Bitte lächeln!
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November 2006
Ein-Wohner
von Eva Markert

„Willst du dir schon wieder in dieser Bar die Nacht um die Ohren schlagen?“
Alexia zuckte zusammen, sie hatte Walter einen Augenblick lang nicht wahrgenommen. „Ja, wie du siehst.“
„Warum bleibst du nicht mal einen Abend zu Hause?“
Sie zog mit ihrem tiefschwarzen Kajalstift dicke Striche um ihre dunklen Augen.
„Du könntest es dir zum Beispiel vor dem Fernseher gemütlich machen.“
Alexia betrachtete sich kritisch im Spiegel. Noch ein wenig Lipgloss, und das Make-up war perfekt.
„Hörst du nicht, was ich sage?“
Alexia seufzte. „Wie oft soll ich es noch wiederholen? Ich will nicht zu Hause bleiben. Fernsehen ist was für alte Leute.
„Wieso?“, begehrte Walter auf. „Ich bin genauso alt wie du und sehe gern fern.“
„Ich bin älter. Trotzdem gehe ich lieber aus. Los, komm jetzt.“
Vor dem großen Spiegel im Flur blieb Alexia stehen und betrachtete ihre langen Beine in den hochhackigen Schuhen, den kurzen Rock und das knapp geschnittene Oberteil. „Sexy, findest du nicht?“
Er brummte: „Du siehst aus wie eine Nutte.“
Alexia klimperte mit den falschen Wimpern. Der goldene Flitterstaub auf ihren Wangen glitzerte im Lampenlicht. „Wie eine Nutte, sagst du? Dann ist es genau richtig.“
„Weißt du, was du bist?“, fuhr Walter sie an. „Du bist mannstoll.“
Alexia setzte mit geübtem Griff ihre Perücke auf und richtete die schwarzen Locken, die ihr bis auf die Schultern fielen. „Ich liebe Männer. Schade, dass wir beide nicht ...“ Sie kicherte.
„Alexia! Schämst du dich denn gar nicht?“
„Kein bisschen.“ Sie wiegte sich in den Hüften, während sie den Korridor entlang zur Tür schritt.
„Ich will nicht mitkommen. Es ist mir peinlich, wie du dich aufführst.“
„Hör auf herumzunörgeln!“
Er verlegte sich aufs Bitten. „Bleib nur ein einziges Mal zu Hause! Mir zuliebe.“
Doch sie blieb hart. „Du kannst dich ja zurückziehen“, sagte sie. „Niemand braucht dich zu bemerken. Das ist mir sowieso lieber.“
„Immer muss ich alles mit ansehen“, jammerte Walter. „Du bist so rücksichtslos! Nie denkst du an mich.“
„Warum sollte ich? Mein Körper gehört mir.“
Das Gaylord, wo Alexia ihre Nächte verbrachte, lag versteckt in einer dunklen Seitengasse. Walter gefiel es dort gar nicht: das schummrige Licht, die stickige, verqualmte Luft, die zwielichtigen Gestalten, die sich in den Ecken herumdrückten. Alexia schwang sich auf einen Barhocker, bestellte einen Drink nach dem anderen und flirtete mit jedem, der ihr über den Weg lief.
Vergeblich versuchte Walter, Augen und Ohren zu verschließen vor dem, was sie trieb. Der Alkohol machte ihn schwindlig und ihm wurde übel, wenn sie anfing, mit einem Kerl herumzuknutschen. Aber das Schlimmste kam erst noch: Sie verschwand mit ihm in einem billigen Hotelzimmer - einfach ekelhaft!
Danach, wenn Alexia ihren Rausch ausschlief, bekam auch Walter ein bisschen Ruhe. Er hätte sonst nicht gewusst, wie er den Tag durchstehen sollte.
Ab und zu wachte er ein paar Augenblicke vor ihr auf. Diese Momente der Stille nutzte er, um zu grübeln. War sie in sein Leben gekommen? Oder er in ihres? Wer war Gast und wer der Gastgeber?
Im Laufe der Zeit wurden ihre Eskapaden immer schlimmer. Er begann Alexia zu verabscheuen. Manchmal, wenn ihm aus dem Spiegel nicht ihre Fratze, sondern sein eigenes vertrautes Gesicht entgegenblickte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie endgültig loszuwerden.
