Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Dezember 2006
Abenddämmerung
von Alexander Reitmann

André hatte wenig geschlafen, denn die Gedanken an Maja hatten ihn bis lange nach Sonnenuntergang wachgehalten. Es war nichts Neues für ihn. Viel eher eine Tatsache, mit der zu leben er lernen musste. Regelmäßig hörte er jenes Lied, das einst nur ihnen beiden gewidmet zu sein schien. Der Soundtrack der vergangenen zwei Jahre; die gesungenen Worte erinnerten ihn mit zunehmendem Kummer an den Moment, als er das erste Mal in ihre dunklen Augen geblickt hatte.
I’m here without you baby…
Nie war diese Zeile passender gewesen als in den letzten Wochen. Sie hatte ihn allein gelassen und seit dem grausamen Abschiedsmoment sehnte er sich danach, wieder tief in diese Augen blicken zu können. Er wollte ihre Lippen küssen und die glatte Haut unter seinen Fingerspitzen fühlen.
Maja, wo bist du nur?
Die Antwort darauf raubte André den Schlaf: Sie hatte ihn mit der Begründung verlassen, dass sie nicht mehr die selben Gefühle wie zu Beginn der zwei Jahre für ihn empfand. Das intensive Gefühl der unbekümmerten Teenagerliebe war verflogen. Mit der Entscheidung, ihrer Beziehung ein Ende zu setzen, hatte sie ihn in eine qualvolle Leere gestürzt. An den Ort, an dem das Herz in Fetzen gerissen wird. Und doch fand er keine Erlösung.
Er hoffte noch immer, dass Maja eines Tages zu ihm zurückkehren würde. Doch es blieben Tagträume, in denen sie ihm sagte, wie leid es ihr tat. Dann küsste sie ihn und schwor, dass nie wieder etwas zwischen ihnen stehen würde.
Jedes Mal stellte er dann ernüchternd fest, dass er einsam war. In solchen Momenten trauerte er ihr verzweifelt nach, weil er nicht glauben wollte, dass jemand anderes ihren Platz einnehmen könnte. Die zwei Jahre waren (insbesondere für einen Heranwachsenden wie ihn) eine sehr wichtige Zeit gewesen und er konnte unmöglich akzeptieren, dass sie nun nicht mehr Teil seines Lebens war. In jedem anderen Alter hätte er sie wahrscheinlich vergessen können. Doch mit Neunzehn glaubte er, dass jeder weitere Atemzug ohne sie keinen Sinn mehr hatte.
Kurz vor Sonnenaufgang hatte er eine SMS bekommen. Maja hatte ihn gebeten, so bald wie möglich zu einem Haus in einem kleinen Dorf zu kommen. Sie erwähnte nicht, weshalb sie ihn sehen wollte. Trotzdem war Hoffnung in ihm aufgekeimt. Als er jedoch kurze Zeit später ankam und aus dem Fenster seines Wagens blickte, konnte er sie nirgends sehen.
André parkte, stieg aus und ging einige Meter den menschenleeren Bürgersteig entlang. Über eine leere Einfahrt betrat er das Grundstück. Am Rande des überblickbaren Gartens stehend konnte er sich vorstellen, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Dunkle Bierflaschen ragten verstreut wie kleine, schiefe Grabsteine aus dem grünen Gras. Bunte Spielkarten lagen als flacher Haufen neben einer zu Asche heruntergebrannten Feuerstelle.
Auf der Hausveranda standen halbleere Flaschen, deren hochprozentiger Inhalt die Luft mit einem unverwechselbaren Geruch verpestete. André warf ihnen einen kurzen Blick zu und ging verunsichert weiter durch die nur angelehnte Haustür.
Drinnen fand er sich in einem leergeräumten Flur wieder. Auf der Tapete verrieten helle Rechtecke, wo ehemals Bilder gehangen hatten und durch offene Türen konnte er Schlafsäcke wie Leichenbündel in den Zimmern liegen sehen. Irgendwoher kam ein leises Schnarchen, während der ekelerregende Alkoholdunst aus den Wänden zu quellen schien.
