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Januar 2007
Elisabeth
von Daniel Schmidt

Elisabeth war weg. Gekidnappt dachte er, wenn nicht noch schlimmeres. Dabei wollte sie doch nur ein kleines Weilchen in der Sonne sitzen an diesem herrlichen Sommertag. Kurt konnte es nicht fassen.

Er ging im Zimmer umher und starrte auf den Fußboden. Er wagte es nicht, seinen Blick zu heben, hatte zu viel Furcht vor den vorwurfsvollen Blicken der anderen, die um ihn herum standen. Ja, natürlich hatte er Elisabeth für einen Augenblick aus den Augen gelassen. Er war auch nur ein Mensch und als solcher besaß er menschliche Bedürfnisse. Der Kaffee war dran schuld. In seinem Alter fiel es ihm schwer, dem Druck lange Stand zu halten.

Nein, sie ließen seine Entschuldigung nicht gelten und er konnte sie verstehen. Er schämte und ärgerte sich sehr. Eine kleine Träne lief an seiner Wange herunter. Warum Elisabeth? Warum gerade sie? Natürlich, sie war etwas Besonderes. Jeder konnte das auf den ersten Blick erkennen.
Er lief zum Spiegel und schaute sich in die Augen. So fühlt es sich also an, wenn man jemanden verliert, den man liebt. Sein Herz krampfte sich zusammen. Seine Hand hob sich, und er spürte eine Ohrfeige in seinem Gesicht. Nicht stark genug. Er schlug wieder und wieder zu, bis er schließlich zitternd zu Boden sank.
Du darfst sie nicht alleine draußen lassen. Du darfst sie nicht alleine draußen lassen. Wie oft hatte er sich das gesagt?
Nein, es war nicht die Schuld des Kaffees, er ganz allein war verantwortlich.

War sie wirklich gekidnappt worden? Wollte jemand Lösegeld erpressen? Unwahrscheinlich, alle im Dorf wussten, dass er kein Geld besaß. Aber es wussten auch alle, wie viel Elisabeth ihm bedeutete.

Was tun? Die Polizei rufen? Lächerlich, die würden ihm nicht glauben, hielten ihn schon lange für verrückt. Dabei wohnten die Verrückten ganz woanders. Zwei Häuser weiter, um genau zu sein.
Eine Idee begann in ihm zu keimen. Oder eher ein Verdacht. Na klar, die korrekten und arroganten Stutenbrocks. Er ging zum Fenster, versteckte sich hinter der Gardine, um einen Blick auf ihr Haus zu werfen. Die beiden Kinder schienen ganz aufgeregt zu sein, der Vater gereizt. Irgendetwas ging da vor sich. Die Stutenbrocks hassten ihn, dessen war er sich sicher. Ihre ewigen Anfeindungen hatte er so satt. Dabei war er einer der friedliebendsten Menschen auf der Welt. Gegen Intoleranz ist halt kein Kraut gewachsen. Sicher hatten sie nur auf eine Gelegenheit gewartet, um ihm den finalen Stoß zu verpassen.
Kurt überlegte. Wenn sie wirklich die Täter waren, dann bestand noch Hoffnung. Eine Entführung traute er ihnen zu, aber keinen Mord.

Im Prinzip war jeder verdächtig.

Auch die, die eigentlich seine Verbündeten waren. Berthold zum Beispiel. Warum ging er so hastig die Straße entlang? Und was war in der Tasche, die er so behutsam unterm Arm hielt? Ja ja, Zipfel auf!* Ihr verlogenen Hunde. Ich hab euch von Anfang an nicht getraut. Elisabeth war euch schon immer ein Dorn im Auge. Und das nur, weil sie weiblich ist. Ihr seid so erbärmlich. Von wegen: Es gibt keine weiblichen Gartenzwerge.

