Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Melanie Conzelmann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Januar 2007
Wer nicht will, braucht nicht!
von Melanie Conzelmann


Gerade hat Frank angerufen. Er kommt heute wieder sp√§t nach Hause. Ich √ľberlege fieberhaft, was ich jetzt noch tun kann. Um jeden Preis muss ich wach bleiben, denn heute ist einer dieser gef√§hrlichen Tage. Es ist mir schon mindestens zwei Mal passiert. Noch einmal kann ich diese Blamage nicht ertragen, das ist sicher.
Seufzend schiebe ich eines der B√§nder, die mir ein mitf√ľhlender Wachmann vom √úberwachungsvideo kopiert hat, in den Player und dr√ľcke auf Start. Ich sp√ľre wie die Schamesr√∂te in mein Gesicht steigt, als ich die Szene beobachte:

Nur mit einem Nachthemd bekleidet stehe ich an der Bar des Swinger-Clubs. Umgeben von spärlich bekleideten oder gar nackten Personen. Mein Gesicht wirkt ausdruckslos und starr.
‚ÄěSeht mal, wen wir da haben! Hui-Buh kommt uns wieder besuchen.‚Äú Allgemeines Gel√§chter erschallt und l√§sst den √§lteren Herrn, der nur mit einem Stringtanga bekleidet ist, eine dramatische Pause einlegen. Dann lispelt er weiter: ‚ÄěDiesmal kommt sie mir nicht so einfach davon! Na S√ľ√üe, wie w√§r‚Äôs mit uns Zweien?‚Äú
Mit eifrigen Fingern macht er sich daran, mein Nachthemd aufzukn√∂pfen. Ger√§uschlos f√§llt es zu Boden. Der Alte nimmt meine Hand und f√ľhrt mich zielstrebig zu der Spielwiese, auf der sich bereits mehrere Leute miteinander vergn√ľgen. Langsam schiebt er mich auf eine Matratze und entledigt sich mit einer Schnelligkeit, die man ihm nicht zutraut, seines Stringtangas.
Die anderen Videos zeigen ähnliche Episoden, nur dass es keiner so weit trieb, wie dieser alte Herr. Gerade noch rechtzeitig wachte ich auf, sprang kreischend auf und rannte hinaus.
Die Empfangsdame behielt ihre Meinung nicht f√ľr sich:
‚ÄěLetztens hatten sie es aber nicht so eilig!‚Äú, rief sie mir zu. Um die Blamage perfekt zu machen, kam mir ein Sicherheitsmann nach und √ľberreichte mir mein Nachthemd. Auf meine √§ngstliche Nachfrage hin, best√§tigte er mir, dass ich schon √∂fters n√§chtliche Ausfl√ľge in den Club gemacht habe.

Nach dieser Schlafwandel-Episode lag ich n√§chtelang wach und suchte nach dem Grund f√ľr meine Ausfl√ľge. Ich habe viel √ľber das Schlafwandeln gelesen. Scheinbar ist der Anlass daf√ľr im Unterbewusstsein zu suchen. Was also will mir mein Instinkt sagen, wenn er mich in einen Swinger-Club f√ľhrt?
Schlie√ülich erz√§hlte ich Susi, meiner besten Freundin, davon. Nat√ľrlich wollte sie die Videos sehen, die der verst√§ndnisvolle Wachmann zu meiner Beruhigung kopiert hatte. Gott sei Dank hatte ich keinen Sex gehabt! Alles andere war schon peinlich genug.
Susi konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nach dem Gespr√§ch war sie aber davon √ľberzeugt, die L√∂sung f√ľr mein Problem gefunden zu haben:
Ich sollte mich meinen Gel√ľsten stellen und den Swinger-Club besuchen!
‚ÄěNiemals!‚Äú, war alles, was ich zu diesem Vorschlag sagte.

Je l√§nger ich √ľber Susis Rat nachdenke, desto sinnvoller erscheint er mir. Es scheint die einzige M√∂glichkeit, heraus zu finden, was ich dort zu n√§chtlicher Stunde will. Den Club bei vollem Bewusstsein aufzusuchen ist immer noch besser, als dort nichts ahnend im Nachthemd, oder noch schlimmer; nackt aufzuwachen!
Beherzt gehe ich zum Telefon und w√§hle Susis Nummer. Heute Abend werde ich einen Babysitter f√ľr die Kinder brauchen ‚Ķ

