Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Daniel Schmidt IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
November 2006
Hetu'u
von Daniel Schmidt

Hetu'u* spielte am Strand des großen dunklen Sees. Über ihr zog eine kleine weiße Wolke gemächlich am blauen Himmel entlang. Ihre Großmutter saß nur wenige Meter entfernt im warmen Sand und war dabei, einen Korb aus langen Blättern zu flechten. Die zwei befanden sich im Krater eines längst erloschenen Vulkans. Nur ein paar Vögel unterbrachen ab und zu die Stille.

'Oma, warum darf ich nicht in den See?' Hetu'u hielt ihre sandigen H√§nde weit vorgestreckt, um ihre Gro√ümutter von der Notwendigkeit eines Bades zu √ľberzeugen. Diese holte ein Tuch aus ihrem Umhang und wischte damit die H√§nde ihrer Enkelin sauber.
'Setz dich zu mir. Ich werde dir eine Geschichte erz√§hlen, du bist inzwischen alt genug daf√ľr.'

Hetu'u setzte sich dicht neben ihre Großmutter, um ja kein Wort zu verpassen. Sie liebte Geschichten und Oma war eine gute Geschichtenerzählerin.

'Es ist schon lange her, als ich noch nicht lebte und auch meine Gro√ümutter noch nicht lebte und deren Gro√ümutter auch noch nicht, da fuhren tapfere Menschen mit gro√üen schnellen Booten √ľber das Meer, auf der Suche nach neuem Land, nach einer neuen Heimat. Sie waren schon viele Tage unterwegs, als sie in der Ferne ein paar V√∂gel am Himmel entdeckten. Und bald sahen sie auch das Land, eine kleine gr√ľne Insel mitten im Ozean. Was sie fanden, war das Paradies. Die ganze Insel war ein Garten, in dem tausende Fr√ľchte drauf warteten, gepfl√ľckt zu werden. Sie bauten sich H√ľtten und St√§lle f√ľr die H√ľhner, die sie mitgebracht hatten. Sie sangen ihre Lieder und lebten in den Tag hinein. Ihnen fehlte es an nichts.

Doch schon bald war es ihnen zu langweilig, den ganzen Tag nichts zu tun und so begannen sie, die Stunden mit dem Herstellen von Steinfiguren zu f√ľllen. Sie hatten das in ihrer ehemaligen Heimat gelernt und verbesserten ihre F√§higkeiten jetzt zur Perfektion. Sie teilten sich die Arbeit auf, die kr√§ftigen M√§nner schlugen grob geformte Rohlinge aus dem Vulkangestein, w√§hrend sich andere um die Feinheiten k√ľmmerten. Die Frauen versorgten die H√ľhner und kochten das Essen.

Wann immer eine Figur vollendet wurde, feierten sie ein gro√ües Fest, w√§hrend die Figur an ihren Platz gezogen wurde. Das konnte einige Tage dauern, aber Zeit hatten sie genug. Am Ende wurden die Figuren aufgestellt und Augen aus Muschelschalen eingesetzt. Nun waren sie heilig und besch√ľtzten die Insel und deren Bewohner.

So lebten sie viele, viele Jahre, bis eines Tages ein neues Schiff eintraf. An Bord waren nur M√§nner, gro√üe kr√§ftige Krieger. Sie wurden freundlich aufgenommen und man stellte fest, dass ihre Sprache sehr √§hnlich war, dass sie wahrscheinlich aus dem gleichen Land kamen. Sie feierten, bauten neue H√ľtten und lebten von nun an zusammen. Die Krieger lernten schnell, wie man Steinfiguren mei√üelt und so arbeiteten sie gemeinsam an der Vollendung ihres Werkes. Alles war friedlich.

Doch im Laufe der Zeit, anfangs war es nur ein Spiel, begannen die einzelnen Gr√ľppchen einen Wettstreit, wer die gr√∂√üten und sch√∂nsten und die meisten Figuren baut. Sie holzten nach und nach den Palmenwald ab, weil sie das Holz brauchten, um die Statuen zu st√ľtzen und zu transportieren. Sie k√ľmmerten sich nicht mehr um ihre Felder sondern arbeiteten wie besessen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und so kam es, dass die Vorr√§te knapp wurden. Die Menschen hatten nichts mehr zu essen. Sie begannen sich zu streiten, bestahlen sich und schlie√ülich fingen sie an, gegeneinander zu k√§mpfen. Sie warfen die Figuren um, die von den jeweils anderen geschaffen worden waren und kratzten ihre Augen aus, um ihnen die besch√ľtzende Kraft zu nehmen.

Die Krieger waren im Vorteil, sie wussten, wie man Waffen baut und auch, wie man sie benutzt. Bald schon unterdr√ľckten sie die Erstank√∂mmlinge und teilten die wenigen Fr√ľchte, die auf dem kargen Boden noch wuchsen, unter sich auf. Es waren schlimme Zeiten, doch sie sollten noch schlimmer werden. Die Unterdr√ľckten hatten noch nicht aufgegeben und eines Nachts nahmen sie all ihren Mut zusammen. Mit angespitzten St√∂cken und Stein√§xten gingen sie auf ihre Peiniger los, doch es war aussichtslos. Viele von ihnen wurden get√∂tet, die anderen flohen auf den Vulkan.

