Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2007
Heute Nacht oder nie
von Ingrid Gertz

„Hochzeit!“
So ganz kann ich mir das Grinsen nicht verkneifen. Es trifft genau den Richtigen: Klaus Klarsen stöhnt „ Nee, nich schoon wieder!“, legt sein Grün As auf meine ausgespielte grüne Zehn und muss, zwangsläufig eben, doch schon wieder mit mir spielen.
Ich seh´s ihm an, er ist alles Andere als begeistert, schließlich haben wir beide gemeinschaftlich die letzten drei Runden verloren, sprichwörtlich kaum einen Stich gesehen…
Aber Farbe muss eben bedient werden, soweit sind selbst mir die Regeln des Doppelkopfs in der letzten Stunde klar geworden.
„Na so was aber auch, “ lächele ich Klarsen scheinheilig zu „sieht doch ganz genau so aus, als wären wir heute aufeinander abonniert. …Ich will aber nicht schon wieder verlieren, streng dich also jetzt ausnahmsweise mal an!“
Klaus Klarsen ist kein Verlierer, oder jedenfalls nur ein ganz schlechter ….
Mein kurzer Einwurf treibt seine, in basedowscher Manier leicht hervorkullernden Augen
noch ein wenig weiter aus den Höhlen. Grimmig streicht er sich die herunter geglittene, verschwitzte Haarsträhne an den ursprünglichen Bestimmungsort zurück. Und meint wohl, damit seine Blöße zu bedecken, die man mit oder ohne diese drei Fusseln eine ausgeprägte Platte nennen kann. Der Ärmste muss sich zu den von mir geleisteten Fehlern nun auch noch meine klugscheißerischen Bemerkungen gefallen lassen: „Du weißt aber schon, dass du mit mir spielst?!“, lästere ich, wenn er der Gegenpartei ein fettes As spendieren muss. „Was kartest du denn da? Hast du nix Besseres auf der Hand?!“, „ Ein bissel mehr Vorausdenken würde ich mir von dir schon wünschen…“ In dieser Art kommentiere ich, auch wenn ich überhaupt keine Ahnung von der Planung habe, so ziemlich jeden seiner Spielzüge.
Und meine Taktik geht auf. Steter Tropfen höhlt den Stein und viele kleine Nadelstiche geben eben auch eine schmerzende Wunde, wenn die Piekser nur richtig gesetzt sind.
Klarsens tiefes Schnaufen, die fest zusammengepressten Kiefer, rotfleckige Gesichtshaut und ein bedrohlich zitterndes Doppelkinn, weisen recht deutlich auf seinen in die Höhe gepushten Blutdruck hin. Sicherlich ärgert es ihn, jetzt gerade die vierte Runde in Folge zu verlieren, aber meine vorlauten Bemerkungen treiben ihn geradezu an den Rand seiner Beherrschung.
Gut so! Ich bin ja nicht zu meinem Vergnügen hier!
Diese Kartrunde ist schließlich nicht unbedingt der Traum meiner schlaflosen Nächte. Ich kann mir Besseres vorstellen, als mit Klaus, Hein und Kurt im schwer verräucherten „Schwarzen Eber“ am Stammtisch zu kleben, Spiele zu spielen, die ich, wenn überhaupt, nur rudimentär beherrsche.
Aber ich habe auch ein gewaltiges Hühnchen zu rupfen, und zwar mit Klaus und Gero.
Gero, der altdeutsche Schäferhund Gero von der Habichtwiese, bereitet mir seit Wochen regelmäßig jeden Morgen eine kleine Freude. Der hat sich doch ausgerechnet das rechte Vorderrad meines Audis als Bäumchen auserkoren, hebt eben da allmorgendlich, so ganz ohne Schuldgefühle und schlechtes Gewissen, gegen sechs sein Hinterbein…
Worüber ich mit Klaus Klarsen, Kartbruder aus Passion, Nachbar zu meiner Rechten und Herrchen dieses blöden Köters, natürlich schon mehrfach geredet hatte, Besserung erhoffend... Das war aber bisher immer auf diesen Bibelspruch mit den Perlen und den Mutterschweinen hinaus gelaufen. Klaus stand und steht bei Geros Pinkeltouren regelmäßig grinsend daneben, kann sich wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen, was man gegen die spezielle Duftmarke seines Lieblings haben könnte.
Aber mich treibt dieser allgegenwärtige Gestank so ziemlich zum Wahnsinn.
Die immer öfter frequentierte Waschanlage wird kosten - und zeitmäßig zur Belastung und
ich entwickle zwanghaft rachsüchtige Phantasien, in denen beide, Klaus und Gero, heftig zu leiden haben… mächtig gewaltig zu leiden haben…, mindestens ähnliche Qualen durchleben müssen, wie sie mich heimsuchen… bei jedem ätzenden Strahl, der mein Baby besudelt.
Und heute ist nun mein Tag! Oder auch meine Nacht, dunkel ist es ja inzwischen.
In diese Runde habe ich mich, obwohl sie mir so gut in den Kram passt, nicht hineingedrängelt, nee.
Heinz, mein Nachbar Heinz Koog, ist schuld an meiner Anwesenheit. Heinz müsste eigentlich hier, auf diesem, meinem Stuhl sitzen..., bat mich aber gestern, ihn heute beim Doppelkopf zu vertreten.
Für ihn und diesen Freitagabend schwebten seiner Elfriede ganz andere Pläne vor, Widerstand sei zwecklos, hatte Heinz mir zerknirscht gestanden.
Sicherlich hockt er inzwischen, eingezwängt in seinen guten blauen Anzug, geknebelt von einer akkurat gebundenen Krawatte und sich tapfer jedes Rülpserchen verkneifend auf einer, wenigstens für Elfriede, hochwichtigen Familienfeier…

