Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Dezember 2006
Voluptas
von Melanie Conzelmann

Anja seufzte, als sie kurz vor Feierabend durch die Ausstellung ‚Der Kuss – Die Paare’ ging, und nach dem Rechten schaute. Welch eine Ironie, hier zu arbeiten. Umgeben von lebensgroßen Skulpturen, die Liebende darstellten, während sie selbst unglücklich verliebt war.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich für ein paar Takte, als sie an heute Morgen dachte. Sie war zusammen mit Peter für die Eintrittskasse zuständig gewesen. Beim Herausgeben des Wechselgeldes hatten sich ihre Hände zufällig berührt. Anjas Hand war zurückgezuckt, er hatte nur gelächelt. Immer lächelte er nur.
Was er wohl von ihr dachte? Doch auf diese Frage würde sie keine Antwort bekommen, denn flirten gehörte nicht zu ihren Talenten. Immer wurde sie rot und stammelte zusammenhanglose Sätze. Dieses Prickeln in der Magengegend brachte sie jedes Mal aus dem Konzept, und sie hatte sich geschworen, sich nicht zu blamieren.

Eine alte Frau lenkte Anja von ihren trüben Gedanken ab.
Sie war ihr schon vorhin bei der Skulptur ‚Amor und Psyche’ aufgefallen. Noch immer stand sie dort, bewegungslos in ihre Betrachtung versunken, als wäre sie selbst ein Teil von ihnen.
Entschlossen ging Anja auf die Dame zu: „Verzeihung, wir schließen gleich!“
Die Alte schien nichts zu hören. Sie starrte weiterhin auf das Liebespaar, als wäre sie hypnotisiert. Der Jüngling und die Frau wurden in ihrer Umarmung eins. Er halb über seiner Angebeteten liegend, Haare und Gliedmaßen miteinander verschlungen.
Langsam hob die Dame eine Hand und strich über den Unterarm des Jünglings, der zärtlich die Taille der Geliebten umfasste.
„Ist alles in Ordnung? Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Anja.
Die Frau antwortete nicht. Stattdessen sagte sie gedankenverloren:
„Sie haben eine göttliche Tochter, wissen Sie?“
„Wer?“ Anja war verwirrt. Die Alte nickte mit dem Kopf in Richtung Skulptur und sagte, als wenn es nichts Selbstverständlicheres gäbe:
„Amor und Psyche.“
„Ah!“ Anja kannte sich mit der Geschichte der Figuren nicht gut aus, fand es aber merkwürdig, dass jemand über sie redete, als wären sie real.
„Ihr Name ist Voluptas.“, mit diesen Worten drehte sich die Frau zu Anja um. Ihre grünen Augen blitzten, hielten Anjas Blick gefangen und schienen den Grund ihrer Seele zu betrachten.
„Aber niemand erinnert sich mehr an sie.“
Die Frau ließ Anja ohne Abschiedsgruß stehen.

Die Worte der Alten gingen Anja nicht mehr aus dem Kopf. Hatte sie nicht ein Buch, das das antike Märchen enthielt?
Am Abend schlüpfte sie ins Bett und begann zu lesen. Schnell war sie von der Geschichte gefangen die von Verführung, Verrat, Neid und Liebe erzählte.
Tränen glänzten in ihren Augen, als sie mit der armen Psyche litt. Anja stellte freudig fest, dass die Geschichte gut ausging und mit der Geburt einer Tochter endete: Voluptas.
„Schön!“, seufzte Anja leidenschaftlich und begann wieder von vorne zu lesen. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, es war schon spät. Müde lehnte Anja sich zurück und dachte an die Skulptur aus der Ausstellung. Das Bild wurde vor ihren Augen lebendig und sehnsüchtig beobachtete sie, wie Armor süße Küsse auf Psyches nacktem Körper verteilte. Anja konnte die Küsse fühlen, spürte, wie seine weichen Lippen eine feuchte Spur auf ihrer Haut hinterließen. Es war stockdunkel. Seine Hand strich aufreizend langsam über ihren Oberschenkel, legte sich dann federleicht auf die weiche Stelle zwischen ihren Beinen, während sein Mund ein köstliches Prickeln von ihrer Brustwarze durch den gesamten Körper schickte.
Sie stöhnte leise, hob ihre Hüften, um sich gegen ihn zu pressen, mehr von ihm zu spüren, immer mehr. Seine Lippen wanderten über ihre Brust zum Hals, zärtlich biss er sie in die Schulter und gab gleichzeitig ihrem Drängen mit einer kräftigen Bewegung seiner Hüften nach.
Anja keuchte. Sie krallte ihre Finger in seine Pobacken, zog ihn näher zu sich und beide verschmolzen in einem Rhythmus, der sie auf den Schwingen der Leidenschaft davontrug.
Plötzlich flammte ein Lampe auf. Anja öffnete die Augen. Sie war nicht überrascht als sie Peter im Lichtschein über ihr sah.
Eigenartig waren die Flügel, Peter hatte Flügel.