Eines Abends versuchte er, mit ihr darüber zu reden. „Du musst gehen“, sagte er. „Es wäre besser – für uns beide.“
Sie lachte leise. „Ich denke gar nicht daran! Wohin sollte ich auch gehen?“
„Dorthin, wo du hergekommen bist.“
Alexia lachte wieder. „Machst du Witze? Du bist nach mir gekommen. Ich war schon immer da.“
Walter schwieg und zog sich zurück.
Lange kam er nicht mehr zum Vorschein. Er wollte nachdenken, heimlich, ohne dass Alexia ihn ausspionierte. Doch es gelang ihm nicht, seine Gedanken gegen sie abzuschotten. „Denke daran: Wenn du mich zerstörst, zerstörst du dich selbst“, warnte sie ihn. „Also lass deine Finger von meinem Körper!“
Walter wurde wütend. „Er gehört nicht dir! In diesem Leib wohnte ursprünglich nur ich!“
Alexia blieb gelassen. „Ich bin stark“, sagte sie, „und du bist schwach.“
Für eine Weile verschwand er ganz in sich selbst. Im Verborgenen nagten Zweifel an ihm. Gehörte der Körper, den sie sich teilten, tatsächlich ihr, obwohl es ein männlicher Körper war?
Er regte sich erst wieder, als ihm die Veränderungen bewusst wurden. Immer seltener gabelte Alexia bei ihren nächtlichen Streifzügen jemanden auf. Dafür nahm sie regelmäßig LSD.
„Du gefährdest deine Gesundheit“, mahnte Walter.
Alexia stieß einen spöttischen Laut aus. „Ich pfeife auf Gesundheit. Spaß will ich haben. Vergnügen. Amüsieren will ich mich.“
Das Rauschgift umnebelte auch Walters Hirn. Sein Verstand blieb jedoch wach genug, um zu erkennen, dass sie unter Wahnvorstellungen litt.
„Ich bin unbesiegbar“, rief sie, wenn sie sich nach solch einer Drogennacht auf den Heimweg machten. Dabei breitete sie die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. „Jedes Auto könnte ich anhalten, Busse oder Lastwagen einfach umstoßen.“
Auf dem Heimweg blickte Walter sich ständig um. Er atmete jedes Mal auf, wenn sie sicher die Wohnung erreichten. Doch er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war.
Eines Nachts, als sie aus dem Gaylord traten, wollte Alexia zu Fuß noch Hause gehen.
„Du bist verrückt!“, rief er.
„Ich? Wenn hier jemand verrückt ist, dann du.“ Alexia summte zufrieden vor sich hin und tänzelte die Straße entlang.
„Es ist viel zu weit! Denk an deine hochhackigen Schuhe.“
„Ich kann alles“, sang Alexia. „Alles kann ich, wenn ich will.“
Bevor Walter den Wagen sah, konnte er ihn hören. Er glaubte sogar, ein Vibrieren des Bodens zu spüren. Ein Mercedes bog um die Ecke.
Alexia blieb stehen. „Ich werde dir zeigen, was ich kann.“ Mit einem Satz sprang sie auf die Straße.
„Du wirst uns beide umbringen!“, schrie Walter.
„Dich vielleicht. Ich bin unsterblich.“ Alexia stellte sich mitten auf die Fahrbahn und streckte gebieterisch die Hände aus.“
Erst traf sie das Scheinwerferlicht. Im nächsten Augenblick kreischten Bremsen, der Wagen scherte aus, ein Kotflügel rammte sich in den Leib.
Der Mercedes kam zum Stillstand. Die Fahrertür wurde aufgerissen, eine Gestalt rannte auf sie zu. Das bleiche Gesicht des Fahrers beugte sich über sie.
„Es ist mein Körper“, wisperte Walter.
„Ich will mit Seelen spielen“, raunte Alexia, „sie vertreiben aus ihrer Wohnstatt, so wie dich.“
Walters Blick wurde glasig, ehe er erstarrte.
Und Alexia gesellte sich zu dem Fahrer des Wagens.


E-Mail: evamarkert@arcor.de

Letzte Aktualisierung: 18.11.2006 - 23.59 Uhr
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