Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Januar 2007
Irrfahrt mit Begleitung
von Andreas Schmitz

So schlich er denn traurig,
Jammernd um sein vÀterlich Land, entlang dem Gestade
Am vielerschĂŒtternden Meer. Da trat ihm Athene vor Augen.
Odyssee 13, 219-221

Du sitzt in einem Park auf einer Bank, zerknittert, ungewaschen, aber nicht wĂŒrdelos. Deine Augen sind geschlossen. Wie alt bist du? Du trĂ€umst von deiner Mutter. „Es war alles falsch. Wir haben alles falsch gemacht mit dir“, sagt sie, und streckt dir ihre Hand entgegen, durch die halbgeöffnete TĂŒr, hinter der es flammend hell ist. Ihr Blick ist klar und tief. Du greifst nach der von Schmerzen verkrĂŒmmten Hand, willst sie auf deine Wange legen, aber lautlos schließt sich die TĂŒr.
Die Augen öffnen sich. MĂŒde ist dein Blick, so unbarmherzig mĂŒde. Du gehst durch die fremde, große Stadt, immer auf der Suche. FrĂŒher auf diesem Weg bist du mir begegnet. Du hast mich erschreckt, weil ich deine Angst in mir gefunden habe, und bist weiter gegangen. Ich schaue dir nach, aber ich werde nicht weinen um dich.
Du lĂ€ufst durch ein heruntergekommenes Viertel und triffst Kyra, die du aus der Schule kennst, bald zwanzig Jahre her, Kyra, blond, schlank, mit runden BrĂŒsten und einer schmalen, ein wenig langen Nase. Sie erzĂ€hlt dir ihre Geschichte. Sie ist BĂŒroangestellte, hat ein Gehalt, eine Wohnung, Freunde, Feten, Urlaube. Sie verliebt sich in einen Stripper. Er sorgt dafĂŒr, dass sie ihre Arbeit aufgibt und anfĂ€ngt, gegen Geld MĂ€nnergelĂŒste zu befriedigen. Ihr ehemaliger Chef kommt oft. Kyra wacht eines Morgens auf, im Sommer, und weiß, dass der Stripper von ihr lebt. Die Sonne ist verblasst und sie ein im KĂ€fig gehaltenes Tier, starrend von Exkrementen. Sie nimmt ihre KrĂ€fte zusammen, verlĂ€sst ihn und geht in eine andere Stadt. Den Beruf behĂ€lt sie. Sie klingt nicht traurig, als sie davon erzĂ€hlt.
Kyra lĂ€dt dich ein, bei ihr zu wohnen. Wenn sie ihre Besuche empfĂ€ngt, machst du lange SpaziergĂ€nge. Du hast eine Lust in dir, diesen MĂ€nnern mit einem scharfen Messer die Kehle aufzuschneiden und sie auslaufen zu lassen. „SĂ€nftige Dich!“, möchte ich in dein Ohr flĂŒstern auf deinen langen Wegen durch den Nebel. „Ich habe Angst, verloren zu gehen.“ höre ich dich immer wieder und: „Ich bin nichts Besonderes.“
Drei junge Frauen aus Russland singen in einer FußgĂ€ngerzone. Du bleibst stehen und wirfst eine MĂŒnze in die GitarrenhĂŒlle. Sie singen von der Heimat. Immer wieder nimmst du Geld aus deiner Hosentasche. Du gehst weiter zu einem großen, schlanken Farbigen mit einer weißen ZipfelmĂŒtze. Er spielt auf einer Blockflöte. Es klingt nicht wie Musik. Du denkst an die Kinder, die du nicht hast und die Arbeit, die du nicht tust. Er bekommt nichts. „Ach, du!“, möchte ich sagen, neben dir stehen und mit dem Daumen warm ĂŒber die HĂ€rchen auf deinem HandrĂŒcken fahren. Wie gerne möchte ich ihn lichten fĂŒr dich, deinen Nebel. Wieder ein paar Meter weiter steht ein junger Mann, der die Hand aufhĂ€lt. Nichts weiter. Du hast einen Geldschein in deiner Hand, als sein Handy klingelt.
In der Nacht schlĂ€fst du das erste Mal mit Kyra. Du bezahlst nicht. „Jeder Mensch ist etwas Besonderes“, höre ich mich zu dir sagen. Ich wollte es gern glauben, will es noch. Wie gern. Du kannst nicht schlafen und gehst hinaus, auf einen kleinen, mit Platanen bestandenen Platz, schaust die paar Sterne an, die durch den Nebel zu dir dringen, gehst zurĂŒck, trinkst in der KĂŒche Wein und hinterlĂ€sst eine Zeichnung, ein paar Bleistiftstriche auf Papier, nichts weiter; vielleicht die Ahnung eines Segelschiffs, beseelt, aber so unfertig, dass es sich wĂ€hrend der Betrachtung hinter den Horizont zu entfernen scheint.
Du ziehst in ein Hotel, wĂ€schst dir die HĂ€nde, schlĂ€fst dich aus, nimmst am FrĂŒhstĂŒcksbuffet teil und gehst in den Park. Auf deiner Bank sitzt ein einĂ€ugiger Mann. Du ziehst einen Zahnstocher aus der Hosentasche und lĂ€sst den EinĂ€ugigen die Spitze sehen. Er lĂ€chelt.
