Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Februar 2007
Love hurts
von Luzia Fischer


„Ein geteilter Himmel bedeutet nichts Gutes.“ Das hat Anna von ihrer Mutter gelernt,
und diese wiederum von ihrer, wie schon seit vielen Generationen. Auch, dass Träume von Bedeutung sind, sie können Wegweiser und manchmal Warnung sein.
Heute leuchtet der Himmel im Süden kräftig Orange und im Norden tintenblau. Anna fröstelt in der klaren Herbstluft. Sie zieht ihren Parka enger und dreht sich noch einmal um. Das Haus ihrer Eltern duckt sich in die grüne Senke, die Bäume ringsum wispern weise. Die Mutter winkt ihrer fünfzehnjährigen Tochter vom Fenster aus zu. Anna lächelt unsicher, winkt zurück und setzt ihren Weg fort.
Eine Krähe fliegt steil empor, zieht schreiend an ihr vorbei und verschmilzt mit dem Tintenblau im Norden. Anna zuckt zusammen und denkt an den Traum von letzter Nacht, an die Festung, die hoch auf einem bewaldeten Felsen stand. Die Steinmauern fingen plötzlich Feuer, brannten lichterloh, bis sie einstürzten. Eine Krähe kreuzte quer das rotglühende Szenario und schrie: „Verrat! Verrat!“
Sie will über den Traum nicht länger nachdenken, auch wenn sie ahnt, dass er ein schlechtes Omen ist. „Sieh dir den Himmel an! Erkennst du nicht das Zeichen?“
Anna befiehlt ihrer inneren Stimme zu schweigen und verschließt die Augen vor dem geteilten Himmel. Nichts hat sie so sehr herbeigesehnt wie dieses Wochenende.
Zwei Tage Freizeit auf der Burg mit der Theatergruppe des Gymnasiums und mit Brandon - dem Indianer.
Niemand nennt ihn so. Nur sie, insgeheim. Wegen seiner schwarzen, schulterlangen
Haare und seinen hohen Wangenknochen. Seine Augen sind dunkel - fast schwarz.
Aber wenn sich ihre Blicke begegnen, leuchten sie tiefblau.
Die Sporttasche wiegt schwer auf ihrer Schulter, obwohl sie für das Wochenende nur das Nötigste enthält. Als sie weitergeht, klopft ihr Herz mit jedem Schritt schneller.

Der Bus wartet in der Ortsmitte und füllt sich allmählich. Karina ruft ihr irgendetwas zu, ein paar Jungs geben ihr Handzeichen, dass sie sich beeilen soll. Anna beachtet sie kaum. Sie atmet tief durch; einmal, zweimal. Der Indianer steht neben der Einstiegstür und sieht sie an, gelassen, nachdenklich. Ihr Herz stockt, stolpert, überstürzt sich. Als sie einsteigt, berühren sich kurz ihre Hände.
Die Fahrt über denkt sie nur an diese flüchtige Berührung. Karina neben ihr redet ununterbrochen. Sie hört ihr nicht zu.
Der Indianer sitzt schräg gegenüber. Verstohlen betrachtet sie sein schönes Profil. Er ist älter als sie, beinahe achtzehn. Er wirkt ernster, reifer als die anderen Jungs.
Manchmal denkt sie, er sieht in ihre Richtung, mustert sie genauso heimlich, wie sie ihn.
Karina teilt mit ihr ein Zimmer. Sie plappert ohne Unterbrechung und beobachtet Anna dabei, als sie ein Versteck für ihr Tagebuch sucht. Es ist ein Geschenk ihrer Patentante zu ihrem dreizehnten Geburtstag. Auf der ersten Seite steht die Widmung: „Darin kannst du deine Gedanken aufschreiben, damit sie nicht verloren gehen.“
Seitdem begleitet sie das Buch. Kein Tag vergeht, ohne es einmal aufgeschlagen zu haben. Sie schiebt es auf dem schmalen Kleiderschrank weit nach hinten. Obwohl Anna sich auf die Zehenspitzen stellt, kann sie es nicht mehr sehen.
Dann macht sie sich etwas zurecht. Sie betrachtet sich im Spiegel über dem Waschbecken. Blass sieht sie aus, aber ihre Augen leuchten. Sie strahlen tiefblau, wie die des Indianers.

