Mainhattan Moments
Mainhattan Moments
Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Christine Hettich IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
März 2007
Afrika in Paris
von Christine Hettich

Bahiya, meine einzige Freundin! Ich weiß nicht, was ohne sie aus mir würde.
Wahrscheinlich läge ich den ganzen Tag auf dem Sofa herum, mit einer Flasche Fusel am Hals, umnebelt von Haschischdunst.
Um meine ehrgeizigen Eltern zufrieden zu stellen, habe ich mich um ein Auslandsstudium bemüht. So bin ich, die Tochter aus gutem Hause, in Paris gelandet. Alles erscheint mir noch neu und ungewohnt. Bahiya besucht die gleiche Uni. Dank ihrer Hilfe, finde ich mich auf dem Campus und in der Großstadt einigermaßen zurecht.
Ihre fröhliche Art wirkt sogar auf mein melancholisches Wesen ansteckend. Immer wieder holt sie mich aus meiner Lethargie heraus. Dabei hat sie es nicht leicht als Tochter afrikanischer Einwanderer.

Sie lebt mit ihrer Familie in einem so genannten „Squat“, eines dieser Häuser, die vor Jahren der Verwahrlosung überlassen wurden. Die Ärmsten der Gesellschaft besetzen sie und bleiben ... bis zur nächsten Zwangsräumung. Ich zögere, als Bahiya mich zum Abendessen zu ihrer Familie mitnehmen will. Diese Welt ist mir zu fremdartig.
„Ach, komm doch“, bettelt sie, während ihr strahlendes Lächeln zwei Reihen schneeweißer Zähne offenbart, um die sie manche Hollywoodschönheit beneiden würde. „Du musst meine Leute einfach kennen lernen, außerdem wirst du etwas Einzigartiges erleben.“
„So, was denn? Einen Wohnungsbrand vielleicht?“
Das Gesicht meiner Freundin verzieht sich. Ihre warmen Augen füllen sich mit Tränen. Warum nur muss ich immer so taktlos und zynisch sein? Ich weiß doch, wie sehr es sie mitgenommen hatte, als vergangenen August vierzehn Kinder bei solch einem Brand ums Leben kamen.
„Es tut mir leid, bitte verzeih mir“, stammle ich, „natürlich komme ich mit.“
„Das freut mich. Du wirst es nicht bereuen, glaube mir.“ Obwohl wir alleine sind, senkt sie ihre Stimme als sie geheimnisvoll hinzufügt: „Nach dem Abendessen, werden wir an einer Voodoo-Zeremonie teilnehmen.“
Ich staune nicht schlecht. Voodoo im einundzwanzigsten Jahrhundert, mitten in Paris!
„Du meinst, wir werden Nadeln in Stoffpuppen bohren oder einen Hahn schlachten?“
„Lass dich überraschen“, schon lacht sie wieder und mir wird ganz leicht ums Herz.

