Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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März 2007
Klassentreffen im Burghotel
von Susanne Ruitenberg


„Das Buffet ist fertig.“
„Danke, Martin.“
Sina klappte das Gästebuch zu und folgte ihrem Chef de Brigade. Martin öffnete die Flügeltür des Saales und verbeugte sich, mit der Kochmütze wedelnd. „Madame est servie.“
Sie trat ein und blieb vor dem Buffet abrupt stehen. Ihr erster Impuls war, die Veranstaltung abzusagen. Das war viel zu schön, um verzehrt zu werden! Ein Schwan aus Eis thronte in der Mitte des langen Tisches, um ihn herum reihten sich ovale Spiegel mit Vorspeisen: Sie sah Blinis mit Kaviar; gefüllte Wachteleier, geräucherte Edelfische, Wildpastete an Sauce Cumberland, Spargelröllchen, bunte Salate, Canapés, jedes einzelne aufwendig garniert. Die Rechauds für die warmen Speisen dampften. Efeuranken und gelbe Rosenblüten wanden sich in kunstvollen Schlingen zwischen den Platten.
Sie nickte. „Martin, mir fehlen die Worte. Die Gäste werden hocherfreut sein.“ Ein ironisches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel „Hocherfreut.“
Ein Page erschien in der Tür. „Sie kommen.“ Sina zwinkerte Martin zu und eilte ins Foyer. Neben der Rezeption blieb sie einen Augenblick stehen und versuchte, einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen.
Die Halle füllte sich schnell mit elegant gekleideten Paaren. Die Damen waren schwerer behangen als jeder Weihnachtsbaum, Schwaden teuersten Parfums kämpften um die Vorherrschaft. Pagen eilten zwischen den Ankommenden herum, nahmen Mäntel und Hüte ab. Sina stellte sich neben die Tafel. „25-jähriges Abitursjubiläum der 13b des Schlossgymnasiums zu Rheinburghausen“ prangte in goldener Schrift über einem Kupferstich des Renaissancegebäudes. Sie knipste ihr Begrüßungslächeln an und schritt auf die Gäste zu.
„Justus, danke für dein Kommen. Geht die Praxis gut? Deine Gattin Mathilda? Sehr erfreut.“ Sina ging weiter. „Johanna, Gratulation zu der Veröffentlichung. Ich wusste, dass du Großes erreichen würdest. Und – Isabella? Ist es möglich, du bist noch hübscher geworden!“ Sina strahlte die Angesprochene an und schlängelte sich weiter durch die ankommenden Paare, schüttelte Hände, nahm Blumen und Küsschen entgegen. „Hallo, da ist ja unser guter Leopold. Ich gratuliere dir zum Wahlergebnis, einen Landrat wie dich haben wir schon lange nötig. Deine Kampagne „sauberes Klassenzimmer“ – wirklich, die Moral entgleist ja völlig heutzutage.“
„Danke Sina. Und mein Kompliment! Du hast ein Schmuckstück aus diesem alten Kasten gemacht. Ich danke dir vielmals für die Einladung, das Jubiläum hier zu begehen. Wir hätten uns keinen würdigeren Rahmen wünschen können.“ Er zwinkerte ihr zu, eine Hand auf ihrem Rücken. Sina wand sich aus seiner Berührung.
Sina drehte sich zu den Gästen um. „Liebe ehemalige 13b. Darf ich bitten.“ Auf ihr Nicken öffneten zwei Pagen die großen Türflügel des Saales. Sina machte eine einladende Handbewegung und ging voraus. Die Gäste folgten. Die „Ahs“ und „Ohs“ waren Musik in Sinas Ohren und übertönten die anderen Worte, die in ihrer Erinnerung nachhallten.

