Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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März 2007
Es ist angerichtet
von Sabine Poethke

Unentschlossen sah die junge Frau der Kutsche nach, die gerade in der Dunkelheit der Bäume verschwand. Noch war Zeit umzukehren.
Marjory raffte ihren langen Rock ein Stück nach oben und stieg zögernd die letzten Stufen empor. Der bauschige Stoff knisterte und bei jedem Schritt klackten die Absätze ihrer feinen Tanzschuhe überlaut in die Stille.
Huuuhuuu.
Ihr Herz schlug wild. Ob aus Furcht, Erwartung oder aus Liebe, wusste sie nicht. Pochend rauschte das Blut in ihren Ohren.
Huuuhuuu.
Ein Käuzchen flog dicht an ihrem Kopf vorbei, drehte eine Runde, flatterte wild mit den Flügeln und schwebte dann im Gleitflug zurück in den Wald.
Während Marjory ihr Kleid ordnete, atmete sie tief durch und sah sich um. In den hohen Fenstern spiegelte sich ein Rest untergehender Sonne. Das Gemäuer wirkte im vergehenden Tageslicht, obwohl die Türme in Feuer getaucht schienen, finster und irgendwie … böse.
Marjory knetete den Zettel in ihrer verschwitzten Hand. Faltete ihn zum hundertsten Male auseinander und las die für sie magischen Worte:
Lady Marjory!
Eure liebliche Gestalt, das süße Gesicht, wie Ihr lacht – ich verzehre mich nach Euch. Bitte erfreut mich mit Eurer Gesellschaft am nächsten Vollmondabend. Schloss Reederhall wird die Pforten weit für Euch öffnen. Enttäuscht mich nicht. Bitte! Ich kann an nichts anderes mehr denken, seit ich Euch begegnete. Euch zu Ehren lade ich zum Ball. Eine Kutsche wird bei Sonnenuntergang bereit stehen, um Euch abzuholen.
Ergeben – Lord Vladew von Finsthoven

