Wellensang
Wellensang
Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Alexander Bahrt IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
November 2006
Uluru
von Alexander Bahrt

Im Herzen Australiens ist ein Bus mit einer britischen Reisegruppe unterwegs zum Uluru, einem der heiligen Berge der Aborigines. Einer der Passagiere ist der zwölfjährige Kevin. Er notiert einige seiner Beobachtungen in ein kleines Büchlein. Daraus soll ein Aufsatz für die Schule werden. Vorn auf dem Buch steht: „Unser Urlaub in Australien.“
Obwohl es früh am Morgen ist, hat die Sonne schon viel Kraft. Kaum ein Wölkchen ist am Himmel. Das soll nach den Berichten im Hotel den ganzen Tag so bleiben. Die Straße ist dürftig asphaltiert und zieht sich durch die Landschaft aus rotem Sand. Sonst überall weißstämmige Bäume, Büsche und vergilbtes Gras. Der Bus fährt langsam genug, um die fremdartige Tier- und Pflanzenwelt betrachten zu können.
Drollige Vögel mit kräftigen Schnäbeln sitzen auf Bäumen und im Sand. Sie stoßen lang gezogene, schräge Rufe aus. Ein Keckern und Meckern ist das, denkt Kevin. Er ist begeistert. Dann sieht er das misstrauisch verzogene Gesicht seiner Schwester. Ihr Mund öffnet sich: „Ei! Was machen diese dummen Vögel doch für ein Geschrei!“
In einiger Entfernung bewegen sich Kängurus mit Riesensprüngen vorwärts. Ein paar scheinen mit dem Bus um die Wette hüpfen zu wollen. Auch ein paar scheue Dingos kommen hinter Sträuchern hervor. Kevin schreibt in sein Buch: „Ich habe wieder viele Kängurus gesehen. Und einige wilde Hunde.“
In Klammern schreibt er dazu: „Meine Schwester ist eine Zicke.“

Die Gruppe macht sich bereit für den Aufstieg, nachdem sie schon den Weg vom Busparkplatz zum Fuß des Berges gewandert ist.
Kevin macht keine Anstalten zu gehen und sagt: „Nein! Ich möchte da nicht hoch klettern!“
„Aber Kevin! Wozu sind wir denn hergekommen? Komm schon.“, rief sein Vater.
Der Junge zeigt auf eine Gruppe Aborigines: „Sie klettern auch nicht hoch. Er ist ihnen heilig! Wir sollten es auch nicht tun!“
„Aber sie beschweren sich doch nicht. Schau! Sie sitzen nur da und verkaufen ihr buntes Zeug! Sie können froh sein, dass wir hier sind. Tourismus bringt den armen Einheimischen immer etwas Geld ein.“
Die Mutter beschwichtigt: „Na lass ihn schon. Verpasst er eben die Aussicht. Sein Pech. Soll er nur nicht jammern nachher, wenn wir wieder fahren. Willst du nicht doch?“
Kevin schüttelt den Kopf. Worauf sich seine Eltern zusammen mit der Gruppe dem Aufstieg zuwenden. Der Vater ruft ihm zu: „Aber bleib schön hier in der Nähe.“
Die Schwester streckt ihm zum Abschied die Zunge raus. Er kümmert sich nicht darum und ist erleichtert, dass er mal seine Ruhe hat.

Kevin schaut sich in seiner Umgebung um. Sein Blick wandert immer wieder zu der Gruppe Aborigines. Sie wirken gelassen und friedlich. Kevin fragt sich, ob sie auch eine Familie sind. Er ist nicht weit von ihnen entfernt und bemerkt auch die Blicke ihrerseits. Besonders eine alte Frau lässt immer wieder ein Lächeln in Kevins Richtung huschen. Er weiß nicht, ob er zu ihnen hin gehen soll. Was soll er denn sagen, wenn er vor ihnen steht? Als ob die Frau seine Gedanken lesen könnte, hebt sie ihre Hand leicht an und winkt ihn mit einer winzigen Fingerbewegung zu sich hin. Dabei nickt sie lächelnd zur Unterstützung der Geste. Nach einem kurzen Zögern geht Kevin los. Er ist schon etwas aufgeregt, als er ihnen immer näher kommt. Seine Eltern und seine Schwester hat er in diesem Moment völlig vergessen.
Als er bei ihnen ist, lächeln alle noch einmal besonders freundlich zur Begrüßung und die Frau deutet auf den Platz neben sich. Sie sagt auf Englisch: „Setz dich, Junge.“
Sie erzählt, dass sie früher als Mädchen in Diensten von Weißen gestanden hätte und deshalb ihre Sprache gelernt hatte. Dann war sie ausgerissen, hatte ihren Stamm wieder gefunden und etwas später ihren Mann kennen gelernt. Nun sei sie mit ihrer Familie oft hier, um selbst hergestellte Kunstgegenstände zu verkaufen. Die vielen Jahre im Reservat und der lange Kampf um die Zurückgewinnung des Stammesterritoriums hatte das notwendig gemacht. Aber man sei in der Nähe von Uluru. Und das täte ihnen gut.