„Was, auf die Hotelfachschule? Was ist denn das für eine Karriere für eine Schlossgymnasiastin. Willst du Zimmer putzen lernen. Naja, zu dir passt es.“ Höhnisches Gelächter.
„Unser Fräulein Unterstadt wird Dr. Putzlappen. Oder Miss Telefonistin 1983.“

Nein, sie hatte nie dazu gehört, war stets die Stipendiatin aus ärmlichen Verhältnissen geblieben.
Kellner trugen Silbertabletts mit Champagnerkelchen auf. Zwei junge Männer mit Camcodern standen diskret im Hintergrund. Sina stellte sich ans Rednerpult, klopfte auf das Mikrophon. Die Gäste verstummten.
„Liebe Ehemalige der 13b. Ich freue mich, euch so zahlreich hier begrüßen zu können. Bevor wir beginnen, erlaubt mir einige Grußworte. Als erstes möchte ich anmerken, dass die beiden Journalisten nur ein paar Eindrücke für den Lokalsender filmen und danach die Feier verlassen werden. Ich erhebe zunächst mein Glas auf uns alle, die wir 1982 die Hochschulreife erworben haben, und auf die großartigen Karrieren, derer wir uns rühmen können.“ Sie nippte an ihrem Champagner. „Gleich werde ich das Buffet eröffnen. Zur Einstimmung habe ich eine kleine Präsentation vorbereitet, die uns erheitern und an damals erinnern wird.“ Sie hielt eine Fernbedienung hoch und drückte zwei Knöpfe. An der Stirnseite des Saales sank eine Leinwand von der Decke hinab, ein Beamer folgte in der Saalmitte. Die Schule erschien auf der Bildfläche, Sinas Stimme hallte aus den Lautsprechern.
„Da ist sie, unsere alte Schule. Reiche Erinnerungen bleiben uns von den neun Jahren – plus x in zwei Fällen - die wir dort verbracht haben.“ Raunen und Gelächter gingen durch die Menge. Sina stieg vom Rednerpult; ungesehen von den Gästen schlüpfte sie hinaus und in ihr Arbeitszimmer. Fünf Hotelfernseher hatte sie dort auf dem Besprechungstisch aufgereiht, vier davon zeigten Bilder vom Saal, von den versteckten Kameras eingefangen. Auf dem Mittleren lief ihr Filmchen, das bei einer Diashow von peinlichen Fotos aus der Schulzeit angekommen war. Das Gelächter nahm an Lautstärke zu. Sina setzte sich voll gespannter Erwartung in ihren Drehstuhl. Das schönste war, dass Antenne Rheingau jetzt live übertrug, dank ihren Beziehungen zum Redakteur. Wenn die Gäste das wüssten ...

