Sexlibris
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März 2007
Nächste Chance
von Tanja Muhs

11:03
McDavin pisste in die silberne Kloschüssel. „Bohnenstange“, „Strichmännchen“, „Hang Man“. Kein Mädchen. Mädchen wollen Rugby-Spieler. Und er ist so scharf auf sie, auf sie alle zusammen. Er betrachtet sie, steht auf dem Mauervorsprung und glotzt dabei zu, wie sie sich umziehen, die Cheerleader oder die Schwimmerinnen. In die Kirche geht er allein. Sonst hängt er mit ihnen rum, den Kerlen wie Eichen mit Händen wie Schaufeln, folgt ihnen in die Bar, ist immer in der Nähe. Isst, wenn sie essen, trinkt, wenn sie trinken, chillt, wenn sie chillen. Auch in Mottons Garten beim Barbeque. Angeline drüben auf der Veranda. Rhona, Colleen, Moira. Angelines langes Haar, ihr roter Mund, ihre Nippel unter ihrem dünnen Kleid.
„Ich wiederhole noch einmal.“ Ja, es ist schon richtig. Es ist gut. „Liebst du das Essen? Dann liebe ich dich. Ich möchte dich verwöhnen! Romantischer Er sucht vollschlanke, gern üppige Sie, die Spaß am Leben und Genießen hat, zum Candle-Light-Dinner. Alles kann, nichts muss!“ Alles kann, nichts muss, jawohl. Ein Mädchen, vielleicht sogar, zwei, drei, vier für 32,75 Dollar im Monat.

11:15
Die erste ist nervös am Telefon, als sie sich verabreden. Als er sie sieht, weiß er, warum. Ein Walross mit schaurig-blondem Haar wie Tentakeln. Aber sie ist gut, denn es gibt Fisch - und Mousse au chocolat, ein wahrer Genuss. Er stillt seinen Hunger mit ihr. Die Zweite eine dicke Pute zu Thanksgiving, zum Bersten gefüllt. Die Dritte kommt zu spät, eine Flasche Wein bringt sie mit, aber er hat für alles gesorgt. Er ist ein guter Gastgeber. Nach jedem Essen gibt es ein Dessert. Sie sind alle so versessen auf sein Dessert und er gibt es ihnen. Immer mit Sahne, seiner Sahne. „Gib ihr die Sahne!“ sagt eine Stimme in seinem Kopf, „Sie will es! Sie will sühnen!“. Er liebt das Kochen.

11:30
Das Essen kam in unzerbrechlichem Plastik. McDavin lachte. Als würde er dieses Plastikgeschirr und Besteck missbrauchen! Ein Burger mit viel Ketschup nach dem Tischgebet. Es gab nichts Besseres. Zum Dessert einen Schokoladenpudding mit Sahne. Wieder lachte er, so vertraute Erinnerungen. So hatte er es gewollt, so hatte er es bekommen.

12:05
McDavin hörte Schritte auf dem Gang. Das würde der Pater sein. Er war spät dran.
In schwarz kam er, aber bar des Ornats und ohne Bibel. McDavin brauchte sie so wenig wie er, er kennt sie auswendig, braucht die Bibel so wenig wie den Pater, doch der Pater musste kommen, wie er es immer getan hatte und nie hatte er verstanden. Aber auch heute musste er wieder kommen und nach ihm sehen, heute, kurz bevor McDavin Gott begegnen würde.
McDavin blieb auf der Kante seines Bettes sitzen, deutete kein Aufstehen an, keinen Gruß, keine Erleichterung, dass er gekommen war. Er sah zu wie der Kirchenmann den Stuhl ans Bett heranzog, Platz nahm, hörte ihn begrüßende Worte plappern, seinen Allerweltsnamen nennen, den er schon kannte, doch er blieb nur sitzen und lächelte. Er musste nicht beichten, er hatte Gottes Stimme gehört, sich seinem Willen untergeordnet und gehorcht. Er brauchte ihn nicht, dieses kleine nichtssagende Männchen mit ausdruckslosem Gesicht, das nicht verstehen wollte, Gott nicht sehen, nicht hören konnte. McDavin war ohne Sünde. Gott hatte ihn von dem Kreuz seiner Sünden befreit, ihn reingewaschen. ER hatte ihm Einzigartigkeit verliehen, ihm die Möglichkeit gegeben, sich einen Platz an Gottes Seite zu verdienen. Er hatte seine Aufgabe bekomme, sie reinen Herzens, reiner Seele erfüllt. Es gab nichts zu beichten, nichts zu sagen- jetzt nicht. Schließlich stand der Pater auf, klopfte an die Türe und ging.