Im Burghof lodert ein Lagerfeuer. Der Lange spielt auf seiner Gitarre. Er singt eine Ballade der kalifornischen Band Incubus. Innerlich summt sie das Lied mit.
„Love hurts“.
Der Indianer blickt bewegungslos in das Feuer. Er ist still wie immer. Die Arme eng um ihren Körper geschlungen, nähert sie sich dem knisternden Feuer. Selbst der Parka kann sie nicht wärmen. Plötzlich steht er hinter ihr. „Ist dir kalt?“ Seine Stimme klingt dunkel und ein bisschen heiser. Anna nickt automatisch und kann sich kaum bewegen. Er mustert sie von der Seite, und sie versucht zu lächeln. Jetzt legt er seinen Arm um sie. Ihre Knie sacken ein und ihr Herz schlägt so laut, dass sie ihn kaum hören kann.
„Komm mit,“ sagt er nur, nimmt ihre Hand, und Anna geht mit ihm. Abseits von den anderen setzen sie sich auf die Burgmauer und blicken hinunter auf vereinzelte rote Dächer und windschiefe Bäume. Nebelschwaden steigen zu ihnen auf.
Sie sehen sich an, niemand sagt ein Wort. Ein heftiges Zittern läuft durch seinen Körper. Jetzt streicht er eine Strähne aus ihrem Gesicht, beugt sich herab und küsst sie. Der Kuss ist sanft, warm und aufregend. Besser, als alle Küsse, die sie kennt, viel besser. Er riecht gut. Als er seine Arme um sie legt, spürt sie die angenehme Wärme seines Körpers, seinen festen Brustkorb. Auf einmal tauchen die Anderen auf und reißen dumme Sprüche. Sie fahren auseinander, doch bevor er geht, streichen seine Finger zärtlich über die Innenseite ihrer Hand.

Am anderen Tag wandert Anna mit einem Teil der Gruppe durch die Wälder. Karina hat keine Lust zu laufen. Einige Jungs bleiben auch auf der Burg, sie wollen lieber Tischtennis spielen.
Die herbstlichen Bäume leuchten in warmen Farben. Wie zufällig treffen sich erneut ihre Hände und halten einander fest. Ihre Füße waten durch raschelndes Laub, und der kalte Ostwind treibt Blätter wie kleine Segel durch die Luft.
Ein Schwarm Drosseln stürzt sich auf dunkelrote Vogelbeeren, die zwischen schwarzen Ästen hervorstechen. Wieder verschließt sie ihre Augen, aber ihre innere Stimme schweigt - diesmal.
Sie lassen die Anderen vorgehen und bleiben allein zurück.
Brandon erzählt nicht viel, nur dass er nach dem Abitur wieder in Kanada leben wird, bei seinem richtigen Vater. Anna lehnt sich an einen borkigen Stamm und betrachtet nachdenklich die weit verästelte Baumkrone. Eine schwarze, bläulich schimmernde Feder schaukelt unweit über ihr an einem Zweig im Wind.
Brandon folgt ihrem Blick, dann nimmt er ihre Hände und wärmt sie mit seinem Atem. Sie küssen sich unendlich lange. Alles dreht sich, tanzt rotschillernd.