Sina lauschte gebannt ihren eigenen Worten aus dem Lautsprecher.
„Die 13b war eine ganz außergewöhnliche Klasse, das wurde mir immer wieder klar gemacht. Wie stolz ich gefälligst sein sollte, als einfache Angestelltentochter mit euch unterrichtet zu werden. Exemplarisch möchte ich einige leuchtende Vorbilder besonders hervorheben. Da haben wir Johanna, Dr. der Philosophie, die gerade Furore macht mit ihrem Buch. Ja, keiner der lobhudelnden Professorenkollegen und hochgeistigen Edeljournalisten ahnt, dass du jede Klassenarbeit deiner Schulkarriere abgeschrieben hast, weil du zu faul zum Lernen warst. Wessen Doktorarbeit hast du dir noch mal angeeignet? Achja, Ching Siang hieß er. Wie praktisch, dass er die Aufenthaltserlaubnis verlor, bevor er seine Entwürfe verwerten konnte.“ Sina suchte Johanna auf den Bildschirmen und weidete sich an ihrem entsetzten Gesichtsausdruck. Einige Gäste schüttelten den Kopf, andere lächelten schadenfroh. Sina dachte an die arroganten Blicke zurück, an getuschelte Gehässigkeiten über ihre Herkunft und grinste, während ihre Stimme fortfuhr: „Isabella, strahlende Schönheit, die mich als Bauerntrampel mit dem Kleidungssinn eines Grasrechens bezeichnet hat. Sie ist in fünfundzwanzig Jahren kaum einen Tag gealtert. Ihre Gesichtshaut dürfte inzwischen am Hintern fest getackert sein. Wer zahlt dir überhaupt den jährlichen Aufenthalt in der Privatklinik für plastische Chirurgie am Genfer See? Andererseits, an Verehrern dürfte es dir nicht mangeln; du hattest dich ja damals schon von der ganzen Parallelklasse durchvögeln lassen.“ Ein spitzer Schrei, ein Klirren. Kellner eilten herbei und hoben Isabellas Glas vom Boden auf.
Der Film zeigte nun einen jungen Mann mit einem arroganten Gesichtsausdruck. Er hatte sie nie auch nur angesehen.
„Justus, geschätzter Doc. Wie gut es sich leben lässt mit einer privaten Internistenpraxis für die Schönen und Reichen. Ich meine, die Patienten müssen ja nicht wissen, was bei deiner ersten OP passiert ist. Ist nur menschlich, so fasziniert zu sein von einer Zyste, dass man den Blinddarmdurchbruch zu spät sieht, und das Weib war ohnehin als Hypochonder verschrien. Wie viel hat es den Herrn Papa gekostet, die Autopsie zu verhindern?“
Sie sah wie Justus wild mit den Armen fuchtelte. „Das ist die Höhe. Ich werde auf der Stelle gehen.“ Doch er blieb und sah gebannt auf die Leinwand.
„Kommen wir nun zum Höhepunkt unserer kleinen Betrachtung.“ Der Bildschirm zeigte ein grinsendes Gesicht, der junge Mann hatte etwas Lüsternes, Schmieriges an sich. Sina spürte den gleichen Ekel wie damals.
Er hatte sie gegen die Wand gedrückt, seine Hände überall auf ihrem Körper, seine nassen Lippen in ihrem Gesicht. „Sträub dich doch nicht, du wirst nie mehr von einem wie mir angefasst werden, wenn du wieder in deinen Kreisen verkehrst. Es ist eine Ehre für dich, dass ich mich überhaupt mit dir abgebe.“
Sina krallte sich an den Armlehnen fest. Auf diesen Moment freute sie sich besonders.
„Ja Freunde, dieses unschuldig aussehende Jungengesicht ziert heute alle Wahlplakate. Leopold von Dühren, großer Moralapostel, Prediger der sex- und gewaltfreien Klassenzimmer, frisch gewählter Landrat. Er ist der Richtige, um über das Thema Sauberkeit zu referieren.“
Mit schnellen Schnitten wurden die Fotos eingeblendet, für die Sina ein Vermögen ausgegeben hatte. Erst gestern war es dem Detektiv gelungen, an die Daten heranzukommen. Leopold, nackt, mit Kindern, jungen Kindern, in mehr als eindeutigen Posen.
„DAS ist sein wahres Gesicht. Ach Leopold, kleine Info: Ich habe mir erlaubt, deine Privatgalerie der Kripo weiterzuleiten. Du bist mir doch nicht böse, oder? Kleiner Tipp: So etwas sollte man nie auf seinem Bürorechner speichern.“
Sina rutschte auf die Stuhlkante und starrte gebannt auf den Bildschirm; Leopold in Nahaufnahme, aschfahl. Schreie gellten durch den Saal, die Gäste wichen von ihm zurück, bis er wie auf einer menschenleeren Insel stand. Dann drehte er sich um und rannte durch die sich teilende Menge hinaus. Sinas Gesicht erschien auf dem Bildschirm.
„Hochverehrte Kameraden. Das Buffet ist eröffnet.“
Grinsend verfolgte Sina, wie einige ihrer Gäste schnell zu dem langen Tisch rannten, sich wahllos von den Speisen nahmen und dem Ausgang zustrebten, als wollten sie ein klein wenig auf ihre Kosten kommen. In Windeseile leerte sich der Saal. Sie griff zum Telefonhörer.
„Martin? Alles klar. Die Party löst sich auf. Trommelst du bitte deine Mannschaft zusammen und bringst den Wein mit? Der Service soll uns schnell ein gemütliches U eindecken, wir sind insgesamt vierunddreißig. Ich sage vorne am Empfang Bescheid, dass sie die Tür schließen und den Anrufbeantworter einschalten. Das Buffet ist eröffnet.“

Letzte Aktualisierung: 27.03.2007 - 17.37 Uhr
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