Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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November 2006
Chankpe Opi Wakpala ÔÇô Die Hoffnung stirbt
von Melanie Conzelmann

Eines Tages, als das Volk der Lakota gro├čen Hunger litt, weil die B├╝ffel verschwunden waren, kam eine heilige Frau und brachte ihnen eine Pfeife. Sie lehrte die Lakota, damit umzugehen und zu beten. Solange sie sich an die Gebote hielten, sollten sie niemals Hunger leiden und ein m├Ąchtiges Volk werden, denn wer die Pfeife raucht, wird mit der Welt verbunden.
Als die Frau ging, versprach sie wiederzukommen, die Welt zu reinigen und ein Zeitalter des Friedens zu bringen. Die Geburt eines wei├čen B├╝ffels w├╝rde ihre R├╝ckkehr ank├╝ndigen. Die heilige Pfeife des wei├čen B├╝ffelkalbes aber, wird bis Heute von den Lakota geh├╝tet.

***


29. Dezember 1890, Wounded Knee Creek, South Dakota:

Rising Sun blickte angespannt zu der langen Reihe von Lakota-M├Ąnnern hin├╝ber, die von US-Soldaten durchsucht wurden.
Die Dem├╝tigungen fanden kein Ende. Das Leben im Reservat war schlimm genug. Sie waren eingesperrt und gezwungen in Kleinfamilien zu leben. Abgeschnitten vom Stammesverband. Wie sollten sie unter diesen Umst├Ąnden ihre Kultur erhalten, und die heilige Pfeife ehren?
Der gro├če Geist zeigte bereits sein Missfallen:
Die B├╝ffel waren verschwunden. Die oft verdorbenen Essensrationen reichten nicht aus. Wagte jemand sich ├╝ber die Verbote hinwegzusetzen und Wild zu erlegen, kehrte er mit leeren H├Ąnden zur├╝ck.
Besonders die M├Ąnner hatten unter der Situation zu leiden. Zu Tatenlosigkeit verdammt, suchten viele Trost im Alkohol.
Die Geistertanzbewegung hatte ihnen Hoffnung gebracht. Doch die Regierung wollte ihnen keine Hoffnung lassen. Sie hatte den Geistertanz verboten.
Die Wei├čen verstanden nichts. Sie sagten, die Lakota leisteten Widerstand durch ihren Geistertanz. Dabei war es ein friedlicher Versuch, zu den alten Traditionen zur├╝ckzukehren und die Ahnen zu beschw├Âren, damit alles wieder so werden w├╝rde, wie zur Zeit der Vorfahren! Der Wei├če Mann war es, der schlie├člich wegen des Geistertanzes Blut vergossen hatte.
Als sich H├Ąuptling Sitting Bull, der die Geistertanzbewegung unterst├╝tze, gegen seine Verhaftung widersetze, wurden er und sieben seiner M├Ąnner ermordet. Unter der F├╝hrung von H├Ąuptling Big Foot hatte ihre Gruppe deshalb in der Pine Rigde Reservation Schutz suchen wollen.
Rising Sun seufzte leise, als sie an die Geschehnisse dachte, die ihrer Flucht vorangegangen waren, und sie schlie├člich an das Ufer des Wounded Knee Creek gebracht hatte.
Ersch├Âpft lie├č sie ihren Blick zu den durchw├╝hlten Tipies gleiten. Auf der Suche nach Waffen waren die Soldaten schon vor Morgengrauen in das Lager eingedrungen und hatten alles mitgenommen, was sie als Waffe verwenden k├Ânnten. Dabei hatten die Lakota schon gestern ihre Gewehre abgegeben, als sie von der 7.Kavallerie gestellt worden waren.
Ihre beiden Kinder klammerten sich an Rising Suns Rock. Sie litten furchtbaren Hunger und hatten keine Kraft mehr. Doch Rising Sun war sehr stolz auf sie, denn sie waren tapfer.
Ein bedrohliches Gef├╝hl kroch Rising Sun den R├╝cken hinauf, brachte die feinen H├Ąrchen in ihrem Nacken dazu, sich aufzustellen. Schnell wandte sie ihre Aufmerksamkeit erneut den M├Ąnnern zu.
Yellowbird, der Medizinmann, verweigerte die Durchsuchung. Er wandte sich von den Soldaten ab, stellte sich vor die lange Reihe von Lakota-M├Ąnnern und begann den Geistertanz zu tanzen. Rising Sun sp├╝rte wie die Luft vor Anspannung knisterte. Wachsam verfolgte sie das weitere Geschehen, w├Ąhrend sie ihre Kinder an sich dr├╝ckte.
