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Januar 2007
Sammler
von Silvia Both

Marek hatte zu Fuß gehen wollen, um Geld zu sparen, aber dann nahm er die Straßenbahn, weil es anfing zu regnen. Die Bahn ruckelte los und er dachte an seine in Japan lebende Tochter. Seine Enkel wuchsen in Tokio auf, wohnten im vierzigsten Stockwerk und benutzten Züge, die mit dreihundert Stundenkilometern durch die Landschaft rasten.
„Komm uns besuchen, Papa“, hatte Mia letzten Sonntag vorgeschlagen, als sie miteinander telefonierten. „Wir bezahlen dir den Flug. Chang verdient in der Bank so viel, dass wir uns das leisten können.“
„Vielleicht, wenn Beate noch leben würde ...“, dachte Marek. Die Bahn hielt an einer roten Ampel. Sein Blick fiel auf die Schaufensterauslage eines Trödelladens. Sofort setzte er sich auf. Er wischte mit dem Ärmel über die beschlagene Scheibe, doch die Bahn fuhr schon wieder an. Schnell drückte er auf den Halteknopf. Seine Stofftasche mit dem Brot vom Vortag kullerte unter den Sitz, ohne dass er darauf achtete. Ein Jugendlicher, der mit Stöpseln im Ohr zu den Takten einer undefinierbaren Musik wippte, reichte ihm die Tasche.
Endlich hielt die Bahn. Er stieg aus und klappte den Kragen seines Mantels hoch. Im Nieselregen hastete er zu dem Laden zurück. Vor dem Schaufenster blieb er bewundernd stehen. Da stand sie, lässig an eine Jugendstilvase gelehnt, im hautengen knallroten Skianzug mit abgesetzten Streifen und lächelte ihn an.
Eine indische Glöckchenkette erklang, als er den Laden betrat. „Moment“, rief eine Frauenstimme, „ich komme gleich. Schauen Sie sich ruhig um.“ Er stand einem grandiosen Durcheinander aus alten und noch älteren Schätzen gegenüber, doch er wollte nur eins:
Die Barbiepuppe wies kaum Gebrauchsspuren auf, das lange blonde Haar schimmerte wie neu und der Skianzug stand ihr gut. Zum Anbeißen!
Im hinteren Raum telefonierte jemand.
„Der Verkäufer hat sein Angebot im letzten Moment zurückgezogen.“ Stille.
„Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Echte Bauhauslampen sind sehr selten. Nein. Ja, das konnte ich vorher nicht wissen ... Auf Wiederhören.“
Die letzten Worte klangen ärgerlich.
Eine Dame schob den Vorhang der Durchgangstür beiseite. Sie versuchte zu lächeln.
„Suchen Sie etwas für Ihre Enkelin?“ Die Ladeninhaberin mochte in seinem Alter sein.
Er nickte, ein wenig schuldbewusst, weil er sie anlog. Die vierzehnjährige Evelyn spielte nicht mehr mit Puppen, sondern mit Handys, Digicams und singenden Robotern.
„Eigentlich ist sie ein Sammlerstück. Der Preis liegt laut Katalog bei fünfundachtzig Euro.“
Marek ließ die Hand mit der Puppe sinken.
„Ich hatte fünf Stück und diese ist die letzte.“
Lag ein wenig Wehmut in ihrer Stimme?
„Für Ihre Enkelin würde ich vielleicht auf fünfzig Euro heruntergehen.“
Marek überlegte.
„Wie heißt Ihre Enkelin?“
„Evelyn.“
Die Dame ging zu einem Sekretär und wühlte in einer Schublade.
„Wenn Sie Glück haben, gibt es auch noch Accessoires zu diesem Modell.“ Sie förderte tatsächlich eine weiße Skimütze und eine winzige orange getönte Skibrille zutage.
„Die Skier kann ich leider nicht finden.“
„Das macht nichts.“
„Soll ich sie Ihnen einpacken?“
Jetzt musste er sich entscheiden. In seinem Portemonnaie befanden sich die letzten fünf Euro für den Monat. Erst in drei Tagen bekam er wieder Rente. Er blickte auf die Barbie in seiner Hand. Der Skianzug erinnerte ihn an Mias Anorak. Wie lange war das her, dreißig Jahre?
Die Ladeninhaberin schaute ihn ungeduldig an.
„Es gibt noch einen anderen Interessenten.“
Er reichte ihr die Puppe und den Geldschein.
„Das ist die Anzahlung, ich habe im Augenblick nicht genug Geld dabei.“
„Ich kann sie aber nur bis morgen für Sie reservieren.“
Er nickte.
„Bis morgen!“
Als er auf die Straße trat, klingelten die Glöckchen an der Tür wieder. Es regnete immer noch.
Zu Hause hängte Marek seine durchnässte Kleidung über die Küchenstühle und zog den alten blauweißen Jogginganzug an. Im Schlafzimmer betrachtete er seine achtundzwanzigköpfige Barbie-Galerie, „seine Frauen“, wie er sie nannte, die auf dem Klappbett saßen oder an die Wand gelehnt dastanden. Die meisten hatte er auf Flohmärkten jungen Mädchen abgekauft, die froh waren, wenn sie ihr Taschengeld mit ein paar Euros aufbessern konnten.
Er nahm Patty in die Hand. Mia hatte sie nicht nach Japan mitgenommen.
Mit kräftigen Strichen kämmte er ihr langes glänzendes Haar.
