Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Januar 2007
Engelchen
von Esther Schmidt

„Sag mal, Romano, kennst du den Typen da in der Ecke?“
Arnos Stammkunde drehte sich auf seinem Barhocker um.
"Wen? Den Langen mit dem Hawaiihemd?"
"Nee, den Blonden Wichser. Der so deutsch aussieht."
"Ist mir noch nie aufgefallen, warum?"
Arno wischte mit dem schmutzigen Handtuch über den Tresen, was er immer tat, wenn er nervös war.
"Seit drei Tagen ist der jeden Abend hier. Sitzt nur da, trinkt, und starrt durch den Raum. Kommt mir komisch vor."
"Meinste, der gräbt deine Perle an?"
Arno beobachtete, wie Susi ihren süßen Hintern am Tisch des Fremden vorbei schob und noch ein paar leere Gläser auf ihr Tablett türmte, bevor sie zu ihm herüber kam. Das bauchfreie Top ließ den Ring in ihrem Bauchnabel aufblitzen.
"Zwei Sangria, drei Pils und einen Gin Tonic", meldete sie, während sie die Gläser scheppernd abstellte und ein bereitstehendes Tablett mit neuen Getränken aufnahm. Romanos Blick folgte ihrem schwingenden Hinterteil, als sie sich wieder entfernte.
"Würde ich ihm nicht raten, falls er sich nicht in Zukunft von Suppe ernähren will." Romano lachte und Arno war froh, nicht den wahren Grund seiner Besorgnis preisgeben zu müssen.
"Mit der hast du einen guten Griff getan", sagte der Spanier und nahm einen Schluck. "Ist ne süße Schnecke und kann arbeiten.“ Grinsend fügte er an: „Solltest sie heiraten."
"Werd’ ich", brummte Arno während er das erste Pils unter dem Zapfhahn hervor holte. „Papiere sind schon eingereicht.“
"Was?" Romano verschluckte sich beinahe und Arno machte sich für den "Sie-könnte-deine-Tochter-sein"-Vorwurf bereit, aber als professioneller Begleiter vergnügungssüchtiger Ibiza-Urlauberinnen war Romano erhebliche Altersunterschiede gewöhnt. Sein Einwand war mehr rechtlicher Natur. "Sie ist doch noch gar nicht volljährig!"
"Wird sie aber, in zwei Wochen. Dann wird unterschrieben. Und zur Hochzeitsreise geht’s nach Amerika!“ Arno reckte sich stolz, was allerdings mehr seinen Bauch zur Geltung brachte, als die spärliche Brustmuskulatur. Romano sah ihn immer noch ungläubig an, und der Wirt fühlte sich zu einer Erklärung genötigt.
"Na es ist doch so, als Engelchen vor einem halben Jahr an meiner Bar saß, war sie mittellos und fremd. Inzwischen kennt sie alle hier, bekommt jede Menge Trinkgeld und bestimmt auch Angebote. Noch wohnt sie bei mir, aber wer weiß, wie lange das so bleibt. Die Kiste wird jetzt gepackt, dann schieb ich ihr noch was ins Ofenrohr und der Fall ist gegessen.
"Du willst Kinder?"
"Mal sehen, kann ja nicht schaden, dann ist sie beschäftigt und kommt nicht auf dumme Gedanken."
Der verdächtige Gast erhob sich und Arno beobachtete misstrauisch, wie er ein paar Münzen auf den Tisch legte. Als der Mann das Lokal verließ, atmete Arno auf. „Engelchen“ holte das Bier ab und bekam gratis einen Klaps auf den Po dazu. Arno wandte sich wieder an Romano. "Den Knackarsch nimmt mir keiner weg. Und das Beste", er beugte sich vertraulich vor "als Ehefrau muss ich ihr kein Gehalt mehr zahlen!" Mit selbstzufriedenem Lächeln richtete er sich wieder auf. "Klasse Idee, was?"
Romano schüttelte amüsiert den Kopf.
"Ihr Deutschen", sagte er. "Selbst die Liebe macht ihr noch zum Geschäft."

„Schatz, was hast du denn?“ In der Schlange vor dem IBERIA-Schalter stieß Susi ihrem frisch gebackenen Ehemann den Ellebogen in die Seiten. „Du drehst dich ja, wie ein Kreisel!“
Arno brummte unwillig.
„Da hinten der Kerl. Der folgt uns. Ich bin mir sicher!“
Susi stöhnte auf und verdrehte die Augen.
„Wir stehen Schlange Schatz! Wohin sollte der denn abbiegen?“
„Ach!“ Arno wischte verärgert mit dem Arm durch die Luft. „Ich meine den Arsch da hinten! An der Rolltreppe!“
„Komm runter, Arno. Der wartet sicher auf jemanden.“ Sie seufzte leise. „Wir sind ja bald weg hier. Dann hörst du hoffentlich auf, Gespenster zu sehen!“

Gespenster. Ja, manchmal kam es ihm auch so vor. Als Arno im Flugzeug zu den Toiletten ging, musterte er die Gesichter der Passagiere, die träge in ihren Sitzen dösten. Jeder von ihnen konnte es sein. Ein Mensch konnte sich verändern, konnte sich verändern lassen. Vermutlich war Klaus gar nicht mehr blond. Und Arno spürte die Angst wie einen kalten Knäuel in seinem Magen.

