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April 2007
Die Spur
von Silvia Both

Hinter der belgischen Grenze gab ihre alte Ente den letzten Schnaufer von sich. Julia konnte noch auf den Parkplatz ausrollen. Ausgerechnet im Hohen Venn. Der Abendwind rauschte in den niedrigen Fichten. Sollte sie die Suche aufgeben? Niemals! Sie griff nach ihrem Rucksack, schloss den Wagen ab und marschierte los.

Nach einigen Kilometern hörte sie das GerĂ€usch eines sich nĂ€hernden LKWs. Hoffnungsvoll stellte sie sich mit hochgestelltem Daumen an die Straße. Ein Belgier, der BaumstĂ€mme geladen hatte, hielt an.

“Bon soir”, sagte sie in fließendem Schulfranzösich. “Fahren Sie nach Eupen?”

Der Fahrer grinste.

“Meine Tour geht bis nach BrĂŒssel.”

“Können Sie mich dorthin mitnehmen?” fragte sie schnell.

“Kein Problem. Sie werden nicht mehr wegwollen aus Bruxelles.”

Zwei Stunden spÀter hatten sie die Stadt erreicht. Mittlerweile war es dunkel. Der Belgier setzte sie an einer Metrostation ab.

Sie suchte das Kreuz auf ihrem Stadtplan, mit dem sie ihr Ziel markiert hatte. Sie ballte die FĂ€uste. Ich finde dich!

Die Bahn lief ein. Sie zÀhlte die Stationen.

Nachdem sie zweimal umgestiegen war, kletterte sie ĂŒber eine stehengebliebene Rolltreppe nach oben. An der zugigen Kreuzung sah sie endlich ein winziges Straßenschild: Rue Americaine. Jetzt musste sie bis zur Nummer 25 laufen und dann ...

Sie schaute an der Fassade empor. Dieses Haus wirkte deutlich anders als die HĂ€user links und rechts daneben. Wie hieß noch mal der Baustil? Im gelblichen Licht der Straßenlaterne las sie verwirrt das Messingschild ĂŒber dem Klingelknopf: Horta-Museum. Ein Museum?

Sie erinnerte sich an ihre Frage. “Wo wohnst du in BrĂŒssel, Jean?”

“In der Rue Americaine 25.”

Die TĂŒr wurde geöffnet. Julia stand einer kleinen alten Dame gegenĂŒber, die freundlich lĂ€chelte.

“Das Museum hat um diese Zeit geschlossen. Kommen Sie morgen frĂŒh um zehn Uhr wieder.”

“Entschuldigen Sie bitte die Störung”, sagte Julia hastig. “Ich suche Jean Brunot. Er wohnt doch hier?”

Die Frau lachte.

“Hier wohnt schon lange niemand mehr. Ich arbeite gerade an einer Dokumentation, deshalb bin ich so spĂ€t im Haus.”

Julia zog ein zerknittertes Foto aus ihrem Rucksack. “Das ist er, kennen Sie ihn?”

Die Dame hielt das Foto ins helle Flurlicht. “Ich glaube, ich habe den jungen Mann hier gesehen, allerdings ist es eine Weile her.”

Julia schöpfte neue Hoffnung. Die Frau bat sie herein und schloss die TĂŒr. Hinter der Kasse standen StĂŒhle. “Setzen Sie sich.” Sie betrachtete das Foto. “Ich weiß, dass er vor einigen Monaten im Museum gejobbt hat. Er ist wahrscheinlich Architekturstudent wie die anderen Helfer. Ich selber arbeite ehrenamtlich hier. Sagt Ihnen der Name Viktor Horta etwas? Das hier war sein Wohnhaus, das er selbst entworfen und eingerichtet hat.” Julia kannte ihn nicht.

“Horta war der berĂŒhmte Jugendstil-Architekt. Sie werden ĂŒberall in BrĂŒssel HĂ€user von ihm finden. Nach dem Krieg hat man einige abgerissen wie das großartige Maison du peuple, das Volkshaus.” Sie schĂŒttelte missbilligend den Kopf.

“Das tut mir Leid. Haben Sie zufĂ€llig die Adresse von Jean Brunot? Ich muss ihn finden.”

Die Frau schaute Julia prĂŒfend an. “Vielleicht steht er auf der Gehaltsliste. Warum suchen Sie ihn?”

“Er war mein Freund. Vor einer Woche ist er plötzlich verschwunden. Ich vermute, dass er nach BrĂŒssel zurĂŒckgekehrt ist.”

“Er schuldet Ihnen eine ErklĂ€rung, cÂŽest vrai.” Sie blĂ€tterte in einer Kartei.