Du gehst in eine Telephonzelle und rufst deinen Vater an und gibst dich als Stellvertreter seines Anlageberaters aus. Ihr sprecht zwanzig Minuten ĂŒber Aktienfonds, dann hĂ€ltst du es nicht mehr aus, deine Stimme zittert, als du sagst: „Ich bin es, Dein Sohn. Kann ich nachhause kommen?“ Die Antwort ist Stille. Du willst schon auflegen, da hörst du deinen Vater atmen: „NatĂŒrlich. Hier ist dein Zuhause. Dein Zimmer wartet auf dich.“ Du gehst wieder an der Bank vorbei. Es sitzen zwei Frauen darauf, die eine rechts, die andere links. Du passt nicht zwischen sie. Es ist zu eng. Du kaufst dir einen Stadtplan. Ein letztes Mal gehst du in den Park. Wieder sitzt jemand auf der Bank, hĂŒbsch anzusehen, schaut dir ins Gesicht, lĂ€chelt dich an. Warum erkennst du mich nicht? Was habe ich dir angetan? Du lehnst dich an eine Eiche und schlĂ€gst den Stadtplan auf, steigst in ein Taxi und lĂ€sst dich zum höchsten Haus der Stadt chauffieren. Der Taxifahrer sieht dich ernst an. Du beruhigst ihn: „Ich will nur jemanden besuchen.“ Und setzt noch hinzu, weil es notwendig scheint: „im 11.Stock“. Er bekommt ein sehr hohes Trinkgeld. Er schaut dich noch einmal an, warnend und verstehend. Ich könnte dich nicht so anschauen.
Du steigst die 46 Stockwerke ĂŒber die Feuertreppe hinauf. Deine Oberschenkel brennen. Du betrittst die DachflĂ€che und nimmst das gewaltige HĂ€usermeer wahr, begrenzt in weiter Ferne von grĂŒnen Feldern und Wolken verunreinigter Luft. Hier ist kein Nebel. Langsam tastest du dich vor. Ich sehe, wie du etwa einen Meter vor dem Rand stehen bleibst, deine FĂŒĂŸe scheinen Blei geworden zu sein. Du zwingst sie vorwĂ€rts, schwer, unendlich langsam. Als du endlich ganz am Rand stehst, bemerkst du, wie in der grauen Welt der Straßen und GebĂ€ude nach und nach die Lichter angehen. Du siehst zu, versonnen, beinahe lĂ€chelnd, vergisst fast, wo du bist, und warum. Eine starke Windböe erhebt sich, ich will nach dir fassen, dich halten, fest, deinen Kopf an meiner Brust bergen, nein, umgekehrt, mich an dir. Meine Fingerkuppen vibrieren, sie wollen dich zart berĂŒhren, nur ganz flĂŒchtig. Die Zirkulation deines Blutes erfĂŒhlen, vielleicht an deiner HĂŒfte, an deinen Lenden hinab gleiten, warm, segnend, keusch. Geil. Doch du breitest die Arme aus, gelassene EndgĂŒltigkeit tanzt ĂŒber dein Gesicht. Jetzt ist der Moment, so geht es also zuende, du siehst in den Abgrund...
... und hörst schrille, holzige Pfeiftöne. Der Neger mit der weißen ZipfelmĂŒtze. Das politisch Korrekte ist unwichtig geworden. Er hat kein Geld bekommen. Du siehst auf das Weiß auf seinem Kopf. Alles ist klar. Es gibt keine Möglichkeit, einfach aufzuwachen und alles war nur ein böser, warnender Traum. Weder so, noch so. Also weitermachen.
Ja! Danke, oh, danke, mein Liebster, mein Einziger. Du steigst die 46 Stockwerke hinunter und setzt dich auf die Bank im Park, und der ZipfelmĂŒtzenflötist setzt sich dazu und ihr macht keine Musik zusammen. Du schreibst an Kyra und legst eine Zeichnung bei - zwei einzelne Menschen, weit voneinander, und ganz am Ende eine vielfach abgelenkte Linie, ein Gebirgskamm oder eine KĂŒste. Du fĂ€hrst in deine Heimatstadt, ziehst in das Zimmer bei deinem Vater und bist behaust und eingeengt. Du suchst dir eine bezahlte TĂ€tigkeit, du nimmst eine Frau. Kyra bekommt deinen Sohn, von dem sie dir nichts sagt. Wenn er 16,17,18 Jahre alt ist, wird er seine Mutter zwingen von dir zu erzĂ€hlen. Er wird die Zeichnungen sehen und heraus bekommen, wo er dich finden kann. Er wird mit seinem neuen Auto, auf das er so stolz ist, in deine Stadt, in dein Viertel fahren. Er fĂ€hrt zu schnell, und du mit einer frisch gekauften Zeitung ignorierst eine rote Ampel, und er kann nicht so schnell bremsen, ich bin nicht da, ich kann nicht immer und ĂŒberall sein, auch nicht fĂŒr dich, schöner Geliebter. Die TĂŒr, hinter der es flammend hell ist, öffnet und schließt sich fĂŒr dich und du triffst deine Mutter.

Letzte Aktualisierung: 20.01.2007 - 20.53 Uhr
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