'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Januar 2007
Die Liebe des Abgeordneten von Braun
von Gunter Irm

Als der Bundestagsabgeordnete Christian von Braun um acht Uhr sein Büro im dritten Stock des Regierungsviertels betrat, würdigte der 42-jährige nur kurz, kürzer schien es als sonst, das Schwarz-Weiß-Porträt des ersten Kanzlers der Republik an der Wand hinter seinem Schreibtisch. Der Diplom-Kaufmann mit gebräuntem Teint, Inhaber zweier glänzend positionierter mittelständischer Unternehmen, darunter eine Internetagentur, wirkte wie ein Mittdreißiger. Der 1,85 m große, schlanke Politiker mit blauen Augen, Gel im strähnig blonden Haar, das Haar im Nacken etwas länger, erschien im modisch blauen Anzug, mit poppig blau-gelber Krawatte, in neuen Lackschuhen – für seinen großen Auftritt. Wie immer donnerstags während der Plenarwochen in der Hauptstadt würde heute im Plenarsaal des Bundeshauses Debatte sein.
Er bewegte sich mit raschen Schritten hin zu seinem aufgeräumten, leeren Schreibtisch. Frisch, ja belebend wirkten das Grün des Gemäldes von Baumeister und ein Pop-Art-Original daneben – gleich hinter dem Kanzler-Porträt. Doch an diesem Morgen war einiges aus den Fugen.
Mit etwas fahrigen Händen packte der Süddeutsche mit kräftigen Oberarmen das Manuskript seiner Rede aus. „Wie jeden Morgen werde ich zuerst bei einem schwarzen Kaffee einen Blick in die Tageszeitungen werfen“, dachte er. Acht Tageszeitungen lagen übereinander. Er nahm sich zuerst die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Der vor allem bei den Frauen in der Fraktion und in der Partei beliebte Medien- und Kulturexperte der Partei stieß dabei mit zu ausladenden Bewegungen die Kaffeetasse so um, dass der Kaffee über Zeitungen und Schreibtisch triefte. „Es ist zum Verzweifeln“, dachte der verheiratete Politiker, der der Nation in dreieinhalb Stunden ihren Weg in die Zukunft weisen wollte. Von Braun arbeitete seit zwölf Jahren im Bundestag. Dass der Plenarsaal gerade heute voll besetzt sein musste. Heute das Fernsehen live dabei wäre, Rundfunk, über 100 Pressevertreter – ganz Deutschland würde zuschauen. Von Braun sah erstmals an diesem Tag verbissen, ja beleidigt aus.
Die letzte Nacht war einfach zu kurz: Spät saß der eifrige Aktenleser, wie meist in den Plenarwochen, noch bis kurz vor Mitternacht in seinem Büro am Schreibtisch – studierte Akten, seine Post. War vertieft in den Text seiner Rede, sprach stehend und umher gehend im großen Raum den Text der Rede, redigierte ein wenig mit Kuli. Auf dem Schreibtisch lag, ganz an der Ecke, auch ein Magazin mit zwei nackten Blondinen auf der Titelseite. Plötzlich gegen 23 Uhr, klingelte sein Handy. Er vermutete Anna und strahlte – die attraktive Fotografin war seine neueste Errungenschaft, dacht er, er kannte sie seit einem viertel Jahr. Es war Mirjam, seine Tochter. „Ich hoffe, es geht dir gut, Papa, du sitzt gut“, begann die 18-Jährige. „Mama ist seit heute Abend in der Fachklinik für Psychosomatik in Bennstadt. Ich habe sie hingebracht.“ Mirjam weinte. Nach dem Telefonat, das ihm den Nervenzusammenbruch seiner Gattin Renate verkündete, warf er, wild gestikulierend, das Manuskript seiner Rede wütend in die Ecke, das erotische Magazin in den Papierkorb. Er musste jetzt gleich Anna sehen.
