Der himmelblaue Schmengeling
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Mai 2007
Vergiss mich nicht
von Luzia Fischer


Die sternenklare Nacht rauschte an mir vorbei. Es war der letzte Nachtzug nach Hause und ich der einzige Fahrgast in diesem Abteil. Notizblock und Stift lagen auf meinem Schoß, aber ich fühlte mich viel zu müde, um noch eine einzige Zeile für den Zeitungsartikel zu schreiben. Bevor der Zug in den Tunnel einfuhr, huschte ein Schmunzeln über mein Gesicht. Ich dachte an das Kammerkonzert von vorhin und mit welcher Inbrunst die Sopranistin vom Blümlein auf der Heide gesungen hatte. Ihre durchdringende Stimme klirrte jetzt noch in meinen Ohren.
Die Luft wurde kälter, als der Zug durch den Tunnel brauste. In einer knappen Stunde würde ich zuhause ankommen. Endlich.
Ich schloss die Augen und musste irgendwann eingenickt sein. Merkwürdige Geräusche schreckten mich auf. Es klang wie Stampfen, Schnaufen, und die Räder ratterten holprig über die Gleise. Der Zug fuhr auch viel langsamer, als hätte er Mühe vorwärts zu kommen. Ein kurzes heftiges Rumpeln, Metall rieb quietschend auf Metall, dann kam der Zug endgültig zum Stehen.
Benommen blickte ich aus dem Fenster. Hier befand sich keine Haltestation, so weit ich mich erinnern konnte. Ich sah nur undurchdringlichen dunklen Wald. Die Gegend war mir nur vom Hörensagen bekannt. Zigeunerhöhe hieß dieses Waldgebiet. Noch heute wurde sich erzählt, dass dort manchmal Musik zu hören wäre, und gellende Schreie, die durch die Nacht hallten.
Mühsam zog ich mich hoch, um das Fenster zu öffnen. Rauchschwaden zogen an mir vorbei und glühende Kohlestückchen prasselten wie kleine Meteoriten neben das Gleis.
Was ging hier vor sich? Das ganze Abteil hatte sich plötzlich verändert. Die gepolsterten Sitze waren mit grünem Samt überzogen, der Boden aus Holz, genauso wie die abgerundete Decke. Mir wurde schwindelig, um mich herum verzerrte sich alles, als hätte ich zu viel getrunken.
Ich sank in das Polster zurück und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Im nächsten Moment hörte ich, wie die Tür geöffnet wurde, Leute stiegen ein und ihre Schritte bewegten sich auf mich zu.
Vor Angst gelähmt starrte ich auf die drei Gestalten. Vorneweg ein schlanker, ziemlich großer junger Mann. Dahinter stand ein alter Herr mit aschgrauem Gesicht, hager und in geduckter Haltung. Sein Hosenbein hielt ein kleines Mädchen in einem bunten Kleid umklammert. Sie weinte unentwegt, schluchzte leise vor sich hin.
Verschwommen nahm ich das weiße Rüschenhemd des Jüngeren wahr und den Hut mit Feder, der etwas schräg auf seinem Kopf saß. Seine Haare waren so schwarz wie seine funkelnden Augen. Sie fixierten mich mit einem Blick, der mir durch Mark und Bein ging. Ich wollte etwas sagen, aber meine Lippen gehorchten mir nicht.
„Anna Roth?“, flüsterte die raue Stimme beinahe flehend. „Sie haben es mir doch fest versprochen.“
Gebannt blickte ich in seine schwarzen Augen und plötzlich war die Angst wie weggewischt. Ich fühlte, dass von ihm keine Gefahr ausging.
„Wer sind Sie?“
„Miguel. Wissen Sie das nicht mehr? Haben Sie mich einfach vergessen?“
Zögernd nahm er mir gegenüber Platz, beugte sich vor und berührte meine Hand, die den Notizblock fest umklammert hielt.
Seine Finger fühlten sich überraschend kalt an. Sie passten nicht zu seinem sonnengebräunten Gesicht und den warmen, dunklen Augen.
„Schreiben Sie, was ich Ihnen erzählte habe, Anna Roth!“, flüsterte er eindringlich. „Ich bitte Sie, schreiben Sie, was mir und meiner Familie wiederfahren ist! Wir wollen endlich Ruhe finden.“
Gebannt betrachtete ich sein markantes Gesicht und hätte es gerne berührt. Als ich langsam meine Hand ausstreckte, verblasste es, es entfernte sich immer mehr, bis das Bild vor meinen Augen in Dunkelheit versank.
„Endstation! Aussteigen bitte!“
Erschrocken fuhr ich hoch, als mich jemand sanft an der Schulter schüttelte. Der Schaffner, ein älterer Herr mit Brille, lächelte nachsichtig.
„Sie müssen jetzt aussteigen, junge Dame. Sie wollen doch nicht hier übernachten?“
Verwirrt schüttelte ich den Kopf und hetzte aus dem Zugabteil.
Was für ein seltsamer Traum! Bei jedem Schritt, auf dem Weg durch die späte Sommernacht, musste ich an das markante Gesicht mit den warmen, schwarzen Augen denken. Ein Schauer rieselte über meinen Rücken. „Vergessen Sie mich nicht!“
Die angenehme raue Stimme wollte nicht mehr aus meinem Kopf und ließ mich nicht zur Ruhe kommen.

