Der Tod aus der Teekiste
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Januar 2007
Wer nicht will, braucht nicht!
von Melanie Conzelmann


Gerade hat Frank angerufen. Er kommt heute wieder spät nach Hause. Ich überlege fieberhaft, was ich jetzt noch tun kann. Um jeden Preis muss ich wach bleiben, denn heute ist einer dieser gefährlichen Tage. Es ist mir schon mindestens zwei Mal passiert. Noch einmal kann ich diese Blamage nicht ertragen, das ist sicher.
Seufzend schiebe ich eines der Bänder, die mir ein mitfühlender Wachmann vom Überwachungsvideo kopiert hat, in den Player und drücke auf Start. Ich spüre wie die Schamesröte in mein Gesicht steigt, als ich die Szene beobachte:

Nur mit einem Nachthemd bekleidet stehe ich an der Bar des Swinger-Clubs. Umgeben von spärlich bekleideten oder gar nackten Personen. Mein Gesicht wirkt ausdruckslos und starr.
„Seht mal, wen wir da haben! Hui-Buh kommt uns wieder besuchen.“ Allgemeines Gelächter erschallt und lässt den älteren Herrn, der nur mit einem Stringtanga bekleidet ist, eine dramatische Pause einlegen. Dann lispelt er weiter: „Diesmal kommt sie mir nicht so einfach davon! Na Süße, wie wär’s mit uns Zweien?“
Mit eifrigen Fingern macht er sich daran, mein Nachthemd aufzuknöpfen. Geräuschlos fällt es zu Boden. Der Alte nimmt meine Hand und führt mich zielstrebig zu der Spielwiese, auf der sich bereits mehrere Leute miteinander vergnügen. Langsam schiebt er mich auf eine Matratze und entledigt sich mit einer Schnelligkeit, die man ihm nicht zutraut, seines Stringtangas.
Die anderen Videos zeigen ähnliche Episoden, nur dass es keiner so weit trieb, wie dieser alte Herr. Gerade noch rechtzeitig wachte ich auf, sprang kreischend auf und rannte hinaus.
Die Empfangsdame behielt ihre Meinung nicht für sich:
„Letztens hatten sie es aber nicht so eilig!“, rief sie mir zu. Um die Blamage perfekt zu machen, kam mir ein Sicherheitsmann nach und überreichte mir mein Nachthemd. Auf meine ängstliche Nachfrage hin, bestätigte er mir, dass ich schon öfters nächtliche Ausflüge in den Club gemacht habe.

Nach dieser Schlafwandel-Episode lag ich nächtelang wach und suchte nach dem Grund für meine Ausflüge. Ich habe viel über das Schlafwandeln gelesen. Scheinbar ist der Anlass dafür im Unterbewusstsein zu suchen. Was also will mir mein Instinkt sagen, wenn er mich in einen Swinger-Club führt?
Schließlich erzählte ich Susi, meiner besten Freundin, davon. Natürlich wollte sie die Videos sehen, die der verständnisvolle Wachmann zu meiner Beruhigung kopiert hatte. Gott sei Dank hatte ich keinen Sex gehabt! Alles andere war schon peinlich genug.
Susi konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nach dem Gespräch war sie aber davon überzeugt, die Lösung für mein Problem gefunden zu haben:
Ich sollte mich meinen Gelüsten stellen und den Swinger-Club besuchen!
„Niemals!“, war alles, was ich zu diesem Vorschlag sagte.

Je länger ich über Susis Rat nachdenke, desto sinnvoller erscheint er mir. Es scheint die einzige Möglichkeit, heraus zu finden, was ich dort zu nächtlicher Stunde will. Den Club bei vollem Bewusstsein aufzusuchen ist immer noch besser, als dort nichts ahnend im Nachthemd, oder noch schlimmer; nackt aufzuwachen!
Beherzt gehe ich zum Telefon und wähle Susis Nummer. Heute Abend werde ich einen Babysitter für die Kinder brauchen …