Er ging zu seinem Schreibtisch, zog die Schublade heraus. Dort war es, das Beweisstück. Die Expertise belegte eindeutig, dass sie tatsächlich 100 Jahre alt war. Eine 100 Jahre alte Zwergin aus bestem Terrakotta. Ihm war es egal, dass viele Elisabeth für einen unvollendeten Zwerg hielten, für ihn war sie das beste Stück in seiner Sammlung. Seufzend legte er die Urkunde zurück.

Was sollte er nur Marie sagen? Sie hatte für Elisabeth eine neue Schürze genäht, die sie heute vorbei bringen wollte. Bei dem Gedanken wurde er sentimental. Es half alles nichts. Die leere Stelle im Vorgarten machte unmissverständlich klar, dass er Elisabeth verloren hatte. Gartenzwerge laufen nicht weg und noch seltener kommen sie von selbst zurück.

So leicht konnte er nicht aufgeben! Er erinnerte sich an einen Satz aus einem Krimi: Die einfachste Theorie ist normalerweise die richtige. Doch welche seiner Theorien war die einfachste? Er nahm ein Blatt Papier, einen Stift und schrieb:

1. Stutenbrocks
2. Berthold
3. weggelaufen

Den dritten Punkt strich er gleich wieder durch, blieben die beiden anderen. Es war noch keine zwei Minuten her, dass Berthold vorbei gelaufen war. Also hinterher! Wo wollte der so schnell hin? Sehr verdächtig!

Kurt zog sich seine Sandalen an und lief "Wichtel-Bert", wie ihn alle nannten, hinterher. Dieser bog gerade am Ende der Straße rechts in eine Seitengasse ab. Kurt rannte. Ein paar Leute blickten ihm hinterher und fragten sich, was dieser komische alte Mann jetzt schon wieder tat. Kurt sah sie nicht. Völlig außer Atem kam er an der Ecke an, spähte vorsichtig in die Gasse. Sein Abstand zu Bert hatte sich stark verkleinert. Schnaufend lief er weiter, langsamer, doch schnell genug, um Bert nicht aus den Augen zu verlieren. Kurt spürte ein Kribbeln in seinem Körper. Die Angst, entdeckt zu werden und die nahende Befreiung seiner geliebten Elisabeth ließen seinen Adrenalinspiegel steigen. Inzwischen war ihm bewusst, wo Bert hin wollte: zum Haus seiner Schwester.

Die große Tür fiel geräuschvoll ins Schloss. Kurt schlich sich an ein Fenster und blickte ins Zimmer, niemand war zu sehen. Kurz entschlossen kletterte er über den kniehohen Zaun, um von hinten ins Wohnzimmer schauen zu können. Die Fenster waren hier höher, weil das Gelände abfiel. Selbst auf Zehenspitzen gelang es ihm nicht, das Fensterbrett zu erreichen. Er sah sich suchend um und entdeckte er einen alten Eimer, drehte ihn um und stellte sich darauf. Vorsichtig hielt er sich an einer Kletterrose fest.
Jetzt konnte er die beiden bei einer Tasse Kaffee im Wohnzimmer sitzen sehen. Kurt war ganz aufgeregt und Bert war es auch, zumindest sah es so aus. Seine Tasche stand neben seinem Sessel, jetzt stellte er sie auf seinen Schoß. Kurt platze fast vor Anspannung. Und dann holte Bert sie heraus: eine alte große Uhr.

"Verflucht!" stieß Kurt aus und unterstützte dies unbedachterweise mit der passenden Handbewegung, die ihn das Gleichgewicht auf dem wackligen Eimer verlieren ließ. Er musste schmerzhaft feststellen, dass die Rose in zweierlei Hinsicht nicht zum Festhalten geeignet war. Ihre Dornen rissen ihm die Haut auf, jedoch verhinderte sie nicht sein Fallen. Wild fluchend klopfte er den Dreck von den Hosen, was nur dazu führte, dass er sie mit Blut beschmierte. Zu allem Überfluss ging auch noch die Terrassentür auf, der Lärm war wohl nicht unbemerkt geblieben. So schnell er konnte, flüchtete Kurt über den Zaun (das Reißen seiner Hose registrierte er nur am Rande) und rannte zurück ins Dorf.

