Der Tod aus der Teekiste
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Januar 2007
Sippschaft
von Luzia Fischer

Ein funkelnder Mercedes rumpelte in die Einfahrt und hielt mit einem Ruck. Roland und seine Frau Gudrun stiegen aus, um Tante Henny ihren allwöchentlichen Besuch abzustatten.
Der Wohnzimmertisch war bereits gedeckt. Tante Henny hantierte in der Küche nebenan und zeigte sich kurz in der Tür. „Macht es euch inzwischen gemütlich Kinder! Ich brühe nur noch den Kaffee auf.“
Das Ehepaar verharrte stattdessen gebannt vor der gläsernen Vitrine, in der die Barren, nach Größe geordnet, aufgereiht waren. In Rolands Augen flackerte ein gieriges Feuer. Er konnte sich an dem glänzenden Metall nicht satt sehen.
„Such diesmal im Keller!“, zischte Gudrun ihm zu. „Irgendwo müssen sie ja sein. Onkel Xaver hat sein gesamtes Vermögen in Goldbarren angelegt. Das ist nur ein mickriger Teil davon. Geh schon!
Ich beschäftige inzwischen deine Tante.“

Gudrun stellte gerade die Kuchenplatte auf den Wohnzimmertisch, als ihr Mann außer Atem zurückkam. Auf ihren fragenden Blick hin, schüttelte er resigniert den Kopf. „So kommen wir nicht weiter“, schnaufte er. „Wir müssen andere Seiten aufziehen.“
„Vergiss nicht, was wir besprochen haben!“, fauchte sie wütend.
Tante Henny betrat das Zimmer und Gudruns Tonfall änderte sich schlagartig. „Setz dich Tantchen! Wir haben dir etwas Wichtiges zu sagen, gell Roland!“ Sie warf ihrem Mann einen auffordernden Blick zu. „Wo nur deine Geschwister bleiben? Ach, wenn man vom Teufel spricht …“
Arno, Rolands älterer Bruder, polterte durch die Tür. Er grüßte wortlos und plumpste sofort in einen Sessel. Hungrig griff er sich ein gewaltiges Kuchenstück und biss hinein. Klara, die Jüngste, betrat das Zimmer. Sie nickte kurz in Rolands und Gudruns Richtung, setzte sie sich auf einen Hocker und stierte geistesabwesend auf die vergilbte Tapete. Seit Onkel Xavers Tod war hier nichts mehr verändert worden.
Roland griff sich ebenfalls einen Streuselkuchen und kaute hustend darauf herum. Solange er den Mund voll hatte, musste er nichts sagen. Das Reden überließ er lieber seiner Frau.
Gudrun räusperte sich. „Tantchen. Roland hat sich nach einer Eigentumswohnung für dich erkundigt. Es gibt nur noch wenige auf dem Gold … äh, ich meine natürlich auf dem Kohlberg. Die Wohnungen sind sehr begehrt.“
„Du meinst das Altersheim?“ Tante Henny blickte erschrocken in die
angespannten Gesichter.
„Kein Altersheim, Tantchen. Das sind schöne Wohnungen, mit Terrasse und kleinem Garten. Dir wird es dort gefallen, ganz bestimmt.“
„Betreutes Wohnen heißt das“, brummte Arno dazwischen. Gudrun warf ihm einen giftigen Blick zu.
„Schau mal, Tantchen! Dein Gold …, dein Grundstück umfasst dreitausend Quadratmeter. Wie willst du die viele Arbeit weiterhin schaffen, in deinem Alter?“
Tante Henny kramte nach einem Taschentuch in ihrer Kittelschürze und schniefte geräuschvoll hinein. „Ich soll umziehen?“
„Du brauchst dich um nichts zu kümmern“, säuselte Gudrun weiter. „Haushaltsauflösung, Umzug, einen Käufer finden, das erledigen alles wir. Gell Roland?“ Ihr spitzer Ellbogen traf ihn zwischen den Rippen. Roland nickte heftig, Arno brummte zustimmend, nur Klara schnaufte verächtlich.
„Wir meinen es nur gut, Tantchen. Du sollst deinen Lebensabend doch genießen.“
„Tja, Kinder, wenn ihr meint.“ Tante Henny schniefte noch einmal in ihr Taschentuch. „Jetzt wo das Haus verkauft werden soll, muss ich euch etwas sagen.“ Die alte Dame zögerte, als wäre es
ihr peinlich. „Das Gold …“
„Jaaaa?“ Gudrun saß kerzengerade, wie eine gespannte Feder, auf der Kante ihres Sessels. Arno hörte auf zu kauen und Rolands Augen funkelten wie im Fieber.
„Mein Xaver hat, nun ja, er meinte …“
Arno wurde puterrot im Gesicht. Sein Mund war vollgestopft, und er vergaß kurzzeitig Atem zu holen.
„Er hat Goldbarren im Garten vergraben.“
Arno hustete staubtrockne Brösel quer über den Tisch. Gudrun sackte fast vornüber und piepste. „Und wo im Garten?“
„Überall, … wo genau?“ Resigniert zuckte Tante Henny die Schultern. „Das weiß nur mein Xaver.“