Bebend wachte Anja auf. Ihr Atem ging schnell und das ungezügelte Feuer brannte noch immer in ihr. Aufgewühlt stand sie auf und machte sich für die Arbeit fertig.

Die Ausstellung hatte ihre Pforten noch nicht lange geöffnet, als Anja die alte Dame wieder bei Amor und Psyche stehen sah. Die Frau hatte Anja ebenfalls entdeckt und winkte sie zu sich.
„Mein Kind, was halten Sie von Amor und Psyche?“, fragte die Dame, ohne Umschweife.
„Was? Ach so, Amor und Psyche.“ Hatte die Alte sie zu sich gewunken, nur um das zu fragen?
„Nun ja, die Liebesgeschichte hat mich berührt und ich finde den Namen den sie ihrer Tochter zum Schluss geben sehr passend: Voluptas – sinnliches Vergnügen.“
Die Frau lächelte, plötzlich sah sie gar nicht mehr so alt aus. Sie umfasste Anjas Gesicht mit beiden Händen und sagte: „Sie sind hübsch und jung. Sie brauchen jemanden, der Sie liebt!“ Die alte Dame tätschelte Anjas Wange, drehte sich um und betrachtete wieder die Figuren. „Rodin hat sie gut getroffen. Nur Amors Flügel fehlen!“, sagte sie kopfschüttelnd. Anja war perplex. Sie war noch nie von einer fremden Frau in aller Öffentlichkeit so behandelt worden. Und zu allem Überfluss hatte die Alte auch noch Recht!
Anja murmelte einen Abschiedsgruß und ging zum nächsten Ausstellungsraum.
Am Durchgang stand Peter.
Das Traumbild nahm in ihrem Kopf Gestalt an: Peter über ihr, ihre Hände an seinem Po.
Anjas Wangen brannten, sie schaute schnell in die andere Richtung und ging zielstrebig weiter, als hätte sie etwas Wichtiges zu tun. Doch ihre Rechnung ging nicht auf.
„Anja! Hast Du einen Moment Zeit?“, seine Stimme brachte Saiten in ihr zum klingen, die besser stumm geblieben wären. Heftig drehte sich Anja um und wäre fast mit Peter zusammengestoßen.
„Hoppla! Hast du es eilig? Ich will dich nicht lange aufhalten.“, er lächelte, schon wieder. „Ich wollte dich nur bitten, mit mir heute Abend essen zu gehen.“
„Oh!“, ihr Blick flog verwundert zu der alten Dame, die immer noch vor Amor und Psyche stand. „Ja, sehr gern, sogar!“ Anja war überrascht, dass ihr dieser Satz ohne Stottern gelungen war.
„Schön.“, Peter war ihrem Blick gefolgt. „Seltsame alte Frau, nicht wahr?“
„Das kann man sagen!“
„Gestern hat sie mir eine Geschichte erzählt. Von Amor und Psyche. Und Voluptas.“
Anja sah Peter an.
Er räusperte sich und meinte: „Danach hatte ich einen Traum …“ Er errötete und schwieg.
Dann sagte er: „Sie hat so außergewöhnliche Augen, findest du nicht? Irgendwie – unsterblich!“

Anmerkung:
Die Ausstellung ‚Der Kuss – Die Paare’ ist tatsächlich vom 22. September 2006 bis zum 07. Januar 2007 in der Hypo Kunsthalle in München zu sehen.

Letzte Aktualisierung: 26.12.2006 - 07.25 Uhr
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