„Du bekommst bald Gesellschaft, meine Süße“, flüsterte er und küsste ihren geraden Scheitel.
Doch wovon sollte er sie bezahlen? Er lief durch die kleine Wohnung. Den Fernseher hatte er schon zweimal vorübergehend versetzt, aber der brachte nicht genug. Vor vier Monaten hatte ihm Beates alter Ehering geholfen, die Miete zu bezahlen. Zwei Monate hatte er gebraucht, bis er es ihrem Grabstein beichten konnte. Er besaß nichts, höchstens ... Im Bücherregal stand neben zerlesenen Krimis und Science-Fiction-Romanen das wertvolle Buch, das sein Vater von seinem Großvater geerbt hatte. Mit dem Zeigefinger strich er über den Lederrücken und den verblassten marmorierten Einband. Buch oder Barbie?
Am nächsten Morgen rasierte er sich sorgfältig. Den Weg zum Pfandhaus kannte er gut, doch als er davorstand, las er entsetzt das Schild „Wegen Trauerfalls geschlossen“. Was nun?
Es gab noch ein ähnliches Haus in Bahnhofsnähe, aber dort kannten sie ihn nicht. Außerdem war der Weg weit. Er ärgerte sich, dass er nicht bis zum Monatsersten warten konnte.
Wenigstens regnete es nicht.
Er ging schneller. Wenn er den Kredit für Beates Hospiz abbezahlt hätte, würde er wieder mehr Geld haben. Für niedliche kleine Accessoires. Oder er konnte endlich das Barbiehaus kaufen, von dem er schon lange träumte, den Campingwagen und die Kutsche ...
„Passen Sie doch auf!“ rief jemand, den er angerempelt hatte.
„Entschuldigung, ich war in Gedanken“, murmelte Marek.
Er achtete jetzt mehr auf den Weg.
Als er endlich mit schmerzenden Füßen vor seinem Ziel stand, verblüffte ihn schon wieder ein Schild. „Wir sind umgezogen!“
Die neue Adresse kannte er nicht.
„Ich geb´s auf“, dachte er, „ich kann mir die Barbie nicht leisten. Das Schicksal will es so.“
Beim Eintritt in den Trödelladen bimmelten die Glöckchen wieder lustig. „Moment, ich komme gleich.“
Das kannte er noch vom letzten Mal. Im Laden duftete es nach Essen und er spürte seinen leeren Magen.
Die Frau kam aus dem hinteren Raum des Ladens, der durch einen schwarzen Samtvorhang abgetrennt war, und reichte ihm die Hand.
Sie wirkte freundlicher als am vergangenen Tag.
„Da sind Sie ja. Ich habe Ihre Barbie schon bereitgelegt.“
„Ehrlich gesagt, Frau ...“
„Krüger, Lioba Krüger.“
„Marek Seiler, angenehm. Ja, die Sache ist die, also ...“
Er gab sich einen Ruck.
„Ich kann mir die Puppe nicht leisten. Wissen Sie, als Rentner ... einen Kredit muss ich auch noch zurückzahlen ... Gestern ist die Begeisterung mit mir durchgegangen.“
Er starrte auf eine Stehlampe mit langen Troddeln.
„Außerdem wollte ich die Barbie gar nicht für meine Enkelin kaufen, die spielt lieber mit elektronischem Kram, sondern, naja, für mich. Ich besitze schon achtundzwanzig Stück.“
Er wollte gehen.
„Warten Sie!“
Ihre Hand berührte seinen Arm. Sie wirkte gar nicht verärgert, wie er befürchtet hatte.
„Warten Sie. Wenigstens Ihre Anzahlung erhalten Sie wieder.“
Sie gab ihm das Geld. Ihre Augen, die von weißen Locken umrahmt wurden, leuchteten in einem warmen Braunton. Beates Augen waren graublau gewesen.
„Wenn Sie mögen, erzählen Sie mir etwas über Ihre Sammlung. Ich kann Ihnen auch einen Teller Kartoffelsuppe anbieten.“
Bei dem Wort Suppe knurrte sein Magen vernehmlich und Marek musste lachen.
„Gern, ich bin heute schon viel herumgelaufen und entsprechend hungrig. Dabei wollte ich nur ein altes Buch loswerden.“
„Ein altes Buch? Zeigen Sie mal.“
Marek holte es aus seiner Stofftasche.
Frau Krüger riss es ihm fast aus der Hand.
„Aber das ist ja von 1801! Und von Goethe! Zu der Zeit lebte er noch. Herrlich!“
Sie schnupperte an dem alten Papier.
„Ich bin besessen von alten Büchern.“
„Hier!“
Sie öffnete einen Bauernschrank.
„Schauen Sie!“
Der Schrank war mit gebundenen Kostbarkeiten vollgestopft. Ein Exemplar fiel ihm entgegen und Marek fing es gerade noch auf. Es sah aus wie ein Zwilling seiner Goethe-Ausgabe. Als er es öffnete, entdeckte er die Jahreszahl 1802 auf dem Deckblatt.
„Die beiden gehören wohl zusammen“, meinte er.
„Ja.“
Auf Frau Krügers Wangen bildeten sich zwei rote Flecken, die ihr Gesicht belebten.
„Wenn Sie mir dieses Exemplar überlassen, gebe ich Ihnen zu Ihrer Barbie noch zwanzig Euro dazu.
Marek freute sich.
„Ich bin dabei.“
Er folgte Frau Krüger hinter den Vorhang.


© Silvia Both

Letzte Aktualisierung: 26.01.2007 - 11.00 Uhr
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