Wir stehen vor einem Gebäude mit schmutziger, verfallener Fassade. Eine Eingangstür gibt es nicht. Im Treppenhaus sind die Fenster zerschlagen, elektrische Kabel hängen von der Decke. „Was für eine Bruchbude“, denke ich. „Wie kann eine Regierung zulassen, dass Menschen unter dermaßen unwürdigen Zuständen leben müssen?“
Kaum haben wir die Wohnung betreten, stürmen uns Bahiyas drei kleinen Schwestern entgegen und versuchen ihr gleichzeitig um den Hals zu fallen. Ihre Mutter, eine schöne, leicht füllige Frau, nimmt mich in den Arm. Ich spüre, wie ich reflexartig erstarre, an solche körperlichen Aufwallungen und Zuwendungen bin ich nicht gewöhnt. „ Du bist also Anna. Wie sehr ich mich freue, dich kennen zu lernen. Mein Name ist Faraa“.
Bahiyas Vater, der mit seiner imposanten Statur alle überragt, reicht mir feierlich die Hand.
„Schön, dass du uns besuchst“, meint er, „die Freunde unserer Tochter sind auch unsere Freunde, fühl dich wie Zuhause.“
Immer mehr Gäste strömen ein. Nach und nach füllt sich das Zimmer. Was für ein kurioses Abendessen! Wir sind ungefähr zwanzig Personen und sitzen kreisförmig auf dem Boden. Die wenigen Möbel wurden beiseite geschoben. Faraa bringt eine riesige Schüssel Couscous, die sie in die Mitte stellt. Besteck gibt es keines. Das stört mich schon ein wenig, doch ich überwinde mich und fange an, wie die Anderen, mit den Fingern zu essen.
Am späten Abend soll die Voodoo-Zeremonie begingen. Obwohl ich keineswegs an solchen Hokuspokus glaube, spüre ich ein leichtes Unbehagen.
Ein deutliches Dröhnen macht sich in meinem Kopf bemerkbar. Möglicherweise liegt es an der Stickigen Luft. Meine Stirn fühlt sich heiß an. Erschöpft versuche ich, mich zurückzuziehen. Ein schwieriges Unternehmen, bei diesen prekären Wohnverhältnissen. Im Flur entdecke ich einem scheußlichen grünen Ohrensessel in dem ich eindöse. Ich hoffe, meine Freundin und ihre Eltern werden mir diese Unhöflichkeit verzeihen.
Als ich aufwache, fühle ich mich immer noch fiebrig. Im nun komplett überfüllten Zimmer, erspähe ich Bahiya und setze mich neben sie.
Ich glaube, die Zeremonie soll bald beginnen. Alle scheinen gebannt zu warten. Ein älterer, tiefschwarzer Mann schreitet würdevoll herein. Er trägt eine wallende, weiße Robe. Um seinen Kopf hat er ein großes Tuch nach Piratenart geschlungen. Bahiya flüstert: „Das ist Fatoumi, der Hougan, der Hohepriester. Er kommt aus Benin, der Wiege des Voodoos.“
In seiner Hand hält er eine mit einer Flüssigkeit gefüllte Schale. Zuerst schüttet er einen Teil davon auf den Fußboden. „Für die Vorfahren“, erklärt mir meine Freundin. Dann reicht der Hougan mir das Gefäß. Der vertraute Geruch von Alkohol betört mich und ich trinke mehr als nötig.
Faraa trägt ebenfalls ein feierliches Gewand. Ich erfahre, dass sie eine der drei Mambos ist, eine der Priesterinnen. Sie stellen sich, zusammen mit Fatoumi, nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet auf und beginnen die Ahnen und Götter durch Gesänge und Gebete anzurufen. Danach erscheinen bemalte, mit Speeren bewaffnete Krieger sowie eine Horde Trommler in bunter Kleidung.
Wie es möglich ist, dass der Platz für all diese Menschen ausreicht, ist mir schleierhaft. Ich glaube, da ist Magie im Spiel, oder ich unterliege optischen Täuschungen. Wer weiß, was sich alles in dem komischen Gebräu befand. Mir fällt erst jetzt auf, dass ich die Einzige bin, die davon getrunken hat.
Langsam steigt Angst in mir auf. Hat man nicht schon gehört, dass bei solchen Zeremonien Menschen geopfert wurden? Panik ergreift mich. Die Leute um mich herum scheinen seltsam verändert. Meine Freundin ist kaum noch ansprechbar, blickt starr vor sich hin.
Plötzlich erscheint, wie aus dem Nichts, die schaurigste Gestalt die ich je gesehen habe, ein Zombie im schwarzen Anzug mit Zylinderhut und weiß angemaltem Gesicht. Er schaut auf mich hinunter und grinst. Nun bückt er sich, kommt mir immer näher. Ich kann seinen Atem spüren. „Ich bin Baron Sam’di, Hüter der Friedhöfe, Verkünder des Todes“, raunt er in mein Ohr.
Ich fühle, wie eine grauenvolle Furcht meine Kehle zuschnürt. Ich möchte fliehen, doch mein Wille ist gelähmt, beherrscht von einer fremden Macht. Eine unsichtbare Kraft zieht mich hoch und eine Stimme in meinem Kopf befiehlt mir, mich in die Mitte des Raumes zu legen. Das Trommeln wird lauter und lauter, die rhythmischen Klänge durchdringen mein gesamtes Wesen. Ein wütender Sturm braut sich in meinem Geist zusammen. Es ist schauderhaft... und wunderbar zugleich.
Meine Emotionen erreichen eine unerträgliche Intensität. Ich spüre, wie ich in eine andere, geheimnisvolle Welt gleite. Der Lärm verstummt.
Ich schwebe in einer mir unbekannten Dimension, einem Grenzbereich zwischen Leben und Tod vielleicht? Ein Blick in das Innere meiner Seele wird mir gewährt und lässt mich eine tödliche Traurigkeit sowie eine geheime Sehnsucht und Einsamkeit erkennen.
Leise, klagende Töne dringen zu mir. Es ist der Gesang der Melancholie. Ich sehe ein kleines, weinendes Mädchen, kann fühlen was es sagen will: „Mir ist kalt, nimm mich in den Arm.“
Ich überwinde meine Berührungsängste, drücke es fest an mich. Eine unbeschreibliche Wärme und Liebe steigt in mir auf und ich habe das Gefühl, etwas wieder gutzumachen. Wir spüren beide eine solch ergreifende Geborgenheit, dass unsere Wesen sich verbinden. Es ist, als würden sich alle Teile wieder zusammenfügen, wie bei einem Puzzle. Wir sind eins.
Mein Gesicht ist tränenüberströmt. Ich weiß nicht mehr, was Zeit ist, wahrscheinlich etwas, das gar nicht existiert, eine Illusion.
Eine wunderschöne schwarze Frau, mit prächtigem Schmuck behangen, kommt auf mich zu. Sie reicht mir ein Band, an dessen Ende ein Ledersäckchen festgebunden ist. Ich öffne es. Darin befinden sich eine kleine Bronzestatue, ein winziger, bemalter Knochen und verschiedene, duftende Kräuter.
„Hier, nimm, trage es und lege es niemals ab“, rät sie mir, bevor sie sich in der Unendlichkeit dieses magischen Raumes auflöst.
Aus weiter Ferne höre ich ein wildes Trommeln, sowie die besorgte Stimme meiner Freundin: „Holt sie zurück, sonst stirbt sie.“
Ich wache in dem grünen Ohrensessel auf. Bahiya beugt sich über mich und rüttelt an meiner Schulter. „Komm, steh endlich auf, es ist schon lang Tag.“
„Was für ein Jammer“, fährt sie fort, „du hast die ganze Zeit geschlafen und nichts von der Zeremonie mitbekommen. Geht es dir gut? Mir schien, du hattest Fieber.“
„Mir ist es in meinen ganzen Leben noch nie so gut gegangen“, antworte ich wahrheitsgemäß.
Soll das alles nur ein Traum gewesen sein? „Schade“, denke ich, während ich instinktiv an meine Brust greife.
Dort spüre ich ein Lederband, an dessen Ende ein Säckchen hängt. Ich brauche es nicht zu öffnen, denn ich weiß:
Darin befinden sich eine kleine Bronzestatue, ein winziger bemalter Knochen und verschiedene, duftende Kräuter.




Letzte Aktualisierung: 25.03.2007 - 21.42 Uhr
Dieser Text enthält 8954 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.