Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Sandra Langer IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Februar 2007
1, 2 oder 3 !?
von Sandra Langer

Endlich Freitagabend! Eine anstrengende Woche liegt hinter Lisa.
„So das wäre geschafft - Wochenende!“ sagt sie leise und schenkt sich ein Glas von dem guten Rotwein ein, den sie neulich in Italien gekauft hatte. Ihr Blick verharrt kurz auf dem Etikett.
„Bardolino - wie gerne wäre ich jetzt dort!“
Melancholisch stellt sie die Flasche zurück auf den Tisch, greift nach ihrem Weinkelch und nippt daran.
Schon ist es wieder da. Dieses Gefühl der Wärme, der Sorglosigkeit und… „Ach war das schön! Nein, verdammt noch einmal nein! Gar nichts war schön. Warum habe ich mich überhaupt darauf eingelassen? Das war der größte Fehler meines Lebens! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nie, nie…!“
Wütend nimmt Lisa einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas. Tränen fließen über ihre Wangen.
Eine Woche ist es nun her als alles sein Ende nahm. Seitdem verbrachte sie jeden Abend hier im Wohnzimmer, allein auf der Couch, betrank sich mit dem edlen Tropfen, um dann völlig erschöpft auf ihr einzuschlafen.
Am darauf folgenden Morgen erwachte sie stets mit schwerem Kopf, sowie einer großen inneren Leere. Aber diesmal kam es anders. Als Lisa an diesem Abend einschlief versank sie in das Land der Träume…

***

Der Tag begann wie jeder andere. Lisa war spät dran und deshalb in Eile.
Es war bereits neun Uhr morgens als sie in ihr Auto stieg. Die Fahrzeit von ihrer Wohnung auf dem Land bis nach München in die Agentur dauert ungefähr fünfzig Minuten.
Sie schaute auf die Uhr. „Noch eine Stunde bis zur Konferenz, das ist zu schaffen!“ Zuversichtlich fuhr Lisa los. Doch dann, das konnte doch nicht wahr sein. Ein Stau!
„Das hat mir gerade noch gefehlt“ fluchte sie „so ein Mist aber auch. Wenn ich diesmal wieder nicht pünktlich bin bekomme ich großen Ärger!“

Die befürchtete Standpauke blieb nicht aus. Schließlich fehlten neben der halbstündigen Verspätung zusätzlich ihre Werbetextentwürfe, die sie durch die Hektik zu Hause vergaß.
Der Chef war sauer, sehr sauer! Als er sie endlich aus seinen Klauen entließ wäre Lisa am liebsten sofort wieder Richtung Heimat aufgebrochen.
Stattdessen begab sie sich in ihr Büro, nahm den Platz hinter ihrem Schreibtisch ein und versuchte sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Plötzlich drang ein fröhliches Pfeifen zu ihren Ohren, die Tür schwang auf und Paul betrat den Raum. „Auch das noch“ dachte sie „mir bleibt heute anscheinend nichts erspart! Jetzt kommt bestimmt irgendein dummer Spruch von ihm.“
Paul ist Lisas Arbeitskollege, ein gut aussehender Mittvierziger und erfolgreicher Mann in der Werbebranche.
Er verpasste keine Gelegenheit um Lisa aufzuzwicken. Er fand es süß, wenn sie sich ärgerte. Besonders die Röte, die der Zorn ihr ins Gesicht malte, machte den gewissen Reiz aus.
In diesen Momenten fand er sie noch viel attraktiver als sie sowieso war.
„Guten Morgen Lisa“ grüßte Paul. „Na mal wieder verschlafen? Tja mit 30 sind deine ständigen nächtlichen Exzesse wohl nicht mehr so leicht zu verkraften was? Wie ich hörte will dich der Boss für den Titel „Schlafmütze des Monats“ vorschlagen?“
Totenstille herrschte im Zimmer bis er das Schweigen unterbrach.
„Nimm es nicht so ernst, der ist heute allgemein schlecht gelaunt. Komm wir gehen zum Mittagessen, ich lade dich ein.“
Sie blickten sich an.
„Hey, denk gar nicht daran. Ein NEIN werde ich nicht akzeptieren“ sprach Paul.
Eigentlich hatte Lisa keine Lust auf sein weiteres blödes Geschwätz. Außerdem lag eine Menge Arbeit vor ihr. Andererseits hatte sie nichts gefrühstückt und da an diesem Tag ohnehin bereits alles egal war willigte sie ein.
Sie gingen zum Chinesen um die Ecke.

