Ganz schön bissig ...
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Dezember 2006
Einen Kuss hatte ich mir anders ausgemalt
von Heinz-Helmut Hadwiger

Sie mögen meinen, ich sei reichlich naiv. Zumindest damals, 1956, mit fünfzehn, war ich es. Glauben Sie nur ja nicht, ich flunkere, wenn ich Ihnen heute, fünfzig Jahre später, anvertraue, ich hatte mir bis dahin eines Kusses Folgen anders vorgestellt!
Zu meiner Verteidigung müssen Sie wissen, dass ich, Renate Plotzig, in einem kleinen Kärntner Dorf nahe der slowenischen Grenze geboren bin, in Winkel.
In diesen gotterbärmlichen Winkel waren wir, meine beiden jüngeren Halbbrüder und ich, verbannt, hier fristeten wir unseren kargen Unterhalt. Vater war im Krieg gefallen, Mutter bezog eine bescheidene Rente.
Nicht umsonst – so sagte man im Volksmund – heiße der Ort auf Slowenisch „Kot“: Gleich nach dem Krieg hatten wir kaum zu essen, so dass die Nachbarn oft aus Verzweiflung den Wortwitz anbrachten, wir hätten „nichts als Kot zu fressen“.
In St. Michael bei Bleiburg ging ich in die Volksschule, eine slowenische. Eine weitere Ausbildung war mir vorerst verwehrt. Die Fahrt in die nächste Stadt hätte meine Mutter ebenso wenig bezahlen können wie den Besuch einer höheren Schule.
Aufklärung erfuhr ich weder im Unterricht noch durch die Mutter.
Als ich meine erste Regelblutung bekam, begleitet von ungewohnten, heftigen Schmerzen, floh ich in den Wald und dachte, ich müsse sterben. Gott sei Dank vertraute ich mich der älteren Nachbarstochter an, die mir dies als natürlichen Vorgang erklärte und, dass ich beim Kaufmann Monatsbinden erstehen könne. Da ich mich sehr genierte, schickte ich meinen kleineren Bruder dorthin, der nicht im Geringsten ahnte, was er da besorgte. Erst als er sich weigerte, für mich weiter solche Einkäufe zu tätigen, weil sich andere Kunden über ihn wiederholt lustig gemacht hatten, erzählte ich ihm, es handle sich um Einlagen für meine Unterhose, damit sie weicher wäre.
So wenig aufgeklärt waren wir damals!
Umso begieriger war ich, aus meiner kleinen Welt herauszukommen, Neues zu erfahren und dazuzulernen. Mir schwebte das einjährige Internat mit Haushaltsschule im Kloster Maria Saal vor, das sich meine Mutter jedoch nicht leisten konnte, weshalb ich sie darauf erst gar nicht ansprach. Da kam mir der Gedanke, an die Oberin zu schreiben, ob ich das Schul- und Heimgeld nicht dort abarbeiten dürfe.
So wurde mir mit vierzehn gestattet, ein Jahr lang in der Küche und im Garten des Klosters auszuhelfen. Dafür durfte ich im Jahr darauf die Haushaltsschule und das Internat kostenlos besuchen.
Da mich die Klosterschwestern von meinem Dienstjahr her als fleißig und verlässlich kannten, genoss ich während der Ausbildung und Heimunterbringung gewisse Vorrechte.
So durfte ich etwa alleinverantwortlich die Tische im Speisesaal aufdecken oder einzelne Wege in den Ort unternehmen, während andere Schülerinnen auf ihren Ausgängen immer von einer Klosterschwester begleitet und überwacht wurden.
Hemden, die wir im Handarbeitsunterricht für ein Geschäft in Maria Saal genäht hatten, wurden mir zur Zustellung anvertraut.
