Der Cousin im Souterrain
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Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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November 2006
Die Uhreinwohner
von Walter Vogelpohl

Die Bewohner der Stadt nennen sie nur die Uhreinwohner, weil sie ihre Stand- oder besser gesagt Liegeplätze rund um die große Bahnhofsuhr aufgeschlagen haben .Diese steht auf dem Platz vor dem Bahnhofsgebäude, auf einer kubischen Säule, mit riesigen digitalen Ziffern, die nachts wie kleine Fackeln aufzucken, unruhig von einer Sekunde zur andern hüpfend, flüchtig wie die dargestellte Zeit.
Die Uhreinwohner sind ein bei aller Buntheit doch weitgehend homogenes Völkchen: mehrere Dutzend verdächtig aussehende Gestalten, zum großen Teil Männer, eher jünger, in mantelähnlichen Gewändern. Dazu drei oder vier Hunde verschiedener Rassen. Bierkisten, angebrochene Flaschen, Dosen, Zigarettenstummel, zerschlissene Decken, nicht zu definierender Unrat.
Die Gesichter: ebenfalls nicht leicht zu beschreiben. Leichter das Outfit: Stereotypen zum großen Teil. Unrasiert, wirre Haartrachten, Glatzen, Mützen, bizarre Hüte, Kapuzen ...
Nochmals die Gesichter: jedes Gesicht, auch bei fortgeschrittener Verwüstung, zeigt Spuren vergehender Individualität. Gedunsen, abgemagert, picklig, voller Schrunden, Narben. Hart ausgedrückt: ein Panoptikum der Verelendung, des sich Aufgebens, des Verlöschens.
Die Passanten am Bahnhof beschleunigen ihre Gangart, sehen weg. Manchmal gibt es Zurufe von beiden Seiten, Beschimpfungen und Drohungen. Da ist schon mal von „Steinzeit“ die Rede , Urmenschen als Untermenschen eben. Die Gaskammer wird gefordert, Symbol der Unmenschlichkeit, der wahren „Steinzeit“.
Schülergruppen ziehen auf dem Weg zum Bahnsteig provokativ lärmend an der Gruppe vorbei. Johlen, gestikulieren. Einer sagt:Was diese Assies den Staat Geld kosten.“
Ein gutgekleideter Rentner meint wohlmeinend, direkt an die Uhreinwohner gerichtet:.
„Ihr habt doch keine Perspektive mehr.
Soll ich euch einen Ratschlag geben? Ihr wisst, was ich meine.“

Am Bahnhofsplatz ragt ein Hochhaus in den Himmel. Eine Lebensversicherung hat diesen Palast dort hingestellt. 20 Stockwerke oder mehr. Am späten Nachmittag eines prachtvollen Spätsommertags geschieht es dann: die Silhouette eines Menschen wird auf der obersten Plattform sichtbar, steht am Abgrund, beugt sich hinunter. Entsetzensschreie werden hörbar, es wird klar: ein Selbstmörder will seinem Leben ein Ende setzen. Schnell schwirrt der Platz von Gerüchten, die sich ebenso schnell bestätigen: es handelt sich um eine junge Frau, ein Mädchen.
Inzwischen ziehen Polizisten auf, Psychologen, Ärzte, Sanitäter.
Der Platz ist schwarz von Menschen. Alle glotzen. Eine Live-Show geht ab. Mit ungewissem Ausgang.
Die Reaktionen und Kommentare sind keineswegs eindeutig. Es gibt Stimmen, die lauthals fordern: „Machs doch endlich ! Runter mit dir! Zeit läuft! “
Besonders eine Gruppe, 15- bis 18Jährige, tut sich lautstark hervor.
Auch die Uhreinwohner glotzen zunächst. Als die auffordernden Rufe der jungen Leute immer lauter werden, setzen sich einige der Elendsgestalten in Bewegung. Sie drängen die Jugendlichen ab und prügeln auf sie ein. Diese schlagen zurück, rufen:
„Schlagt die Neandertaler tot, gebt den Steinzeities ordentlich in die Fresse.“
Es entsteht ein brutaler Kampf. Polizei und Sanität zieht auf, es gibt sogar Schwerverletzte.
Das Mädchen auf der Plattform des Hochhauses scheint fast vergessen.
Als das Getöse unter ihr immer lauter wird, muss sie die Rufe hören können : „ Zeit läuft.“ Sie sieht jetzt offensichtlich auch die wildgewordenen Uhrmenschen, die ihr beistehen wollen.
Es wird Nacht. Die digitale Anzeige der Uhr zuckt. Die Zeit läuft.

Die junge Frau gibt auf.
Die Uhrzeit läuft weiter.

Letzte Aktualisierung: 12.11.2006 - 20.45 Uhr
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