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April 2007
Trag mich fort
von Jasmin Seidl

Mit aller Kraft knalle ich die Wohnungstür zu. Das scharfe Echo im Treppenhaus tut gut, es übertönt den Schmerz für Sekundenbruchteile. Die Hitze der Wut in meinem Gesicht, am Rücken, auf der Brust wallt auf, Schweiß prickelt am ganzen Körper. Wie gewaltig mächtig man sich fühlt, wenn man zornig ist.

Ich renne die vielen Treppenstufen hinab, immer schneller und gewagter lege ich mich gegen die Kraft, die mich um die Windungen des Geländers trägt. Schließlich fühlt es sich an, als ob ich fliege. Bloß weg von hier!

Als ich auf der Straße bin, schaue ich mich nicht um. Ich falle in einen Laufschritt, mühelos tragen mich meine Beine. Ich weiß, wohin ich will.

In wenigen Minuten bin ich am S-Bahnhof angekommen. Zum Glück habe ich Kleingeld in der Jackentasche. Als ich das Ticket entwerte, rollt die Ring-Bahn ein.

Es sind nur wenige Menschen unterwegs und ich finde eine Sitzbank für mich allein, setze mich in Fahrtrichtung ans Fenster, seitlich, dem Gang den Rücken zugekehrt. Ich will hier niemanden sehen, keiner soll meine Einsamkeit stören.

Die Bahn fährt wieder an, verlässt die Station Schöneberg. Ich weiß nicht genau, wie lange es dauern wird, bis man einmal den Ring durchfahren hat, aber eine gute Stunde wird schon drin sein. Wenn es sein muss, bleibe ich den ganzen Tag hier sitzen.

Straßen und Hauswände, Kreuzungen und Schrebergärten treiben an mir vorbei, allmählich fühle ich mich wohler. Es tut gut, allein zu sein. Gesegnet sei jeder Meter, den ich zwischen mich und die Wohnung bringen kann.

Beim Gedanken an mein Arbeitszimmer, werde ich wieder wütend. Max. Zum hundertsten Mal ist er hereingekommen, fing einfach ein Gespräch an. Wie oft habe ich ihm versucht klar zu machen, dass das nicht geht. Ich arbeite doch! Ich brauche Ruhe und Raum, um meine Gedanken zu finden, um sie in Texturen, in Formen umzusetzen. Selbst, wenn ich einfach nur dasitze, ist dies Teil eines heiligen Entstehungsprozesses und ich kann mir den nicht verderben lassen.

„Aber, Anna, ich will doch bloß von meiner neuen Idee erzählen. Du weißt, wie ich bin. Endlich kann ich einfach in dein Zimmer hineinspazieren und mit dir reden. Jetzt muss ich keine bestimmte Tages- oder Nachtzeit mehr abwarten, um dich anzurufen. Keine hohen Telefongebühren mehr bezahlen für einen Fernruf nach Deutschland. Kannst du nicht verstehen, wie wunderbar das für mich ist?“

Ja. Natürlich ist es wunderbar. Ich habe ja selbst auf diesen Tag gewartet. Drei Jahre. Doch jetzt bist du plötzlich immer da und ich merke, dass ich mich zu sehr an mein Alleinsein gewöhnt habe.

Morgens bist du da; wenn ich eine Pause mache, bist du da; wenn ich ins Bett gehe, bist du da. Aber du bist nicht nur einfach da, Maxwell. Du redest! Und du fragst mich Sachen, andauernd fragst du mich. Was ich da schreibe, was ich da lese, was ich zu Abend essen will, ob wir einen Spaziergang machen sollen… Du fragst so viel, dass ich nur noch mit Schweigen antworten kann, um meinen Standpunkt klar zu machen.

Aber diese Taktik funktioniert nicht. Wenn ich nicht antworte, denkst du, es geht mir nicht gut und du fragst, ob ich schlecht geschlafen habe. Wenn ich ungeduldig werde, fängst du an, dich zu entschuldigen.

Verflixt. Ich sehe ja die Angst in deinen Augen. Dein Bedauern, dass du gar nichts richtig machst. Ich weiß, wie lange du auf mich gewartet hast, dass du versuchst, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Aber, wenn du so weiter machst, Maxwell, muss ich gehen!

Meine Erregung hat sich nun so aufgebäumt, dass ich schwer atme. Ich spüre wieder diese Hitze. Zug, trag mich fort von hier.

Westkreuz. Gerade mal sechs Stationen liegen hinter mir.

Vor drei Jahren habe ich dich kennen gelernt. An der Humboldt-Universität. Du verbrachtest ein Auslandssemester in Berlin und ich war neu in der Stadt, belegte versuchsweise einen Kurs in Kunstgeschichte. Es war uns bald klar gewesen, dass wir für immer zusammenbleiben würden. Auch deine Rückkehr nach Missouri, um dort den Collegeabschluss zu machen, hat uns nicht abgeschreckt. Selbst als sich dein Umzug nach Berlin hinauszögerte, blieben wir beide fest dabei: Sobald du hier bist, werden wir heiraten.