Ältere – und wohl auch besser aufgeklärte – Mitschülerinnen ließen sich von ihren Freunden (von „Liebhabern“ hatte ich damals noch keine Ahnung) ans Ortspostamt Briefe schicken, deren mir unverständigen Vermerk „poste restante“ ich mühsam buchstabierte. Die abgeholten Botschaften versteckte ich unter meinen Kleidern, einige vorne unterm Busen, ohne ihren Inhalt an Herzensangelegenheiten zu kennen, andere am Rücken, ohne zu ahnen, wie sehr sich ihre Empfängerinnen davor beugen würden.
So schmuggelte ich die Liebesbriefe auf den Dachboden des Klosters, wo ich einen Koffer bereithielt, in dem ich sie verbarg. Nachts schlich ich aus dem Gemeinschaftsschlafsaal, vorbei an der in einer abgetrennten Koje schlafenden Aufsichtsschwester. Von dieser unbemerkt, kehrte ich mit der Liebespost zurück und verteilte sie an die unruhig Wartenden, ohne mir vorstellen zu können, wie viele Küsse und Liebesbezeigungen ihnen darin versprochen wurden.
Diskret, wie ich war – Sie würden es vielleicht wieder naiv und kurzsichtig nennen –, erkundigte ich mich weder nach dem Inhalt der verführerischen Nachrichten noch erforschte ich ihren Hintergrund oder die Auswirkungen der geheimen Versprechen. Gerade dieser Diskretion und Zurückhaltung wegen genoss ich bei meinen Mitschülerinnen besonderes Ansehen.
Ach, wenn die bloß geahnt hätten, dass ich nicht einmal wusste, wie ein Kuss funktioniert!
Also musste mir diese Erfahrung gleichfalls ohne vorherige Anleitung oder Aufklärung begegnen:
Im Frühjahr wurde der Speisesaal frisch ausgemalt. So begegnete ich beim Aufdecken der Tische den dort tätigen Malern, wovon es mir ein Lehrling besonders angetan hatte. Reinhard hieß er, und er missbrauchte seinen Namen zu einem mir bislang unverständlichen Wortspiel, das im Kärntner DiaIekt etwa so klang: „Waun da Reinhard ihn reindat, daun warat ea rein hart, waun da Reinhard...“ und wieder von vorne, ohne dass ich begriff, was wohinein sollte. Ich wagte allerdings schon, mit ihm Blicke zu tauschen und mir von ihm einige nette Worte sagen zu lassen, was man mir später als „Flirten“ erklärte und wovon ich meinte, es komme von „flirren“.
Von Mal zu Mal nahm sich Reinhard, nachdem er sich überzeugt hatte, dass weit und breit keine Klosterschwester auf mich aufpasse, mehr und mehr heraus. Er schmeichelte mir und machte mir – was ich bis dahin noch nie erfahren hatte – so genannte „Komplimente“, die ich begierig in mich einsog. Dann steckte er mir einen Zettel zu, in dem er versprach, er würde mir gern seine „Liebe“ zeigen. Ich wusste nicht recht, wie die aussehen sollte.
An einem Vormittag gelang es ihm, mir – von seinem Meister unbemerkt – in den Gang zur Küche zu folgen. Dort wartete er meine Rückkehr in den Speisesaal ab. Für mich völlig überraschend, stürzte er auf mich zu, umschlang mich mit seinen Armen, zog mich leidenschaftlich an sich, so dass ich sofort alles Besteck fallen ließ, das ich bei mir trug, und drückte seine Lippen auf meine. Und ehe ich noch wusste, wie mir geschah, spürte ich seine Zunge schon in meinem Mund, nicht gerade unangenehm, aber doch ganz und gar ungewohnt!
Noch bevor ich darüber Klarheit erlangte, ob das fremde, wohlige Gefühl meinen ersten Schrecken, ob meine Neugier den Anflug von Ekel vor der Glitschigkeit verdrängt hatten, ließ Reinhard – letztlich doch zu meinem Bedauern – wieder von mir ab. Später hat er mir gestanden, dass daran seine plötzliche Angst vor dem Dazwischentreten einer Klosterschwester – und nicht etwa meine Ungeschicklichkeit – schuld gewesen war.
