Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Januar 2007
Das Blatt hat sich gewendet
von Micheline Holweck

Da liegt er vor ihr, wie ein Wurm, ein mickriger, erbärmlicher Wurm, in seinem Bett mit den perfekt gestreckten, frisch gewaschenen Leintüchern, alles muss immer so sein, wie er es befiehlt. Sein Brustkorb hebt und senkt sich gleichmässig, markant zeichnen sich die schwarzen Ringe unter den geschlossenen Augen ab, seine Wangen wirken eingefallen, grau und wie aus Wachs. Timea empfindet nur Ekel für ihren Ehegatten. „Wie konnte ich mich überhaupt von ihm anfassen lassen? Täglich mit ihm am Tisch sitzen und seine Beanstandungen am Essen anhören? Ihn bedienen und dabei nur Kritik ernten?“, fragt sich die sichtlich müde Frau neben dem Krankenbett. Sie führen keine Partnerschaft, es gibt ja nur ihn, Claus, der perfekte Mann, der immer Recht hat und allen zu fühlen gibt, dass er nur von Idioten umgeben ist. „Wieso habe ich es eigentlich nie geschafft, meine Koffer zu packen und ihn seinem Schicksal zu überlassen? Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um mich zu trennen? Er würde richtig leiden, denn er hat niemanden ausser mir, seine Verwandten sind verstorben, Freunde hat er keine und um eine Krankenschwester anzustellen ist er zu geizig.“ Er, der jede Einkaufsquittung kontrolliert, damit Timea ihm ja nicht einen Euro zuviel Haushaltsgeld verlangt, er würde richtig auf die Welt kommen, wenn sie nun einfach aus der Wohnung ginge und nie mehr zurück käme. Lange sitzt Timea da, in Gedanken versunken, die Dunkelheit ist hereingebrochen, doch sie zündet kein Licht an. Nein, sie geht nicht jetzt, die Zeit ist nicht reif, sie möchte sich noch an seinem Leid ergötzen, ihn sehen, wie er immer mehr Kraft verliert, er ist ihr ausgeliefert, auf sie angewiesen. Timea empfindet ein Gefühl von Triumph. „Komisch eigentlich, dass er an Herzproblemen leidet“, denkt Timea ironisch, „ist mir nicht mal aufgefallen, dass er ein Herz hat.“ Es ist ganz still, nur Claus’ gleichmässigen Atem hört man. Endlich still. Nacht für Nacht hatte ihr egoistischer Mann geschnarcht. Dieses laute, sägende Geräusch, wie eine Folter war es für sie gewesen. Einmal hatte sie sich erlaubt, ihn leicht zu stupsen, damit er sich auf den Bauch dreht oder erwacht und sie wenigstens einen Vorsprung hatte um einzuschlafen, bis er wieder zu schnarchen begann. „Was fällt dir ein?“, hatte er sie angeschnauzt, „ich könnte deswegen schizophren werden, mach das nie wieder!“ Schizophren? War er das nicht bereits schon? Oft war sie die halbe Nacht wach gelegen oder hatte sich ins Wohnzimmer begeben, auf das unbequeme Sofa. Eigentlich hätte sie ein Bettsofa gewollt, doch er war dagegen gewesen. Er war immer dagegen, keine ihrer Ideen fand bei ihm Anklang, sie verstehe eben nichts, meinte Claus jeweils. „Nur gut, hat mir der Herrgott ein gutes Selbstvertrauen geschenkt, sonst würde ich längst als Engel auf den Wolken herumschweben, denn dieser verzogene Muttersohn kann einem alles nehmen: die Freude am Leben, den Glauben an die Liebe und Gerechtigkeit und die besten Jahre meines Lebens“, überlegt Timea. Und nun liegt er da, der Wurm, nein eigentlich gleicht er eher einer bleichen, hässlichen Made. „Bring mir was zu trinken“, flüstert Claus. Timea erhebt sich von ihrem Stuhl, begibt sich in die Küche und gießt ein Glas Wasser ein. Ihr Blick fährt zur Wanduhr, noch zwei Stunden, dann kriegt er die nächste Spritze. Timea knipst die Nachttischlampe neben Claus Bett an. Gewandt stützt die hagere