Derweil hat sich ein Virus in mir eingenistet, die Lust am Alleinsein. Dreieinhalb Jahre bin ich jetzt in Berlin, und immer heftiger wurde mein Fieber. Allein sein. Die Stille genießen, mich verlieren im Hier und Jetzt, konzentriert auf das Nichts, das alles in sich birgt, hingegeben an einen Augenblick, oder an das Bild eines aufblühenden Baumes im Frühling. Ich brauche kleine Alltagsschätze, die ich mit niemandem teilen muss. Das Stolpern eines kleinen Hundes, ein grellfarbenes Kleidungsstück an einer alten Frau. Eigene Erkenntnisse, die eine Hülle bilden, in die ich mich kleide, entrückt und erhellt…

Und dann kamst du. Endlich. Mit einem Verlobungsring hast du mich überrascht und zwei Monate später waren wir ein Ehepaar. Unsere Eltern standen immer hinter uns, denn sie haben, wie wir, auf Gott vertraut.

Das tun wir immer noch. Wir beten miteinander, essen miteinander, schlafen miteinander. Du trägst mich auf Händen, ich habe mich tatsächlich nicht in dir getäuscht. Ich habe dir vertraut vom ersten Tag an. Ich wusste, ich kann ich sein bei dir.

Aber ich habe mich verändert. Zum Guten, wie ich finde. Ich weiß jetzt mehr denn je, was ich will und wohin ich gehe. Du weißt das und schätzt es. Dafür liebe ich dich.

Doch wo ich infiziert bin mit Quarantäne, bist du infiziert mit Menschenrummel. Du bist zurückgekommen und mit dir die Freunde, die du bei deiner Rückkehr nach Amerika zurückgelassen hast. Jetzt wollen sie mich alle kennen lernen, die Frau von Max, und strömen auf mich ein. Auch denen muss ich vorgestellt werden, die ich schon einmal getroffen habe, denn sie erkennen mich nicht wieder…

Das ist zum Beispiel etwas, das ich an dir bewundere. Du lässt dich nicht beirren von den Meinungen der alten Freunde. Zu mir gehörst du und hier bleibst du. Egal, wenn sie bemängeln, dass ich so still, so eigen bin.

Wenn das auch mir so leicht fiele. In dieser Beziehung bin ich schwach. Bin eine Königin im eigenen Reich, alles liegt mir hier zu Füssen. In der äußeren Welt bleibe ich Bettlerin, missverstanden und verurteilt.

Tatsächlich fürchte ich mich vor Menschen. Lasse mich verwirren von ihren Blicken, von ihren Gesten ausschließen. Ich sage, ich bin hoch erhaben. Gleichzeitig fällt es mir so schwer, mich distanziert und unabhängig zu halten. Es kratzt an mir, was andere von mir denken.

Wenn ich es mir genau überlege, ist das mein wahres Problem. Dass ich mich von der Gegenwart anderer Körper verschlingen lasse. Sie saugt mich aus, vernichtet mein Selbstvertrauen, meinen Frieden, meine Freiheit. Ich beuge mich der Macht der Fremden, deren eigentliche Gedanken ich nicht einmal kenne…

Ostkreuz. Eine dreiviertel Stunde muss vergangen sein. Wieder sechs Stationen, diesmal bis Schöneberg.

Ob Max mir gefolgt ist? Vielleicht hat er noch einen Augenblick mit sich gerungen und dann auch das Haus verlassen? Er hasst es, wenn ich mein Handy nicht mitnehme. Natürlich liegt es zu Hause.

„Anna, wenn du einfach so das Haus verlässt, habe ich Angst, du kommst nicht mehr zurück. Ich versuche ja, dir deine Freiheit zu lassen, aber ich will dich nicht verlieren.“

Max, was für ein Unsinn. Ich muss einfach mal verschwinden können, ohne dir zu sagen, warum. Oder wohin. Vertrau mir, ich komme zurück! Schließlich habe ich drei Jahre lang auf dich gewartet.

Meine Freiheit. Bin ich wirklich frei? Innerlich? Dieser Stolz. Stolz und Angst. Angst um mich selbst. Dass ich mich in Luft auflöse, wenn ich Max hereinlasse. Wenn ich ihn einweihe in meinen Tagesablauf, Arbeitsrhythmus. Ihm erkläre, dass ich allein sein muss. Geheimnisse hüte, um ganz ich zu sein. Was würde passieren, wenn ich ihn zum Mitwisser machte? Wenn ich anfinge, den Menschen allgemein zu vertrauen? Sie nicht mehr als Feinde betrachte?

Tempelhof. Der alte Flughafen rechter Hand. Südkreuz, IKEA. Und wieder: Schöneberg. Einen Moment lang zögere ich. Aber ich weiß, die Wut ist verraucht. Mich bewegen neue Gedanken. Ich verlasse meinen Fensterplatz.

Wieso nutze ich meine Kreativität nicht, wenn es darum geht, mich im Gespräch verständlich zu machen? Warum dürfen Maxwells Fragen mich in die Ecke drängen, das Gewehr auf meine Brust drücken, damit ich mich ergebe? Wer sagt, dass ich Rede und Antwort stehen muss? Was zwingt mich, der Menschheit meinen Willen auszuliefern?


Ich schließe die Haustür auf und trete ein. Ich warte einen Augenblick und merke: Ich bin wieder da.

„Wie war dein Spaziergang?“, fragt Max lächelnd. Er lässt sich nichts anmerken.

„Woher willst du wissen, dass ich spazieren war?“ Im Vorbeigehen nehme ich seine Hand.

Letzte Aktualisierung: 24.04.2007 - 19.29 Uhr
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