Ich hob, noch ganz benommen, das zu Boden gefallene Besteck auf und legte es auf die Tische. Womit hätte ich es erklären sollen, wäre ich noch einmal in die Küche zurückgekommen, es abzuwaschen?
Wie im Traum schwebte ich von Teller zu Teller, ohne dass mir diese – Gott sei Dank! – ebenso leicht vorkamen wie mein Gemüt. Ich konnte mein unbeschreibliches Glücksgefühl gerade noch in den Nachmittag retten, in einen unbeobachteten Spaziergang durch das Anstaltsgelände. Da aber kamen mir schon Zweifel, da begann ich schon, diesen ersten Kuss zu bereuen, mir zu wünschen, er wäre mir nie zugestoßen.
Ich war nämlich damals – heute weiß ich es besser! – der irrigen Meinung, durch Küssen könnten Kinder entstehen.
Und schon stellten sich meine Ängste ein, ich würde schwanger sein. Ich bangte so sehr, dass meine Monatsblutung sofort ausblieb.
Was unternahm ich nicht alles, um diesem schändlichen Zustand zu entgehen! Aber anstatt mich einer älteren Freundin anzuvertrauen, die mich aufgeklärt hätte, verstieg ich mich immer mehr in die Vorstellung, ein Kind zu bekommen.
Einen Kuss hatte ich mir anders ausgemalt! Ganz unabhängig vom Malerlehrling Reinhard! In der Hoffnung, er würde keinerlei leibliche Folgen bei mir zeitigen, geschweige denn, mich „in gute Hoffnung“ (wovon ich erst später hörte) versetzen.
Also suchte ich Zuflucht im Gebet. In jeder freien Minute, auffällig häufiger als alle anderen Elevinnen, begab ich mich in Kirche und Kapelle und betete, mich von einem Kind zu verschonen und mich nicht so schwer für meinen unbedachten Frevel, den ich ja nur Reinhard zu verdanken hatte, büssen zu lassen.
Meine Menstruation blieb weiter aus. Mein geistiger und mein körperlicher Zustand verfielen zusehends. Die sichtbaren Folgen und die übermäßige Frömmigkeit blieben meiner Erzieherin nicht verborgen. Sie brachte mich daher zu einem Arzt, einem Frauenarzt, den es damals in Maria Saal schon gab. Er untersuchte mich und stellte, vorerst befriedigt, meine Unberührtheit fest, dann – nachdem ich meine Unterwäsche angezogen hatte – griff er mich wieder und wieder an meinen schon einigermaßen entwickelten Brüsten ab, bis er dabei in ein eigenartiges Keuchen und Stöhnen verfiel, das ich erst nach Jahren zu deuten wusste.
Der im Wartezimmer zurückgebliebenen Klosterschwester versicherte er, dass ich absolut gesund sei und zu keinerlei Befürchtungen Anlass bestünde. Er verschrieb mir auch ein Medikament, nach dessen Einnahme sich meine Monatsblutung alsbald wieder einstellte.
Kurz danach erzählte ich meiner besten Freundin von den erlittenen Qualen. Sie hat, ja, wir haben recht herzlich darüber gelacht, wie ich mir einen Kuss ausgemalt hatte.
Seither habe ich mich viel unbefangener ans Küssen gemacht, dabei einiges – das muss ich Ihnen auf die Gefahr hin, dass Sie mich beneiden, gestehen – dazugelernt und bis ins hohe Alter von 65 nicht aufgehört zu küssen, zumal mir solch nachteilige Folgen wie mit fünfzehn nicht mehr drohen.
So aufgeklärt bin ich inzwischen!

Letzte Aktualisierung: 27.12.2006 - 20.17 Uhr
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