Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Cornelia Schmitt IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Februar 2007
Eine merkwürdige Angelegenheit
von Cornelia Schmitt


(eine fast wahre Begebenheit,
Namen und Situation sind erfunden)


Bisher hatte Doris nicht ein einziges Mal Erfolg gehabt. Mehrmals hatte sie Celine darauf hingewiesen, dass man nur offen genug sein müsste. Offensichtlich hatte Celine, wie so viele andere Angst. Dabei handelte es sich doch nur um eine Kristallkugel, die sie sich schon vor längerer Zeit gekauft hatte und nun endlich einmal ausprobieren wollte. Was sollte schon großartig passieren? Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wovor man Angst haben müsste. Das Datum 31.10. - Halloween - erschien ihr besonders geeignet. Sie war davon überzeugt, dass jede Person etwas in der Kugel sehen müsste. Für sie war es vollkommener Unsinn, dass nur ausgewählte und befähigte Menschen etwas sehen sollten.

Dennoch schaute Celine sie mit skeptisch blickenden Augen an.
„Das kann wirklich jeder?“
„Ja!“
„Ach komm, wirklich?“
„Ja-a-a!“, antwortete Doris und versuchte mit einem Kopfnicken ihre Aussage zu unterstreichen.
„Also, es kann jeder etwas in der Kugel sehen? Im Ernst?“, staunte Celine immer noch.
„Hör’ zu, es ist ganz einfach! Nun ja, mehr oder weniger! Du musst ein paar Vorbereitungen treffen!“, erklärte Doris.
„Welche?“
„Wollte ich gerade erklären.“, gab Doris zu verstehen.
„Mach’ schon!“ Nun wurde Celine doch neugierig. Wenn sie gewusst hätte, dass Doris aus dieser Angelegenheit so’n Brimborium machen würde, wäre sie ganz bestimmt nicht gekommen. Vor allem machte Doris den Eindruck, als wüsste sie im Prinzip doch nicht so richtig Bescheid. Sie hatte in ihrem Wohnzimmer die Vorhänge zugezogen und überall Teelichte stehen, sodass eine heimelige Atmosphäre entstanden war. Celine wusste, dass Doris die Kristallkugel schon vor ein paar Monaten gekauft hatte. Trotzdem war ihr die ganze
Sache nicht so geheuer.
Doris fing mit ihren Erklärungen an: „Du musst für eine ruhige, friedliche und vollkommen entspannte Stimmung sorgen. Das erreichst du am besten wenn du beruhigende Musik spielen lässt. Natürlich muss die Kugel vorher auch energetisiert werden. Das wird damit erreicht, dass du sie bei Vollmond auf den Balkon, oder in den Garten legst, danach stellst du sie auf den passenden Ständer, oder legst sie einfach auf schwarzen Samt, oder Seide. Dann setzt du dich auf den Boden, die Kugel vor dir und hinter dir eine brennende Bienenwachskerze.“ „Meine Güte! Musst du denn wirklich so pingelig darauf achten, dass alles richtig gemacht
wird?“, fiel Celine ein.
„Ja, sonst klappt es nicht! Jetzt wird’s nämlich spannend! Ich hab’ die Kugel bereits
energetisiert. Also können wir gleich loslegen, wenn du willst.“
„Ja sicher! Fangen wir an.“
Doris saß auf dem Boden und entspannte sich immer mehr, wobei sie dennoch wie hypnotisiert auf die Kugel starrte.
Celine saß in dem großen Kuschelsessel und dachte: ‚Völliger Blödsinn!’
Hin und wieder warf sie einen Blick auf die Kristallkugel, dann wieder auf Doris. Die Augen
von Doris schienen zu tränen, doch sie rührte sich nicht und zuckte nicht einmal mit den Augenlidern.
‚Schon merkwürdig.’, dachte Celine. ‚Im Fernsehen, oder auf der Kirmes sitzt die Zigeunerin doch nur kurz vor der Kugel und fängt sofort an etwas zu erkennen und dann quatschen die auch prompt drauf los, was das Zeug hält! Und was für’n Hinriss dabei abgelassen wird. Meine Güte!!!’
Doris saß nun schon fast fünf Minuten vor der Kugel und außer dass ihr die Augen tränten und sie ihre Augenlider phantastisch unter Kontrolle hatte, passierte absolut nichts. Celine blickte auf ihre Armbanduhr und wollte nicht glauben, dass sie ihrer Freundin dabei zusah, wie diese sich augenscheinlich zu quälen schien und daran auch noch Freude haben sollte.