Frau ihren kranken Gatten, damit er trinken kann, seine Lippen sind spröde und blass. Auch der mächtigste Patriarch wird hilflos und eine normale Kreatur, wenn er krank und ohne Energie ist, was etwas Beruhigendes an sich hat. Stille, Ruhe. Timeas Hirnzellen arbeiten unentwegt, die letzten Jahre ziehen an ihrem geistigen Auge vorüber. „Immer bedient er sich am Tisch zuerst, stürzt sich auf das größte Stück Fleisch, dann rülpst er laut, dass einem der ganze Appetit vergeht. Ob er wohl eine sexuelle Erregung spürt, wenn er sein Motorrad berührt und fährt, empfindet er für diesen Haufen Eisen sogar so etwas wie Liebe? Wenn er ja nun Herzprobleme hat, dann muss er ja irgendwelche Gefühle haben oder gibt es Herzen, die wirklich nur als Blutpumpe dienen?“ Egal welcher Gedanke oder welche Erinnerung bei Timea hochkommt, es ist einfach offensichtlich, dass Claus der Inbegriff von Egoist ist, das Maximum! Timeas Blick schweift zum Marienbild über Claus Bett. Er wollte es in seiner Nähe haben, jetzt, wo es ihm schlecht geht, früher hat er sich nicht um Kirche, Bildchen und Glauben gekümmert, doch das Blatt hat sich gewendet. Der Arzt meint zwar, dass der Körper gut auf die Kur anspricht , so dass Claus sich bestimmt wieder erholen wird, keine Sorge, alles würde werden wie vorher. Keine Sorge? Soll sie sich also wirklich keine Sorgen machen, wenn der Egoist wieder zu Kräften kommt und sie herum tyrannisiert? Sie macht sich sogar sehr große Sorgen! Doch das darf man ja nicht sagen, das schöne Bild muss bewahrt werden. Timea schaut das Bild mit der Maria lange an, dann spricht sie, ohne Stimme, bewegt nur die Lippen: „Du bist doch auch Frau, Mutter, findest du, ich muss mir das alles gefallen lassen? Gibt es denn ein Höchstmass, was man ertragen muss, bis man einen Preis bekommt, eine Auszeichnung, den lang ersehnten Märchenprinzen vielleicht? Und was ist mit diesem Wurm zwischen den Bettlacken? Darf er immer weiter und weiter sich ausleben, sich laben an seiner Macht? Gibt es keine Grenzen, eine Wende, dass er abkriegt, was er ausgeteilt hat? Heißt es nicht, dass man den Nächsten lieben soll, wie sich selbst? Tu niemandem etwas, das du nicht willst, das es dir gemacht wird? Für was also alle diese guten Reden, wenn am Schluss doch siegt, wer Macht ausübt und andere unterdrückt? Irgendwie geht doch diese Rechnung nicht auf. Liebe Mutter Maria, schau dir ihn an, findest du nicht, er habe schon genügend Schaden angerichtet?“ Claus stöhnt im Schlaf. Timea schaut auf die Uhr, noch eine Stunde, dann darf sie ihm die Spritze geben, in seine Pobacken. Bis vor einem Monat, als Claus erkrankte, hatte sich Timea immer gewehrt, jemandem ein Medikament zu spritzen, denn es tat ihr selbst weh beim Gedanken, mit der Nadel unter die Haut zu fahren. Doch nun fühlte sie eine Genugtuung, denn sie haut ihrem Gemahl die Nadel richtiggehend in den Hintern rein, sein Stöhnen ist wie eine Zärtlichkeit für ihre verletzte Seele. „Maria“, beginnt Timea wieder mit ihrem lautlosen Gespräch. „Ich gebe zu, dass ich keine fleißige Kirchgängerin bin, doch ich frage dich, ob denn der liebe Gott wirklich will, dass alle Schäfchen, vor allem die eklig blökenden und die grässlich eigensinnigen Schafe, mit Medikamenten am Leben behalten werden. Soll man es denn nicht der Natur überlassen? Wer schwach ist, der stirbt und wird gefressen. Mit anderen Worten, liebe Maria, frag mal den lieben Gott, ob es nicht Zeit wäre, um meinen Gatten zu sich zu holen.“

„Ist es schon Zeit für die Spritze?“, will Claus wissen.