Klaus Klarsen aber erlebt heute Nacht sein ganz persönliches Waterloo. Verlieren gehört ganz einfach nicht zu seinen Erfahrungswerten.
Nach dieser vierten Niederlage in Folge geht es ihm nicht gut. Das schwächelnde Herz ist mit dem Betrieb von Klarsens ausuferndem Körper schon im Normalfall ständig an der Belastungsgrenze. Klaus braucht eine Pause.
„Leute, ich muss mal für kleine Königstiger!“ nutze ich diese Gelegenheit.
Gut, sollen sie sich doch das Maul zerreißen, ich bin erstmal weg, hab ja schließlich noch Pläne für heute…
Das Fenster von der Toilette zum Hof ist in Nullkommanix durchklettert, nur ein schmaler Garten liegt zwischen der Kneipe und dem Anwesen von Klarsen.

Gero steckt seine Schnauze durch die Eisenstäben des Zwingers, knurrt und fletscht die Beißerchen. Das fast rhythmische Heben und Senken seiner Lefzen sieht witzigerweise aus, als müsse er gleich kräftig niesen. Tief aus Geros Kehle hervorbrechendes Grummeln ist aber seinerseits recht ernst gemeint.
Er mag mich nicht.
Dito.
„Na mein Schöner, woll´n wir doch mal sehen, was dich so richtig auf die Palme bringt?!“
Zwei Fläschchen Baldriantinktur, die ich vorsorglich eingesteckt hatte, schütte ich großzügig vor Geros Behausung auf den Boden „Einen unterhaltsamen Abend wünsch ich dir!“ und trete schleunigst den Rückweg zur Doppelkopfrunde an.
Zwei Spiele später steht Klarsens Gertrud in der Kneipe:
„Klaus, bitte hilf mir! Vor Geros Zwinger sitzen alle Dorfkatzen, wahrscheinlich auch noch ein paar Zugewanderte, ich kann sie nicht vertreiben, die kommen immer wieder! Und ich kann auch Gero nicht ins Haus holen, trau mich nicht in den Zwinger. Der hebt doch vierfüßig ab und ist soo in Rage…kurz vorm Abschnappen… Vielleicht hört er ja auf dich!“
Natürlich sind alle sogleich bereit, Ruhe und Ordnung vor Geros Zwinger zu schaffen.
Das Ganze geht, wenn überhaupt, nur den Klarsen was an, aber im Geiste der Verbundenheit, oder auch nur wegen eines fest verwurzelten Herdentriebs, bricht die Doppelkopfrunde geschlossen auf, den nächtlichen Störungen ein Ende zu bereiten.
Und natürlich sehe ich mir das Ganze auch an, staune fast ungläubig über die Wirkung meiner verschütteten Essenzen.
Zwanzig Katzen, mindestens, veranstalten vorm Hundezwinger ihr ohrenbetäubendes Konzert.
Gero gibt die zweite Stimme und verausgabt sich zusätzlich durch höchsten Körpereinsatz. Er springt fast bis an die Decke seines Gelasses.
Sofort beginnt die umtriebige Doppelkopf-Einsatztruppe, obwohl nicht mehr so ganz trittfest, emsig aber aussichtslos, mit der Vertreibung des Katzenchors.
Klarsens Befindlichkeit lässt sich im Schein der schwach leuchtenden Hoflampe nur erahnen. Seine lauten, mit kippender Stimme heraus gestoßenen Flüche hinterlassen da schon einen deutlicheren Eindruck.
Die Sorge um den rasenden Gero, das ohrenbetäubende Katzengeschrei und die absolut erfolglosen Vertreibungsversuche krönen seinen, bis dahin auch schon recht unerfreulichen Abend.
Ein Viertelstündchen hastet er, Katzen verscheuchend, vor Geros Häuschen hin und her, als ihm plötzlich die Stimme versagt und auch seine Beine ihren Dienst aufgeben.
In die Kakophonie der kleinen tierischen Nachtmusik mischt sich die Sirene des Krankenwagens…

Ob der Gero morgen auch wieder sein Bein an der falschen Stelle hebt?
Na, übermorgen,… vielleicht,… wenn er wieder die nötige Kraft hat – vielleicht wählt Gertrud ja auch einen anderen Weg für den Morgenspaziergang?
Möglicherweise hat der dumme Hund doch aber auch begriffen, mit wem man sich nicht anlegen sollte…

Letzte Aktualisierung: 27.05.2007 - 20.17 Uhr
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