'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Dezember 2006
Tanti
von Susanne Ruitenberg

Dr. Römer zog Fach 37b heraus.
Kommissar Bernauer beugte sich über die Bahre. „Todesursache?“
„Erwürgt. Danach die übliche Behandlung.“
Bernauer blickte auf das Gesicht des Opfers. Anstelle des Mundes klaffte ein blutiges Loch. Der Täter hatte den Schnitt knapp unterhalb der Nase angesetzt, beidseitig im Bogen über die Wangen nach unten geführt, dann heftig an der abgelösten Haut gezogen. In der Mitte des Kinns endete die Öffnung in Fetzen. Lipkiller nannte die Boulevardpresse ihn seit dem zweiten Mord.
„’Behandlung’ sagst du dazu. Pathologen!“ Bernauer hatte in seinen fünfundzwanzig Dienstjahren manche Grausamkeit gesehen. Diese Mordserie schlug alles.
„Wie lange geht das jetzt?“, fragte Römer.
„Seit November 2005. Jeden Monat eine. Unscheinbare, dickliche Frauen um die fünfzig.“
„Die hier ist deutlich älter. Und die Verstümmelung wirkt – heftiger. Als hätte er sich bei ihr besondere Mühe gegeben.“
„Ich weiß, was du meinst.“ Bernauer nickte. „Ich möchte mir nicht ausmalen, wie lange er weiter gemacht hätte. Kein Fehler, keine Spur. Und heute ...“
„Heißt das, ihr habt ihn?“
„Ja. Es klingt verrückt. Er ist neben der Leiche sitzen geblieben. Im Englischen Garten, auf einer Parkbank. Ein Jogger hat sie gefunden. Er sagte, ohne das blutige Loch hätte man sie für pausierende Spaziergänger halten können.“
„Er saß einfach daneben?“
„Mit einem seligen Lächeln und stumm wie eine Statue. Skalpell und Hautfetzen hatte er in der Hand. Ich konnte ihn ohne jede Gegenwehr verhaften.“
„Und jetzt?“
„Sitzt er in Verhörraum B und sagt kein Wort. Ich habe es den ganzen Morgen versucht. Keine Reaktion.“
„Na, dann viel Glück.“
„Danke.“

Auf der Fahrt ins Polizeipräsidium dachte er über die Morde nach. Dreizehn Frauen. Erwürgt, erstochen, erschlagen, als probiere der Mörder alle Methoden aus. „Warum tut ein Mensch so was?“, fragte Bernauer.

Kurze Zeit später betrat er den Verhörraum mit Dr. Mücke, dem Psychologen. Der Täter saß mit gefalteten Händen da.
„Hallo. Können Sie mich verstehen?“
Er sah den Kommissar freundlich an und lächelte.
Bernauer holte Fotos aus einem Umschlag und breitete sie auf dem Tisch aus. „Warum haben Sie das getan?“
Der Täter blickte nach unten. Er hob eines hoch, nickte, legte es wieder hin, schob die Aufnahmen herum, und sortierte sie in chronologische Folge der Morde. Dann blickte er dem Kommissar in die Augen, das Lächeln triumphierend, wie ein Kind, das gerade eine schwierige Aufgabe gemeistert hat. Bernauer unterdrückte ein Schaudern. Er nickte Mücke zu, sie verließen den Raum. „Jetzt ist eindeutig, dass er es war. Hast du eine Idee, wie wir weitermachen können?“
Mücke schüttelte den Kopf. „Er hat sich in seine eigene Welt zurückgezogen. Wir müssen herausfinden, wo er ist. Und warum.“
Bernauer ließ den Täter in Mückes Obhut.

Im Flur sprach ihn ein Kollege an. „Olaf, da ist eine Frau, die zwei Personen als vermisst meldet. Beschreibung könnte auf Täter und Opfer passen, sie ist in deinem Büro.“