„Nein, noch nicht, ruh dich aus, ich habe alles unter Kontrolle“, erwidert Timea.
„Du und alles unter Kontrolle, das möchte ich mal erleben. Wo hast du die Uhr hingestellt? Das Medikament muss ich pünktlich bekommen, aber du nimmst alles einfach zu locker, ist ja nicht deine Gesundheit.“
Timea schweigt. Sie schaut zur Maria hoch, doch die schweigt ebenfalls. Was sie wohl denkt, dort oben, auf dem Papier, im goldenen Rahmen? „Ich esse nur schnell was in der Küche, dann komme ich zurück und spritze dir das Medikament“, erklärt Timea ihrem Gatten. In der Küche setzt sich Timea an den Tisch, vergräbt ihr Gesicht in den knochigen Händen und versucht ihre Gedanken zu ordnen. Eine ganze Weile verharrt sie so, in der düsteren Küche. Dann erhebt sie sich, wie eine Marionette an Fäden, ihre Bewegungen scheinen nicht von ihr aus zu kommen, sie wird fortbewegt von einer fremden Kraft. Aus dem Schrank nimmt sie die Medikamentenschachtel und die Spritze. Timea zieht die Spritze auf, geht ins Zimmer zu Claus Bett und verabreicht ihm das Medikament. „Schlaf gut“, flüstert Timea, schon fast in einem zärtlichen Ton. Claus lässt nur ein Murren von sich hören und dann hört man nur noch seine regelmäßigen Atemzüge.

Timea kniet in der Kirche vor dem Altar mit der Maria-Statue. Es ist Morgen und die Sonnenstrahlen suchen ihren Weg durch die farbig gestalteten Kirchenfenster. Nichts hat sich verändert, die Sonne steht am blauen Himmelszelt, die Hitze ist schon morgens drückend und fast unerträglich und draußen, vor dem großen, schweren Kirchentor, geht jeder seinen Aufgaben nach, alles wie immer. Lange Zeit kniet Timea stumm da, nur zwischendurch schaut sie auf und versucht im Gesicht der Maria einen Ausdruck zu finden, ein gütiges Lächeln oder einen vorwurfsvoller Blick. Nichts, alles bleibt unverändert. Doch etwas ist heute anders, für einen Menschen ist die Sonne nicht mehr aufgegangen. „Liebe Maria, dir gehört mein Dank, ich verspreche dir, dass ich nun regelmäßig die Messe besuchen werde. Du hast mir den Glauben wieder gegeben, Gott ist gnädig. Danke.“, betet Timea mit leiser Stimme. Außer ihr befindet sich zu dieser frühen Morgenstunde niemand im Gotteshaus. „Diese Blumen habe ich dir gebracht, als Zeichen der Anerkennung.“ War da ein düsteres Aufflackern im Gesicht der Statue? „Ich danke dir, denn du hättest die Dinge anders lenken können, doch du hast ihn zu dir genommen und mir ein neues Leben geschenkt, dem ich Sorge tragen werde.“ Timea erhebt sich und wendet sich zum Gehen, dreht sich nochmals um und flüstert: „Nicht dass wir uns falsch verstehen: ich stehe dazu, dass ich ihm eine fünffache Ration gespritzt habe, nicht dass ich dir eine solche miese Tat unterschiebe, doch du hast mich gedeckt und ihn nicht mit einer Wundertat gerettet oder einem Beamten den Floh ins Ohr gesetzt, dass es eine Obduktion braucht.“ Dann bewegt sich Timea mit langsamen Schritten zum Ausgang und verschwindet im Sonnenlicht, ein neuer Tag hat begonnen, ein neues Leben.

Letzte Aktualisierung: 20.01.2007 - 14.21 Uhr
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