In Annas Zweizimmer- Singlewohnung in Berlin-Kreuzberg fühlte er sich sicher vor der Öffentlichkeit – „vor einem politischen Skandal“, dachte er auf der Fahrt zu Anna; wenn er mit dem Taxi zu ihr fuhr, genoss er die Vorfreude. Auch die freie Fahrt dorthin mit dem Taxi, die ihm als Abgeordneter zustand. Dass er sich auch mal etwas Privates gönnen durfte – bei einem regelmäßigen 16-Stundentag – das schien ihm eigentlich wie eine Selbstverständlichkeit. Vor „der großen Stunde“ morgen wollte er sie, wenigstens kurz, treffen. Ihre frische, aufmunternde Art, dachte er, zugleich ist sie sehr geistreich und absolut diskret.
Die Fotografin des Berliner Verlages, 38 Jahre alt, halblange braune Haare, lächelnd, im kurzen schwarzen Rock und in schwarzer Bluse, in Schuhen mit hohen Absätzen, empfing ihn an der Türe. Bei einem Empfang hatten sie sich kennen gelernt, waren am selben Abend noch zu ihr gefahren – im Taxi. Zwei Gläser Champagner brachte sie ihnen jetzt. Später öffnete er ihr die Bluse, sie liebten sich. Er lag lange wach, als sie schon schlief.
Gott sei Dank, der Redetext ist gerettet, dachte er – ohne Kaffeeflecken. Petra Christ, seine Mitarbeiterin, erschien im schicken braunen Hosenanzug an der Tür. Die brünette 40-Jährige brachte ihm, auch heute mit ausgewiesener Freundlichkeit, in stolzer Haltung die Post. Wie immer morgens setzten sie sich zusammen zur Tagesbesprechung. „Haben Sie heute Nachmittag Lust auf einen Kaffee mit mir? Ich lade Sie ein.“
Er wollte ihr heute ausführlich Bericht erstatten – über sein Privatleben. Er war bei ihr sicher, vertraute ihr voll. Sein Magen schmerzte, sein Kopf. Die Sache mit Renate setzte ihm zu. Warum das alles heute? Um halb zwölf sollte er seinen Auftritt haben, seine große Rede. Jetzt stellte er den Fernseher in der Ecke ein, live war da die Plenardebatte da zu verfolgen, die schon angefangen hatte – sie lief ohne Ton.
Noch vor dem Frühstück war der gelegentliche Marathonläufer heute über eine halbe Stunde durch die grüne Lunge, den Tiergarten, gejoggt – drei bis vier Mal in der Woche brauchte er diese Bewegungskur, wie er sagte. „Du wirst immer fitter und ich mache uns immer glücklicher“, hatte Anna gestern dem Bundespolitiker ins Ohr geflüstert. Sie taten sich gegenseitig gut. Ein ganzes Jahr jetzt, dass er mit Renate nicht mehr geschlafen hatte. Sie wehrte ihn ab, fand ihn nicht mehr liebenswürdig. Und sein Aufstieg? Sie opfere sich auf für ihn, fühle keinerlei Anerkennung für ihre Arbeit, sagte sie. Und seine langen Arbeitstage?
„Sollten wir uns nicht besser scheiden lassen?“ hatte Renate ihren Ehemann einige Male gefragt? Christian stand wehrhaft gegen die Trennung: „Ich halte die Ehe und Familie für heilig.“ So hatte er es von klein auf von seinem Vater, Pfarrer aus einer alten Theologenfamilie, gelernt. Auch unter seine private Post an Freunde schrieb der Abgeordnete manchmal mit Tinte „Und dir Gottes Segen“. Petra Christ rannte plötzlich herein: Windig am Telefon, der Fraktionsvorsitzende. „Bist du denn pünktlich?“ In zwanzig Minuten sollte er sich mit Windig wegen eines Details der Rede treffen. Von Braun blätterte in einer Akte und hielt das Telefon ans Ohr. Im Hintergrund der Fernseher: Gleich würde Merk reden.