Plötzlich! Celine hatte wieder einmal ein Auge riskiert und auf die Kugel geschaut. Sie sah etwas in dieser Kugel. Beinahe hätte sie etwas gesagt, konnte sie sich gerade noch beherrschen. Das Bild was sich ihr bot, erinnerte sie an eine sehr hohe Felsenklippe. Sie dachte, dass sie sich getäuscht hätte, denn auf einmal erkannte sie ganz eindeutig ein riesiges Hochseeschiff. Aber so ein immens großes Schiff hatte sie noch nicht einmal im Fernsehen gesehen. Langsam fragte sie sich, was das sollte, zudem das Bild sich schon wieder änderte und sie nicht mehr das Schiff, sondern eine absolut überdimensionale Welle sah. Also wirklich, was sollte das denn werden, wenn es fertig war?
Sie war von dem, was sie in der Kugel sah so beeindruckt?!? - geschockt?!? – selbst ihren momentanen Zustand konnte sie nicht korrekt definieren. Sie blieb stumm und riss ihren Blick von der Kugel los, denn inzwischen hatten sich ihr noch ein paar Bilder präsentiert und sie wollte nicht weiter von diesem Strudel erfasst werden.
Als Celine wieder auf ihre Armbanduhr sah, war fast eine ganze Stunde vergangen. Jetzt reichte es ihr, sie fing an sich zu räuspern und verlagerte ihr Gewicht von einer Gesäßhälfte auf die andere. Durch die Unruhe im Raum wurde auch Doris aus ihrer „Trance“ zurück in die Wirklichkeit geholt.
Doris räkelte und reckte sich, stand langsam auf und griff die Wasserkaraffe, die auf dem Tisch stand und goss sich Wasser in ihr Glas. Sie schwiegen sich an. Nach einer Weile fragte Celine: „Was hast du gesehen?“
„Tja!“, seufzte Doris. „Irgendwie gar nichts?! Ich sah nur jede Menge Nebel. Ich weiß, dass ich darauf warten muss, bis der Nebel verschwindet. Doch er verschwand nicht. Stattdessen kam mir Holland in den Sinn und ich hatte das Gefühl, als würde ich von der Sonne, oder von Feuer verbrannt. – Schon merkwürdig. – Oder?“
„Finde ich auch! Offensichtlich habe ich aber etwas gesehen!“
„Du? – Was denn?“, staunte Doris.
„Es war so – merkwürdig!!!“ Celine konnte es immer noch nicht glauben.
„Was denn?“, drängelte Doris und Celine berichtete ihr von dem, was sie gesehen hatte. „Wow! Was soll uns das denn sagen?“
„Wenn ich das wüsste?“

Doris und Celine grübelten noch wochenlang, was ihnen die Bilder in der Kugel wohl mitteilen wollten. Ob die Bilder in direktem Zusammenhang mit Halloween standen? Sie konnten sich keinen Reim darauf machen. Der einzige schlüssige Kehrschluss den sie ziehen konnten war, dass Celine die Bilder gesehen und Doris wohl die passenden Gefühle dazu gehabt hatte. Also meinten sie, dass es ganz bestimmt etwas mit Holland zu tun hätte. Gegenüber von Holland – so ungefähr, liegt schließlich England, oder besser Dover was für sie die Klippen aussagen sollten, die Celine sah. Dann kamen sie auf den Gedanken, dass das große Schiff vielleicht ein Öltanker mit holländischer Flaggenhoheit darstellen sollte, aber was hätte das mit dem brennenden Gefühl zu tun, das sich bei Doris eingestellt hatte?
Solche und noch weitere Variationen stellten die beiden zusammen her, doch zu einem endgültigen Ergebnis kamen sie erst am 26.12.2004!!!
Nach diesem Tag saßen die beiden zusammen und fühlten sich geschockt.
„Glaubst du ich habe wirklich den Tsunami in der Kugel gesehen?“
„Ich glaube schon. Zumal ich doch das Gefühl hatte, als würde ich von der Sonne, oder von Feuer verbrannt werden.“
„Aber was soll das alles mit Holland zu tun haben?!“
„So viel ich weiß, war Holland nicht einmal Kolonialmacht von Thailand?“
„Ich weiß es nicht. Selbst wenn… - du siehst mich sprachlos. Vielleicht habe ich auch gar nicht das gesehen, was ich zu sehen glaubte.“
„Hat doch keinen Sinn, sich jetzt noch Gedanken darum zu machen. Selbst wenn es stimmt, was wir hier jetzt besprechen, so können wir doch nichts mehr daran ändern und geglaubt hätte uns sowieso kein Mensch.“
„Hört sich aber auch alles sehr merkwürdig an.“
Was nützt es, wenn man Dinge, oder Begebenheiten in der Kugel sehen, sich dann keinen effektiven Reim darauf machen kann und zudem nicht einmal Hilfe, oder Hinweise geben kann? Also beschloss Doris die Kristallkugel, mit einem schwarzen Samttuch zu verhüllen und in der hintersten Ecke in ein Regal zu stellen.
Seither fand sie keine Beachtung mehr.

Letzte Aktualisierung: 22.02.2007 - 20.26 Uhr
Dieser Text enthält 7823 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.