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Januar 2007
Der Fan
von Arne Lipschitz

An das genaue Datum sich zu erinnern ist unmöglich, nur dass es vor Jahren war und dass es ein Glückstag gewesen sein muss, wenn jemals ein Tag diesen Namen verdient hat.
Er war im Kino gewesen, nur aus Langeweile, und war der Handlung des Films schon nach einigen Minuten nicht mehr gefolgt. Denn dort im Kino hat er sie zum ersten Mal gesehen und sich zum ersten und einzigen Mal seines Lebens bedingungslos und ohne Verstand verliebt.
In die Hauptdarstellerin.
In Natalie Portman.

Seit diesem Tag sammelt er Zeitungsausschnitte, Fotos, alles von ihr und über sie und füllt damit ein Dutzend seiner Alben. Über Jahre hütet er diesen Schatz. Seinen einzigen.
Jedes Foto hat er unter der Lupe studiert, ihr Gesicht, ihre Hände, was immer gerade darauf zu sehen ist, im Spotlight einer Schreibtischlampe. Damit ihm kein Detail entgeht. Denn nichts ist unwichtig, nichts nebensächlich – nicht, wenn es um Natalie Portman geht.
Er hat Natalie Portman auswendig gelernt.
Sie ist einfach phantastisch und er würde über Leichen gehen, um ihr nahe zu sein; Eine Art der Hingabe, zu der nur ein wahrer Fan fähig ist, die unteilbar ist und sich nur dadurch auszeichnet, dass sie keine Kompromisse eingeht.
Auch die Frau neben ihm im Bett, der seine Aufmerksamkeit stets nur beiläufig galt und deren Gesicht schon ganz im Dunklen liegt, kann es nicht abwenden, dass ihm ganz anderes vorschwebt...

(... bei Natalie ist er, in ihrem Haus in Beverly Hills. Sie ist nicht aufgetakelt wie bei einer Preisverleihung oder einer Filmpremiere. Sie ist privat und sie ist nur für ihn da. Sie sitzt auf seinem Schoß in einer engen
Jogginghose und einem einfachen T-Shirt. Sie ist so wunderbar und sie empfindet das selbe für ihn. Sie trinken Champagner und küssen sich, bis sie von beidem völlig berauscht sind und in ihren dunklen Garten gehen.
Es ist eine tropisch warme Sommernacht. Sie jagen sich um die Palmen, springen in den himmelblau beleuchteten Pool. Ein echter kalifornischer Vollmond scheint auf sie herab und kein zweitklassiger
Kompromiss von einem Mond, wolkenverhangen über einer deutschen Kleinstadt.
Im Wasser wird sie erst richtig scharf auf ihn und die Art und Weise, wie sie sich im Folgenden lieben, sprengt jeden Rahmen des Beschreibbaren – und alles geschieht in dem Bewußtsein, dass sie für einander bestimmt sind.)