Der Medizinmann rief mit weit t├Ânender Stimme: ÔÇ×Habt keine Angst, meine Br├╝der! Sie k├Ânnen uns nichts anhaben! Unsere Geistertanzhemden werden ihre Kugeln abwehren!ÔÇť, dann fing er an zu singen.
Pl├Âtzlich fiel ein Schuss. Das Adrenalin raste in Rising Suns Blut.
Gleich darauf ert├Ânte noch ein Schuss. Trotz der vor K├Ąlte tauben Glieder, nahm sie ihre beiden Kinder fest an den H├Ąnden und rannte, w├Ąhrend um sie herum das Chaos ausbrach. Die Soldaten, die das Lager umstellt hatten, feuerten unbarmherzig los. Vor Rising Sun st├╝rzten die Menschen zu Boden, niedergem├Ąht von vier Schnellfeuergesch├╝tzen, als w├Ąren sie Grashalme im Sturm. Die drei Fl├╝chtenden sprangen ├╝ber Tote und Verletzte hinweg, hinter ihnen st├╝rzten Krieger schreiend durch die Linien der Soldaten und versuchten ihre beschlagnahmten Waffen zu erreichen.
Rising Sun fl├╝chtete mit ihren Kindern auf eine kleine Anh├Âhe, kroch mit ihnen in ein Geb├╝sch und dr├╝ckte sie auf den gefrorenen Boden. Ihr Atem ging schnell. Die Dunstwolken h├╝llten ihre K├Âpfe ein, so dass sie das furchtbare Massaker von fern wie durch Nebel beobachteten.
Die Soldaten machten keinen Unterschied zwischen Kindern, Frauen, alten M├Ąnnern und den wenigen Kriegern. Gnadenlos schossen sie auf alles, was sich bewegte, sogar die Pferde der Lakota verschonten sie nicht. Die Kinder hielten sich die Ohren zu, um die schrecklichen Schreie nicht zu h├Âren. Rising Suns Herz krampfte sich zusammen, die Hilflosigkeit schmerzte sie mehr, als sie ertragen konnte.
Dennoch war das einzige Zeichen ihres Leids die Tr├Ąnen, die in einem endlosen Strom ├╝ber ihr Gesicht flossen.
Nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, sah Rising Sun Soldaten durch die Reihen der Opfer gehen. Immer wieder ert├Ânten Sch├╝sse, wenn sie auf einen Lakota stie├čen, der noch lebte. Jeder einzelne Schuss, traf Rising Sun wie ein Messerstich. Gequ├Ąlt schloss sie die Augen.
Als sie sie wieder ├Âffnete, kamen zwei der Kavalleristen die Anh├Âhe herauf. Systematisch suchten sie die Umgebung nach Geflohenen ab. Rising Sun h├Ârte auf zu atmen. Sie versuchte eins zu werden mit der kalten Erde und dem kahlen Gestr├╝pp. Sie wusste, ihre Kinder w├╝rden es genauso machen. Die Kinder ihres Volkes lernten schon fr├╝h, still zu sein und zu beobachten.
Fast schon war einer der Soldaten an ihrem Dickicht vorbeigegangen, als Rising Suns Tochter vor K├Ąlte mit den Z├Ąhnen klapperte.
Der Kavalerist drehte sich um und richtete sein Gewehr auf sie. ÔÇ×Kommt heraus!ÔÇť
Jede Bewegung schmerzte Rising Sun, als sie, gefolgt von den Kindern, unter dem Busch hervor kroch. Angst f├╝hlte sie nicht mehr. Musste sie nun sterben, dann sollte es mit W├╝rde sein, denn das war alles, was ihr geblieben war. Mit erhobenem Haupt blickte sie den Mann an, der seine Winchester auf sie gerichtet hielt, bereit abzudr├╝cken.
ÔÇ×Jeff, lass gut sein. Es ist nur eine Frau mit zwei Kindern. Heute sind genug von ihnen gestorben.ÔÇť Mit diesen Worten war der zweite Soldat hinzugekommen und hatte seinem Kameraden die Hand auf die Schulter gelegt. Langsam lie├č dieser sein Gewehr sinken.
Zusammen mit den anderen ├╝berlebenden Lakota lud man Rising Sun und ihre Kinder auf eine Karre. Neunundvierzig Frauen und Kinder, die meisten verletzt, waren ├╝brig geblieben. Mehr als 300 Menschen lagen tot im Schnee. Rising Sun hatte noch nie so etwas Furchtbares gesehen. M├╝tter, die ihre S├Ąuglinge noch an der Brust hatten, waren niedergeschossen worden, Gro├čv├Ąter lagen sch├╝tzend ├╝ber Enkelkindern. Alle waren sie tot. Ihr ganzes Volk war tot, und man w├╝rde ihnen nicht einmal erlauben, angemessen um sie trauern.

