Honigfalter
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April 2007
Hide and Seek
von Sabine Poethke


Moosgeflechte hingen in Fetzen von dem geschmiedeten Zaun, dessen verschnörkelte Spitzen sich wie Speere in den Himmel reckten. Kletterrosen rankten zwischen sattgrünen Palmen und uralten Orangenbäumen, verbanden sich in einem Geflecht mit dem wilden Wein. Machten den Garten beinahe undurchdringlich und doch irgendwie romantisch. Das ehemals weiße Haus, verwittert, die Farbe kaum noch preisgebend, stand leicht erhöht inmitten der wuchernden Pflanzenwelt.
Quietschend öffnete sich das Gartentor. José stieß es auf und betrat langsam den sandigen Weg. „Komm mit.“, flüsterte er seiner Begleiterin zu.
Sie zögerte und blickte mit gerunzelter Stirn auf die fetten Spinnen, die sich in ihren reichgesponnenen Netzen räkelten. Überall in den Blumenranken, zwischen leuchtendexotischen Blüten. Der bröckelnde, vergilbte Putz des Hauses und die dunklen Fenster wirkten auch wenig einladend.
José zog an ihrer Hand. Endlich bewegte sie sich und trat nun ebenfalls durch das Tor.
Eine kalte Brise fegte durch die Pflanzen und blies Sina die Haare aus dem Gesicht. Leise raschelten die Blätter. Die letzten Sonnenstrahlen färbten die Baumkronen kupferrot.
Eng umschlungen ging das Pärchen den holprigen Weg zur Haustür hinauf. Vorbei an dem Terrakottamädchen, das aus einem Krug Wasser in eine Schale laufen ließ. Vorbei an einem Orangenbaum, dessen weitausladende Zweige sich im Wind wogten und ihnen wie kleine Peitschen ins Gesicht schlugen.
José klopfte an und unter dem Druck seiner Hand öffnete sich die Tür einen Spalt. Er lugte hindurch. „Hallo?“, rief er mit gedämpfter Stimme in den düsteren Flur. Dabei drückte er Sinas Hand stärker.
„Familie Rodriguez?“
Die beiden fuhren herum.
„Entschuldigen Sie, wir haben wieder einen dieser dummen Stromausfälle.“ Die ältere Dame trug eine brennende Kerze in ihrer Hand. Das Licht flackerte und verzerrte ihr Gesicht zu einer Monsterfratze, die entschuldigend versuchte zu lächeln. „Sie sind spät dran. Haben Sie Hunger? Ich habe im Innenhof gedeckt.“
„Guten Abend!“ José streckte ihr die Hand entgegen. „Wir dachten schon, es wäre niemand zuhause.“ Er atmete tief durch. „Ich hole das Gepäck aus dem Wagen.“
Die Senora tätschelte Sinas Schulter. „Kindchen, Ihr Zimmerschlüssel. Willkommen!“ Umständlich angelte sie ihn aus ihrer Schürzentasche und hielt ihn Sina vor die Nase. „Wir sind ausgebucht, Sie haben sich ziemlich kurzfristig gemeldet. Ach, ich rede schon wieder zu viel! Sicher sind Sie hungrig. Und müde. Ihre Zimmernummer ist die dreizehn. Es macht Ihnen doch hoffentlich nichts aus?“, rief sie José hinterher, der schon auf halbem Weg zum Tor war. Dann drehte sie sich zu Sina um, schaute ihr direkt in die Augen und wiederholte ihre Frage leiser. „Es macht Ihnen doch hoffentlich nichts aus?“
Lächelnd nahm Sina den Schlüssel entgegen. „Es macht uns nichts aus. Wir sind nicht abergläubisch.“