Somit sitzt Lisa nun hier bei „Wang Tang“ und wartet auf das bestellte Hühnchen süß sauer.
Paul ist zum telefonieren kurz nach draußen gegangen. Lisa beobachtet ihn durch das Fenster, als sie plötzlich ein Gefühl überkam. Das Empfinden alles schon einmal erlebt zu haben.
„Natürlich, diese Situation ist mir vollkommen vertraut! Paul wird hereinkommen, sich zu mir setzen, der Kellner wird das Essen servieren, stolpern, die Teller fliegen auf mich zu und dann verbrenne ich mir die Hand. Daraufhin wird Paul mit mir zum Arzt gehen und alles nimmt seinen Lauf bis zum bitteren Ende. Ich weiß es genau! Ich sollte aufstehen und gehen bevor es zu spät ist“ überlegt sie.
Dennoch bleibt Lisa sitzen, obwohl ihr die Folgen bewusst sind.
Und schon geht die Tür auf, Paul tritt herein, setzt sich zu ihr und die Bedienung kommt mit dem Essen.
Lisa starrt in das Gesicht des freundlich grinsenden Mannes, zugleich geschieht was geschehen musste.
Er stolpert, die Teller fliegen durch die Gegend, gefolgt von einem Schrei. Sie hat sich die Hand verbrannt. Paul ist unheimlich besorgt um Lisa und bringt sie auf dem schnellsten Weg zum Arzt.

Gott sei dank diagnostizierte der Doktor keine schwerwiegenden Verbrennungen. Nachdem die Wunde versorgt war, brachte Paul sie nach Hause.

So sitzen beide inzwischen auf dem Wohnzimmersofa und schauen sich an. Lisa ist froh nicht allein zu sein. Sie hasst die stetigen einsamen Abende. Endlich ist jemand hier bei ihr zum reden, lachen…ein tiefer Blick!
„Eigentlich dürfte er gar nicht bei mir sein“, kommt ihr der Gedanke „bekanntlich ist er ja verheiratet!“
Im Bewusstsein was nun passieren wird, wenn sie diesem Moment nicht widersteht sucht sie nach einem Ausweg! Zu spät, es ist um sie geschehen. Diese Augen!
Ihre Blicke verschmelzen. Dann spürt sie Pauls Hände an ihrer Taille. Er zieht sie sanft zu sich, seine Lippen berühren zärtlich die ihren und verbinden sich zu einem innigen Kuss.
Das ist der Beginn ihres großen Übels.

Seitdem lodert in ihr andauernd diese Sehnsucht nach weiteren Liebkosungen und Zärtlichkeiten. Sie kann nicht anders. Lisa will, nein sie muss sich einfach weiterhin mit ihm treffen.
Trotz des faden Beigeschmackes, der sie daraufhin permanent plagt. Die Ursache dafür ist ihr schlechtes Gewissen. Sie beruhigt es mit der Überlegung, dass ja er liiert ist und nicht sie. Er hat die Verantwortung gegenüber seiner Ehe, nicht sie. Insofern folgt eine Verabredung der anderen.
Eines Abends kommt Paul grinsend in Lisas Wohnung und strahlt sie an.
„Pack deine Sachen wir gehen zusammen auf eine Reise.“
„Was soll das bedeuten? Wir fahren zu zweit in Urlaub? Und deine Frau?“ fragt Lisa.
„Die fährt für fünf Tage geschäftlich nach Hamburg zu einer Messe. Ich hab mir auch schon ein Ziel für uns überlegt. Wie wäre es mit Bardolino? Das ist ein gemütlicher, schöner Ort am Gardasee. Ich war schon mal dort!“
Lisa ist einverstanden und so buchen sie miteinander ein Hotel.
Sie freut sich riesig auf soviel Zweisamkeit.