“Hier. Jean Brunot, Rue des Champs 4, in der NĂ€he der Freien UniversitĂ€t. Aber vielleicht sollten Sie ihn erst morgen frĂŒh aufsuchen.”

Julia sah auf die Uhr an der Wand. Schon nach Mitternacht.

“Haben Sie eine Schlafgelegenheit?” fragte die alte Dame.

“Nein.”

“Dann lade ich Sie ein. Ich heiße Florence BergĂšre. Sie können im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen.”

“Das ist sehr freundlich von Ihnen.”

Sie verließen das Museum. Es war nicht weit.

“Ist das auch ein Jugendstilhaus?”

Die Dame nickte stolz. “Ein echtes Horta-Haus. Das lange Warten auf die Wohnung hat sich gelohnt.”

Julia bewunderte die Fassade mit den beschwingten Linien. Im Licht der Straßenlaternen schien das Haus aus dem Boden zu wachsen.

Die Wohnung lag im dritten Stock. Madame BergĂšre zeigte ihrem Gast ein Sofa, das schnell bezogen war.

“Bonne nuit!” “Gute Nacht!”

Julia erwachte frĂŒhmorgens vom Anfahren der Straßenbahnen und zog sich rasch an.

Die Wohnungsinhaberin fand sie im Stadtplan blĂ€tternd. Nach dem FrĂŒhstĂŒck erklĂ€rte sie ihr den Weg mit der Bahn.

“Viel GlĂŒck! Falls Sie ihn nicht finden, können Sie gerne wiederkommen.”

“Sie sind sehr nett zu mir. Dabei kennen Sie mich doch gar nicht.”

“Als Dolmetscherin hatte ich immer viel mit Menschen zu tun. Seitdem mein Mann gestorben ist, habe ich keine Familie mehr. Ganz BrĂŒssel ist jetzt meine Familie.”

Julia lachte. Sie verabschiedete sich und fuhr bis zur Rue des Champs. Wieder stand sie vor einem alten GebĂ€ude, diesmal mit kleinen Eisenbalkonen geschmĂŒckt, und betĂ€tigte eine Klingel, neben der außer Brunot noch drei andere Namen standen.

Eine junge Frau öffnete und sah sie fragend an.

“Ich suche Jean, ich bin eine Freundin von ihm.”

“Ach du meine GĂŒte, er ist vor vier Tagen verschwunden. Ganz plötzlich. Dabei war er erst vor drei Tagen wiedergekommen. Die WG ist ganz schön sauer auf ihn, kann ich dir sagen.”

“Du weißt nicht, wo er stecken könnte?”

“Non.”

Julia war ratlos. Sollte Jeans Spur hier enden?

“Falls er in der NĂ€he ist, könntest du ihn vielleicht bei unserem Lieblings-BĂ€cker treffen, Rue des Coquelicots 24, nicht weit von hier. Er verkauft die besten Baguettes des Viertels, und Jean legt immer großen Wert auf ein frisches Brot.”

“Das stimmt”, sagte Julia.

Die Andere sah sie neugierig an.

“Kommst du aus Deutschland?”

“Aus Köln.”

“Jetzt erinnere ich mich. Er hat dich wĂ€hrend seines Praktikums kennengelernt. Julie, nicht wahr?”

“Eigentlich heiße ich Julia.”

“Aber du hast mit ihm Schluss gemacht, sagte er.”

“Was?” Julia wurde wĂŒtend. “Das ist nicht wahr, er ist einfach abgehauen, ohne was zu sagen.”

“Typisch! Ich bin ĂŒbrigens Michelle. Möchtest du etwas trinken?”

Julia schĂŒttelte den Kopf.

“Ich versuche es erst mal beim BĂ€cker.”

Mit finsterer Miene lief sie um den HĂ€userblock.

Das Haus der Boulangerie war auch ein Jugendstilhaus. GegenĂŒber entdeckte sie ein kleines Bistro, davor ein paar Tische und StĂŒhle. Julia setzte sich so, dass sie den Eingang des GeschĂ€fts im Auge behalten konnte und bestellte einen CafĂ© au lait. Sie hoffte und gleichzeitig fĂŒrchtete sie, dass er kam.

Beim BĂ€cker schien das ganze Viertel einzukaufen.

Plötzlich setzte ihr Herzschlag fĂŒr einen Moment aus. Jean nĂ€herte sich von der anderen Seite und betrat den Laden. Mit einem Baguette erschien er wenig spĂ€ter wieder. Julia legte das Geld fĂŒr den Kaffee auf den Tisch und schlich ihm hinterher.

Ein paar HĂ€user weiter war er verschwunden. Aber als sie sich der Stelle nĂ€herte, entdeckte sie auf einem TĂŒrschild seinen Namen. Auf dem Sockel, abgesetzt, der Name des Architekten: “Viktor Horta”. Bestimmt ein gutes Omen.

