Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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März 2007
Ende einer Sehnsucht
von Franz Peter Osterseher


Leise Klaviermusik ist am Gang des Altbauwohnhauses zu hören. Sie dringt durch die Tür, vor der ich stehen geblieben bin, in die Stille des Gebäudes. Vor mir das dunkelbraune Türblatt mit der Nummer 21. Mein Ziel. In meiner Hand halte ich einen Strauss mit rosafarbenen Rosen. Ich möchte schon läuten, aber die zarte Musik hält mich zurück.

Ich hatte die Frau, vor deren Türe ich jetzt stehe, in einem Cafe kennen gelernt. Sie war mit einer größeren Gruppe im Lokal gewesen. Doch in Gegensatz zu ihrer ausschließlich weiblichen Begleitung war sie mir sofort aufgefallen. Sie hatte auf mich wie die einzige Person in Farbe auf einem Schwarz-Weiß Foto gewirkt. Und das Tizianrot ihrer Haare erinnerte mich an einen Sonnenaufgang, lockte meinen Blick.
Ich hatte alleine den Abend im Cafe verbracht, war in einer der Nischen gesessen. Wie von selbst war mein Blick zu der Gruppe gewandert, ohne dass ich sagen hätte können, warum. Bis ich sie sah. Die Frau mit den aufregenden Haaren hatte ihren Platz am Rande der Koje, daneben stand ihre Handtasche. Der Tisch und die Bank schienen zu klein für die lebhafte Runde, die dort saß, zu sein. Als die ganze Gruppe aufgestanden war, hatte die Frau selbst ihre Tasche angestoßen. Sie war wie in Zeitlupe nach unten gekippt. Und der ganze Inhalt hatte sich auf den Boden geleert. Mehrere Dinge fielen auf den Gang, rollten in meine Richtung. Eine Gelegenheit für mich. Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel, froh über die Möglichkeit, die sich mir bot. So stand ich auf und bückte mich nach den Gegenständen.
Die Frau mit den wunderbaren Haaren blieb zurück, während die anderen aus der Gruppe laut schwatzend das Lokal verließen. Niemand schien zu bemerken, was geschehen war. Sie suchte ihre Sachen zusammen. Ich überbrückte den Abstand zwischen uns, beugte mich zu ihr herab: „Entschuldigen Sie, gehört das Ihnen?“
Sie drehte ihren Kopf. Locken ihres langen Haares kringelten sich über ihre Schulter. Das Grün in ihren Augen faszinierte mich sofort. Sie sagte lächelnd: „Vielen Dank.“ Ich reichte ihr den Lippenstift und die zwei Münzen, die ich gefunden hatte. Ganz hinten, unter der gepolsterten Bank lag noch eine Tube. Ich kroch dorthin, konnte das metallene Behältnis an einer Ecke fassen. Als ich es in ihre Hand legte, sagte sie: „Wie kann ich mich bedanken?“
„Darf ich Sie zum Essen einladen?“
„Nein, dürfen Sie nicht. Aber Sie können zu mir kommen. Am Samstag, um 18:00 Uhr. Zum Essen.“
Sie drückte mir einen kleinen weißen Zettel in die Hand. Eine Visitenkarte.
„Aber jetzt muss ich gehen!“
Eileen stand als ihr Vorname auf der Karte. Als ich schon lange zu Hause im Bett lag,
dachte ich immer noch an sie.

Und nun stehe ich mit Herzklopfen vor ihrer Tür, klingle endlich. Eileen lächelt mir aus der geöffneten Tür entgegen. Ich lächle zurück und reiche ihr die Rosen: „Danke für die Einladung, Eileen!“
„Komm herein!“
Ich trete ein, stelle meine Schuhe in einem kleinen Vorraum ab. Im nächsten Zimmer gedämpftes Licht, Kerzenschein. Beethovens Mondscheinsonate erklingt im Hintergrund. Es duftet nach Oregano, Tomaten und gebratenem Fleisch. An einem runden Tisch ist schon aufgedeckt. Eileen gibt mir ein Glas in die Hand. Wir stoßen an. Ich blicke tief in ihre Augen, in denen sich Kerzenlicht spiegelt: „Prost! Es ist schön, bei Dir zu sein.“
Sie sieht mich mit einem fragenden Blick an. So sage ich schnell: „Ich heiße Peter. Und hast du alle deine Sachen wieder gefunden?“
Sie lacht: „Ja, danke! Alles da!“
Plötzlich piepst es laut aus der Küche.
„Entschuldige bitte. Die Spaghetti sind durch. Setz dich schon.“
Ich blicke ihr nach, sehe ihre schlanken Beine unter dem kurzen Rock in der Küche verschwinden.
„Kann ich dir nicht helfen?“ rufe ich ihr nach.
„Nein. Du setzt dich!“
Ich gehorche, nehme auf der einen Seite des aufwendig gedeckten Tisches Platz.
Eileen ist eine großartige Köchin. Trotzdem ist der vorzügliche Geschmack des Gebotenen fast schon Nebensache. Ich achte viel mehr auf mein Gegenüber als auf das Essen und den Wein. Ihr Lächeln, die Reflexe in ihren Augen, auf ihren Haaren, ihre Gesten, ihre Handbewegungen. Und ihre Worte. Wir reden über Kunst, über Literatur, über Musik. Aber auch über vieles, bei dem mir nicht in den Sinn gekommen wäre, schon beim ersten Treffen darüber zu reden. Aber kein Wort fällt über uns selbst. Irgendwann endet die klassische Musik, Eileen legt sanfte Rocksongs auf. Wir sprechen weiter, spannen den Bogen weiter. Berühren andere Themen. Eileen lächelt mir irgendwann zu, steht auf, geht in Richtung Küche. Ich bleibe sitzen, starre die Tischdecke an. Und ich verspüre ein seltsam körperloses Gefühl. Als ich wieder aufblicke, steht die Frau mit lächelndem Gesicht vor mir. In ihrer Hand ein großes, blitzendes Küchenmesser. Ich möchte aufspringen, aber meine Gliedmaßen gehorchen mir nicht. Ich denke an die Zeitungsschlagzeile von heute morgen. An die mit den wiederholten Leichenfunden. Unterhalb der eigentlichen Schlagzeile war zu lesen gewesen, dass die Morde vermutlich mit einem Küchenmesser begangen worden waren. Aus der Musikanlage im Hintergrund ertönt leise Phil Collins ‚You can leave your hat on’…

@Franz Peter Osterseher

Letzte Aktualisierung: 23.03.2007 - 12.21 Uhr
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