Mainhattan Moments
Mainhattan Moments
Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Susanne Ruitenberg IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mai 2007
Ewige Nacht
von Susanne Ruitenberg

„Weckruf. Marsorbit erreicht. Frühstück findet eine Stunde früher statt“, plärrte der Lautsprecher.
Anne drehte sich zu ihrem Mann. „Hast du gehört?“ Jakob grunzte nur und zog sich die Decke über den Kopf.
„Jakob, aufwachen.“ Sie schüttelte ihn. Ohne Frühstück wollte sie auf keinen Fall starten. Sie sprang aus der schmalen Koje und kletterte in die Duschkabine. Dabei versuchte sie auszublenden, wie oft das Wasser, das jetzt lauwarm über ihren Kopf rann, in den acht Monaten auf der Marsflower schon durch die Körper der fünfzehn Paare gelaufen war. Jeder Tropfen wurde recycelt, wieder und wieder.
Sie trat ans Bett und zog Jakob die Decke weg. „Aufstehen! Wir müssen unsere Sachen packen.“ Er schlurfte gähnend in die Dusche. Anne nahm sich den Koffer vor. Sie fühlte sich wie ein Kind vor der ersten Klassenfahrt, das noch nie das Elternhaus verlassen hatte. Was würde sie auf dem Mars erwarten? War es die richtige Entscheidung gewesen, alles hinter sich zu lassen? Andererseits – nach Timmis Tod gab es nichts mehr, das sie auf der Erde hielt. Sie versuchte, den Gedanken an ihren Sohn zu verdrängen.
Jakob, jetzt endlich ansprechbar, zog sich an. „Ich bringe das Gepäck zum Landeshuttle. Wir treffen uns im Kasino.“
„OK.“

