Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Mai 2007
Hoffnungslos
von Manuela Gantzer

Peter schlenderte die Straße entlang. Endlich Feierabend! Aber niemand hatte Zeit, mit ihm ein Bier trinken zu gehen. Heute konnte er einfach nicht zu Hause bleiben, zuerst Stress in der Arbeit, er hatte einen Auftrag verpatzt und deswegen einen riesigen Krach mit dem Chef, dann noch das nervige Telefonat mit seiner Schwester. Sie hatte ihm freudig eröffnet, dass sie bald ihren Traummann heiraten würde. Traummann? Ha, ein Trottel war das und sie würde das schon noch erkennen.
Es begann zu regnen. Unbeirrt lief er weiter, spürte nicht, wie die Regentropfen seine Kleidung durchnässten. Ein kalter Luftzug ließ ihn erschaudern. Peter stellte den Kragen seiner Jacke auf und hob den Kopf. Da erblickte er SIE.
Die Kälte, der Ärger mit dem Chef, alles war vergessen. Ihre kurzen, blonden Haare sahen richtig strubbelig aus. Das pinke, kurze Top und die hautenge Jeans, die ihre Figur betonte, brachten seine Sinne durcheinander. Nur diese blauen Augen – kalt und leer, irritierten ihn. Aber Peter musste diese Frau auf jeden Fall ansprechen.
„Hi! Sag mal, bist du auch so durstig wie ich? Hast du Lust mit mir ein Bier zu trinken?“
„Sehr einfallsreich war der Spruch aber nicht.“ Sie hatte eine angenehme Stimme. Ihr fremdklingender Akzent verriet, dass sie nicht von hier war.
„Ich bin echt am verdursten! Alle meine Kumpels haben mich im Stich gelassen, und ich hatte einen Scheiß-Tag, hab doch Mitleid mit mir!“ Peter sah die Fremde flehend an und zog einen Schmollmund.
Die Frau grinste Peter misstrauisch an. „Wie oft hast du diese Show schon abgezogen?“
„Ich schwöre, ich hab das noch nie zu einer Frau gesagt – zumindest heute nicht.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich heiße übrigens Peter. Und was muss ich tun, um deinen Namen zu erfahren?“
„Wie wäre es, wenn du mich zu einem Glas Wein einlädst?“
Sie entschieden sich fürs „Kleeblatt“, eine Bar gleich in der Nähe. Im Laufe des Abends erfuhr Peter, dass sie Irina hieß und aus Russland kam. Sie war vor acht Jahren, kurz nach der Wirtschaftskrise in ihrer Heimat, nach Deutschland gekommen. Viel mehr gab Irina nicht von sich preis.
Peter spielte den Unterhalter, erzählte von der Arbeit, dem letzten Kinofilm, den er gesehen hatte und schwärmte von U2, seiner Lieblingsband. Der Gesprächsstoff ging ihm nicht aus. Er wollte auch nicht, dass dieser Abend zu schnell endete.
Gegen drei Uhr morgens gähnte Irina ausgiebig und meinte, sie müsse unbedingt schlafen. Peter zahlte und sie verließen gemeinsam die Bar.
„Kann ich dich nach Hause begleiten?“
Sie schüttelte den Kopf und blickte Peter lange in die Augen. „Aber … bitte fass’ das nicht falsch auf, aber, könnte ich bei dir auf der Couch schlafen?“
Peters Herz schlug wild. Er versuchte ruhig zu bleiben, nickte und meinte so cool wie möglich: „Klar! Ich wohne nur ein paar Straßen weiter.“
Schweigend gingen sie nebeneinander her. In Peters Kopf überschlugen sich mögliche Szenarien, wie dieser Abend enden könnte.
‚Dummkopf’, schimpfte er in Gedanken mit sich selbst. ‚Vermassle das bloß nicht!’
„Sorry.“, Peter räusperte sich. „Bei mir ist nicht aufgeräumt. Sieht sicher nicht so schön aus wie bei dir.“, sagte er, während er die Tür aufschloss.
„Ach, keine Angst ich bin viel zu müde, um noch etwas zu registrieren.“ Ein müdes Lächeln huschte über Irinas Gesicht.“
„Selbstverständlich bekommst du das Bett und ICH schlafe auf der Couch. Keine Widerrede! Hinten links ist das Schlafzimmer. Ich überziehe dir gleich das Bett, aber vorher muss ich noch unbedingt auf die Toilette.“
Irina ging ohne weitere Proteste ins Schlafzimmer. Als Peter wenig später mit der Bettwäsche kam, hörte er schon ihren gleichmäßigen Atem.
‚Warum sie wohl nicht nach hause wollte?’, grübelte Peter. Vielleicht würde er das morgen beim Frühstück erfahren. Er machte es sich auf der Couch bequem und schlief dank des Alkohols, der seine Gedanken umnebelte, schnell ein.