Karina sitzt auf ihrem Bett und weicht ihrem Blick aus, als sie ins Zimmer kommt.
Das Lied in ihr verklingt, verstummt unwillig.
„Der Lange und ein paar andere Jungs waren hier.“ Karina schluckt. „Sie haben in deinen Sachen herumgestöbert und nach Zigaretten gesucht, glaub ich.“
Sofort blickt Anna auf den Kleiderschrank. Das Tagebuch liegt sichtbar auf der linken Seite. Sie traut sich die Frage kaum auszusprechen. „Haben sie …?“
„ es gefunden und laut daraus vorgelesen“, beendet sie den Satz. „Ich wollte sie davon abhalten, ehrlich!“
Verächtlich blickt sie Karina an. Das Zimmer schwankt kurz. Sie sinkt auf die Bettkante und hält das Tagebuch fest umklammert. Darin stehen die Wünsche, Sehnsüchte und Träume von zwei Jahren. Gedanken, die nur ihr gehören – niemanden sonst. Aber jetzt werden die anderen sie ausposaunen, sie der Lächerlichkeit preisgeben.
Erschrocken denkt sie an den letzten Eintrag, es ist nur ein Satz; Worte schnell und unüberlegt hingeworfen. Annas Gesicht brennt vor Scham.
Karina setzt sich neben sie aufs Bett.
„Sie werden es ihm sagen. Stimmt das, was du in dein Tagebuch … ?“
„Nein!“ Ihre Stimme klingt unnatürlich schrill.
Karina flüchtet, und sie bleibt allein zurück.
Als sie lautes Gelächter hört, geht sie zum Fenster und blickt hinunter in den Burghof.
Wortfetzen dringen zu ihr hinauf. Anna öffnet das Fenster einen Spalt und bekommt mit, dass sich einige Jungs und Mädchen über ihr Tagebuch unterhalten. Auf einmal ruft der Lange spöttisch aus. „He, Brandon, sie muss es ja mächtig auf dich abgesehen haben! Oder sollte ich besser Indianer zu dir sagen?“
Erneut ertönt belustigtes Gelächter. Brandons hohe Wangenknochen stechen noch deutlicher hervor. Sein Blick wird hart wie Eis, den Körper dabei bedrohlich gespannt.
Der Lange weicht schnell einen Schritt zurück. Abrupt bricht das Gelächter ab, dann nur mehr verhaltenes Gemurmel und die Gruppe zerstreut sich.
Brandon wendet sich ab und sieht suchend zu ihrem Fenster hoch. Anna will sich hastig zurückziehen, aber es ist zu spät. Seine dunklen Augen verraten nicht, was er denkt. Ihr Hals verengt sich schmerzhaft, wie durch einen dichten Schleier, entschwindet seine Gestalt schemenhaft.

Der Bus steht zur Abreise bereit. Anna tastet sich mit gesenktem Blick nach hinten und setzt sich in die leere, hinterste Reihe ans Fenster. Blind starrt sie hinaus, verliert sich in dem trüben Novembergrau und denkt an den verworrenen Traum mit der brennenden Festung. Eine Krähe flog über den rotglühenden Himmel und schrie: „Verrat!“
Sie fühlt sich verraten, ohnmächtig vor Zorn. Gleichzeitig ist sie wütend auf sich selbst, weil sie das Tagebuch mitgenommen hat. Zögernd zieht sie es aus ihrer Sporttasche, schlägt es auf und liest den letzten Eintrag. „Dieses Wochenende werde ich mir den Indianer schnappen.“ Daneben ist ein hingekritzeltes Herz mit seinem Namen.
Ihre Patentante hat sich getäuscht. Nicht jeder Gedanke ist es wert, niedergeschrieben zu werden. Vor allem dann nicht, wenn er die Wahrheit verleugnet.
„Love hurts.“
Sie lehnt ihre heiße Stirn an die Fensterscheibe. „Ein geteilter Himmel bedeutet nichts Gutes. “ Die Worte ihrer Mutter hallen schwermütig in ihr nach. „Dann streiten sich die Götter, und die Menschen sind sich selbst überlassen.“
Das Firmament hat sich inzwischen zu einem regennassen Einheitsgrau vereint, die Götter haben sich versöhnt und liegen sich weinend in den Armen. Anna wischt sich verstohlen über die Augen, als plötzlich Bewegung in die Sitzreihen kommt.
Der Busfahrer schimpft wegen der Verspätung. „Da bist du ja endlich! Wir wollten schon ohne dich abfahren!“
Brandon eilt außer Atem an ihm vorbei und steuert geradewegs auf die letzte Sitzreihe zu. Die erstaunten Blicke von links und rechts außer acht lassend, nimmt er neben ihr Platz. Er streckt Anna die Hand hin und öffnet sie langsam. Ungläubig betrachtet sie die Krähenfeder auf seiner Handfläche, sie schimmert erst schwarz und dann tiefblau wie seine Augen.

© Luzia Fischer

Letzte Aktualisierung: 22.02.2007 - 14.29 Uhr
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