Am Dorfbrunnen stoppte er, um seine Hände in dem klaren Wasser zu kühlen. Langsam ließ der Schmerz nach. Als sich auch sein Puls wieder beruhigt hatte, holte er Zettel und Stift aus der Tasche. Berthold strich er durch. Also doch die Stutenbrocks!

Auf kürzestem Weg ging Kurt zu ihrem Haus, das von einer dichten Hecke umgeben war, so dass man nicht in ihren Vorgarten blicken konnte. Er schaute sich um. Die Straße war leer. Er versuchte, mit seinen Händen die Blätter auseinander zu schieben. Erfolglos. Also rannte er zurück zu seinem Haus, holte eine Gartenschere, die gute, und war fünf Minuten später wieder an der Hecke. Die Blätter fielen, bis ein Loch entstanden war, groß genug, um hindurch zu sehen, klein genug, um nicht erwischt zu werden.
Was er sah, ließ ihn innerlich triumphieren und zugleich vor Entsetzen erstarren. Die beiden Kinder der Stutenbrocks hockten am Ende des Blumenbeetes, ihr Vater, der eingebildete Versicherungsvertreter, füllte ein Loch mit Erde. Sie beerdigten seine Elisabeth. Vater Stutenbrock klopfte gerade die Erde fest, zeigte auf seine Uhr und die Kinder rannten ins Haus. Er stellte die Schaufel in den Schuppen und schon waren die Quälgeister mit ihren Rucksäcken zurück. Alle zusammen sprangen ins Auto, das sich schnell vom Haus entfernte.

Kurt atmete erleichtert auf. Er lief zum Tor. Verschlossen! Er schaute sich erneut um, noch immer war er allein. Es half alles nichts. Mit etwas Anlauf sprang er Schulter voran gegen das Tor. Der Schmerz war stechend. Doch das Holz hatte nachgegeben. Er hielt sich seine Schulter, der rechte Arm ließ sich kaum noch bewegen, worüber er jedoch nur kurz nachdachte. Eine Hand würde reichen, um Elisabeth auszugraben.

Vor dem kleinen Hügel kniete Kurt nieder, die Hose war sowieso hinüber. Mit der linken Hand begann er zu buddeln. Die Erde flog nur so an ihm vorbei. Er brauchte nicht lange, da stieß er auf Zeitungspapier. Er war erstaunt. Dass sie Elisabeth einwickeln würden, damit sie nicht schmutzig wird, hatte er nicht erwartet. Wieder liefen Tränen aus seinen Augen. Er flüsterte Elisabeths Namen, während er langsam das Papier abrollte.

Er hielt das tote Meerschweinchen der Stutenbrocks in seinen Händen. Es musste heute gestorben sein. Kurt brach laut schluchzend zusammen. Das vor dem Tor haltende Auto hörte er dabei nicht.
"Sag mal, Zwergenkurt, bist du jetzt völlig übergeschnappt? Sieh zu, dass du Land gewinnst! Und das Tor bezahlst DU! Glaub ja nicht, dass die Haftpflicht da einspringt!"

Geistesabwesend trabte Kurt zu seinem Haus. Nun war alles vorbei.
Er setze sich zu seinen vielen Zwergen. Jeden einzelnen der 267 drehte er um 180°. Er konnte ihre Blicke jetzt einfach nicht ertragen.

Plötzlich stand Marie in der Tür.

"Hallo Kurt! Schau mal, wie perfekt die neue Schürze sitzt! Als ich Elisabeth vorhin draußen sitzen sah, hab ich sie gleich zur Anprobe mitgenommen."

Kurt starrte fassungslos auf seine Elisabeth.
Marie kam näher. "Sag mal, wie schaust du eigentlich aus?"

© Daniel Schmidt 2007
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* "Zipfel auf!" Ist der Gruß der Zwergenfreunde untereinander.

Letzte Aktualisierung: 26.01.2007 - 11.16 Uhr
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