Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Februar 2007
Glasklar
von Claudia Göpel


Die Morgensonne brach sich in tausend Farben in den geschliffenen Facetten, zauberte winzige Regenbogen auf den schwarzen Samt und das Leder ihrer Kleidung.
Die junge Frau kniff ein Auge zusammen, streckte ihren Arm dem anbrechenden Tag entgegen, die behandschuhten Finger gespreizt. Zwischen Daumen und Zeigefinger glitzerte ein Stein, kirschengroß, glasklar. Ihr Stein. Mit der anderen Hand zog sie die Mütze vom Kopf, ihre Lippen lächelten, die Augen leuchteten.
Behutsam legte sie die Kostbarkeit zu den anderen, den winzigen, Diamanten auf das Tuch vor sich. Der grobe Holztisch, an dem sonst einsame Wanderer Ruhepausen einlegten oder junge Familien den Inhalt ihres Picknickkorbes ausbreiteten, wurde nun von einem wahrhaft königlichen Schatz geadelt. Auf dem schwarzsamtenen Stoff hofierten die funkelnden Steinchen das größere Pendant: das Juwel unter den Juwelen.
Die junge Frau streifte die Handschuhe ab, ging zu dem Motorrad, welches sie an den Baum neben der Bank gelehnt hatte und holte aus der Seitentasche eine kleine Flasche Prosecco. Der Inhalt schäumte beim Öffnen und ergoss sich auf den Waldboden. Kichernd leckte sie die Perlen vom Flaschenhals und prostete ihrem Königsstein zu. Dann ließ sie sich auf die Bank fallen, griff nach dem Diamanten, umschloss ihn mit den Fingern, fühlte die edle Glätte und die feinen Kanten, die sich in die Haut gruben, wenn sie fester zudrückte. Sie lehnte sich zurück, blinzelte in die aufgehende Sonne, rosa Punkte tanzten hinter ihren Lidern. Vogelgezwitscher und das Rauschen der Bäume wirkten einschläfernd.
Sie sah sich als kleines Mädchen im Garten der Eltern. Der Vater hatte im Sandkasten eine Murmelbahn gebaut. Jauchzend ließ sie die kleinen Kugeln rollen, sammelte sie unten wieder ein, säuberte sie von Sand und ließ sie im Licht funkeln. Jede einzelne hielt sie ausgestreckt zwischen Daumen und Zeigefinger, kniff ein Auge zusammen und betrachtete das bunte Innere. Manche Murmeln hatten einen roten Schleier, manche einen blauen, eingefasst in glattes rundes Glas mit winzigen Luftbläschen. Die kristallklaren mit den grünen Einschlüssen gefielen ihr am besten.
Ein Krächzen ließ die junge Frau aufschrecken.
Sicher ein Eichelhäher, der Wächter des Waldes. Sie raffte das Samttuch um die kleinen Steinchen, zog das Band zusammen und schob das Säckchen in die Innentasche ihrer Lederjacke. Zehntausend Euro, viel mehr waren die Minidiamanten nicht wert. Der große jedoch brachte vier Millionen oder mehr, die Hälfte davon gehörte ihr. Ihn würde sie am Herzen tragen, in einem kleinen gehäkelten Brustbeutel um den Hals, musste ihn spüren, solange er noch in ihrem Besitz war. Glatte Kühle auf heißer Haut. Vorher jedoch wollte sie sich ein letztes Mal an seinem Anblick erfreuen. Sie öffnete die Faust, legte den Edelstein auf das grobe Holz, bewunderte den makellosen Schliff, die schimmernden Farben.
Ihre Auftraggeber würden zufrieden sein. Bald müsste sie nicht mehr nachts in fremde Häuser einsteigen, fremde Tresore aufbrechen, immer mit der Angst entdeckt zu werden. Sie war gut, eine der besten, aber sie konnte gern auf den Nervenkitzel verzichten, freute sich auf ein Leben in Luxus, in einem eigenen Haus, mit eigenem Tresor. Sie würde eine Familie gründen, an einem Ort, wo es immer warm wäre. Ihre Kinder bräuchten keinen Sandkasten, der Strand wäre voll von feinem weißem Sand, die Matschburgen würden tolle Murmelbahnen abgeben …
Wieder dieses Krächzen.
Ein Vogel ließ sich auf dem Tisch nieder, machte ein paar Hüpfer, legte den Kopf schräg und blickte sie mit glänzend schwarzen Augen an. Mit einer Handbewegung versuchte die junge Frau ihn zu verscheuchen. Er hatte keine Angst, hüpfte noch etwas näher. Hastig griff sie nach dem Diamanten, aber der Vogel war schneller. Blitzartig pickte er mit dem Schnabel nach dem Stein. Die Schnabelspitzen hielten ihn fest, wie vorher ihr Daumen und Zeigefinger. Dann breitete er die Flügel aus und flog davon.
Ungläubig starrte die Diebin dem schwarzweißen Vogel nach. Sie starrte so lange, bis nur noch ein kleiner Punkt zu erkennen war, der schließlich mit dem Himmel verschmolz. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht. Sie wollte schreien, klagen, doch in ihrer Kehle sammelte sich ein Glucksen, wurde stärker, bis es prustend aus ihr heraus brach. Sie lachte, hielt den Bauch vor Lachen, während sich in ihren Augen Tränen der Wut sammelten.
Aus der Ferne waren Sirenen zu hören.
Glasklar. Sie musste sich beeilen.

© Claudia Göpel
13.02.2007

Letzte Aktualisierung: 25.02.2007 - 16.08 Uhr
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