Brolga erzählt noch vieles mehr und antwortet auf die Fragen, die Kevin an sie richtet: „Was sind das für Vögel, Brolga, die immerzu meckern?“
„Das sind Kookaburras. Ohne sie gäbe es keine Sonne. Jeden Morgen lachen sie miteinander und warten, bis die Geister das Feuer anzünden.“
„Ach… und wenn die Sonne morgens mal nicht scheint…?“
„Dann sind die Kookaburras zu müde und schlafen noch länger. Dann halten die Geister die Glutstücke hinter den Wolken verborgen.“
Vielleicht hundert Meter von ihnen entfernt sitzen zwei Kängurus im Schatten eines Baumes. Kevin möchte von Brolga wissen, wie sie es schaffen, so weit zu springen. Wieder ertönt ihre ruhige Stimme: „Sie haben es vor sehr langer Zeit gelernt, als die großen Feuer in das Land drangen und sie einschlossen. Ihre Vorderläufe wurden versengt, als sie durch das Feuer rennen wollten. Aus Angst und Schmerz wurden Mut und Kraft. So sprangen sie über das Feuer. Und weil sie nicht mehr rennen konnten, hüpften sie fortan nur noch.“

Der Himmel zieht sich langsam zu und der Wind wird stärker. Kevin kann seine Familie nicht sehen. Es sind einfach zu viele Menschen, die sich an den Ketten festhalten und Schritt für Schritt nach oben ziehen. Kevins aufkommende Sorgen um seine Familie entgehen der freundlichen Brolga nicht. Sie beginnt zu sprechen: „Weiter im Norden herrscht zu dieser Jahreszeit der Blitzgeist Namarrkon. Aber er kommt nicht bis hierher. Es kann sich nur um dessen Kinder handeln. Sie sitzen in den Wolken, die von der Großen Schlange geformt wurden.“
Es zucken zwei kurze Blitze etwas nördlich von Uluru. Brolga fährt fort: „Ja. Es sind Namarrkons Kinder. Aber sie haben nur kleine Äxte. Damit spielen sie und versuchen, die Wolken zu spalten. Es wird nicht so schlimm werden.“
Kevin schaut noch immer nachdenklich vom Himmel zum Berg und vom Berg wieder zum Himmel: „Aber was ist, wenn es regnet? Die Felsen werden ja ganz rutschig sein?“
Brolga lächelt dem Jungen zu: „Es wird keinen Regen geben, denn die Große Schlange hat den Himmel heute nicht für ihn freigemacht.“
Kevin möchte mehr über die Große Schlange erfahren: „Wo ist denn die Schlange jetzt?“
Brolga: „Sie lebt schon sehr lange im Berg. Seit er erschaffen wurde. Lange, bevor meine Familie hierher kam. Da war der Berg nur ein Sandhügel. Dann erhob er sich und wurde zu Stein.“
Sie deutet auf eine Wasserstelle am Fuß des Berges: „Durch dieses Wasserloch gelangt sie nach draußen wie nach drinnen. Wenn sie früher über unsere Taten verärgert war, trocknete sie die ganze Umgebung aus und verwandelte sich in einen Regenbogen. All die Menschen, die jetzt herkommen, machen es ihr nicht leicht. Sie bleibt wohl viel unter dem Berg.“

Kevin sieht seine Familie. Er ist einerseits froh, dass ihnen nichts passiert ist. Andererseits ist sein Gespräch mit Brolga auch beendet. Sie weiß es ebenso und reicht Kevin einen bemalten Stein. Die Figur darauf ist ein Emu. Brolga sagt: „Der ist für dich“, und nach einer kurzen Pause, „diesem Vogel verdanke ich meinen Namen.“
Kevin bedankt und verabschiedet sich. Dann entfernt er sich langsam von der Gruppe, denn seine Eltern haben ihm immer gesagt, dass er nicht mit Fremden reden soll. Obwohl die Gruppe für Kevin sicher keine Fremden in dem Sinne mehr darstellen.

Als seine Familie näher kommt, sieht er, dass die Schwester geheult und sich immer noch nicht ganz beruhigt hat. Auch sein Vater ist sauer: „Von diesem Wind stand nichts im Wetterbericht des Hotels. Wir werden uns beschweren.“
Kevin sagt: „Ihr hättet Brolga und die anderen fragen sollen. Sie wussten, dass es windig wird.“
„Wer ist denn Brolga?“
Als Kevin sie ihnen zeigt, sagt der Vater: „Ja, ich habe gesehen, wie du mit ihnen geredet hast. Wollten sie dir etwas verkaufen?“
Und die Mutter fügt hinzu: „Du weißt, dass du bei fremden Leuten vorsichtig sein musst.“
Kevin nickt ernst und lächelt innerlich. In seiner Tasche hat er den Stein von Brolga. Den wird er ihnen jetzt ganz bestimmt nicht zeigen…

Letzte Aktualisierung: 27.11.2006 - 14.04 Uhr
Dieser Text enthält 7915 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2018 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.