„Das war köstlich!“ Sina lehnte sich zurück, der Korbstuhl knarrte.
José sah sie durchdringend, an. „Geht es dir wirklich gut?“
„Ich sagte: Es war köstlich!“, gab sie harscher als beabsichtigt zurück. „Über mehr will ich nicht reden!“ Kühl wandte sie sich von ihm ab, er sollte die erste Träne in ihren Augen nicht sehen, und beobachtete intensiv eine dürre Katze, die zwischen den Beinen der anderen Gäste herumstrich. „Nicht jetzt, nicht hier!“, flüsterte Sina mehr zu sich selbst. Ihre Unterlippe bebte.
Suchend legte sie die Hand über ihren Bauch. Über fünf Monate wäre ihr Baby jetzt, der Bauch nicht leer, wenn sie es nicht vor sechs Wochen verloren hätte. Josés Führsorge machte sie verrückt. Manchmal tat er so, als wäre es nur sein Baby gewesen. Und sie fühlte sich doppelt schuldig, auch wenn sie wusste, sie sollte es nicht.
José Rodriguez y Sanchez de Costilla beobachtete die kleinen Wellen des Poolwassers, in dem sich das Licht der um den Rand befestigten Fackeln unruhig spiegelte. Und schwieg.

Sina zog das Mundstück des Sauerstoffschlauches mit einem Ruck von ihren Lippen und hielt sich am Beckenrand fest. Wie ein Fisch bewegte sie die Flossen an ihren Füßen. „Wow. Wie muss es erst im Meer sein! Die Sonne von unter Wasser zu sehen ist so schon mehr als fantastisch. Und dann dazu buntschillernde Fische, Korallen … Fahren wir morgen hinaus? … Sind wir soweit?“ Die Begeisterung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
„Was halten Sie von einer Bootsfahrt zur Schatzinsel der Unterwasserwelt Kubas, der Isla de la Juventud?“ Der Tauchlehrer blickte die triefnassen Touristen fragend an.
„Ja, klar, wenn Sie es sagen.“ Sina nickte.
„Da wir das erste Mal an der Kubanischen Küste oder überhaupt tauchen, dürften Sie uns mit einem gutgewählten Platz sicher nachhaltig beeindrucken.“ Umständlich hievte sich José auf den Beckenrand und zog die Taucherbrille vom Kopf.
„Darf ich noch einmal?“, fragte Sina. Doch sie wartete die Antwort des Tauchlehrers nicht ab, sondern schob sich das Mundstück wieder zwischen die Lippen und stieß sich vom Beckenrand ab.

José wartete seit einer viertel Stunde am Pool. Sina bummelte. Dabei sollten sie gegen elf Uhr am Bootsanleger sein. Also in zwanzig Minuten! Seine Ungeduld wuchs. Er lief die Strecke zwischen Pool und Bar bestimmt zum hundertsten Mal hin und her. Wo blieb sie denn nur?
Missmutig lief er ins Haus, raste die Treppe nach oben und schlecht gelaunt öffnete er die Zimmertür. „Sina … Wo bleibst du bloß?“
Nur zufällig entdeckte er den Zettel auf ihrem Bett.
Ich brauche etwas Abstand und gehe spazieren – in Liebe Sina stand in unregelmäßigen Buchstaben daraufgekritzelt. Josés Schläfen pochten. Er kniff den Mund zusammen, stieß eine unschöne Verwünschung aus, fluchte nicht eben leise und boxte kräftig gegen Sinas Handtasche, die in seiner Nähe auf dem Tisch lag. Mit festem Schritt verließ er das Zimmer und knallte die Tür hinter sich ins Schloss.
Ein Blick zur Uhr trieb ihn an, er rannte mehr als er ging die Treppen hinunter, am Pool vorbei und der Senora, die mütterlich fragte, wo denn das Kindchen sei und ob es nicht mitwollte, rief er nur im Weitereilen ein paar unverständlich gebrummelte Worte zu.
267 Naturstufen später erreichte er das Boot, der Kapitän begann sofort das letzte Seil abzulegen.
„Ihre Frau kommt nicht mit?“ Der Tauchlehrer zeigte auf die zweite bereitgelegte Ausrüstung.
José schüttelte bedauernd den Kopf. „Unpässlich … “
Der Katamaran brach gegen den Wind durch die ersten Wellen.