Auf Bernauers Besucherstuhl saß eine Frau um die fünfzig. Sie hielt zwei Fotos in der Hand.
„Guten Tag, ich bin Kommissar Bernauer. Sie möchten eine Vermisstenanzeige aufgeben, Frau ...?“
„Annelie Münchhof. Ja.“ Sie hielt ihm die Fotos hin. Bernauer betrachtete sie. Ein Portrait einer etwa Siebzigjährigen, die Frau Münchhof ähnlich sah, und ein junger Mann. Bernauer erstarrte. Das war der Täter! Die Frau musste das heutige Opfer sein, er erkannte sie an den Augenbrauen.
„Finden Sie sie, oh bitte finden Sie sie.“ Die Fotos wackelten, so sehr zitterte ihre Hand.
„Wer sind die Personen?“, frage Bernauer behutsam.
„Meine Schwester Huberta und mein Sohn Ludwig.“
Bernauer zog einen Schreibblock heran. „Seit wann vermissen Sie sie?“
„Ich war über Nacht weg. Als ich heute Morgen heimkam, war das Haus leer. Ich verstehe das nicht. Meine Schwester geht nie aus. Sie ist gehbehindert. Deshalb wohnt sie bei mir. Ludwig sollte sie versorgen. Er hat die Dachwohnung, wissen Sie.“ Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen.
Bernauer stand auf. „Kommen Sie bitte mit.“ Verwirrt folgte ihm Frau Münchhof zum Verhörraum. Im Vorbeigehen winkte er Mücke hinzu.
„Ist das Ihr Sohn?“
„Ludwig! Warum sitzt er da drin?“ Sie drückte die Handflächen auf das Fenster, als suche sie Kontakt.
Bernauer führte sie in den Nebenraum. Er ließ die Tür auf. „Setzen Sie sich einen Moment, bitte. Das ist mein Kollege Ralf Mücke.“ Der Psychologe zog einen Stuhl herbei und schob ihn Frau Münchhof hin.
Bernauer nahm ein Foto der letzten Leiche. Er klebte ein Stück Papier auf die Verstümmelung, ging zu Frau Münchhof und zeigte ihr die Aufnahme. „Könnte das Ihre Schwester sein?“
„Berta! Ja, das ist sie. Was ist passiert? Kann ich sie sehen?“
„Frau Münchhof, es tut mir sehr Leid. Ihre Schwester ist tot. Wir müssen davon ausgehen, dass es Ihr Sohn war.“
„Ludwig? Aber warum ...„
„Wir haben ihn neben der Leiche gefunden. Mit dem Tatwerkzeug in der Hand.“
„Wiggerl! Das ist ja schrecklich! Darf ich zu ihm?“
Mücke nickte kaum merklich.
„Kommen Sie. Vielleicht sagt er etwas, wenn er Sie sieht.“