Auf dem Weg zum Frühstück lief sie Judy und Burke über den Weg. „Guten Morgen! Wie war eure letzte Nacht?“
Judy fuhr sich mit beiden Händen durch ihr Haar. „Ich bin total aufgeregt, wie wird das sein auf dem Mars?“
„Hoffentlich nicht so streng wie auf der Erde. Gesetze und Regeln und Verhaltenskodex und Verordnungen – man traut sich kaum, ‚Piep’ zu sagen.“
„Jakob sagt, dass wir in der Minenkuppel viel mehr Eigenverantwortung haben werden.“
„Hoffen wir es, schließlich brauchen sie uns, wenn sie die Mineralien haben wollen. Und die Regierung ist weit weg, auch wenn sicher einiges beschwerlicher ist als auf Mutter Erde. Kommt, Mädels.“ Sie betraten das Kasino.
„Hallo, alle gut drauf? Unser letztes gemeinsames Frühstück auf der Marsflower, das muss gefeiert werden.“ Judy holte eine Flasche alkoholfreien Sekt aus dem Kühlschrank.
Anne setzte sich neben Jakob und sah die anderen Paare der Reihe nach an, um sich die Gesichter einzuprägen. Acht Monate waren sie aufeinander angewiesen gewesen, eingesperrt in diese fliegende Konservendose; jetzt würden sich ihre Wege trennen. Sie drehte sich zu ihrer Nachbarin. „Ich vermisse diese Bande jetzt schon. Wir müssen in Kontakt bleiben, auch wenn wir in verschiedene Gebiete eingeteilt werden.“
„Unbedingt! Vielleicht können wir uns monatlich treffen, die Crew von der ersten Marsflower macht das heute noch.“
„Gute Idee. Vielleicht an jedem zweiten ...“
Das Licht im Kasino flackerte, erlosch; die Notbeleuchtung malte schwache Lichtpunkte an die Decke. Jemand schrie.
„Was ist los?“. Anne sprang auf. Sie blinzelte, um ihre Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Das Alarmlicht blinkte und tauchte den Raum in gespenstisch zuckendes Rot. Ein schrilles Signal gellte in ihren Ohren.
„Alarm! Energieabfall im Hauptsystem. Alarm ...“
Ein Mann in der Uniform der Bodenstation erschien auf dem Wandbildschirm. „Marsflower, Sie haben einen Energieabfall im Hauptsystem. Zünden Sie das Backupsystem!“
Burke verließ im Laufschritt das Kasino. Nach drei Minuten ging das Licht wieder an. „Aah." Jemand begann zu klatschen. Bevor die anderen es ihm gleichtun konnten, flackerte das Licht erneut, erlosch, der Alarm gellte los. Anne rümpfte die Nase. War das nicht ...? „Hier riecht’s nach Rauch!“
Burke stolperte zur Tür herein, seine Uniform angesengt. „Es brennt! Ein Kurzschluss im Backup. Alleine kriege ich es nicht gelöscht. Wer kann ...“
„Marsflower, sofort in die Rettungskapseln“, unterbrach ihn die Bodenstation. „Sie haben einen schweren Brand. Der Landeshuttle ist nicht startklar. Gehen Sie direkt zu den Rettungskapseln, ohne Umweg über die Kabinen. Ich wiederhole, ...“
Sie rannten los. Jeweils vier Personen passten in eine Kapsel; Anne und Jakob blieben zu zweit.
„Lösen Sie ... Notfrequenz aus!“ Die Worte waren kaum noch zu verstehen, der Lautsprecher rauschte wie die Niagarafälle. „Die Kapseln werden ... dem Raumschiff heraus katapultiert, durch ... Schwerkraft zum Mars gezogen ... mit ihren Fallschirmen gebremst. Sie erhalten das Zündsignal ... uns.“
Nacheinander verließen die Kapseln das Schiff. Anne und Jakob waren die letzten. Fasziniert sah Anne durch die Glaskuppel. „Schau, der rote Planet. Wie eine staubige Orange, die leuchtet. Und die Sterne erst!“ Sollte sie nicht Angst empfinden? Sie fühlte sich eher, als würde sie eine unbekannte Stadt vom Riesenrad aus entdecken und konnte die Augen nicht von dem Planeten lösen.
„Anne, schau, die Marsflower kriegt Schlagseite. Der Schwerkraftgenerator hat offenbar ... Oh nein, die kommt direkt auf uns zu!“
Wild rotierend trudelte die Marsflower an ihrer Kapsel vorbei und versetzte ihnen mit dem Sonnensegel einen Schlag, als wären sie ein Tennisball und das Raumschiff der Schläger.
"Jakob, die hat uns erwischt!"
„Kapsel 8, Sie sind ... Mars weggeschleudert worden.“
„Und jetzt, wie können wir gegensteuern?“ Jakob war mit der Nase fast am Bildschirm.
„Gar nicht. ... haben keinen Antrieb.“
„Waaas, keinen Antrieb? Dann driften wir weg!“ Anne wunderte sich, warum dieser Gedanke eher Erleichterung als Entsetzen auslöste.
„Nein, Sie haben ... Zündrakete. Damit können ... einen Impuls geben.
„Haben Sie denn kein Schiff, das uns holen kann?“, fragte Jakob.
„Negativ. ... zu lange, um startklar ... bis dahin ... außer Reichweite erfroren. ... Ihnen die Koordinaten für die Schubrichtung.“
Der Bildschirm zeigte eine Zahlen- und Buchstabenkombination. Jakob begann, den Code in die Steuerung der Rakete einzuhämmern. Nach einigen Sekunden verschwand das Bild. „Marsstation. Der Bildschirm ist tot!“
„Schreiben Sie mit. X83 F5K M93 Kl0 ...“ Die Stimme aus dem Lautsprecher war von immer stärker werdendem Knacken und Rauschen begleitet.
Jakob holte seinen Palm aus der Tasche und notierte.
„Wiederholen Sie!“ Er las die Zahlenfolgen vor. Nach jeder Dreiergruppe hielt er inne, die Bodenstation bestätigte. „J9G.“ Das war die letzte. Keine Antwort. „Bodenstation? J9G. Ich kann nicht länger warten.“ Er gab den Code ein.
„Bist du sicher?“
„Wir müssen es riskieren, sonst sind wir zu weit weg und dann bringt uns auch die Rakete nicht mehr in die Reichweite der Anziehungskraft.“ Er drückte auf „Start.“
„Kapsel 8, hören ...? Bestätigen ... letzte Zahl.“
„J9G.“
„Neiiin. Es ... J9C. Stoppen ... Zündung!“
In diesem Moment zischte die Rakete los.
„Zu spät.“
Sie wurden noch weiter vom Mars weg katapultiert. Anne sah fassungslos zu, wie der orangfarbene Ball kleiner und kleiner wurde. „Jakob!“, rief sie und klammerte sich an ihren Mann.
„Was habe ich getan? Wir fliegen dem sicheren Tod entgegen! Anne, es tut mir so leid, dass es auf diese Art enden muss.“ Er gab ihr einen langen, innigen Kuss.
„Ich liebe dich!“, riefen sie beide gleichzeitig, stutzten und grinsten sich an wie zwei Schulbuben beim Schwänzen.
„Schau, Jakob, der Mars ist nur noch ein orangefarbener Fleck.“
Sie drehten die Sitze nach außen und setzten sich. Hand in Hand starrten sie durch die Glaskuppel, bis der Lichtpunkt gleichsam einer verglühenden Zigarette in der unendlichen Schwärze verschwand.

Letzte Aktualisierung: 12.05.2007 - 09.42 Uhr
Dieser Text enthält 7176 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.