Als sie Pine Ridge erreichten, brach ein Schneesturm los, der drei Tage andauerte. Nach dieser Zeit wurden die steif gefrorenen Opfer in einem Massengrab auf dem Schlachtfeld begraben.

Rising Suns Kinder schickte man schon bald in eine Boarding School. Dort wurde ihnen verboten, ihre traditionelle Sprache zu sprechen, ihre Lieder zu singen und ihren Glauben auszu├╝ben. Die langen Haare wurden ihnen abgeschnitten.
Als sie zur├╝ckkamen waren sie junge Menschen, denen man ihre Kultur genommen hatte, die nicht mehr wussten, an was sie glauben sollten, oder ob es sich lohnte an irgendetwas zu glauben.
Was sie gelernt hatten, konnten sie im Reservat nicht brauchen. So fl├╝chteten sie sich in den Alkohol. Rising Sun w├Ąre das Herz gebrochen, doch genauso wie ihre Traditionen, die zusammen mit den Opfern in der eisigen K├Ąlte gefroren und vom Schnee zugedeckt worden waren, war auch ihr Herz im Schmerz erstarrt.

***


Am 20.August 1994 erblickte das B├╝ffelkalb Miracle in Janesville/Wisconsin das Licht der Welt. Ihr Fell war wei├č. Die Chancen f├╝r die Geburt eines B├╝ffelkalbes mit wei├čem Fell stehen ca. eins zu sechzehn Millionen. Unter den indianischen St├Ąmmen erregte die Geburt gro├čes Aufsehen, war doch das letzte wei├če B├╝ffelkalb vor einundsechzig Jahren geboren worden. Miracle gab ihnen Hoffnung und die Best├Ątigung, dass sie mit der R├╝ckkehr zu ihren alten Traditionen den richtigen Weg eingeschlagen hatten.
Heute ziehen wieder gro├če B├╝ffelherden durch die Nationalparks und die Indianer versuchen Arbeitslosigkeit und Alkoholabh├Ąngigkeit mit dem ÔÇ×roten WegÔÇť zu bek├Ąmpfen. Dabei sind sie sehr erfolgreich.
Miracle war nur das erste, von vielen wei├čen B├╝ffelk├Ąlbern, die in den letzten Jahren geboren wurden. Laut Chief Arvol Looking Horse, H├╝ter der Heiligen Pfeife des Wei├čen B├╝ffelkalbs, ist ihr Erscheinen ein dringender
Aufruf an alle Menschen, sich zusammenzutun und mit der Ausbeutung und Verschmutzung der Mutter Erde aufzuh├Âren, weil wir sie nur von unseren Kindern geliehen haben.

Letzte Aktualisierung: 27.11.2006 - 14.01 Uhr
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