Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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März 2007
Nach „Kesselheißen“ kalt gemacht
von Heinz-Helmut Hadwiger

An jedem ersten Donnerstagabend im Monat lud der Wirt „Zum kalten Gang“ zu „Kesselheißen“ ein: frisch gesiedeten Würsten. Grund genug für manche Bewohner des Marktfleckens Haidschlag, zu ausgelassener Geselligkeit zusammenzukommen.
Da traf man nicht nur den Metzger, der auf diese seine Spezialität stolz war, nein, auch den Bürgermeister, den Schuldirektor, den Bestatter aus der Nachbargemeinde samt Frau und Tochter, den Gemeindesekretär, den Veterinär, den Humanmediziner, die Sparkassenleiterin, die Obfrau des Vereins für die Altenpflege, den Chef des Großmarktes, den Briefträger, den Feuerwehrhauptmann, die Kindergärtnerin, den Totengräber, drei weitere Gemeindearbeiter und manchmal sogar den Pfarrer, der sich damit für ein gut besuchtes Begräbnis oder ein von ihm versäumtes Totenmahl bedankte, sowie den „Club der ehrenwerten Witwen“, wie die sechs alten Damen im Volksmund hießen, die allesamt früh ihre Männer verloren hatten, umso länger die staatliche Witwenpension und einmal im Monat die „Kesselheißen“ genossen. Ihr Tisch war durch einen Paravent von den übrigen getrennt. So mochten sie die Erinnerungen an ihre durchwegs braven Männer – vom gemeinen Gemeindevolk ungestört – schwärmerischer aufwärmen.
Seit ihr Sprachrohr, Käthe Zwilling, von einem Mexikourlaub aus Jalisco den einzig authentischen, aus dem Saft der Agave gewonnenen Branntwein, der sich „Tequila“ nennen darf, mitgebracht hatte, war die Altdamenrunde lebhafter geworden. Der Wirt musste jeweils ein Flasche des feinsten Añejos, den Fünf-Stern-Paradiso El Tesoro de Don Felipe des Herstellers T. Tapatio, kredenzen, obwohl ihm die Aussprache des Spanischen schwerer fiel als die Ausstellung der beachtlichen Rechnung darüber.