12:53
Die volle Stunde rückte näher, gleich würde es so weit sein. McDavin schlug sich mit der Faust gegen die Brust. Er war bereit zu sterben, für Gott zu sterben so wie er für IHN getötet hatte. Er würde die Belohnung bekommen. Er, Gottes Rächer, Gottes Geißel. Er betete in Zungen, erprobte sich an der Sprache der Engel, inbrünstig, kniete nieder, um IHN zu lobpreisen, stand auf, die Hände zum Segen erhoben, kniete wieder nieder, sprang auf das Bett, um IHM näher zu sein, beugte wieder seine Knie, um Gott zu danken für SEINE Allmacht, SEINE Güte, dass ER ihn ausgewählt hatte, dass ER ihm die Kraft gegeben hatte, zu gehorchen. Bibelworte entsprangen seinem Munde, mischten sich mit den Zungen, er war nicht mehr ganz hier, noch nicht ganz da, wo Gott versprochen hatte, ihn hinzubringen. Gleich würde er dort sein, wo Milch und Honig flossen, würde IHN sehen. Er sang, er tanzte, die Hände zum Himmel erhoben, schlug dabei den Tisch um, rüttelte an der Türe, schrie, man möge ihn endlich befreien, ihn holen, damit Gott ihn holen konnte. Als die schwere Tür sich endlich öffnete, lief er auf sie zu, die, die eintraten, den Pater, und die drei großen Kerle, die ihn ergriffen. McDavin sah das nichtssagende, jetzt mitleidig verzerrte Gesicht des Paters kurz nicken, hörte ein Knirschen von zerberstenem Plastik, sah die Spritze in der Hand eines der Kerle. Nein! NEIN! Sie wollten ihn gleich hier umbringen, hier in der Zelle. Nein! Er schlug um sich, schlug mit seinen Bohnenstangenärmchen, doch die Eichen brachen sie, hielten sie. Seine letzten Worte hatte er mit so großer Bedacht gewählt, hatte sie geprobt, verfeinert und nun wollten sie, der Teufel dort in der Verkleidung eines Kirchenmannes, ihm seine letzten Worte nehmen, ihm die Chance verweigern, die Chance, allen von der Aufgabe zu erzählen, der, die Gott ihm aufgetragen hatte. Oh, ja, die er demütig angenommen, mit so großer Sorgfalt ausgeführt hatte. „Ja, Gott, ich habe getan, was Du mir aufgetragen hast. Ich habe sie gegeißelt für ihre Sünde der Völlerei! Ich habe sie gestraft in Deinem Namen. Mit der Sahne habe ich es getan!“, schrie er. Dann spürte er, wie die erste Spritze zu wirken begann.
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Helles, warmes Licht drang durch seine geschlossenen Augenlider. Er fühlte sich benommen. War das gleißende Licht die Liebe Gottes? Er spürte, wie eine warme, zittrige Hand die seine fest umschlossen hielt. Schwache Stimmen sprachen in fremden Zungen, fast im Flüsterton. Oh, ja, jetzt verstand er die Zungen. Sie nahmen ihn auf in ihrem Kreis, sie ließen ihn verstehen. Ja, ja doch- Gottes Belohnung!

