'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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März 2007
Das Menü
von Jutta Beer


Luise stellte die Teller in die Spülmaschine, auf denen sie die Toastdreiecke mit Ingwerbutter und frisch gebratener Kaninchenleber serviert hatte.
Als nächstes arrangierte sie die Vorspeise für das traditionelle Samstagsmenü. Alles hing von ihr ab, sie war die Köchin. Und gerade heute würde noch viel mehr von ihrer Kochkunst abhängen.
Mit diesen Gedanken drapierte sie je eine gegrillte Scheibe Ziegenkäse auf den mit Salat ausgelegten Tellern. Das Medusenhaupt auf dem Dekor schien Luise zwischen den Salatblättern hindurch zuzuzwinkern.
Zum Schluss träufelte sie noch die Honigvinaigrette über den Käse, dazu legte sie eine Spirale aus Haselnusskrokant.

Das Speisezimmer des Sommerschlösschens war ein langgestreckter Raum mit einer Fensterfront zum Garten. Die schweren blauen Samtvorhänge machten den Park zu einem gerahmten Landschaftsgemälde. Er war der ganze Stolz des Hausherrn Herbert Hofmeister.
„Guten Appetit!“, wünschte seine Schwägerin Marlene vor der Hausherrin.
„Die fantastische Aussicht lässt vergessen, von wem man eingeladen wurde. Deine Köchin ist eine Perle, die die Unzulänglichkeit der Gastgeberin mühelos kaschiert!“, wandte sie sich an Herbert.
„Guten Appetit“, antwortete Christa, dabei zuckten ihre Mundwinkel. Es entging Luise nicht, dass die alte Rivalität der beiden wieder aufflackerte. Nur zu, dachte sie.
„Oh, Luise, sie erhalten schon nach der Vorspeise Komplimente. Sie sind wie eine Künstlerin, die Szenenapplaus erhält!“ Dazu strahlte Herbert Luise an, wie er seine Frau die letzten zwanzig Jahre wahrscheinlich nicht mehr angestrahlt hatte. Das Sommerschlösschen wird bald den Besitzer wechseln – Marlene wird es sicher nicht sein, freute sich Luise, als sie die Vorspeise abräumte.

Sie kam wieder mit der Suppenschüssel, verteilte die Suppe in drei Schalen und drapierte geschickt die Petersilie auf der Suppe. Die glatten grünen Blätter bildeten einen wunderbaren Kontrast zu den frittierten Wurzelscheiben. Sie servierte den Herrschaften am Tisch. Natürlich immer von rechts, Etikette ist alles.

Marlenes Löffel zitterte, als er in die aufgeschäumte Suppe sank. Auf dem Weg zum Mund verschüttete sie Suppe, die sie mit fahrigen Bewegungen mit ihrer Leinenserviette auftupfte. Luise sah durch die angelehnte Tür, dass sie das Zittern ihres Körpers kaum noch kontrollieren konnte. Sie hörte wie Marlene eine Entschuldigung murmelte, um sich dann nach oben in ihr Gästezimmer zu begeben. Die roten Pusteln, die Luise zu erkennen meinte, gaben ihr die Bestätigung: die Haselnüsse waren dabei, den tödlichen Allergieschock auszulösen.

Wieder in der Küche öffnete Luise eine Flasche Chianti, um ihn zu dekantieren.
Die mit Kräuterbutter gefüllten Forellen wickelte sie in Sauerampferblätter, legte sie mit etwas Weißwein in eine Kasserolle, anschließend schob sie sie in den Backofen. In der Zwischenzeit schmeckte sie die Weißweinsoße ab. Sie presste die gekochten Kartoffeln im oval direkt auf die Fischteller, legte jeweils eine Forelle darauf und streute zum Schluss frisch gehackte Sauerampferblätter darüber.
Luise setzte dem Ehepaar Hofmeister die Teller vor und hob die beiden silbernen Cloches. Ein würziger Duft erfüllte den Raum.

„Die Forelle ist köstlich! Ob Luise noch Marlenes Fisch in der Küche hat?“
„Was schert mich meine Schwester! Luise braucht ihr das Essen nicht hinterher zu tragen. Ich habe Marlene eingeladen, weil ich wollte, dass wir ein entspannteres Verhältnis bekommen. Aber sie hat es sofort ausgenutzt, dir schöne Augen zu machen und mich vor der Dienstbotin herabzusetzen!“
„Ich würde lieber selbst eine zweite Forelle von Luises Händen zubereitet genießen, als sie deiner Schwester zu überlassen!“
„Für mein Empfinden bist du mit Luise viel zu familiär. Vergiss nicht, sie ist nur unsere Köchin. Mehr nicht. Eine andere würde ihren Dienst genauso verrichten.“
„Aber nicht mit dieser Hingabe!“, wandte Herbert ein.
„Du musst nicht glauben, weil sie hingebungsvoll kocht, würde sie sich auch dir hingeben. Ich hoffe, dass dein hingebungsvolles Schlürfen nichts anderes bedeutet, als dass die Soße schmeckt. Und nicht etwa, dass du dich offensichtlich nicht mehr zu benehmen weißt!“, empörte sich Christa. Sie griff nach ihren Antidepressiva, die sie zum Beginn des Menus vergessen hatte einzunehmen.

