Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Dezember 2006
Vogelfrei
von Claudia Göpel


Ich habe aufgehört, die Tage zu zählen. Oder sind es gar Wochen, Monate?
Schmerzlich erinnere ich mich an die vergangene Freiheit, die grenzenlose Weite. Aber sie haben mich erwischt, haben mich tatsächlich geschnappt, mit einem simplen Trick gefangen! Ahnungslos bin ich ihnen ins Netz gegangen.
Nun sitze ich in meinem Gefängnis und warte auf den nächsten Tag, wie jeden Tag. Sie wollen, dass ich rede, aber das werde ich nicht! Wenigstens kann ich die Sonne sehen, wenn ich nah am Fenster stehe. Ab und zu wird es geöffnet, dann rieche ich den schwindenden Herbst, blicke auf die entblätterten Bäume, die staubige Straße. Nur die Gitterstäbe stören.
Unten sehe ich sie. Immer zur selben Zeit. Sie sitzt auf einer Bank, direkt am Haus, knabbert Sonnenblumenkerne und schaut umher. Manchmal schweift ihr Blick zu mir hoch, nur kurz, das Gitter schreckt sie wohl ab. Mein Rufen ignoriert sie. Sie ist unerreichbar für mich. Aber diesmal wird es anders sein, muss es anders sein! Ich sehe aus dem Fenster und warte auf Inspiration, die Augen fest auf die Schöne gerichtet. Da! Der Schatten. Ich habe ihn nicht erhofft, dennoch ist er da, scheint ihr nicht aufzufallen. Ich springe vor Aufregung auf und nieder, werfe mich gegen das Metall, schreie. Hört sie mich nicht? Du musst verschwinden, Kleine! Hau ab! Spürst du nicht die Gefahr?
Hinter mir wird eine Tür aufgerissen. Kommen sie, um mich zu beruhigen? Ich hüpfe hin und her, spüre einen Windstoß, mit einem Krachen schlägt der Fensterflügel zu. Einmal, zweimal. Die Erschütterung lässt mein Gefängnis wanken, Hände greifen nach den Gitterstäben, doch ich falle schon. Falle. Nein, ich fliege. Endlos lange, nach unten.
Der Aufprall ist wie eine Befreiung, die Tür meines Kerkers springt auf, benommen taumele ich nach draußen. Wenige Meter vor mir sehe ich meine Angebetete. Das Ereignis hat sie kaum irritiert. Immer noch sitzt sie auf der Bank, knabbert Ökosamen und bemerkt den näher kommenden Schatten nicht.
Flieg weg, denke ich, schreie ich. Meine Stimme überschlägt sich. Erstaunt blickt sie mich an, dann erhebt sie sich tatsächlich in die Luft. Mit letzter Kraft folge ich ihr, und wir landen gemeinsam auf einem kahlen Ast, hoch über der Erde. Der fette Kater maunzt verärgert, der ramponierte Käfig rollt klirrend über den Gehweg und aus dem Fenster gegenüber pfeift ein Mensch.
Ich spüre, wie sie sich dankbar an mich schmiegt und genieße die unerwartete Nähe. Ihr schnäbelnder Kuss entschädigt mich für die letzten Tage, Wochen, Monate…

@Claudia Göpel
12.12.2006

Letzte Aktualisierung: 18.12.2006 - 01.18 Uhr
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