Sie klingelte, bis die TĂŒr automatisch geöffnet wurde. “Wer ist da?”

“Ich bin es, Julia”, rief sie durch das Treppenhaus.

Als sie außer Atem den vierten Stock erreichte, starrte Jean sie unsicher an.

“Du? Wie hast du mich gefunden? Ich dachte, du bist in Köln.”

“Nein, ich bin hier”, fauchte sie. “Wenn du glaubst, du kannst mich einfach so abservieren, hast du dich gewaltig geschnitten. Ich ...”

Die TĂŒr des Nachbarn öffnete sich.

“Komm herein.” Er schob sie in seine kleine Wohnung, die hauptsĂ€chlich aus einem Zimmer und einer winzigen KĂŒche bestand.

Julia schleuderte ihren Rucksack auf das große Bett in der Mitte des Raumes. Jean stand zerknirscht vor ihr. Diesmal fiel sie nicht auf seinen Charme herein, das hatte sie sich auf der Fahrt hierher geschworen. Doch allmĂ€hlich löste sich ihre Wut in Luft auf und sie spĂŒrte ein anderes GefĂŒhl dahinter. TrĂ€nen stiegen auf. Ach, was soll‘s, dachte sie, lass‘es heraus. Auf das Bett sinkend heulte sie los.

Jean sah sie erschrocken an, zögerte und nahm sie dann vorsichtig in den Arm.

“Es tut mir Leid”, murmelte er neben ihr.

“Es tut mir Leid, es tut mir Leid”, Ă€ffte sie ihn nach. “Du hast mich tief verletzt, Jean. Wir waren drei Monate zusammen, da kann man nicht einfach so verschwinden."

Sie schaute sich um. “Gibt es eine andere?”

“Nein.” Das klang ehrlich.

“Warum bist du gegangen? Es war schön mit dir.” Sie merkte, dass es in ihm arbeitete.

“Es war schön, ja ...”

“Aber?”

“Es wurde zu schön.”

“Versteh‘ ich nicht.”

“Zu eng. Ich hatte plötzlich das GefĂŒhl, ich ersticke, ich musste `raus.”

Julia putzte sich die Nase.

“Ich habe dir nie erzĂ€hlt, dass ich ein Heimkind war. Bin von einer Pflegefamilie zur nĂ€chsten gewandert. Immer, wenn es schön wurde, immer wenn ich dachte, jetzt kann ich bleiben, ist etwas passiert.”

“Was denn?”

“Eine Pflegemutter hatte einen Verkehrsunfall. Eine hat ein Kind bekommen, plötzlich war fĂŒr mich kein Platz mehr da. SpĂ€ter hatte ich Schwierigkeiten mich an neue Familien zu gewöhnen. Im letzten Heim war der Heimleiter schwer in Ordnung. Er hat sich wie ein Vater um mich gekĂŒmmert.”

“Hast du noch Kontakt zu ihm?”

“Nein.”

Julia setzte sich aufrecht hin. “Du bist ein Feigling. Du lĂ€ufst vor deinen Schwierigkeiten davon und vor den Menschen, die dich mögen. Hör‘ auf damit. Du bist kein Kind mehr.”

Er lÀchelte schief.

“Zuerst entschuldigst du dich richtig bei mir. Dann besuchen wir deine ehemaligen WG-Kumpel, denen schuldest du auch eine ErklĂ€rung.”

“Du hast recht, Julie. Es war nicht fair dir gegenĂŒber.”

Julia kĂŒsste ihn auf die Wange. “Ich bleibe ein paar Tage in BrĂŒssel. Bei Madame BergĂšre möchte ich mich noch bedanken.”

“Du kennst sie?”

“In deiner Alibi-Adresse, dem Horta-Museum, hat sie sich an dich erinnert.”

“Du wĂŒrdest eine gute Privatdetektivin abgeben.”

Julia grinste. Dann wurde sie wieder ernst. “Ich möchte dich zu nichts zwingen. Wenn du wirklich Schluss machen willst, o.k., zur Liebe gehören immer zwei. Aber sagÂŽ es mir wenigstens. Ich werde auch nicht hier wohnen, damit du in Ruhe ĂŒberlegen kannst.”

“Vielleicht kannst du in meiner alten WG unterkommen.”

Jean stand auf. “Julie?”

“Ja?”

“Schön, dass du gekommen bist. GibÂŽ mir ein bisschen Zeit.”

Julia nickte. “Oui, Monsieur.”


© Silvia Both

Letzte Aktualisierung: 22.04.2007 - 16.28 Uhr
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