Sein Weg führte ihn den kahlen Flur entlang in das Wohnzimmer. Im Türrahmen stehend sah er eine alte Couchgarnitur, deren graues Polster zarte Flecken bedeckten. Durch die vorgezogenen Gardinen fiel mattes Morgenlicht ein und tauchte alles in eine melancholische Szenerie.
André überlegte, dass dieser Ort in gewisser Weise zu Maja passte. Sie liebte es, auf ausschweifenden Partys mit Freundinnen Spaß zu haben. Doch er selbst konnte sich nie dafür begeistern. Die laute (und zumeist schlechte) Musik in Kombination mit dem nuschelndem Geplapper der Betrunkenen hielten ihn davon ab. Das war nie Anlass für einen Streit gewesen, doch wo er nun verloren in dem leergeräumten Haus stand, musste er prompt daran denken.
Er fühlte sich plötzlich elend und wollte bloß noch weg. Der Geruch nach Alkohol erfüllte ihn mit Ekel und im Hinterkopf pochte der unerträgliche Gedanke, dass er und Maja nicht füreinander bestimmt waren. Die Befürchtung, dass dieses Haus der Ort war, an dem sie ihm am Besten klar machen konnte, dass es für sie keine gemeinsame Zukunft geben konnte.
Er wandte sich ab, als wie aus dem Nichts Majas Stimme erklang. Sie machte sich nicht die Mühe, diskret zu flüstern:
„André.“
Er drehte sich um und zwang ein Lächeln auf seine Lippen.
„Maja. Wie geht’s dir?“
Sie zuckte müde mit den Schultern: geht so.
„Ich muss mit dir reden.“
Er nickte und beobachtete sie beim Näherkommen: die Arme in Abwehrhaltung vor der Brust verschränkt, den Kopf leicht zur Seite geneigt, so dass ihr langes Haar wie gewobener Stoff über ihre rechte Schulter fiel. Sie legte eine Hand bestimmend auf seine Schulter führte ihn schweigend durch den Flur zurück nach draußen, wo ihnen belebende Morgenluft entgegenschlug. André zog sie mit geschlossenen Augen tief in seine Lunge und folgte Maja weiter; teils hoffend und teils von Unsicherheit erfüllt. Er wusste: egal wie sie sich in der vergangenen Nacht entschieden hatte, es würde endgültig sein. Diese Tatsache stürzte ihn in bange Angst vor dem Moment, wenn sie es unwiderruflich ausgesprochen haben würde.
Sie ging die steinernen Treppenstufen der Veranda hinunter. Ihre kleinen Zehen spreizten sich, wenn sie den kalten Boden berührten. Maja hatte die Hosenbeine hochgekrempelt und entblößte ihre gebräunten Unterschenkel. André hätte sich in diesem Anblick verlieren können, doch die Angst, ihr endgültiges „Adieu“ hören zu müssen, ließ ihn frösteln. Er würde es nicht verkraften können, da war er sich ganz sicher.
Vorsichtig – als fürchtete sie in eine Glasscherbe zu treten – ging sie einige Meter auf dem Rasen, über den sich in der Nacht eine glitzernde Schicht Morgentau gelegt hatte. Der angenehme Geruch des Grases stand im krassen Kontrast zu der muffigen Luft im Haus.
Sie blieb stehen und drehte sich um.
„Ich weiß nicht so Recht, wie ich anfangen soll. Es ist schwer, denn du liebst mich noch immer, nicht wahr?“, begann sie nach einer kurzen Pause und blickte dabei zu Boden.
„Ja, sehr.“, antwortete André unsicher.
„Es war schrecklich für dich, als ich dich... verlassen habe, oder?“
Zweifelnd legte sie ihre Stirn in Falten. Sein Blick wanderte wie von selbst an ihr hinunter und er sah, wie einzelne Grashalme zwischen ihren Zehen hindurchstachen. Erstes goldenes Sonnenlicht glitzerte auf ihrer nassen Oberfläche.
