Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Dezember 2006
Kussfrust
von Jasmin Seidl

Ich sitze am Fenster und warte auf Inspiration. Meiner Mutter könnte ich damit nicht kommen, denn sie ist Schriftstellerin und weiß, dass Inspiration nicht aus der Luft wächst. „Wenn Du Ideen brauchst, dann werde aufmerksam! Merk dir genau, was du siehst, was du riechst und was du hörst und dann mach etwas aus diesen Eindrücken.“
Aber ich sehe nichts und höre nichts, ich rieche nichts. Mein Blick ist nach innen gekehrt und wieder und wieder erlebe ich den schrecklichen Moment: Ich reibe mein Gesicht an ihrem Kinn, stupse ihre Stirn mit meiner Nase an, mal zärtlich, mal ungestüm, denn sie soll es ganz genau wissen, dass ich sie liebe und immer bei ihr bleiben will! Ich streichle ihre Haut mit meinen Ohren, ihre Finger gleiten angenehm durch mein seidiges Fell, ihre Hände umspannen meinen Leib, schon liege ich in ihren Armen… nie enden sollte solches Liebesspiel und doch wurde sie meiner plötzlich überdrüssig.
Eigentlich habe ich solche Schmach nicht nötig. Ich bin jung und schlank, schön nennt selbst sie mich immerzu! Schwarzes, glänzendes Haar, grüne, mandelförmige Augen. Stärker als ich ist keine und geschickter und gescheiter auch nicht. Man nehme nur mal meine Schwester zum Vergleich! Struppig wirkt ihr Fell geradezu, auf dem einen Auge ist sie fast blind, schlammig trüb sieht es an manchen Tagen aus. Und dann der enge Horizont! Nie könnte sie, wie ich, die Türklinke herunterdrücken, um zur Geliebten zu gelangen. Wenn sie nach ihr miaut, meint man, ein Kleinkind plärrt! Meine Stimme hingegen formt Laute, die täuschend echt nach „Mama“ klingen…
Aber was soll´s? Bei all diesen außerordentlichen Qualitäten bleibt doch das eine, das sie an mir stört. Dass meine Küsse ihrer Haut Ausschlag verursachen. Früher hat sie meine Augen mit dem Taschentuch betupft, denn sie dachte, es käme von der Tränenflüssigkeit. Doch heute, gerade eben, da ist es sonnenklar geworden. Es ist meine Nase, mein Kussinstrument, das sie vor mir zurückschrecken lässt.

Letzte Aktualisierung: 16.12.2006 - 10.22 Uhr
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