Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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April 2007
Route 55
von Claudia Vieregge

Wir nahmen den Highway nach Chatham runter. Rick hatte den alten Duster die Clear Lake Ave entlang gejagt, und jetzt fuhren wir die Route 55 Richtung Süden.

Keiner von uns sprach ein Wort, nur Phil, der vorne neben Rick saß, zupfte unablässig den Refrain von „Heaven Must Wait“ auf seiner zwölfseitigen Martin.
Es wäre besser, eine Zeit lang unter zu tauchen, hatte Rick gesagt. Verschwinden. Raus aus der Stadt.

„Eine Zeit lang, was meinst du damit Rick?“
Phil ließ seine Finger ruhen und neben mir versteifte sich Aarons schmaler Körper, als er die Frage stellte. Nur das Röcheln des Gebläses war zu hören, das seine warme muffige Luft, die nach Moder und altem Käse stank, ins Wageninnere spuckte.

Ich sah Aaron an. Von uns vieren hatte er am meisten zu verlieren. All die Möglichkeiten, die ihm im Gegensatz zu uns anderen noch offen standen, außerdem seine Eltern – ja und Val natürlich. Die kleine zarte Val mit den rundesten Nippeln unter allen Blusen Springfields, bei der wir uns alle fragten, warum sie ausgerechnet Aaron wollte. Aaron hatte ohne, dass er es wusste, im Paradies gelebt vor dieser letzten Nacht. Jetzt verlangte das Leben die Rechnung für Kost und Logis, und es schien eine Ironie des Schicksals, dass gerade Aaron es war, der am wenigsten dafür konnte.

Rick drehte das Radio leiser und sah sich für einen kurzen Augenblick zu uns um, ehe er den Blick wieder auf die Straße lenkte. Dieser eine Blick allein wäre Antwort genug gewesen, aber erstaunlicherweise sprach er weiter.
„So lange, wie es eben braucht. Das werden wir in der Zeitung lesen können“, ergänzte er knapp. Danach presste er die Lippen aufeinander und hielt weiter das Lenkrad des Wagens umklammert. Vom Rücksitz aus konnte ich sehen, wie die Tachonadel zitterte, als er Gas gab.

Aaron hatte nichts weiter gefragt, aber ich spürte, wie er in sich zusammen sackte.
Unterdessen fragte ich mich, wie das gehen sollte. Wie sollte Gras über die Sache wachsen, wenn wir unser Problem hinten im Kofferraum des Wagens durch die Gegend fuhren?
Und wenn die Luft schon hier vorne in der Kabine durchlässig wie ein mottenzerfressener Lederlappen war, wie stickig musste es dann erst hinten drin sein? Wenn es ganz schlecht lief, würden wir eine Zeitung abonnieren müssen, ehe wir wieder nach Springfield zurückkommen konnten.

„Rick, wir könnten doch…“
„Schnauze, Mann, ich hab alles im Griff, klar?“
Ich sog die Luft ein und schluckte den Rest meines Vorschlages meine trockene Kehle runter. Gleichzeitig legte ich meine Hand auf Aarons Arm, weil ich spürte, dass er ebenfalls noch etwas sagen wollte.
Nicht jetzt, riet mein Blick ihm. Er schien zu verstehen, blieb stumm und sah aus dem staubigen Fenster des Dusters. Der Highway wurde jetzt einspurig und Rick musste einen Gang runterschalten. Phil hatte wieder zu spielen begonnen. „In The Saddle Again“, von den Blackteath, einer dieser Clash-Revivals, die von der Westküste zu uns rüber schwappte.
„Lasst uns irgendwo halten“, sagte Phil zwischen zwei Takten, „ich hab Hunger, und außerdem muss ich pissen.“
Rick nickte nur.

Aaron drehte die Scheibe herunter, und uns blies der faulige Atem der Schlachthöfe von Lichfield durch die ölig verschwitzten Haare. Ich konnte meinen eigenen Schweiß riechen, Aaron saß wie angeschweißt auf der Rücksitzbank.
Er war so ganz anders als sein Cousin Rick. Kaum zu glauben, dass ein Schoß die gemeinsamen Vorfahren der beiden in sich getragen hatte.
Ricks Familie hatte drüben in Harden gelebt, ehe sie neben uns in das altersschwache Haus der Tuckers einzog. Ich kann mich noch genau erinnern, an diesen Tag, der später als der heißeste Tag des Jahrhunderts in die Geschichte einging. Ich erinnere mich an den dunklen Schmetterling aus Schweiß, den Rick auf seinem T-Shirt gezüchtet hatte, als er unablässig Pappkartons und schäbige Möbel in das Haus trug. Und ich erinnere mich an die Kiste voller alter Penthouse-Ausgaben, die mir gleich beim ersten Griff in die Hände fiel, als ich meine Hilfe anbot. Rick hatte gegrinst wie Mr. Ed, als er mit seinem Kinn auf die Kiste in meinen Händen deutete.
„Ist genug für alle, was? Nimm dir, was du brauchst, lesen bildet.“ Er hatte den Kopf mit dem kurz geschorenen Haar in den Nacken gelegt und ein fettiges Lachen aus seiner Mundhöhle entweichen lassen.

