wie die französischen Kolonialherren genannt wurden. Wir waren stets auf der Hut. Wir wussten um die Grausamkeit der Leute der Algerischen Nationalen Befreiungsfront. Die ständige, latente Gefahr, dazu eine unerträgliche, zermürbende Langeweile. Niemand kann sich das vorstellen. Unser einziger Zeitvernichter war der Alkohol. Selbst unser Offizier war ein notorischer Trinker.“
Mein Vater redete schnell, fast hektisch, als wolle er es hinter sich bringen. Ich spürte etwas Unheilvolles auf uns zukommen.
„Da gab es dieses arabische Mädchen, eine Magd. Ein einfaches Mädchen vom Lande. Amira war ihr Name, das bedeutet, Prinzessin. Der Offizier machte sich lustig darüber: Bauernprinzessin, nannte er sie. Sie ging uns aus dem Weg, senkte ihren Blick vor uns. Sie war äußerst scheu.“
„Du strengst dich zu sehr an Papa.“
In Wirklichkeit war ich es, der angestrengt war. Es gibt Wahrheiten die will man nicht hören, und ich spürte, dass mein Vater das Bedürfnis hatte etwas zu beichten. Es war feige von mir, ich weiß, doch ich wäre gern geflüchtet.
„Wir hatten noch mehr als sonst getrunken an diesem Tag. Am Morgen hatte uns die Nachricht erreicht, dass algerische Widerstandskämpfer eine Siedlung unweit der unseren attackiert hatten. Soldaten, sowie Siedler und sogar das einheimische Personal, alle wurden sie massakriert. Einer schwangeren Frau haben sie das ungeborene Kind aus dem Leib geschnitten.“
„Papa, du musst dich nicht damit quälen“, sagte ich flehend und meinte dabei mich. Doch er hörte nicht zu, fuhr einfach fort.
„Der Offizier war sturzbetrunken. Er schaute Amira gierig an, bevor er sie zu Boden drückte. Sie schrie nicht. Sie schien wie gelähmt zu sein, ihre dunklen Augen waren weit aufgerissen vor Angst.“
„Er hat sie...?“
Mein Vater senkte seinen Blick bevor er mit leiser, gequälter Stimme fortfuhr.
„Nicht nur er, mein Junge, wir alle.“
Ich spürte wie ich in eine mentale Verwirrung glitt. Entsetzt schaute ich ihn an. Papa, der Held meiner Kindheit, der Mensch den ich stets bewundert habe, ein Vergewaltiger?
„Nein“, schrie ich. Mehr konnte ich einfach nicht sagen.
„Es waren schlimme Zeiten Junge. Die Meisten von uns waren gerade Zwanzig, Die Algerier wurden als Untermenschen betrachtet, die Frauen erst recht. Eine algerische Frau war weniger wert als ein Hund. Dann diese Isolation, diese tödliche Langeweile, die Gruppe. Das hat uns gefühllos gemacht. Es tut mir so leid Martin, es tut mir so leid um das Mädchen. Ich habe oft daran gedacht sie zu suchen, mich bei ihr zu entschuldigen. Mir fehlte der Mut. Später, durch Zufall, habe ich erfahren, dass sie den Verstand verloren hatte. Sie lebte auf einem Friedhof, zwischen zwei Gräbern, trug stets eine Axt bei sich. Vorher soll sie ein Kind geboren haben.“
Ich holte tief Luft. Mir war schlecht.
„Könnte das sogar DEIN Kind gewesen sein?“
Er nickte nur.
„Hat Mama dich deshalb verlassen?“
„Ja, als ich es eines Tages nicht mehr aushielt, habe ich es ihr gebeichtet. Sie konnte es nicht ertragen, ist gegangen und hat dich mitgenommen.“
Ich erinnerte mich. Meine Eltern führten eine harmonische Ehe, bis meine Mutter, für mich damals unverständlich, von einem Tag auf den anderen mit mir auszog. Wie sehr ich gelitten habe! Ich war gerade elf geworden. Solange hatte er also sein Geheimnis in sich vergraben!

Den dunklen Anzug werde ich in die Reinigung bringen. Aus der Innentasche hole ich eine Karte heraus: Papas Veteranen-Ausweis. Berechtigt unter Anderem zu einer kleinen Rente, einer Steuerermäßigung.
Ich werfe ihn weg. Mein Blick fällt auf den Spiegel. Meine Augen haben ihren Glanz verloren. Ihre undefinierbare Farbe, die ich von meinem Vater geerbt habe, kommt mir verblasst vor.


Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Während des Algerienkrieges waren Vergewaltigungen an der Tagesordnung. 1960 wurde Mohamed Garne geboren. Seine Mutter, ein fünfzehnjähriges, algerisches Mädchen, wurde regelmäßig von französischen Soldaten vergewaltigt. Als Erwachsener verklagte Mohamed den französischen Staat, den er als „seinen einzigen identifizierbaren Vater“, belangen konnte. Nach dreizehn Jahren Prozessieren, erhielt er eine Rente und wurde somit endlich als Opfer anerkannt . Er sagt von sich: „Ich bin Franzose durch das Verbrechen.“ Seine Mutter, von der er nach der Geburt getrennt wurde, lebte auf einem Friedhof, trug stets eine Axt bei sich.


Letzte Aktualisierung: 24.11.2006 - 08.00 Uhr
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