Meine Eltern schliefen tief und fest, als ich das Reihenhaus betrat.
Ich machte Licht und huschte leise in mein Zimmer. Dort setzte ich mich sofort an den Computer und tippte `Zigeunerhöhe´ ein, den Namen des Ortes, wo der Zug in meinem Traum gehalten hatte. Viel konnte ich über dieses Waldgebiet nicht in Erfahrung bringen. Angeblich hatten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einmal Zigeuner dort ihr Lager aufgeschlagen. Eine Horde Männer überfiel sie mitten in der Nacht. Männer, Frauen, sowie auch Kinder wurden in den angrenzenden Sumpf getrieben oder brutal niedergeschlagen. Dem Bericht nach gab es keinen einzigen Überlebenden.
Plötzlich wurde mir furchtbar kalt, obwohl ein warmer Sommerwind durch das offene Fenster wehte. Mir fiel schlagartig ein, was über die Zigeunerhöhe erzählt wurde. Manchmal wäre dort Musik zu hören oder gellende Schreie, die durch die Nacht hallten.
In meinem Kopf formte sich allmählich ein seltsamer Verdacht. Sicher war dieser Gedanke absurd, aber es gab zu viele Parallelen, um ihn abschütteln zu können.
Als ich den Dachboden betrat, fiel ein matter Lichtstahl senkrecht nach unten durch die Luke, in dem aufgewirbelte Staubkörner tanzten. Der zaghafter Gesang eines Vogels kündigte einen neuen Morgen an.
In Kindertagen stöberte ich gern in den alten Sachen herum. Nichts hatte sich seitdem verändert, zwischen einem Lampenschirm und einen abgenutzten Ohrensessel stand die Truhe meiner Urgroßmutter.
Ich wusste nicht viel über sie, nur dass sie nie geheiratet und als Journalistin für eine Zeitung gearbeitet hatte. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war eine selbständige, alleinerziehende Frau sicherlich die Ausnahme.
Andächtig öffnete ich die Truhe und fand nach einer Weile das, wonach ich gesucht hatte. Mit feuchten Augen betrachtete ich das vergilbte Foto meiner Urgroßmutter in meiner Hand. Bis zu dem Zeitpunkt war mir zwar bekannt, dass wir die gleichen Namen trugen. Aber nicht wie ähnlich wir uns sahen. Das gleiche energische Kinn, die glatten hellen Haare und die viel zu großen Augen.
„Ich weiß, dass du ihn nicht vergessen hast“, flüsterte ich. „ Miguel den Zigeuner. Nur von dem Verbrechen an ihm und seiner Familie wollte niemand hören, niemand darüber lesen. Das werde ich nun ändern, damit sie die ewige Ruhe finden. Ich verspreche es dir, Anna Roth.“

Letzte Aktualisierung: 22.05.2007 - 15.24 Uhr
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