So umgänglich und gemütlich die „Kesselheißen“-Abende im „kalten Gang“ bislang gewesen waren, so unheimlich und von Galgenhumor bestimmt wurden sie mit einem Male:
Gernot Murren, ein ortsbekannter Alkoholiker, der seinen Lohn großteils im „Kalten Gang“ verflüssigte, erhielt eines Tages die unmissverständliche anonyme Aufforderung, sich einer Entwöhnungskur zu unterziehen. Andernfalls würde nicht mehr er im Wirtshaus zu Freigetränken einladen, sondern seine arme Witwe dort die „Zehrung“ für ihn ausrichten müssen: wie der Leichenschmaus hierorts heißt, zu dem die gesamte Dorfbevölkerung kommt.
Gernot Murren murrte darüber nur, soff aber zügellos weiter, hatte er doch am ersten Donnerstag des Monats noch genug Lohn, um gleich gesinnte Gäste großzügig freizuhalten. Bis er von der Toilette nicht mehr zurückkam, im Hof des „Kalten Ganges“, der seinen Namen auf anschaulich-schauerliche Weise verwirklicht hatte.
Der Saufbold war erstochen worden.
Die Beamten der Mordkommission vermuteten, dass ihm ein außen stehender Widersacher aufgelauert hätte. Die „Kesselheißen“-Esser hatten von seinen Einladungen nur profitiert!
Ein Monat später war klar, dass hier ein Racheengel zugeschlagen hatte, der die unbotmäßigen Haidschlager zur Ordnung zwingen will, der jenen Beziehungsfrevlern den Tod ankündigt, die ihre Partnerinnen schlecht behandeln.
Max Prader war seines Jähzorns und seiner Brutalität wegen ortsbekannt. Aus nichtigen Anlässen schlug er seine Frau Karin. Der kleinste Ärger über eines seiner Kinder ließ ihn ausrasten und den Wuterreger windelweich verprügeln. Die Nachbarn redeten Max gut zu, wagten jedoch nicht, die Jugendfürsorge einzuschalten.
Da erreichte Max ein anonymer Anruf, der ihm in Aussicht stellte, sollte er seine Angehörigen noch einmal schlagen, träfe ihn selbst ein tödlicher Schlag.
Max geriet über diesen Anruf derart in Rage, dass er auf der Stelle den Telefonapparat gegen die Wand schleuderte. Er vermutete, seine Frau oder eines der Kinder hätten zu dieser Drohung angestiftet, weshalb er sie – sicherheitshalber, auf Verdacht – einmal mehr verprügelte.
Als er am nächsten Donnerstag im „Kalten Gang“ recht umgänglich seine „Kesselheiße“ verspeiste und auf die Frage, ob er denn seinen Kindern auch eine Wurst mitbringe, mit der Faust verärgert auf den Tisch schlug, war sein Schicksal besiegelt:
Vom WC im Hof kam er nicht mehr zurück, einem Herzstich erlegen.
Damit standen die Gäste dieses Abends unter dringendem Tatverdacht, die sich bis zum Eintreffen der Mordkommission mehrheitlich vom Tatort entfernt hatten. Die Tatwaffe, ein Dolch oder ein exotisches Messer – nach der gerichtsmedizinischen Obduktion und nach der kriminaltechnischen Auswertung höchstwahrscheinlich schon beim ersten Mord verwendet – war nirgends auffindbar. Die Vernehmungen der Zeugen gestalteten sich angesichts behaupteter oder tatsächlicher alkohol- oder altersbedingter Erinnerungslücken schwierig. Obwohl der Polizeiapparat der „Kesselheißen“ wegen heiß lief, konnte der Täter binnen Monatsfrist nicht ermittelt werden.
Spekulationen, der Bestatter, der Totengräber, der Gemeindearzt oder die Kindergärtnerin, die sich der Halbwaisen annähme, hätten sich zusätzliche Arbeit verschafft und ein so bizarres Betätigungsfeld ausgesucht, waren mehr als abwegig. Sollten sich etwa gar der Gemeindesekretär, die Sparkassenleiterin oder der Feuerwehrhauptmann als Wahrer der Gerechtigkeit verstanden haben.
Da die Drohung telefonisch erfolgt war, konnte nicht einmal die Beteiligung des Briefträgers daran nachgewiesen werden.
Auch den sechs ehrenwerten Witwen war nicht ohne weiteres zu unterstellen, sie hätten ihren Kreis um Karin Pader erweitern wollen. Sachdienliche Angaben zu einem Verdächtigen konnten sie nicht vorbringen.
Niemand war dabei gesehen worden, der Max Pader auf die Toilette gefolgt wäre, bis der Bürgermeister selbst hinausgegangen war und die Leiche gefunden hatte.
Die Dorfbevölkerung wurde nun vorsorglich gewarnt: Jede künftige ähnliche Art einer Todesdrohung sei sofort der Polizei zu melden!
Hätte sich Ernst Gottschlich daran gehalten, lebte er heute noch! Aber er war sich seiner Unwiderstehlichkeit als Dorf-Casanova so gewiss, dass er den mit ausgeschnittenen, aufgeklebten Zeitungsbuchstaben verfassten Drohbrief, nur geringschätzig zerriss. Darin war er aufgefordert worden, seine falschen Verführungskünste einzustellen, andernfalls ihm sein krankhaftes „Casanova-Syndrom“ ein für allemal verginge. Ihm war es wichtiger, mit seiner jüngsten Eroberung, der erst achtzehnjährigen Tochter des Bürgermeisters – berührt, verführt! –, zu renommieren.
Die Polizei hatte sicherheitshalber einen Beamten der nächstgelegenen Dienststelle zur Beobachtung abkommandiert, der einem möglichen Serientäter auf die Schliche kommen sollte. Er ließ sich die „Kesselheißen“ munden und lauschte interessiert der Angeberei Gottschlichs, er werde alsbald ins Gemeindeamt „einheiraten“.
Dass er von seinem Gang auf die Toilette des “Kalten Ganges“ nicht mehr zurückkäme, ahnten weder der Polizist noch die Gemeindearbeiter, die ihre vom Straßendienst „feinstaubbelasteten Lungen“ durchspülen mussten; noch der Gemeindearzt, der ihnen vorhielt, sie verwechselten die Lunge mit der Leber, und der seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, heute erstmals nach dem „Kesselheißen-Essen“ keinen Totenschein ausstellen zu müssen; noch zwei Tischlerlehrlinge und drei Schreinergesellen, die sich künftig auf die Herstellung von Särgen spezialisieren wollten; geschweige denn der Bestatter aus dem Nachbarort samt Frau und Tochter, der sich jeder Anspielung auf seine Geschäfte bewusst enthielt.
Just der Totengräber war es, der Gottschlich im Vorraum der Toilette tot auffand.
Im allgemeinen Aufruhr liefen auf seine Hiobsbotschaft hin fast alle Gäste zum Tatort.
Der Polizist verdächtigte sofort den Bürgermeister, dem er zutraute, die ersten beiden Morde nur als Ablenkungshandlungen begangen zu haben, um letztlich seine Tochter zu rächen.
Nachdem er diesen Verdacht schon am Telefon dem Leiter der Mordkommission, die er herbeirief, mitgeteilt hatte, ließ er den Bürgermeister nicht mehr aus den Augen. Die Aufgebrachten zu beruhigen und die Neugierigen fernzuhalten, gelang ihm nur schwer. Es galt, vorerst dafür zu sorgen, dass die Spuren nicht verwischt würden. Beinahe alle Gäste scharten sich um die Toilette des „Kalten Ganges“, wo Ernst Gottschlich allen Ernstes kalt gemacht worden war.
Nur der „Club der ehrenwerten Witwen“ war der allgemeinen Aufregung nicht erlegen, den Gaffern nicht hinaus gefolgt. Gelassenheit des Alters oder Steifheit in den Gliedern?
Nachdem Käthe Zwilling ihren Freundinnen aufmunternd zugewunken hatte, erhoben sie ihre Gläser mit „Highland Tequila“ auf jene Männer Haiderschlags, die ihren Frauen das Leben versüßen, während die 92-jährige Marta Blümel ein bis dahin blutiges Messer unauffällig neben die Reste ihrer „Kesselheißen“ legte.

Letzte Aktualisierung: 28.03.2007 - 11.11 Uhr
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