***

Dreitausend Quadratmeter Grund boten eine Menge Platz, um Goldbarren zu verscharren. Die drei Geschwister und Gudrun trafen sich zu einer nächtlichen Grabungsaktion, ausgerüstet mit Gummistiefeln, Pickeln und Schaufeln. Arno trug einen Grubenhelm.
„Mach die Lampe aus!“ zischte Gudrun. „Der Mond scheint hell genug und die Straßenlaternen geben auch Licht. Bist du nachtblind?“
„Warum muss es mitten in der Nacht sein?“ Missmutig nahm Arno den Pickel zur Hand.
„Wegen der Nachbarn, du Rhinozeros. Oder sollen sie mitbekommen, was wir hier machen?“
Wie aufs Stichwort tauchte das neugierige Gesicht von Frau Schmitz hinter dem Gartenzaun auf. „Wie beim alten Xaver. Der meinte auch, dass Blumenzwiebeln bei Vollmond am besten gedeihen.“
„Ja, ja, der gute, alte Vollmond“, brummte Arno.
Frau Schmitz hatte ihnen einen wertvollen Tipp gegeben. Sobald die Nachbarin verschwunden war, gruben sie überall dort, wo annähernd so etwas wie eine Blume aus dem Erdreich spitzte. Auf dem Gartentisch stand ein stabiler Einkaufskorb, der sich allmählich füllte.
„Jeder Barren wird in den Korb gelegt!“, kommandierte Gudrun. „Hinterher teilen wir gerecht auf, aber wehe, einer von euch steckt etwas ein!“
„Sag deiner nervigen Alten, dass sie ihr Maul halten soll!“ Arno schnaufte verächtlich und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Roland! Das muss ich mir nicht bieten lassen! Ohne mich hättet ihr keinen blassen Schimmer, wo das Gold ist.“
Klara warf die Schaufel zur Seite. „Wisst ihr was? Ihr könnt mich mal, alle! Behaltet euer Drecksgold!“
Gudrun fixierte ihre Schwägerin verächtlich. „Dann geh doch! Wir halten dich bestimmt nicht auf!“
Wortlos drehte sich Klara um und verließ das Grundstück.
„Von dem Gold sieht diese dumme Gans kein Stück, gell Roland? Soll sie doch sehen, was sie davon hat. Roland? Sag doch was!“
„Sei endlich still!“
„Roland? Wie redest du denn …?“
„Sei still! … Grab endlich!“ Sein Körper zitterte vor Wut, als er die Schaufel drohend erhob.
„Ja also, was fällt dir ein …“
„Sie kapiert es einfach nicht!“ Seine weinerlicher Ton schlug um und wurde zu einem wütenden Aufschrei. Die Schaufel donnerte mit voller Wucht gegen ihre Stirn.
Arno schlurfte auf die leblose Gestalt zu, die Lampe von seinem Grubenhelm erfasste die blutunterlaufene Beule an ihrem Kopf, dann die grimmige Fratze seines Bruders.
„Hör mal! Mit Maul halten, war das so nicht gemeint.“
Roland richtete sich zu seiner vollen Größe auf, was nicht viel brachte, da Arno ihn um Kopfeslänge überragte.
„Du wirst dich doch nicht mit mir anlegen wollen? He, Roland!
Spinnst du jetzt völlig?“
Schaufelstil prallte gegen Pickelstil. Der Kleinere trat auf der Stelle und keuchte, während Arno keinen Millimeter zurückwich.
„Lass das sein, Roland! Du verlierst sowieso!“
„Beweg dich, du … Fettwanst!“
Arno schupste seinen Bruder zurück. Er stürzte und sein Kopf prallte gegen einen steinernen Fliegenpilz, an dem sich ein seltsam lächelnder Gartenzwerg anlehnte.
„Du … hast angefangen!“ schnaufte Arno. „Das ist … allein deine Schuld. Immer musst du anfangen.“
Als er sich schwerfällig umdrehte, vergaß er den herumliegenden Pickel. Sein Fuß stampfte auf das Eisen und der knüppeldicke Stil knallte gegen seine Schläfe. Arno taumelte, er kippte langsam nach hinten und fiel um wie ein plumper Sack.