Vor dem Club studiere ich die Aushänge. Mir ist bewusst, dass ich damit Zeit schinde, aber ich habe nicht genug Schneid um gleich hineinzugehen.
Ich werfe einen Blick auf die Eintrittspreise und wundere mich nicht mehr, dass man eine schlafwandelnde Frau hinein l√§sst: Frauen m√ľssen keinen Eintritt bezahlen! Als ich die Preise f√ľr die m√§nnlichen Besucher sehe, wird mir schummrig vor Augen. Ein Gl√ľck, dass ich kein Mann bin, denn soviel Geld h√§tte ich gar nicht dabei gehabt. In letzter Zeit ist unser Konto sehr strapaziert.
Mit unsicheren Schritten stöckle ich auf den Eingang des Etablissements zu. Vor Nervosität wird mir ganz flau im Magen. Ich beginne zu schwitzen. Tue ich das Richtige?
Doch wie heißt es so schön auf dem Plakat draußen:
Wer will, darf, wer nicht, braucht nicht!
Diesen Satz murmele ich wie eine Beschwörungsformel vor mich hin, als ich durch den Vorraum gehe. Die Empfangsdame schaut mich seltsam an.
Erschocken zucke ich zusammen, als ein Mann auf mich zutritt und h√∂flich gr√ľ√üt:
‚ÄěGuten Abend, Madam!‚Äú, doch er will mir nur den Mantel abnehmen.
In Gedanken schimpfe ich mich ein dummes, ver√§ngstigtes Huhn. Was kann mir hier schon passieren? Wer nicht will, braucht nicht! Und √ľberhaupt bin ich nur gekommen um etwas √ľber meine n√§chtlichen Aktivit√§ten herauszufinden.
Ich hole tief Luft, und √∂ffne entschlossen die T√ľr. Warme Luft str√∂mt mir entgegen, der Duft von Ylang-Ylang bet√§ubt meine Sinne. Ich habe das Aroma schon einmal an einem anderen Ort gerochen, aber mir f√§llt nicht ein, wo. Ich bin viel zu nerv√∂s, um dar√ľber nachzudenken, denn an der Bar sitzen ein paar nackte Frauen zusammen und plaudern, als w√§ren sie in einem Stra√üencafe. Auch bekleidete Personen sind dort. Erleichtert gehe ich in ihre Richtung. Dort werde ich wenigstens nicht auffallen.
Die gesamte Einrichtung des Clubs ist in warmen T√∂nen gehalten. Verschiedene Rotschattierungen dominieren bei den Farben. Auch das Polsterlager, das Herz des Clubs, leuchtet in diesen Farben, wie ich mich jetzt erinnere. Ich kann es aber nicht √ľber mich bringen hin√ľber zu schauen. Lieber lasse ich die Leute, zu denen ich mich gesellen will, nicht aus den Augen.
Als ich endlich merke, was diese beobachten, bleibe ich stocksteif stehen.
Wie unter Zwang folge ich ihren Blicken und betrachte die Szene, die sich auf dem Matratzenlager abspielt. Fasziniert und gleichzeitig peinlich ber√ľhrt, starre ich die Menschen an, die frivol ihren sexuellen Begierden nachgehen.
Ein bizarrer Anfall von Komik ergreift mich. Ich habe Schwierigkeiten die einzelnen Gliedma√üen den Personen zuzuordnen, so verschlungen sind sie ineinander. Hier und da wackelt ein eingedellter Hintern und ein √ľbergro√üer H√§ngebusen zwischen einem Waschbrettbauch und muskul√∂sen Schenkeln.
Plötzlich taucht aus dem Gewirr von schweißfeuchten Körpern ein bekanntes Gesicht auf:
Frank!
Entsetzt ringe ich nach Luft. Zorn, Enttäuschung und Traurigkeit, alles wallt gleichzeitig in mir auf und will herausbrechen. Mein Magen krampft sich zusammen und das Blut rauscht in den Ohren. In dem Versuch, mich von meinen durcheinander wirbelnden Emotionen zu befreien, öffne ich den Mund, bringe jedoch nur ein Stöhnen hervor.
Ich drehe mich um und verlasse ein weiteres Mal fluchtartig den Swinger-Club. An der ersten Ecke muss ich mich √ľbergeben, dann laufe ich nach Hause.

Ich verlangsame mein Tempo erst, als ich schon fast vor der Haust√ľr stehe. Ich setze mich auf die Stufen, lege den Kopf auf die Knie und weine, bis ich mich ganz leer f√ľhle. Noch einmal sehe ich das Bild vor mir, wie mein Mann sich zwischen den anderen nackten Leibern windet. Schlagartig macht die Leere einem neuen Gef√ľhl Platz: Wut. Kalte Wut erf√ľllt mich.
Dieses Schwein!
Hat er mich gesehen? Schlafwandelnd unter all den Nackten, während die Kinder zu Hause alleine schliefen? Wenn ja, wie hat er so unverschämt sein können, trotzdem wieder hin zu gehen? Hatte er keine Angst, ich könnte aufwachen und ihn sehen?
Es f√§llt mir sehr schwer, die Haust√ľre leise zu schlie√üen um die Kinder nicht zu wecken. Mein erster Weg f√ľhrt mich direkt ins Schlafzimmer. Ich hole zwei Koffer aus dem Schrank und werfe Franks komplette Garderobe hinein. Ein Hauch von Ylang-Ylang entstr√∂mt der Kleidung. Der Geruch h√ľllt mich ein wie eine Wolke Giftgas, nimmt mir die Luft zum Atmen. Seltsamerweise bin ich kaum √ľberrascht. Irgendwie habe ich es wohl geahnt. Ich erinnere mich vage an ein Gespr√§ch mit Frank vor ein paar Monaten, bei dem er mich gefragt hat, was ich von Swinger-Clubs halte.
Jetzt wird mir das ganze Ausma√ü der Leidenschaft meines Mannes bewusst. Die auff√§llig h√§ufigen √úberstunden in den letzten Wochen, das fehlende Interesse an mir und das √ľberzogene Konto! Schlagartig kehrt mein Zorn zur√ľck und ich fahre damit fort, Bekleidung in die Koffer zu stopfen. Was nicht hineinpasst, wandert in einen gro√üen M√ľllsack.
Wie eine Racheg√∂ttin marschiere ich durchs Haus, bis Franks komplette Garderobe und Hygieneartikel vor der Haust√ľr stehen. Dann schlie√üe ich die T√ľr, drehe den Schl√ľssel um, lasse ihn von innen stecken und gleite m√ľde zu Boden. Ein winziges L√§cheln erscheint auf meinem Gesicht, als ich daran denke, dass ich nun wieder ruhig schlafen kann; worauf mir auch sofort die Augen zufallen.

© Melanie Conzelmann

Letzte Aktualisierung: 29.01.2007 - 07.28 Uhr
Dieser Text enthšlt 8538 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.