Aaron dagegen spielte Violine. Nicht, wenn die anderen Jungs dabei waren, aber einmal, heimlich, habe ich ihn spielen hören. Völlig eins mit sich und jedem Ton, den er von den Seiten strich. Ich glaube, er weiß bis heute nicht, dass ich zugesehen habe.
Nach einer halben Ewigkeit setzte Rick endlich den Blinker und lenkte den Wagen auf den Parkplatz eines Schnellrestaurants. Der Wagen schüttelte sich leicht, wie ein überstrapaziertes Tier, als Rick den Zündschlüssel abzog.
„Zwei von uns bleiben hier.“ Er sah Richtung Kofferraum, während Phil zu den Toiletten abzog. Aaron wollte sich gerade auf den Weg zum Eingang machen, als Rick die Hand auf seine Schulter legte.
„Du wartest hier mit Chris.“ Sein Blick schien ihn auf dem heißen Asphalt des Parkplatzes fest schweißen zu wollen.
Ich weiß nicht genau, was in diesem Augenblick den Ausschlag gab, war Ricks Ton zu hart, oder war es der Blick auf den Kofferraum? Irgendetwas veranlasste Aaron jedenfalls, die Hand seines Cousins von seiner Schulter zu schieben und ihm dabei regungslos in die Augen zu schauen. Dann machte Aaron sich ohne ein weiteres Wort auf, um unser Essen zu holen.
Rick zündete sich eine Zigarette an und sah auf seine Uhr.

Aaron und Phil kamen gleichzeitig zurück. Phil mit den Händen in den Hosentaschen, Aaron mit fünf Burgertüten im Arm. Jedem von uns gab er eine, ehe er zum Heck des Wagens ging.
Noch bevor seine Hand das Schloss der Wagenklappe öffnen konnte, schlug Rick mit der rechten Hand auf den Stahldeckel.
„Vergiss es.“
So wie Aaron Rick ansah, beschleunigte sich mein Atem.
„Sie braucht Wasser.“
„Sie braucht nen Scheißdreck, hörst du?“
„Willst du, dass sie…“
„Halt die Schnauze, du Klugscheißer. Sie stirbt nicht. Und selbst wenn, was macht das schon? Eine Schlampe mehr oder weniger…“
Ohne Ankündigung schlug Aaron zu. Seine kleine blasse Faust, deren Finger sonst Violinen und Vals Brüste streichelten, landete an Ricks Kinn und ließ ihn straucheln.

Rick fasste sich an die Stelle und schaute ungläubig seinen Cousin an.
„Sag mal, hast du gestern zu viel geraucht? Was soll das? Jeder weiß, dass die Kleine für Geld alles macht, also…“
„Das ist noch lange kein Grund, sie einzusperren.“
Mit kurzen harten Schritten kam Rick auf Aaron zu, tippte mit dem Zeigefinger auf dessen Brust.
„Weißt du was Besseres? Meinst du vielleicht, ich lass die kleine Schlampe gehen und in die Welt hinaus posaunen, dass wir ein bisschen Spaß mit ihr haben wollten?“
Ich rieb mir die Hände an den Hosenbeinen.
Rick hatte Spaß haben wollen. Die Sache entglitt uns langsam. Ich sah zu Phil rüber, der die Schultern hob und senkte.
„Noch kannst du sie gehen lassen. Gib ihr `n paar Mäuse, und dann schmeiß sie raus.“ Aaron schien um einen Kopf gewachsen zu sein.
Ich sah nach rechts und links, um zu sehen, ob wir immer noch allein waren, in dieser Ecke des Parkplatzes.
Aarons Brust hob und senkte sich, Ricks Narbe an der Stirn machte die gleiche Bewegung, nur in kürzeren Abständen.
Aaron versuchte erneut, die Kofferraumklappe zu öffnen.
Phil und ich schienen auf dem Asphaltboden fest betoniert, wie zwei Wegweiser.
In einer Art Zeitlupe beobachtete ich die anderen.
Rick, wie er den Arm hob, Aaron, der ihm den Rücken zudrehte, und am Schloss herumwerkelte, Phil, der seinen Mund zu einem Oval verzogen hatte.
Beim Blitzen der Messerklinge stoppte mein Gehirn die Slowmotion.
In einem elipsenförmigen Bogen führte Rick das Messer durch die Luft. Aaron konnte es im Kofferraumdeckel, den er jetzt einen Spalt breit geöffnet hielt, und der den Blick auf die bewusstlose Kleine aus Sleepy Hollow freigab, im Glanz des beigefarbenen Lackes erkennen. Er schaffte einen Tauchgang, der ihn aus dem Gefahrenbereich brachte. Kreischend fuhr die Klinge über den Lack.
Jetzt endlich setzten Phil und ich uns in Bewegung. Von hinten stürzten wir uns auf Rick. Ich hielt seine Oberarme fest umklammert, während Phil ihm das Messer aus der Hand schlug. Rick keuchte. Sein Blick war hasserfüllt auf Aaron gerichtet.
„Wenn ich dich kriege, du Ratte…“
Ricks Brustkorb drohte unsere Umklammerung zu sprengen, wir mussten die Hände ineinander krallen, um ihn fest zu halten. Keiner von uns achtete in diesem Augenblick auf das Auto.
Als wir dann, nach einem letzten Aufbäumen, Rick zur Vernunft gebracht hatten, stand sie plötzlich vor uns. Ein dünner roter Faden Blut rann ihre Schenkel entlang. In der Hand hielt sie das Messer. Ohne ein Wort stach sie zu.



Letzte Aktualisierung: 27.04.2007 - 19.31 Uhr
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