‚V l a d e w’ Die Trommler in ihrem Herzen arbeiteten auf Hochtouren. Seine Worte, wenn auch mit leicht geschwollener Ausdrucksweise dahingekritzelt, ließen sie erschauern. Marjory nahm allen Mut zusammen und schlug bang, aber erwartungsvoll, den mächtigen Klopfring gegen die Tür.
Mit einem langen, knarrenden Geräusch öffnete sich das schwere Holz. Die geschmiedeten Eisenbeschläge ächzten.
„Guten Abend. Die Gesellschaft erwartet Sie bereits.“ Der Diener verneigte sich tief vor ihr und wies mit seiner Hand den Weg.
Marjory trat ein, blickte sich scheu, trotzdem neugierig um und war erstaunt, als sie den prunkvollen Tanzsaal betrat. Lord Vladew eilte ihr entgegen. Sein eleganter Anzug kleidete ihn vorzüglich.
„Lady Marjory, wie habe ich diesen Abend herbeigesehnt!“ Galant deutete er einen langen Kuss auf ihrer Hand an.
„Ich danke sehr für die Einladung, mein Herr.“ Sie knickste leicht und schlug verschämt die Lider nieder, wusste sie doch, dass ihre langen Wimpern die Männer betörten.
Auch wenn sie sich damit vielleicht nicht standesgemäß verhielt, aber sie war noch jung. Nicht blutjung, aber auch noch nicht alt genug, um als trauernde Witwe zu versauern. Die schwarzen Kleider hingen erst seit kurzem wieder ganz hinten im Schrank. Fast zwei Jahre hatte kein Mann Marjory umworben. Als der schmucke Lord sie auf einem der letzten Bälle zu bezirzen begann, war sie erstaunt gewesen, wie schnell er eine verloschengeglaubte Leidenschaft in ihr entfachte.
„Darf ich bitten?“
Anmutig bewegte sich das Paar zu der schmeichelnden Musik, zog weitschweifende Kreise durch den Saal. Marjory beobachtete dabei unauffällig die Gesellschaft. Die Baronin Landeor, Graf Helleron, einige bekannte und viele unbekannte Gesichter. Das Raunen der Gäste drang bis zu Marjory: Sie ist die rechte Wahl. Sie ist eine ausgezeichnete Wahl.
Und die Worte erfüllten die junge Frau voller Glück.
Mehr als einmal fiel ihr Blick im Vorübertanzen auf die edlen Stoffe der Vorhänge. So mächtig, so herrschaftlich. Sie hingen üppig, Marjory konnte an den meisten Stellen nicht zwischen Fensterfront und Wand unterscheiden. Die Kerzen des Kristallkronleuchters tauchten den Saal in warmen Lichterglanz und ließen die Konturen verschwimmen.
Ihr Tanzpartner führte sie sanft. Marjory schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und schmiegte sich an ihn. Wie in einem Märchen kam sie sich vor. Einem sehr, sehr schönen.
Lautes Klatschen holte Marjory in die Realität zurück. Sie stieß einen kleinen Seufzer aus und nahm den Kopf von Vladews Schulter.
Der Diener klatsche wieder, blickte gewichtig in die Runde. „Das Buffet ist eröffnet.“, sagte er mit dem gleichen fremdländischen Dialekt, der ihr so an ihrem Gastgeber gefiel.
Der Lord führte sie an einen der reich gedeckten Tische mit einem wirklich exotischen Buffet. Zwischen spiralförmig aufgeschnittenen Blutorangen, Leberpastete und dünnen Scheiben rohen Fleisches - eine Speise, die sich in der Gegend immer größerer Beliebtheit erfreute - lagen Berge roter Beete und etliche Dinge, die Marjory nicht kannte.
„Ein vorzüglich angerichtetes Buffet, nur sehe ich keinen Salat … Was ist das?“ Sie zeigte mit der Gabel darauf.
Er blickte ihr lange in die Augen, sie versank beinahe darin, und mit tiefer Stimme flüsterte er heiser „Münkare“.
Marjory schüttelte es leicht und sie befreite sich damit fast unmerklich aus der Gefangenschaft seines Blickes. Sie spürte, wie die Härchen in ihrem Nacken elektrisiert kitzelten. Fühlte, dass sie dabei war, sich gerade unsterblich nicht nur in seinen Dialekt zu verlieben. „Und dieses?“
„Bärbat.“, sagte er. Sein Mund zuckte und ein Schmunzeln legte sich auf seine Lippen.
Sie griff beherzt zu und nahm auch etwas davon. Lord Vladew begleitete sie an ihren Platz.
„Bärbat, aha. Ich kenne wenige der Speisen auf diesem Buffet. Ich bin gespannt.“
„Es möge nützen“ Er nickte ihr aufmunternd zu.
Kokett sah sie ihren Traumprinzen an. „Ich danke Euch und wünsche es ebenso.“
Um sie herum schmatzte die Gesellschaft. Leicht pikiert versuchte sie das Grunzen und Schnalzen tunlichst zu überhören.
Ihr mundete das Essen vorzüglich, auch wenn sie etwas in der Art bisher nicht kannte. Leicht süßlich im Geschmack, etwas geschärft und nur kurz angegart.
„Mylady!“ Vladew warf seine schwarzen Haare - wie ein ungebändigter Hengst die Mähne - aus seinem Gesicht und reichte ihr die Hand. Sanft zog er sie zu sich herauf. Küsste sie vor den Augen der Gäste und schob sie dann vor sich her, in die Mitte des Saales. „Meine Herrschaften … Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen …“ Er brach ab und wandte sich der Dame seines Herzens erneut zu, sah Marjory liebevoll an.
Ihre Erwartung machte sie kribbelig. Sie war gespannt, würde er … Würde er jetzt um ihre Hand bitten?
Sein Blick schien sie zu binden, betörte sie, und wie in Trance begann sie zu wanken. Ohne eigenen Willen stieg sie umständlich auf einen großen Wagen mit schwarzer Tischdecke, mitten in … Ja, wo hinein eigentlich? Sie kicherte albern.
Als sie sich hinlegte, wurde ihr kühler und ein kurzer, klarer Gedanke funkte wie ein Lichtblitz in ihr Hirn.
Marjory drehte verwundert den Kopf. Ihre Trance wich blankem Entsetzen. Das letzte, was sie erblickte, waren die sich wie eine Illusion auflösenden Vorhänge, den verschwindenden Prunk. Sie sah entsetzt die kahlen Wände, den bröckeligen Putz darunter. Die leeren Spiegel, die zum Vorschein kamen und makaber nur Marjorys Ebenbild zurückwarfen. Sah den vollen Mond, der durch ein Fenster hereinblickte und so dem grausigen Schauspiel beiwohnen konnte.
Zu spät, dachte sie, es ist zu spät.
„Das Dessert ist angerichtet!“, heulte der Lord auf.
Scharfe Krallen rissen ihr das Kleid vom Leib, schlugen sich in ihre Arme, die Beine. Fies lächelnde Menschen beugten sich über Marjory, die sich vor Schmerzen wand und wie am Spieß schrie.
Schrie, während die Gesichter zu hässlichen Fratzen verschwammen und sich spitze Zähne in Marjorys noch warmes, zuckendes Fleisch bohrten …

Letzte Aktualisierung: 23.03.2007 - 19.53 Uhr
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