„Entschuldigung, ich bin sehr beunruhigt“, sagte Christian von Braun am Telefon. Die Klinik, endlich bekam er einen Arzt zu Gehör – der Oberarzt. Renate war nicht zu erreichen. „Seien sie sicher, dass wir alle gemeinsam das wieder hinbekommen“, sagte Dr. Schlemmer. „Das ist für uns daily business. Ihre Frau hat eine Zwangserkrankung. Kommen Sie bald persönlich vorbei, um das gemeinsam zu besprechen.“ “Zwangserkrankung? Eine Obsession?“ „Wir nennen das Zwangserkrankung, sie ist auch depressiv.“
Renate hatte zuletzt immer mehr gegenüber ihrem Mann geklagt, „wie eine allein erziehende Mutter“ mit ihren drei Kindern zu leben, so sagte sie. „Ihre Gattin war sehr stark überlastet“, meinte auch Dr. Schlemmer. Jetzt schnell zu Windig und dann – der Auftritt.
Auf dem Fußweg zum Plenarsaal lief er immer rascher, in kleinen Schritten. Bis er stolperte und fiel – er knallte auf die Hände, die rechte Hand war ganz aufgeschürft. Das Blut floss, er tupfte es mit einem Papiertaschentuch ab. Er verzog die Miene, sah schmerzgeplagt aus. „Alles hinschmeißen werde ich jetzt und zwar gleich – noch vor dieser Rede“, sagte er. Ihm wurde schwindlig und schlecht. Er erinnerte sich an die Schweißausbrüche in der Nacht.
Langsamere Schritte. Dann ging er vor seinem inneren Auge alle Stationen seiner Laufbahn durch: Mit siebzehn in die Partei: Vier Jahre später schon Stadtrat, mit 25 stellvertretender Bürgermeister, mit 29 im Landesvorstand. Sonntags, gelegentlich, erinnerte er sich gerne, freuten sich die Besucher des evangelischen Gottesdienstes seiner süddeutschen Heimatstadt, als sie den prominentesten ihrer Mitbürger unter sich in der Kirche entdeckten: Von Braun saß gerne mit seiner Familie in den vorderen Reihen der Kirche. Vor den Wahlen ließ er sich häufiger sehen, lud den Pfarrer zu sich ein.
Als er gegen halb elf mit Aktentasche, wehendem Mantel, Blut am Mantelkragen, Taschentuch in der aufgeschürften Hand, langsam in den Plenarsaal trat, saßen schon viele seiner Kollegen und Kolleginnen in den Reihen. Das Stimmengewirr laut. Die Glocke des Präsidenten – der las eine wichtige Information vor. Der Süddeutsche fühlte sich heute beobachtet, kontrollierte nochmals Anzug, den Sitz der Krawatte, er prüfte die aufgeschürfte Hand. Meister und Biedermann, Fromm und Merk, Schaub und Fleißig begrüßten ihn sachlich und mit Handschlag. Zuvor zeigte er seine rechte Hand, Meister lachte. Das Gespräch mit Schaub dauerte nicht einmal eine Minute.
Schwer atmend begann der Medienpolitiker seine Rede – mit ungewöhnlich langen Pausen, ein Kollege lachte laut. Von Braun sammelte sich, sicherer werdend, schneller und präziser. Am Ende applaudierte die Fraktion lange, freundlich. Windig gratulierte. „Sie sind ein begnadeter Redner“, flüsterte ihm die Abgeordnete Christiane Frei danach ins Ohr, als sie ihm per Handschlag gratulierte. „Wie sie auf die christlichen Werte eingegangen sind – sehr gut.“ Christian von Braun lächelte. Mein Fehler war, nicht schon früher Renate das Angebot zu unterbreiten, für wenige Stunden am Tag eine Hausangestellte anzubieten. Er sei geizig, hatte Renate geschimpft: Vom Büro aus rief er danach in der Klinik an. Wieder erreichte er sie nicht.

Letzte Aktualisierung: 15.01.2007 - 21.00 Uhr
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