Vor dem Club studiere ich die Aushänge. Mir ist bewusst, dass ich damit Zeit schinde, aber ich habe nicht genug Schneid um gleich hineinzugehen.
Ich werfe einen Blick auf die Eintrittspreise und wundere mich nicht mehr, dass man eine schlafwandelnde Frau hinein lässt: Frauen müssen keinen Eintritt bezahlen! Als ich die Preise für die männlichen Besucher sehe, wird mir schummrig vor Augen. Ein Glück, dass ich kein Mann bin, denn soviel Geld hätte ich gar nicht dabei gehabt. In letzter Zeit ist unser Konto sehr strapaziert.
Mit unsicheren Schritten stöckle ich auf den Eingang des Etablissements zu. Vor Nervosität wird mir ganz flau im Magen. Ich beginne zu schwitzen. Tue ich das Richtige?
Doch wie heißt es so schön auf dem Plakat draußen:
Wer will, darf, wer nicht, braucht nicht!
Diesen Satz murmele ich wie eine Beschwörungsformel vor mich hin, als ich durch den Vorraum gehe. Die Empfangsdame schaut mich seltsam an.
Erschocken zucke ich zusammen, als ein Mann auf mich zutritt und höflich grüßt:
„Guten Abend, Madam!“, doch er will mir nur den Mantel abnehmen.
In Gedanken schimpfe ich mich ein dummes, verängstigtes Huhn. Was kann mir hier schon passieren? Wer nicht will, braucht nicht! Und überhaupt bin ich nur gekommen um etwas über meine nächtlichen Aktivitäten herauszufinden.
Ich hole tief Luft, und öffne entschlossen die Tür. Warme Luft strömt mir entgegen, der Duft von Ylang-Ylang betäubt meine Sinne. Ich habe das Aroma schon einmal an einem anderen Ort gerochen, aber mir fällt nicht ein, wo. Ich bin viel zu nervös, um darüber nachzudenken, denn an der Bar sitzen ein paar nackte Frauen zusammen und plaudern, als wären sie in einem Straßencafe. Auch bekleidete Personen sind dort. Erleichtert gehe ich in ihre Richtung. Dort werde ich wenigstens nicht auffallen.
Die gesamte Einrichtung des Clubs ist in warmen Tönen gehalten. Verschiedene Rotschattierungen dominieren bei den Farben. Auch das Polsterlager, das Herz des Clubs, leuchtet in diesen Farben, wie ich mich jetzt erinnere. Ich kann es aber nicht über mich bringen hinüber zu schauen. Lieber lasse ich die Leute, zu denen ich mich gesellen will, nicht aus den Augen.
Als ich endlich merke, was diese beobachten, bleibe ich stocksteif stehen.
Wie unter Zwang folge ich ihren Blicken und betrachte die Szene, die sich auf dem Matratzenlager abspielt. Fasziniert und gleichzeitig peinlich berührt, starre ich die Menschen an, die frivol ihren sexuellen Begierden nachgehen.
Ein bizarrer Anfall von Komik ergreift mich. Ich habe Schwierigkeiten die einzelnen Gliedmaßen den Personen zuzuordnen, so verschlungen sind sie ineinander. Hier und da wackelt ein eingedellter Hintern und ein übergroßer Hängebusen zwischen einem Waschbrettbauch und muskulösen Schenkeln.
Plötzlich taucht aus dem Gewirr von schweißfeuchten Körpern ein bekanntes Gesicht auf:
Frank!
Entsetzt ringe ich nach Luft. Zorn, Enttäuschung und Traurigkeit, alles wallt gleichzeitig in mir auf und will herausbrechen. Mein Magen krampft sich zusammen und das Blut rauscht in den Ohren. In dem Versuch, mich von meinen durcheinander wirbelnden Emotionen zu befreien, öffne ich den Mund, bringe jedoch nur ein Stöhnen hervor.
Ich drehe mich um und verlasse ein weiteres Mal fluchtartig den Swinger-Club. An der ersten Ecke muss ich mich übergeben, dann laufe ich nach Hause.

Ich verlangsame mein Tempo erst, als ich schon fast vor der Haustür stehe. Ich setze mich auf die Stufen, lege den Kopf auf die Knie und weine, bis ich mich ganz leer fühle. Noch einmal sehe ich das Bild vor mir, wie mein Mann sich zwischen den anderen nackten Leibern windet. Schlagartig macht die Leere einem neuen Gefühl Platz: Wut. Kalte Wut erfüllt mich.
Dieses Schwein!
Hat er mich gesehen? Schlafwandelnd unter all den Nackten, während die Kinder zu Hause alleine schliefen? Wenn ja, wie hat er so unverschämt sein können, trotzdem wieder hin zu gehen? Hatte er keine Angst, ich könnte aufwachen und ihn sehen?
Es fällt mir sehr schwer, die Haustüre leise zu schließen um die Kinder nicht zu wecken. Mein erster Weg führt mich direkt ins Schlafzimmer. Ich hole zwei Koffer aus dem Schrank und werfe Franks komplette Garderobe hinein. Ein Hauch von Ylang-Ylang entströmt der Kleidung. Der Geruch hüllt mich ein wie eine Wolke Giftgas, nimmt mir die Luft zum Atmen. Seltsamerweise bin ich kaum überrascht. Irgendwie habe ich es wohl geahnt. Ich erinnere mich vage an ein Gespräch mit Frank vor ein paar Monaten, bei dem er mich gefragt hat, was ich von Swinger-Clubs halte.
Jetzt wird mir das ganze Ausmaß der Leidenschaft meines Mannes bewusst. Die auffällig häufigen Überstunden in den letzten Wochen, das fehlende Interesse an mir und das überzogene Konto! Schlagartig kehrt mein Zorn zurück und ich fahre damit fort, Bekleidung in die Koffer zu stopfen. Was nicht hineinpasst, wandert in einen großen Müllsack.
Wie eine Rachegöttin marschiere ich durchs Haus, bis Franks komplette Garderobe und Hygieneartikel vor der Haustür stehen. Dann schließe ich die Tür, drehe den Schlüssel um, lasse ihn von innen stecken und gleite müde zu Boden. Ein winziges Lächeln erscheint auf meinem Gesicht, als ich daran denke, dass ich nun wieder ruhig schlafen kann; worauf mir auch sofort die Augen zufallen.

© Melanie Conzelmann

Letzte Aktualisierung: 29.01.2007 - 07.28 Uhr
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