Zu dritt setzten sie sich zu Ludwig. Mit einem strahlenden Lächeln empfing er seine Mutter.
„Ludwig? Wiggerl? Der Kommissar sagt dass du Berti getötet hättest.“
Ludwig lächelte.
„Erkennen Sie ihre Mutter?“, versuchte es Mücke.
Ludwig sah ihn ausdruckslos an.
Bernauer hielt ihm die Fotos von Berta, lebend, und Berta, tot, hin. Frau Münchhof stieß einen Schrei aus.
„Ludwig. Sehen Sie sich das an. Warum haben Sie ihre Tante getötet? Warum haben Sie ihren Mund heraus geschnitten?“ Ludwig lächelte.
Seine Mutter weinte leise. „Ich verstehe das nicht. Er ist ein guter Junge. Lebt still und zurückgezogen in seiner Dachwohnung, arbeitet fleißig, keine Weibergeschichten. Kann es kein Irrtum sein?“ Mit Tränen in den Augen sah sie den Kommissar an. Wie oft hatte Bernauer ein derartiges Flehen bei Angehörigen von Tätern schon gesehen.
„Alle Indizien zeigen an, dass er es war, leider kann ich Ihnen nichts Anderes sagen, Frau Münchhof.“ Ihr Weinen wurde lauter. Ludwig reagierte auch jetzt nicht.
„Kommen Sie, wir gehen in mein Büro, ich habe ein paar Fragen an Sie.“ Bernauer half der Frau auf die Beine. Unsicher trat sie auf ihren Sohn zu. Bernauer wollte sie wegziehen, Mücke schüttelte den Kopf und sagte leise „Warte.“
„Ludwig?“ Sie wischte sich die Tränen ab. „Ich bin gleich wieder da.“ Sie fasste ihren Sohn bei den Schultern, wollte ihm einen Kuss auf die Wange drücken. Auf einmal änderte sich sein Gesichtsausdruck. Das selige Lächeln wich blankem Entsetzen, als die Lippen seiner Mutter näher kamen.
„Nein, kein Kuss, kein Kuss!“, kreischte er und hielt die Arme über seinen Kopf, langsam zurückweichend, bis er in der Ecke zu Boden sank.
„Ludwig. Was ist?“, fragte Mücke.
Ludwig schüttelte den Kopf, im gleichen Rhythmus wiederholte er „Nein, nein ...“ Seine Stimme klang seltsam hoch.
„Ludwig. Wo bist du?“, fragte Mücke.
„Daheim. Schule ist aus.“
Bernauer und Mücke tauschten überraschte Blicke. „Regression“, sagte Mücke leise.
„Wovor hast du Angst?“
„Tante Berti.“
„Warum hast du Angst vor Tante Berti?“
„Ihr Mund.“ Ludwig verzog das Gesicht zu einem angewiderten Ausdruck.
Ihr Mund? Bernauer spürte, dass sie sich dem Grund für die Mordserie näherten. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Frau Münchhof gebannt zuhörte, dabei ein Taschentuch zerknüllte.
„Was ist damit?“
„So. Entsetzlich. Groß.“ Ludwig würgte. Dann fuhr er fort, seine Worte gehetzt, atemlos hinaus gestoßen, als hätte er Unaussprechliches verschluckt, an dem er zu ersticken drohte.
„Immer stürzt sie sich auf mich. Sie ist so wabbelig. Und dann ...“ Er wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt. Mücke ging in die Hocke und streichelte ihm sanft über den Kopf.
„Was, Ludwig? Du kannst mir alles sagen.“
„Dann kommt ihr dicker nasser Mund und küsst mich, überall. Wenn Mama nicht da ist, zieht sie mich aus, beißt und leckt mich, ach der süße Babyspeck. Ich bin kein Baby. Ich will das nicht. Aber ich darf nichts erzählen. Wenn ich was sage, hat Mama mich nicht mehr lieb. Tante Berti hat mich lieb. Wenn sie da ist, träum ich vom dunklen Wald. Da ist ein dicker roter nasser Mund, riesengroß, der jagt mich. Wenn er mich gefangen hat, wird er mich auffressen. Ich will nicht gefressen werden, ich hab so große Ahangst.“ Er legte den Kopf auf seine Knie und weinte wie ein Kind.
Bernauer sah Frau Münchhof an. „Ergibt das einen Sinn für Sie?“
„Meine Schwester war fünfzehn Jahre älter als ich. Sie hat nie geheiratet. Nachdem mein Mann gestorben ist, Wiggerl war drei, kam sie uns ständig besuchen. Er hatte als Kind Alpträume.“
„Ist Ihnen nichts aufgefallen?“
„Nein, wenn ich dabei war, benahmen sie sich völlig normal. Nur die furchtbaren Träume, Nacht für Nacht, er konnte sich nie daran erinnern. Als er zehn war, ist Berti nach Gran Canaria ausgewandert. Die Träume verschwanden. Erst, als das letztes Jahr mit ihren Beinen so schlimm wurde, kam sie zurück.“
„Was hat Ihr Sohn dazu gesagt?“
„Ich dachte er freut sich. Er war wie immer.“ Sie runzelte die Stirn. Plötzlich riss sie die Augen auf, ihr Gesicht wurde fahl wie ein Novemberhimmel. „Oh mein Gott.“
„Was?“
Ihre Augen sahen an Bernauer vorbei, als sähe sie in ihrem Kopf einen Film ablaufen.
„Mir Berti kamen seine Träume zurück. Er schrie wieder, fast jede Nacht. Immer zwei Wochen lang. Dann war eine Zeitlang Ruhe, bis es von vorne anfing. Ich wollte ihn zum Arzt schicken, er weigerte sich.“
„Das erklärt den Rhythmus der Morde“, sagte Bernauer zu Mücke, „er hat erst Ersatztanten umgebracht. Als das nicht reichte, nahm er sich die Echte vor.“
„Morde? Etwa DIE Morde? Der Mund! Oh Gott, ich habe davon gelesen. Der Lipkiller. Mein Sohn ist der Lipkiller. Warum?“
Sie fiel vor ihrem Sohn auf die Knie und umfasste seine Beine.
„Berti“, kreischte sie, „du neidisches Mistweib, konntest du mir mein Leben nicht gönnen, weil du keinen Mann abgekriegt hast? Was hast du meinem Sohn angetan? Du hast ihn zum Monster gemacht, nur du allein!“

Vom lächelnden Blick des Täters gefolgt, führte der Kommissar die schluchzende Frau aus dem Verhörraum.

Letzte Aktualisierung: 27.12.2006 - 20.09 Uhr
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