Die Frau, die neben dem Fan liegt, ist seit einigen Stunden nicht mehr nur eine Frau, sondern seine Frau, aber es ist Natalie Portman, die ihm in jeder Beziehung näher ist.
Was er nicht schon alles über Natalie weiß... Sollte er ihr jemals eines Tages wirklich begegnen, müssten sie dann nicht wie alte Freunde sein? Wäre das so falsch?
Übrigens, die Frau schläft schon. Sie hat sich gleich nach einem befriedigenden, aber wenig leidenschaftlichen Akt zu dem bewegungslosen, geräuschlosen Knäuel zusammengezogen und ist eingeschlafen – sie, die kaum eine Ähnlichkeit mit Natalie hat und die für ihn nur ein schattenhaftes Abbild jener ewigen Idee der Liebe ist.
Für Natalie hat er schon geschwärmt lange bevor er die Frau überhaupt kennen gelernt hat. Er kann froh sein, sie abbekommen zu haben, denn viel hat er nicht zu bieten. Und trotzdem ist sie nur zweite Wahl.
Manchmal hat er deswegen ein schlechtes Gewissen. So wie heute Nachmittag in der Kirche, bei der Übergabe der Ringe und seinem Versprechen, sie bis an sein Lebensende zu lieben, als er unentwegt an Natalie dachte und dabei stets konzentriert bleiben mußte, dass er die Frau nicht versehentlich mit diesem Namen ansprach.
Was macht es schon für einen Unterschied, diese keuscheste Form der Untreue, ist doch auch er für die Frau vermutlich allenfalls zweite Wahl. Vielleicht sogar nur dritte Wahl. Warum sie ihn geheiratet hat und was sie wirklich für ihn empfindet, weiß er nicht. Wer kann schon in den Anderen hinein sehen? Wer kann schon wissen, was der Andere wirklich denkt? Denkt sie, was sie sagt? Ihr Lächeln bei der Hochzeit – galt es wirklich ihm? Ihr Blick in seine Augen – ach, er verlor sich doch in irgendeiner Ferne. Vorhin, als sie seinen Namen stöhnte... aber was sind schon Namen...
Wie auch immer es um ihre Gefühle bestellt sein mag, für ihn bleiben sie doch stets dunkel und wirklichkeitslos, unterhalb der Oberfläche des Zugänglichen, so will es die Natur.
Einer seiner Bekannten äußerte einmal die Vermutung, die Frau würde ihn lieben, ein anderer hingegen glaubte nicht daran. Sie ist erst 26. Sie weiß es wahrscheinlich selbst noch nicht genau.

Der Fan steigt aus dem Bett. Plötzlich überkommt ihn das Bedürfnis, ein Bad zu nehmen. Im Badezimmer drückt er den Stöpsel in den Abfluss und dreht das heiße Wasser auf. Die Wanne hat Kalkränder und die Kacheln müssten dringend geputzt werden.
Wenn er jetzt bei Natalie sein könnte, irgendwo ganz allein nur mit ihr und ganz weit weg... Die Wanne wäre ein blau erleuchteter Pool, die gekachelten Wände wären Palmen und die schäbige Badezimmerlampe der kalifornische Vollmond.
Er versucht sich im Spiegel zu erkennen, der vom Wasserdampf beschlagen ist. Er ist jetzt ein verheirateter Mann. Die äußeren Umstände haben damit ein schon erschreckendes Ausmaß an Endgültigkeit erreicht.
Er beschließt, dass es Zeit ist, erwachsen zu werden und die Teenager-Träumereien zu begraben.
Als er ins Wasser steigt, nimmt er seinen Naßrasierer mit in die Wanne. Die Rasierklinge hat er erst heute morgen neu eingesetzt, um auf der Hochzeitsfeier ordentlich auszusehen. Jetzt nimmt er die Klinge wieder heraus und ritzt sich die Handgelenke. Es geht leichter als gedacht im heißen Wasser. Als er sich an den Schmerz gewöhnt hat, schneidet er tiefer.
Und damit wäre dann alles erledigt.

Fast alles. Bleibt noch die Frage zu klären, was wohl die Braut am nächsten Morgen zu der Schweinerei im Bad zu sagen hat, wenn sie ihn findet und das blutige Wasser sieht, das in großen Pfützen unter das Waschbecken gelaufen ist und den weißen Toilettenvorleger zumindest farblich für immer ruiniert hat.
Die Antwort ist einfach. Sie findet ihn gar nicht und sie sagt überhaupt nichts dazu. Sie hat eine gute Hand voll Schlaftabletten genommen, bevor sie sich zur Nacht in das neue Ehebett gelegt hat und war schon tot, als ihr Mann sich die Pulsadern aufgeschnitten hat.
Von Matt Damon hätte sie erzählen können, den sie insgeheim schon seit Jahren abgöttisch verehrte und der für sie unerreichbar bleiben musste – und von der wahren, der echten und wirklich romantischen Liebe, die unteilbar ist und sich nur dadurch auszeichnet, dass sie keine Kompromisse eingeht.
Das Nichts, in das sie fast gleichzeitig eingegangen sind, ihr beinahe gemeinsamer Freitod um des immer schon Verlorenen willen, des lebenslang Unzulänglichen, verleiht ihnen beinahe noch den Glanz und die tragische Größe von Romeo und Julia.

Letzte Aktualisierung: 03.01.2007 - 06.58 Uhr
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