„Ich möchte es verstehen!“ Die Frauenstimme klang weinerlich und schnaufend.
Ein Mann räusperte sich. „Darf ich Sie erst einmal fragen, was Ihnen schon bekannt ist?“
„Gar nichts eigentlich. Also, ja, Theo und ich, wir kennen uns noch nicht so lange, haben uns vor kurzem erst kennen gelernt. Über eine Kontaktanzeige.“ Verschämtes Kichern. „Weil...ja,...“.
Oh, ja, sie sprachen über ihn! Seine ehrenvollen Taten waren schon Gesprächsthema vor Gottes Throne! Sie wussten es schon, bestaunten seine weise Planung, lobpreisten Gott für die Weisheit, die ER ihm eingehaucht hatte. So weise hatte er die Mittel der schändlichen, Gott vergessenden Welt genutzt. Weise angelegte 32,75 Dollar, um sich einen Platz im Paradies zu verdienen.
„Naja,.... Wir waren ein paar Mal zum Essen verabredet. Schöne Abende. Wollten wir wiederholen. Ich stand vor verschlossener Türe... Die Nachbarin erzählte mir dann... Ich bin gleich hergekommen.“ Die warme Hand drückte seine noch fester.
Oh, ja, es musste eine von ihnen sein. Eine, deren Seelen er geläutert, denen Gott vergeben hatte. Welche der Drei was sie? Er frohlockte still, dankte IHM für SEINE Gnade, für die Rolle, die er in ihrer Erlösung spielen durfte. Ja, auch sie waren hier!
„Ich verstehe, Sie sind mit Herrn Wagner sozusagen...liiert....“
„Ja, doch! Ja, noch nichts Festes, aber was nicht ist, kann ja noch, soll ja noch werden. Auch wenn es jetzt ein bisschen schwieriger wird, ...“
ER war gnädig, ER war gut. ER gab sie ihm an seine Seite. Sie sollten eins sein, für immer und ewig. Sie waren seines, er war Gottes, sie alle in der gleißenden Liebe, für immer.
„...aber wir haben ja alle unser Säcklein zu tragen. Und Theo hat mich auch so akzeptiert, wie ich bin!“ Ein Laut wie von einer Hand, die über ein großes, raues Tuch glitt.
„Also bitte! Wie steht es?“
„Mhm, ja, Herr Wagner ist uns auf Grund seines gesundheitlichen Problems schon länger bekannt.“ Ein Geräusch von eingesogener Luft, die durch die Zähne pfiff. „Herr Wagner leidet an starker Schizophrenie und diversen anderen psychischen Ungleichgewichten. Das heißt- einfach gesagt- er leidet an immensen Wahnvorstellungen, die aus seinem tiefgläubigen familiären Hintergrund resultieren.“
„Ooh.... !“ Die Hand, die seine umklammerte, zitterte jetzt mehr.
So nannten sie es, so nannten sie es immer, er kannte es schon. Aber Gott war gnädig, ER würde diesen verwirrten, noch zu sehr von der Welt eingenommenen Seelen, Weisheit schenken, um die Wahrheit zu sehen. Aber sie würden ihn verstehen, wenn sie sich genug in Gottes gleißender Liebe gesonnt hätten.
„Aber ich kann Sie beruhigen. Die Krankheit tritt in Schüben auf und kann - mit richtiger medikamentöser und psychologischer Behandlung und dem Rückhalt eines sicheren sozialen Umfeldes - auch ganz ausheilen. Und wie ich sehe, arbeitet Herr Wagner ja zumindest schon an seinem sozialen Umfeld. Er ist auf dem richtigen Weg. Vielleicht hat ihn das aber auch ein wenig überfordert. Sobald es ihm besser geht, sollten wir unseren Psychologen Herrn Schmidt hinzuziehen. Der kann Sie beide darin unterstützen, auf diesem Weg weiter zu gehen.“

Als er die Augen öffnete, brannte das helle Licht in seinen Augen sodass sie zu tränen begannen. Wo war Gott, die singenden Erzengel? Die gleißende Liebe? Wahrscheinlich nebenan, hinter der verschlossenen Türe. Dies musste seine letzte Püfung sein, bevor er IHN sehen würde.
Sein Blick streifte die Frau, die an seinem Bette saß.
„Angelika“, sagte er und konnte sich nicht daran erinnern, woher er ihren Namen kannte. Doch dann huschte ein seliges Lächeln über sein Gesicht. McDavin raunte: “Ja, ich werde den Weg weiter gehen! Ja, bei Gott, das werde ich!“


Letzte Aktualisierung: 18.03.2007 - 19.20 Uhr
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