Burgturm im Nebel
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"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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November 2006
Sitte und Anstand
von Luzia Fischer


„Sie haben kein Benehmen, Herr Urmensch. Sie schmatzen, rülpsen, sabbern und wischen sich nicht einmal den Mund ab.“
Der Zivilisierte runzelte seine breite Stirn, stand von der reichlich gedeckten Tafel auf und rückte seine Krawatte zurecht. Er schritt zur Anrichte im Stil „rustikales Wohnen für Spießer“, um eine weitere Serviette aus dem Messinghalter zu holen.
„Tun Sie mir den Gefallen und säubern Sie endlich ihr Gesicht! Sitte und Anstand müssen Sie unbedingt noch lernen.“
Das haarige Wesen am anderen Ende des Mahagonitisches grunzte, kaute kurz auf der gestärkten Serviette herum und warf sie missmutig zu den beiden anderen.
„Da finde ich Sie im Wald, mit nichts am Leib als diesem Fell und einer primitiven Trommel unter dem Arm. Ich lade Sie dennoch freundlich zum Essen ein. Etwas mehr Höflichkeit hätte ich wirklich von Ihnen erwartet.“
Der Urmensch schleuderte ein paar abgenagte Knochen auf den Teppichboden und bestaunte die brennenden Kerzen im Silberleuchter. Neugierig sah er sich um. Seine Äuglein blitzten unter den buschigen Augenbrauen, als er aufstand und das Bücherregal inspizierte.
„Nehmen Sie ihre Fettfinger von dem Brockhaus! Das ist … eine Sonderaus …“
Das Reißen von Papier zerschnitt die plötzliche Stille. Eine Seite segelte dicht an den fassungslosen Augen des Zivilisierten vorbei, schwebte über den Tisch und landete auf dem Kerzenleuchter.
„Oh mein Gott! Was machen Sie denn? Hören Sie auf damit!“
Das Papier fing sofort Feuer und setzte die Damasttischdecke in Brand. Schnell tanzten die Flammen auf dem Tisch und leckten an dem Mahagoni.
Der Zivilisierte raufte sich die Haare, während der Urmensch freudig um den Tisch herumhüpfte. So schnell war es ihm noch nie gelungen, ein Feuer zu entfachen.
Endlich ergriff der Gastgeber den Eiskübel und leerte ihn über dem Tischfeuerwerk aus. Es zischte und der Raum füllte sich mit beißendem Rauch.
„Oh Gott, oh Gott!“, schrie der Zivilisierte, während er das Fenster aufstieß. „Wie soll ich das nur meiner Frau erklären, wenn sie morgen nach Hause kommt?“
Tief gebeugt stierte der Urmensch auf die Überreste des Feuers und zuckte mit den buschigen Augenbrauen.
„Ich werde meiner Frau sofort eine E-Mail schreiben, um sie seelisch auf den Schaden vorzubereiten. Sie ist geschäftlich in Frankreich unterwegs. Mein Handy bekommt keinen Empfang und über Festnetz ist es einfach zu teuer.“
Eilig schaltete er den Computer ein, und der Urmensch starrte fasziniert auf die bunten Bilder. Schönere Malereien hatte er bisher in noch keiner Höhle gesehen.
Bevor der Zivilisierte auf Internetverbindung klicken konnte, erschien ein Feld: „Virenwarnung! In zehn Minuten werden Ihre Daten gnadenlos gelöscht!“
„Verflucht! Das darf doch nicht wahr sein! Verdammt und zugenäht! Ich hasse diese Scheißkiste! Blödes … blödes Mistding!“
Der Zivilisierte hüpfte mit zerzauster Mähne um den Computer herum und versetzte dem Monitor links und rechts einen Schlag mit der Faust.
Grunzend setzte sich der Urmensch auf den Teppichboden und nahm die Trommel zwischen seine nackten Knie. Dann schickte er eine Nachricht durch das offene Fenster, hinaus zu seiner Sippe.
„Der Zivilisierte hat keine Manieren. - Er hat das Feuer ausgemacht und schlägt auf Bilder ein. - Ich bringe ihn besser nicht mit in unsere Höhle.“

Letzte Aktualisierung: 23.11.2006 - 18.53 Uhr
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