„Zimmer dreizehn.“
„Der Schlüssel hängt nicht am Brett.“ Die Senora suchte auf der kleinen Empfangstheke. „Nein, er ist nicht da. Hatten Sie einen tollen Tag? Heute Morgen … waren Sie sehr schnell weg.“ Immernoch leicht gekränkt drehte sie ihren Kopf zur Seite und reckte die Nase in die Höhe.
„Ich hatte es eilig, war fast zu spät am Anleger. Entschuldigen Sie, Senora!“ Mit seinem südländischen Charme versuchte er sich einzuschmeicheln.
Die Hausherrin lachte verschämt. „Ach, war doch halb so schlimm.“ Sie winkte großzügig ab.
José nickte ihr zu und beeilte sich, aufs Zimmer zu kommen. Er klopfte leise an, griff zur Klinke – ruckartig öffnete sich die Tür. „S-I-N-A!“
Die Senora kam die Treppe heraufgestürzt. „Ist etwas passiert?“
„Sie ist nicht da.“

Auch zum Abendessen war Sina noch nicht zurück. Der für zwei Personen gedeckte Tisch im Innenhof am Pool behielt einen freien Platz.
José hatte Hunger. Er konnte nicht länger warten. Ein ganzer Tag auf See, nur mit Austern und gehäckseltem rohen Fisch im Bauch, forderte seinen Tribut. Kräftig langte er zu. „Einen Schoppen, bitte.“
An der Bar tuschelte die Senora mit der Bedienung. Immer wieder sahen sie zu ihm herüber. Endlich setzte sich die Alte in Bewegung. „Machen Sie sich keine Sorgen?“, fragte sie in strafendem Ton, während sie das Glas Roten auf den Tisch stellte.
„Weshalb?“
„Wegen ihrer Frau!“ Entrüstet drehte sie sich um und mit großen Schritten ging sie zurück zur Bar. Sie griff nach dem Telefonhörer und tippte eine Nummer ein. „Hallo, ja, hier Senora Sedal. Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben …“
José sprang auf, das Rotweinglas kippte und Sprenkel zierten sein Sommerhemd.

„Ihre Frau wollte erst mit zum Tauchen, aber dann war sie nicht mehr im Zimmer?“
„Fragen Sie doch nicht dauernd denselben Blödsinn!“ José Rodriguez y Sanchez de Costilla verdrehte die Augen.
Der Caballero blickte finster unter seiner Schirmmütze und den schwarzen Augenbrauen hervor und fixierte den jungen Mann. „Es muss seine Ordnung haben und wir werden sie finden. Hier kann niemand verloren gehen. Unmöglich!“ Er vervollständigte seit einer halben Stunde sein Verhör.
„Ich antwortete darauf schon – DREIMAL mit JA!“ Josés Nerven flatterten. Seit Stunden fragte dieser Typ dasselbe. Hatten Sie Streit? Warum hat ihre Frau diese Notiz hinterlassen? Ist das die Handschrift Ihrer Frau? Waren Sie glücklich? Warum haben Sie sie nicht gleich als vermisst gemeldet? Warum war sie schon zum Frühstück nicht unten gewesen? Warum ist sie ohne Geld, ohne Papiere losgegangen? Und so weiter. Seine Antworten waren nicht unbedingt aussagekräftig. Aber was sollte er auch sagen? Bei der Frage nach Feinden hatte José hysterisch gelacht. Sie waren im Urlaub … in Kuba … Wie sollten Sie hier Feinde haben, er José Rodriguez y Sanchez de Costilla, Sohn des Präsidenten eines kleinen, südamerikanischen Landes und sie, Sina Peis-Rodriguez de Costilla, angeheiratete Deutsche?

Die Polizei und die Behörden Kubas schlossen die Akte am Tag seiner Abreise. Menschen verschwinden in Kuba nicht. Sein Visum wurde nicht verlängert. Nur einmal erlaubte das Land eine weitere Einreise, um diese schon nach zwei Tagen zurückzunehmen. Man kümmere sich allein um den Fall.

Sina tauchte nicht wieder auf.

Wohin sie ging, freiwillig, ob sie beim Spaziergang gekiddnapt oder aus dem Zimmer verschleppt wurde, als Organspenderin diente oder ob sie die Klippen hinunterstürzte … blieb ungeklärt.
Oft bemerkte José die Blicke ihrer Mutter und ihrer Schwester und las darin die unausgesprochene, misstrauische Frage, ob er etwas damit zu tun haben könnte.

Noch heute warten sie darauf, dass Sina wieder auftaucht.

© Sabine Poethke

Letzte Aktualisierung: 17.04.2007 - 18.01 Uhr
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