Herbert hatte vom Streit zwischen seiner Frau und seiner Schwägerin nicht viel mitbekommen, denn seine Augen und seine Gedanken waren nur bei Luise.

In der Küche schob Luise das mit Kräutern marinierte Lammfleisch in den Backofen. Sie brutzelte die Polentataler in der Bratpfanne. Dieses Mal war die Polenta mit Käse vermischt, das machte sie würziger, obendrein gab er beim Braten eine schönere Farbe.
Sie ging in das Speisezimmer, um den Chianti zu bringen. Luise zeigte zunächst Christa das Etikett auf der Flasche, dann ließ sie mit Gefühl etwas Wein aus der Karaffe in das Glas fließen. Mit Genugtuung wartete sie, bis Christa den letzten Wein ihres Lebens gekostet hatte. Auf ihr zustimmendes Nicken schenkte Luise den beiden ein, darauf eilte sie zurück in die Küche.

Sie war aufgeregt als sie das Lammkarré portionierte und richtete die Polentascheiben und den Blattspinat mit Pinienkernen auf den beiden Tellern an.
„Luise, Luise, sie sind eine Zauberin! Sie sollten mit einem Schloss belohnt werden, nicht mit einem schnöden Gehalt!“ rief Herbert aus, als er vom Lamm probierte. Vergangenen Monat zeigte er ihr sein geändertes Testament, in dem ihr das Sommerschlösschen zugesprochen wurde, während seine Frau lediglich die Stadtvilla erben sollte.

Während Luise das Speisezimmer wieder betrat, zitterte Christa leicht am ganzen Körper. Der Wein begann zu wirken. Nicht nur der Wein alleine, sagte sich Luise. Christa stand auf, murmelte, dass sie sich etwas hinlegen wollte, dabei verließ sie mit unsicherem Schritt ihren Mann am Tisch. Ihr Gesicht hatte fast die Farbe des Chianti angenommen.

Ihr Herz wird nun bald rasend beim Tod anklopfen, vermutete Luise. Die Wechselwirkung zwischen dem Wein und den Antidepressiva wird die gewünschte Wirkung haben.

Herbert Hofmeister schaute kurz auf.
„Räumen sie bitte den Tisch ab und bringen sie die Käseplatte! Das Essen war ausgezeichnet. Kompliment, liebe Luise!“, sagte Herbert mit leuchtenden Augen. Luise ließ sich nicht davon beeindrucken.

In der Küche legte sie den Käse auf das Holzbrett: Brie de Meaux, einen Ziegenkäse mit Asche bestreut, einen Münsterkäse mit einem Farnblatt verziert und ein Stück von Herberts Lieblingskäse, dem Vacherin Mont d`or. Sie vermied es, ihn mit den Händen zu berühren.

Mit dem Käsebrett kehrte sie in das Speisezimmer zurück.
„Bleiben sie bei mir, verehrte Luise. Leisten sie mir etwas Gesellschaft!“ forderte Herbert sie auf.
„Das Dessert; ich sollte das Dessert vorbereiten, Herr Hofmeister“, entgegnete Luise distanziert.
„Ich nehme wenig Käse, nur die Hälfte der Vacherin Ecke“, sagte er, darauf nahm er sich von dem reifen Weichkäse.
„Sie können die Platte wieder mitnehmen. Versprechen sie mir, dass sie zum Dessert bei mir bleiben.“

Luise antwortete nicht, sondern nahm mit wissendem Lächeln die Käseplatte mit zurück in die Küche.

Sie wickelte die Reste in Zeitungspapier. Ein letztes Mal las sie die Schlagzeile: "Giftige Bakterien im Käse! Große Rückrufaktion!" Sie wird das Päckchen später im offenen Kamin verbrennen.

Nachdem sie sorgfältig die Hände gewaschen hatte, nahm sie die vorbereiteten Gläser mit Safrancreme aus dem Kühlschrank. Sie platzierte sie auf das Silbertablett, stellte den frisch gebrühten Kaffee mit den selbstgemachten Marzipanpralinen dazu und trug alles ins Speisezimmer. Herbert Hofmeister probierte von der Creme:
„Wussten sie, dass fünf Gramm Safran eine tödliche Dosis sind? Man könnte jemanden mit Safran umbringen! Aber wer das nicht merkt!“. Er hob sich den Bauch vor Lachen.

Sie ertrug ihn, bis es nichts mehr zu ertragen gab. Als sein Kopf auf der Tischplatte lag und sein Puls nicht mehr fühlbar war, bedankte sie sich bei ihm, dass er sie in seinem Testament mit dem Sommerschlösschen bedacht hatte.

Luise lies sich die Safrancreme im Munde zergehen. Ja, das Menü war wirklich ausgezeichnet gelungen.

Letzte Aktualisierung: 20.03.2007 - 12.36 Uhr
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