Es sollte ihr schönster aber auch schlimmster Urlaub ihres Lebens werden.
Bereits als sie in Bardolino eintreffen ist Lisa glücklich wie nie zuvor. Dieses südländische Flair, die freundlichen Menschen, der schöne Ausblick auf den See und vor allem Paul. Alles ist perfekt.
Sie genießt ihre gemeinsamen Unternehmungen, ihre Umarmungen, die Gespräche bei einem Gläschen Wein und natürlich die Nächte. Lisa fühlt sich wie in einem Märchen, bis zu jenem Tag.

Am Nachmittag diesen Tages sitzen beide auf einer Parkbank unten am Wasser. Lisa kuschelt in seinen Armen und beobachtet eine Entenfamilie im See.
Auf einmal schießt es aus ihr heraus: „Du Paul!“
„Ja, was ist denn meine Süße?“
„Wäre es nicht schön, wenn wir immer so beieinander sitzen könnten?“ meint sie.
„Ja, das wäre wunderbar!“ erwidert er.
„Dann verlass doch einfach deine Frau und komm zu mir!“ säuselt Lisa.
Paul seufzt. Er wusste, dass sie irgendwann mit dieser Bitte kommen würde. Nur bis zu diesem Zeitpunkt hatte er es immer wieder verdrängt.
„Das geht nicht!“ sagt er.
„Warum? Ich denke mit ihr läuft eh nichts mehr hast du gesagt. Da euch nach deiner Meinung sowieso kaum noch etwas verbindet, kannst du dich genauso gut von ihr trennen.“
„Es geht nicht nur um meine Frau“ äußert er.
Lisa löst sich aus seinen Armen und sieht ihn an. „Um was denn dann?“ fragt sie.
Paul schaut ganz bedrückt.
„Ich, na ja, da gibt es noch …“
Als er diese Worte spricht bekommt sie ein schreckliches Gefühl. Seine trübe Stimmung, sein verzweifelter Blick. Was will er ihr bloß sagen?
„Ich hab, ich hab noch eine Beziehung“ stammelt er.
Lisa ist außer sich. „Du hast was?“
„Eine Geliebte. Seit über zwei Jahren.“
Lisa schnaubt. „Wie bitte?! Ich bin also deine Nummer drei? Dann war das mit mir alles eine große Lüge? Die ganzen Liebesschwüre? Alle erfunden?“
Paul schluckt. „Nein, nein. Lass es mich erklären.“
Lisa spürt wie ihr Blut in den Kopf steigt. Wutentbrannt schreit sie ihn an: „Du brauchst mir überhaupt nichts mehr zu erklären! Wie konnte ich nur so blöd sein! Und ich dachte wirklich du liebst mich. Dabei bist du das größte …“

***

Lisa kommt zu sich. Völlig verwirrt setzt sie sich auf und starrt in Gedanken auf die gegenüber liegende Wohnzimmerwand.
Reglose Minuten vergehen ehe sie aufsteht. Sie geht ins Schlafzimmer, öffnet die Schublade des Nachttischchens, nimmt ihr Tagebuch und einen Stift heraus, lässt sich auf ihrem Bett nieder und schreibt:

Liebes Tagebuch,

ich weiß es ist früh am Morgen, aber ich hatte einen Traum von dem ich dir erzählen will.
Er war wunderschön und schmerzlich zugleich.
Durch ihn habe ich begriffen, dass das Leben gute und schlechte Erfahrungen für mich bereithält. Manchmal muss ich mich für oder gegen ein solches Erlebnis entscheiden und ab und zu gibt es das Positive ohne das Negative nicht.
In diesem Fall bleibt mir leider keine andere Wahl als entweder beides in Kauf zu nehmen oder gar nichts von dem zu erleben.
Folglich würde ich, selbst wenn ich um den schlechten Ausgang wüsste, doch wieder denselben Schritt gehen.
Ich könnte nicht stehen bleiben um unangenehmen Gefühlen zu entgehen.
Letztendlich führen mich gerade diese Erkenntnisse zu meinem Ziel. Mein Weg zu meinem „Ich“!

Letzte Aktualisierung: 31.01.2007 - 22.22 Uhr
Dieser Text enthält 9747 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.