Die Wochen danach waren eine einzige Qual. Die Krieger hielten auf dem Kraterrand Wache, so dass keiner der Eingeschlossenen fliehen konnte. Sie hatten zwar Wasser, aber keine feste Nahrung. Von Tag zu Tag schwanden ihre Kräfte.

Als sie kaum noch genug Kraft hatten, sich auf den Beinen zu halten, kamen die Krieger und holten sich die Frauen und ihre T√∂chter. Sie schleppten sie fort zu ihren H√ľtten, wo sie f√ľr sie arbeiten mussten.

Die im Krater gefangenen Männer sollten verhungern, das war der Plan. Doch das taten sie nicht. Stattdessen gingen sie in den See, schnitten sich mit scharfen Steinen die Adern auf und ließen sich in die Tiefe sinken.
Ihr Blut färbte das Wasser rot und ihre Körper sanken zu Boden, bis heute sind sie nicht wieder aufgetaucht. Ihre Seelen schwimmen im See und warten darauf, dass jemand ins Wasser steigt, an dem sie sich rächen können.

Seit dem hat keiner mehr einen Schritt hinein gewagt und deswegen, meine liebe Hetu'u, darfst du nicht im See baden. Sie w√ľrden dich t√∂ten!'

'Aber wieso? Ich habe doch niemandem was getan!'

'Du bist das Kind eines Kriegers, wie wir alle.'

Hetu'u schwieg eine Weile. Dann fragte sie ihre Großmutter: 'Was geschah danach?'

'Du willst wissen, wie die Geschichte weiter ging? Das Leben wurde nicht leichter. Der See des Vulkans speist einen unterirdischen Fluss. Er versorgt die wenigen fruchtbaren Flächen mit Wasser. Doch nun war das Wasser verflucht. Die Krieger hatten zu viel Angst vor der Macht der Seelen und so wurde auf den Feldern nichts mehr angebaut. Sie wagten sich nicht einmal mehr in die Nähe.

Sie sammelten Regenwasser und bew√§sserten damit andere Stellen, die sonst immer trocken waren. So konnten sie ein paar Fr√ľchte anbauen, genug, um nicht zu verhungern aber zu wenig, um sich weiter zu entwickeln. Es wurde nie wieder richtig friedlich, st√§ndig gab es Streit zwischen den Familien, die Gesichter der Frauen klagten die M√§nner jeden Tag an.

Sie verboten ihnen, alte Traditionen zu pflegen. Die Steinfiguren blieben liegen, das Wissen, wie man sie baut, verschwand. Das Kunsthandwerk geriet in Vergessenheit, es durften nur noch die Dinge erstellt werden, die unbedingt zum Leben notwendig waren. Alles war knapp. Und weil es nichts mehr zu feiern gab, verschwanden auch die Lieder und die T√§nze. Nur einige wenige wurden heimlich von den M√ľttern an ihre T√∂chter weiter gegeben. Die S√∂hne erzogen sie zu Kriegern, obgleich es niemanden mehr zu bek√§mpfen gab.

Und so ist es bis heute geblieben. Wir haben keine Hoffnung mehr. Wir haben nur unsere Sehnsucht und diesen See, in dem unsere Vorväter begraben sind.'

Hetu'u schaute zu ihrer Großmutter. 'Wirst du mich die Tänze lehren und die Lieder?'

Sie l√§chelte und strich ihrer Enkelin √ľbers Haar. 'Nat√ľrlich werde ich das.'

Hetu'u l√§chelte zur√ľck und drehte dann ihre Kopf in Richtung des Sees. 'Ich glaube nicht, ' sagte sie 'dass sie mir etwas tun werden. In meinem Herzen geh√∂re ich zu ihnen!' Und ehe ihre Gro√ümutter etwas erwidern konnte, sprang sie auf und rannte in den See. Sie tauchte unter und ihre Gro√ümutter hielt den Atem an, glaubte, dass ihr Herz jeden Moment aufh√∂ren w√ľrde zu schlagen.

Doch pl√∂tzlich schien es, als w√ľrde sich die Farbe des Sees ver√§ndern, Hetu'u tauchte wieder auf und von der Stelle, an der sie schwamm, breitete sich ein Licht aus, das den ganzen See erhellte. Freudestrahlend kam sie aus dem Wasser.

'Ich glaube, wir sollten die alten Felder wieder bestellen.'

Ihre Großmutter hatte Tränen in den Augen.



_________________________________________
* Hetu'u heißt Stern

Anmerkung: Diese Geschichte lehnt sich an die Geschichte der Osterinseln an. Wer mehr dar√ľber wissen will, kann ja mal googeln ;-)

Letzte Aktualisierung: 26.11.2006 - 17.09 Uhr
Dieser Text enthšlt 7937 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.