„Es ist noch immer schrecklich. Jeden Tag.“
Sie nickte und schenkte ihm ein schwaches Lächeln, als wollte sie „Es tut mir Leid“ sagen. Kurz darauf sprach sie es tatsächlich aus und André verspürte für einen winzigen Augenblick ein alles überragendes Glücksgefühl. Mit der Freude eines Mannes, der sein größtes Lebensziel nach einem Kräfte zehrendem Kampf erreicht hatte, blickte er in ihre Augen. Doch da erkannte er, dass sie es ganz anders meinte.
„Es tut mir Leid...“, begann Maja flüsternd. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück, als er versuchte, ihre Hand zu ergreifen.
„Nein, bitte tu...“, begann er flehend, doch dann versagte seine Stimme. Es war für immer zu spät. André glaubte zu spüren, wie diese Erkenntnis ihm den Boden unter den Füßen entriss.
„Bitte, versteh doch...“
„Nein, tu mir das nicht an! Maja, bitte zerstöre das nicht. Ich würde alles tun, nur bitte verlasse mich nicht. Es bricht mir das Herz. Ohne dich kann ich nicht!“
„Es geht nicht... ich kann es nicht. Selbst wenn ich dich meine Hände halten lassen würde, es wäre nicht richtig. Es wäre eine Lüge und die will ich dir ersparen. Ich will, dass du damit aufhörst.“
„Womit? Ich höre mit allem auf, was du mir sagst, nur bitte gib mir eine Chance.“
Die Worte sprudelten aus ihm heraus und seine Hände hielt er zitternd mit der Handfläche nach oben von sich gestreckt.
„Für uns beide kann es keine zweite Chance geben. Nicht in diesem Leben.“
„Zwei Jahre...“, flüsterte er nach einer kurzen Pause.
„Ich will dir nur noch sagen, dass du immer wissen musst, dass ich dich sehr geliebt habe. Bitte verzeih mir.“, stammelte Maja und kam wieder einen kleinen Schritt auf ihn zu. André starrte sie mit den Augen eines Mannes an, der den wichtigsten Kampf seines Lebens verloren hatte. Er wusste, was ihn nun erwartete: Schlaflose Nächte, bittere Tränen und eine endlose Leere.
Maja fuhr sich mit der Hand durch ihr zersauste Haar. Dann schloss sie ihre Augen und führte ihr Gesicht langsam an seins heran. Er roch kurz den Alkoholdunst in ihrem Atem, dann spürte er ihre Lippen auf seinen. Vorsichtige Hände streichelten über seine unrasierten Wangen und ihr Haar fiel ihm leicht wie Seide entgegen.
Er küsste sie ein letztes Mal und spürte, wie der kleine Rest Lebenswillen aus seinen Adern wich und sich in diesem letzten Liebesbeweis verlor. Als sie langsam wieder einen Schritt zurück trat, war er innerlich tot.
André stand ihr gegenüber, atmete heftig, so dass sich seine Brust schnell hob und senkte, aber er war nicht mehr am Leben. Er sah silbrige Tränen in Majas Augen, doch er fühlte nicht mehr und als sie ihm Lebewohl sagte, blieb er stumm. Seine Augen starrten sie nur ausdruckslos an. Dann war sie plötzlich weg und er ganz allein.
Ende.

Im Dämmerlicht des Abends fuhr er noch immer herum: ohne Ziel, perspektivlos. Sein Fuß drückte das Gaspedal durch und die Hände lenkten wie in Trance.
Ein Schlenker nach rechts, dachte er sich.
Einmal kurz gelenkt und der ganze Schmerz ist vorbei.
Hinter ihm flammte ein Scheinwerferpaar auf und er überlegte, ob er es einfach tun sollte. Dann hörte André das Lied im Radio. Er überlegte, dass der Refrain die beste und einfachste Antwort auf all seine Fragen war:
I’m here without you baby
But you’re still with me in my dreams
And tonight it’s only me and you
Er tat es.


Letzte Aktualisierung: 21.12.2006 - 20.29 Uhr
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