***


„Ich habe mein Handy liegen …“
Klara starrte auf das Schlachtfeld. Der Garten war aufgewühlt, als hätte sich darin ein Rudel Wildschweine gesuhlt. Der Vollmond leuchtete auf die jammernden, am Boden liegenden Gestalten, herab.
Sie straffte die Schultern. „Na, dann.“
Mit Mühe hievte sie den schweren Korb vom Gartentisch und zog ihn hinter sich her. Etwas kreischte auf einmal grauenhaft. Als sie sich umdrehte, sah sie Gudrun über den Boden robben, keinen Meter von ihr entfernt. Ihre spitzen Finger versuchten ihr Fußgelenk zu fassen. „Gib her, … das ist meins!“ schrie sie schweratmend. „Das … ist mein … Gold!“
Klara wich erschrocken zurück. „Nichts gehört dir. Das sind Tante Hennys Goldbarren, nicht deine!“
„Was will die Alte mit … dem Vermögen? Es … ist meins … meins!“
Angewidert schleppte sich Klara samt Korb aus Gudruns Reichweite,
die weiterquietschte, wie eine rostige Türangel. Klara hatte die Einfahrt fast erreicht, als sie einen dumpfen Schlag hörte. Ein letztes Quietschen. Dann war endgültig Ruhe.
Eilig verfrachtete sie den Korb in den Kofferraum ihres Wagens,
klemmte sich hinter das Lenkrad und preschte los.
„Und?“ fragte Tante Henny neben ihr „Hatte ich Recht?“
Ihr Nichte lächelte zittrig. „Ja, mit allem. Es ist so gekommen, wie du es vermutet hast, aber sie haben fleißig gegraben. Ohne ihre Hilfe hätten wir die Goldbarren nie gefunden. Tante Henny blinzelte ihr schelmisch zu. „Gleich morgen früh gehen wir zur Bank.“
Klara blickte in den Rückspiegel. Die Landstraße lag dunkel und verlassen hinter ihr. Niemand war ihnen gefolgt. Um ihre Mundwinkel zuckte es, als sie die alte, ahnungslose Dame betrachtete. In ihren Augen loderte ein gieriges Feuer.



















Letzte Aktualisierung: 27.01.2007 - 14.19 Uhr
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