„Ich werde ein neues Zimmer verlangen!“, schimpfte Arno, als sie am Abend ihr Motelzimmer betraten. Susi blickte sich verständnislos im Raum um.
„Das hier ist doch ganz in Ordnung“, sagte sie.
„Ich mag die Nachbarn nicht!“ Damit rauschte Arno hinaus und Susi lief hinter ihm her zur Tür, trat auf den umlaufenden Balkon. Unten sah sie, wie Arno über den Parkplatz zur Rezeption hinüber ging. Aus dem Nebenzimmer drang gedämpft die Stimme des Fernsehsprechers und sie riskierte einen Blick. Auf dem Bett lag ein einzelner Mann mittleren Alters und starrte af den Bildschirm. Kopfschüttelnd ging sie ins Zimmer zurück.

Am nächsten Tag bummelten sie durch eine Einkaufspassage, als Arno sie plötzlich am Arm packte und weiterzog.
„Weg hier!“
„Was? Las mich!“
„Komm schon! Dumme Pute!“
„Sie liefen zum Mietwagen und Arno startete mit zitternden Fingern.
„Also langsam wird das krankhaft!“, fauchte sie beleidigt, doch Arno antwortete nicht. Immer wieder den Rückspiegel überprüfend, fädelte er sich mit quietschenden Reifen in den Verkehr ein. Erst, als sie ein gutes Stück gefahren waren, atmete er auf.
Er musste sich zusammenreißen. Seit Jahren wusste er, dass der Kumpel, den er gelinkt und um seinen Teil der Beute betrogen hatte, in diesem Sommer aus dem Knast kommen würde. Seit Jahren sagte er sich, dass er sicher war. Wie hätte Klaus herausfinden sollen, dass er unter dem Mädchennamen seiner Mutter in Ibiza eine Kneipe betrieb? Vermutlich saß der alte Knacki jetzt in einer versifften Bude im verregneten Düsseldorf und soff sich zu Tode.

Auf dem Parkplatz am Grand Canyon standen viele Wagen, aber die Menschen die dazwischen ihre Fotos machten, waren Familien und Ehepaare. Kein alleinstehender Mann mittleren Alters darunter.
Arno entspannte sich ein wenig.
"Was meinst du?" Susi stand vor dem ungeheuren Abgrund und starrte hinunter. "Da drüben führt ein Wanderweg nach unten. Ob wir mal ein Stück hinunter laufen?"
Arno zuckte die Schultern.
"Warum nicht?" In ihren Sandaletten würden sie eh nicht weit gehen können. Er hatte also keine Angst, dass er seinen Luxuskörper nicht wieder nach oben würde hieven können. Und da unten war wahrscheinlich kein Mensch. Niemand, der sein Misstrauen wecken oder ihm Angst machen würde. Er sehnte sich danach, den Druck dieser Angst endlich los zu werden.
Sein Bauch zog ihn geradezu vorwärts und Susi stöckelte hinter ihm her. Dann verstummten ihre Schritte, und als er sich nach ihr umdrehte, nestelte sie gerade ein Steinchen aus der Sandale.
"Geh ruhig vor!", rief sie munter. "Ich komme schon nach!"
Er hatte sich seit Jahren nicht mehr richtig bewegt, und es erstaunte ihn, wie viel Spaß das Laufen machte - die eigene Beweglichkeit und Kraft zu spüren, das kannte er sonst nur vom Sex. Er atmete tief ein und betrachtete die grandiose Szenerie, die sich mit jeder Biegung änderte. Doch als er um die nächste Felsnase trat, stockte er.
Ein Mann saß auf einem Stein und blickte ihm entgegen. Die blonden Haare waren stoppelkurz, auf den Armen, die das ärmellose T-Shirt freiließ, schlängelten sich Tätowierungen.
"Hallo Arno", sagte der Mann.
Arno schluckte.
"Hallo Klaus", gab er zurück.
Klaus war, wie Arno, an die vierzig, aber er wirkte stark und sehnig wie ein Profisportler. Nicht zu vergleichen mit Arnos eigener, verweichlichten Wampe.
"Du ... hast trainiert"
"Im Knast gibt es nicht viel, was man sonst tun könnte." Klaus stand auf, und allein das wirkte schon bedrohlich. Wieder schluckte Arno, obwohl sein Mund völlig trocken war.
"Ich nehme an, du willst wissen, wo dein Anteil ist", sagte er schließlich, doch Klaus schüttelte den Kopf.
"Ich weiß, dass alles in dieser Kneipe steckt", sagte er. "Gar keine schlechte Idee, übrigens."
"Und du willst, dass ich dich auszahle?"
"Ich will, dass du stirbst."
Der Satz kam mit einer solch ruhigen Selbstverständlichkeit, dass er Arno in alle Knochen fuhr. Klaus würde ihn die Felsen hinunter stürzen, und es würde aussehen, wie ein Unfall.
„Und dann übernehme ich deine Kneipe“, fuhr Klaus fort. „Wie gesagt, eine gute Idee. Kann mir einen Lebensabend als Kneipier auf Ibiza durchaus vorstellen.“
Ein Hoffnungsschimmer durchzuckte Arno.
„Und wie willst du das machen?“, fragte er. „Du hast kein Geld, sie zu kaufen, und wenn du mich umbringst, erbt meine Frau. Die wird einen Ex-Knacki wie dich kaum als Pächter nehmen.“
Klaus antwortete nichts, sah ihn nur an, als wartete er auf einen Vorschlag.
"Wir werden uns sicher einig“, fuhr Arno schnell fort. „Lass uns reden. Wenn du mich umbringst, wird sie Fragen stellen, eine Vermisstenanzeige aufgeben."
"Aber Schatz! Wer soll dich denn vermissen?" Arno drehte sich um und sah Susi am Felsen stehen, die Hände kokett in die Hüften gestützt.
"Engelchen!"
Doch sie blickte an ihm vorbei zu Klaus hinüber.
"Hallo Paps!", sagte sie lächelnd.

Letzte Aktualisierung: 27.01.2007 - 17.37 Uhr
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