Als Peter die Augen öffnete und sich genüsslich streckte, war es bereits Mittag. Er hatte lange und gut geschlafen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er an den gestrigen Abend mit Irina dachte. Sie war witzig und schlagfertig, das gefiel ihm. Leider wusste er noch viel zu wenig von ihr, aber das würde sich bestimmt bald ändern.
Peter horchte – es war ganz still in der Wohnung. Ob sie bereits wach war?
Vorsichtig schlich er zur Schlafzimmertür und öffnete sie einen Spalt. Er hielt den Atem an. Sie war weg!
Die Tür flog krachend auf und er rannte ins Zimmer sowie in jeden anderen Raum, aber sie war nicht mehr da. Er konnte es kaum glauben, sie hatte nichts hinterlassen. Keine Telefonnummer, keine Nachricht, nichts.

Tagelang lief er durch die Stadt, saß jeden Abend bis spät nachts im „Kleeblatt“, aber Irina blieb verschollen. Peter hätte sich ohrfeigen können, weil er nicht nach ihrer Nummer gefragt hatte. Jetzt war es zu spät.
Zwei Wochen später, als Peter gerade auf dem Weg ins Kino war, entdeckte er Irinas blonden Schopf. ,Dieses Mal entwischt sie mir nicht’, dachte Peter.
Er rannte über die Straße und hätte dabei fast einen Radfahrer gerammt. Ohne den Blick von ihr zu wenden lief er weiter, bis er vor ihr stand.
„Hi!“, mehr brachte Peter nicht hervor.
„Peter! Was machst du denn hier?“
„Warum bist du so einfach verschwunden?“, keuchte Peter. „Ich möchte dich gerne näher kennen lernen.“
„Das geht nicht!“, antwortete Irina schroff.
„Wenn du kein Interesse hast, dann sag das doch einfach!“
„Einfach? In meinem Leben ist nichts einfach. Du bist wirklich nett Peter, aber vergiss mich lieber.“
„Glaub mir, das wollte ich wirklich, aber – das geht nicht.“ Unsicher lächelte er Irina an.
„Du machst es mir nicht gerade leicht!“
Nach einer Viertelstunde hatte er sie überzeugt, zumindest einen Kaffee mit ihm trinken zu gehen. Zuerst unterhielten sie sich über belanglose Themen, dann erzählte Peter von seinen verzweifelten Streifzügen, um Irina wieder zu finden. Sie lachte.
Er nahm ihre Hand und streichelte liebevoll darüber. „Warum erzählst du mir nichts von dir? Gibst mir keine Adresse, keine Telefonnummer?“
Ihr Lächeln erstarb und sie wollte aufstehen. Peter hielt noch immer ihre Hand.
„Bitte lass mich nicht wieder einfach sitzen. Vertrau mir doch! Ich weiß, wir kennen uns nicht lange, aber du musst doch merken, dass ich dich mag!“
„Ha! Vertrauen. Ich kann niemandem vertrauen!“
„Jeder hat schon schlechte Erfahrungen gemacht, aber …“
Sie lachte wieder, dieses Mal aber klang es hart und kalt. „Schlechte Erfahrungen? Du hast doch keine Ahnung.“
„Stimmt, habe ich nicht. Wie auch, wenn du nichts erzählst?“
„Gut, dann hör zu und zwar ganz genau, denn ich werde das alles nur ein einziges Mal sagen.“ Irina senkte die Stimme und dann legte sie los. „Ich lebe illegal in Deutschland. Ich habe kein zuhause, halte mich mit irgendwelchen Jobs, die ich nicht mal erwähnen will, über Wasser, muss mir ständig einen neuen Schlafplatz suchen. Meine Familie habe ich seit acht Jahren nicht mehr gesehen und werde sie wahrscheinlich nie wieder sehen.“ Ihre Worte klangen wie das wütende Zischen einer Schlange, kurz bevor sie angriff.
„Ich … ich“, stammelte Peter.
„Ja, ich weiß, das konntest du nicht wissen. Peter, geh zurück in dein wohlbehütetes Leben und vergiss mich. Mein Leben ist trostlos, wie eine endlose Nacht ohne Hoffnung auf die Lichtstrahlen des nächsten Morgen.“
Nach einer kurzen Pause stand Irina auf. „Tschau. Versuch nicht mich zu finden! Ich werde diese Stadt verlassen und weiterziehen. Ich habe hier nichts, was mich hält.“
Sie straffte sich und verließ schnellen Schrittes das Lokal.
Peter war nicht fähig etwas zu erwidern. Er hatte ihre Worte verstanden, aber es war schwer sie zu begreifen.
Wie oft hatte er schon in der Zeitung über illegal in Deutschland lebende Menschen gelesen? Hunderttausende sollte es geben. Aber das waren Menschen ohne Namen und ohne Gesichter – bisher zumindest.




Letzte Aktualisierung: 27.05.2007 - 17.17 Uhr
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